Nils Wülker zu seiner Musik und dem neuen Album

Foto: Werner Pawlok

 

 

Nils - hat sich die Jazzpolizei schon zu deinem neuen Album geäußert?

Nein, bisher sind alle Reaktionen sehr positiv und offen.


Ist der Begriff "Jazz" nicht eher hinderlich, wenn man seine Musik unter die Leute bringen will? Für viele bedeutet "Jazz" einfach nur arhythmisch, atonal oder im besten Falle verstaubt...

Das Problem ist, dass viele eine enge Vorstellung von Jazz haben - wie von dir beschrieben - und nicht wissen, dass die Bandbreite ebenso groß ist wie im Rock/Pop. Und da erwartet man ja auch nicht, von Heavy Metal bis Reggae alles zu mögen. Aber viele Leute wissen mittlerweile, was meine Musik ausmacht, daher empfinde ich es nicht mehr als hinderlich. Bei dem einen oder anderen Medienvertreter ist aber immer mal wieder Überzeugungsarbeit nötig...


"File under..." - in welche Kategorie würdest du im Plattenladen dein Album einsortiert sehen wollen?

Ich selber stelle mir die Frage nicht. Aber Jazz ist mein Background als aktiver Musiker, daher kann es von mir aus unter Jazz stehen. Die Reaktion auf mein aktuelles Album ist ungefähr 50/50: Die eine Hälfte sieht es als Jazz, die andere nicht. Ich kann mit beiden Einschätzungen gut leben.


Julian Wasserfuhr, Thomas Siffling, Joo Kraus, Axel Schlösser - stehen deutsche Trompeter nicht allesamt im Schatten von Till Brönner, oder nützt es euch vielleicht sogar, dass ein Deutscher mit diesem Instrument auch international Erfolg hat?

Nein, ich habe nicht das Gefühl in Tills Schatten zu stehen. Unsere Musik ist doch sehr unterschiedlich. Die meisten Leute kommen zu unseren Konzerten und kaufen die CDs, weil sie die Musik mögen, das Instrument selbst spielt da keine so große Rolle. Till hat aber in den letzten Jahren sicherlich einiges für die Wahrnehmung von Jazz in Deutschland getan. International tun sich leider alle deutschen Jazzmusiker sehr schwer - inklusive Till. Es wäre schön, wenn sich das bald ändert.


Dein neues Album bringt einen Gitarristen - auch ein Schritt in Richtung Rock oder Jazzrock?

Definitiv! Ich habe in letzter Zeit selbst mehr gitarrenlastige Musik wie beispielsweise Indie Rock gehört. Das hat sicherlich auch Einfluss auf meine Musik und die Gitarre übernimmt da eine tragende Rolle.

Und du singst jetzt auch - wie kam es?

Meine Musik hat sich geändert, darüber habe ich einen anderen Zugang zu meiner Stimme gefunden. Beim Hören meiner letzten Alben, auf denen ich immer Gastsänger wie z.B. Silje Nergaard dabei hatte, hatte ich das Gefühl, auf den Gesangsnummern selbst der Gast zu sein. Ich denke das ist immer so: EIn Song gehört dem Sänger, ob es nun sein Album ist oder nicht. Man fühlt sich als Hörer der menschlichen Stimme eben am nächsten. Daher wollte ich es einfach mal selbst probieren.


Du hast mit Omara Portuondo gespielt - wie ist das, wenn man mit einer solchen musikalischen Legende arbeitet? Bekommt man dabei ein Gefühl dafür, was den Zauber der kubanischen Musik ausmacht?

MIt Omara zu spielen hat sehr viel Spaß gemacht. Ihre Energie und Lebensfreude auf der Bühne sind sehr inspirierend!


Im letzten Monat jährte sich der Geburtstag von Chet Baker zum 80sten Mal, und das Herrenzimmer hatte ihm eine Erinnerungsseite gewidmet, auf der sich alte Weggefährten von Chet an ihn erinnerten - hat Chet Baker für dich eine Bedeutung?

Auf meine eigene Musik hat Chet keinen großen Einfluss. Aber ich mag seine Musik trotzdem sehr: Man hört in jedem seiner Töne ihn als Persönlichkeit, es gibt nichts effekt-hascherisches.

 

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