
Das Cover zeigt eine Idylle - ein verschneiter Wald, am Rand eine Hütte, die nach Wärme und Geborgenheit ausschaut. Und auch der Titel verrät nichts Böses. Winter in Maine, das klingt nach einer Reiserzählung, in der man etwas über ein unbekanntes Land erfahren kann.
In gewisser Weise ist es das auch, das Buch des amerikanischen Autors Gerard Donovan, aber das unbekannte Land ist die Innenwelt des Julius Winsome, der in der Einsamkeit der Wälder lebt, umgeben von tausenden von Büchern und nur zusammen mit seinem Hund Hobbes. Es fehlt Winsome an nichts, er hat seine Bücher, seine Ruhe, er meidet die Menschen, die in der weitläufigen Landschaft verstreut leben. Sein Hund ist ihm Gesellschaft genug.
Dann der Bruch, der Hund wird erschossen, einfach so abgeknallt von Jägern, aus nächster Nähe. Winsome versucht, etwas über den Täter in Erfahrung zu bringen, aber seine ausgehängten Plakate werden beschmiert. So arbeitet er sich auf andere Weise an den möglichen Täter heran: er beginnt, auf Jäger Jagd zu machen. Sechs werden ihm zum Opfer fallen. Denn der Tod des Hundes war für Winsome ein Verlust zuviel.
Das Buch lässt uns beim Lesen kaum eine Wahl, wir werden die Komplizen des Mörders, vom ersten Opfer an, das er hinter sich lässt. Wir tun dies sehenden Auges, die Rache ist ebenso sinnlos wie die Tat, die ihr zugrundeliegt, aber wir verstehen diesen einsamen, verzweifelten Mann und erschrecken über uns selbst. Da sind wir dem Sog der ruhigen, nahezu emotionslosen Sprache schon längst verfallen und müssen erkennen, dass das Geschehen die dunkle Seite unseres Wesens berührt und in dieser eine Komplizin Winsomes findet.
Viel treffender als den deutschen Titel Winter in Maine finde ich den Originaltitel des Romans, der ganz einfach Julius Winsome lautet. Denn nicht in den Wäldern Maines spielt die eigentliche Geschichte, ihr Schauplatz ist das Innenleben dieses einsamen Mannes, der sich immer mehr selbst verliert durch die wachsende Erkenntnis, dass ihm trotz seiner selbstgewählten Einsamkeit das Gefühl fehlt, an einen Ort und zu einem Menschen und nicht zuletzt in eine Zeit zu gehören. Was damit gemeint ist erschließt sich bei der Lektüre oder dem Hören, denn "Winter in Maine", vom Guardian zum „Book of the Year 2008” gewählt, ist nun auch in einer ungekürzten (!) Fassung als Hörbuch erhältlich.
Und dieses Hörbuch setzt die literarische Vorlage so perfekt um, dass man schon nach wenigen Minuten des Zuhörens im Geschehen und Winsomes Innenleben eingetaucht ist. Dazu trägt neben der Sprache des Romans vor allem die Lesekunst von Markus Hoffmann bei, der den unaufgeregten Ton des Autors genau trifft. Diese 5 CDs möchte man am liebsten sofort nacheinander hören, aber man sollte sich durchaus zwischendurch eine Pause gönnen und über das Gehörte und seine eigenen Gefühle dabei reflektieren.
Die Kritik ist sich selten einig: Winter in Maine ist ein Meisterwerk, und die hermetische Welt, in der der Roman spielt, ist, so lernen wir beim Hören, gar nicht so weit entfernt wie wir vielleicht anfangs dachten.
awb
Gerard Donovan
Winter in Maine
Roman
Sprecher: Markus Hoffmann
Länge: 328 Min.
Genre: Belletristik
Art: Ungekürzte Lesung
Erschienen: Januar 2010
Verlag Steinbach Sprechende Bücher
5 CD / 24,00 € / ISBN 978-3-86974-007-2