
Psycho – wohl jeder denkt bei diesem Wort an den genialen Thriller von Alfred Hitchcock mit seiner unvergesslichen Mordszene unter der Dusche. Der Film entstand nach einer Story des Autors Robert Bloch, deren Filmrechte sich Hitchcock rechtzeitig hatte sichern können, da er ihr Potenzial als Filmstoff erkannte, und zwar genau in der legendären Duschszene...
Vieles, was den Film ausmacht, hat der Regisseur gegenüber dem Roman geändert, so wohnt der Motelbesitzer Bates mit seiner Mutter – im Buch – in einem Bungalow, während Hitchcock ein altes Haus auf einem Hügel dafür wählt, das im Stil der "kalifornischen Gotik" gebaut ist. Auch die Figur des Norman Bates wird im Roman ganz anders geschildert, als der von Hitchcock gewählte Anthony Perkins es verkörpert.
Für das damalige Publikum war nicht nur die Mordszene ein Schocker, schon die Anfangssequenz war für die Zeit ein Tabubruch, denn der Film beginnt mit der postkoitalen Szene eines Paares, das offenbar nicht miteinander verheiratet ist. Was heute selbst in der Sendung mit der Maus vorstellbar ist war im Amerika der frühen 1960er Jahre etwas überaus skandalöses. Dass die Frau, von Janet Leigh gespielt, auch noch 40.000 Dollar gestohlen hat, um sich mit ihrem Geliebten ein neues Leben zu ermöglichen, kommt noch hinzu, einer solch unmoralischen Figur durfte nicht die Sympathie der Zuschauer gelten. Und doch ist sie bis zu ihrem gewaltsamen Tod die Hauptfigur, um deren Leben man bald zu bangen beginnt, wird das Geschehen doch schnell bedrohlich. Und der plötzliche Mord lässt keinen Zuschauer kalt, so dass er gezwungen ist, mit einer eigentlich negativen Figur Mitleid zu haben. Hitchcok gelingt es mit Psycho, vielleicht am perfektesten in all seinen Filmen, mit dem Publikum zu spielen. Er hat in seinen Gesprächen mit Francois Truffaut einmal gesagt, er habe in Psycho das Publikum geführt, als hätte er auf einer Orgel gespielt. Zunächst zittert man um eine unmoralische Diebin, dann um einen Mörder, und schließlich hofft man, dass dieser geschnappt wird, um das Geheimnis hinter all dem zu erfahren.
Bei einer solch starken Vorlage wie dem Hitchcockfilm ist es mehr als gewagt, ein Remake zu machen. Gus Van Sant ging zwar neue Wege in seiner Verfilmung von 1998, so filmte er in Farbe, aber seine gleichzeitige Nähe zum Hitchcockdrehbuch lässt deutlich erkennen, dass die neue Version psychologisch weniger plausibel ist. Van Sants Version ging unter und erhielt unter anderem zwei goldene Himbeeren.
Und nun bringt der Audio Verlag ein Hörbuch auf den Markt, das entsetzte Gesicht von Janet Leigh auf dem Cover, daneben groß der Titel "Psycho". 50 Jahre nach einer grandiosen Version fürs Auge eine fürs Ohr? Wozu soll das gut sein?
Es ist gut. Das Hörbuch ist die ungekürzte Lesung der Romanvorlage von Robert Bloch, und gelesen wird sie von Matthias Brandt. Dem gelingt es bereits nach wenigen Sätzen, den Zuhörer voll und ganz ins Geschehen zu ziehen, ein Geschehen, das, anders als im Film, der mit der Szene zwischen den beiden Geliebten in einem Hotelzimmer in Phenix, Arizona, beginnt, im Haus von Norman Bates und seiner Mutter spielt und das kranke Verhältnis dieser beiden Personen deutlich macht. Norman, der verweichlichte Sohn und die dominierende Mutter, die ihm schonungslos ins Gesicht sagt, was sie von ihm hält. Dass in einem solchen Umfeld etwas Schreckliches passieren muss dürfte jedem schnell klar werden.
Brandts nuancenreiche Stimme schafft es mühelos, jeder der vorkommenden Personen sowie der Stimme des Erzählers einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter zu verleihen. So ist es für den Zuhörer nicht schwer, sich von den starken Bildern des Films zu lösen und das Hörbuch als eigenes, intensives Werk zu erleben. Ob man den Film kennt oder nicht – Psycho mit Matthias Brandt zieht in seinen Bann.
awb

Psycho
Produktion NDR
Format Komplettlesung
Sprecher Brandt, Matthias
Anzahl der CDs 5
Laufzeit 344 min
Genre Krimi/Spannung
Erscheinungsdatum 20.03.2010
ISBN 978-3-89813-975-5
Preis EUR 19,99 (D)* / SFr 36,50
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