NRW-Forum Düsseldorf JULIAN SCHNABEL. POLAROIDS

Julian Schnabel. Polaroids © Julian Schnabel, 2008



Die Kamera, die Julian Schnabel benutzt, ist legendär. Es ist eine 20x24-inch Vintage Polaroid aus den 70er Jahren, von der es weltweit nur sechs Exemplare gab.

Diese handgefertigte Kamera ist geradezu monströs, von unglaublicher Massivität und war ursprünglich allein für Studioaufnahmen gedacht, auch weil sie als Lichtquelle starke Blitzgeräte brauchte. Julian Schnabel arbeitet mit diesem ins Riesenhafte gewachsenen „Apparat" – mit einigem Aufwand – nicht nur in seinen eigenen Räumen und an verschiedenen Orten, er lässt ihn gar ins Freie bugsieren. Ein merkwürdiges Ungetüm in der Landschaft, groß wie ein Kühlschrank und auf Rollen montiert! „Ein komplexes Spielzeug": an die 90 Kilo sind zu bewegen, da braucht man nicht nur einen großen LKW, Material es zu schützen und zu stabilisieren, Männer, es zu heben – am wichtigsten ist zu wissen, wie der hochempfindliche Film auf die wechselnden Lichtverhältnisse unter freiem Himmel reagiert. Die Arbeit mit dem vorhandenen Licht erfordert manchmal lange Belichtungszeiten, auch mit der empfindlicheren Schwarz-Weiß Polaroid Emulsion. Man muss die Kiste beherrschen.

So avanciert die digitale Technik heute ist, so überzeugt sind passionierte Polaroid Photographen, dass es kein Medium gibt, das mit dem „Polaroid large format instant film" konkurrieren kann. Die tonalen Nuancen der analogen Technologie dieses Films, das breite Spektrum von Zwischentönen und Schattierungen könnten von der digitalen Technik nicht eingeholt werden. „This is the purest form of photography, you are taking a photograph and making a print at the same moment." Jede Aufnahme ist einzig, es gibt kein Negativ das später wieder genutzt werden kann. Ein Polaroid ist ein Unikat, das hat diese Photographie so berühmt gemacht. Es ist nicht vom Negativ abgezogen, es ist das Bild selbst.

Im Zeitalter des digitalen Pinsels, in einer Epoche totaler Bildmanipulation, in der die Photographie reine Erfindung sein kann ist jene Unmittelbarkeit, jenes Irreversible, das keine Retusche zulässt, wie ein nostalgisches Relikt aus einer vergangenen Welt. „No exotic dark room manipulations"! Und ein Ereignis! Aus dem Nichts taucht vor den Augen des Photographen binnen Sekunden das Bild auf. „Sofort" – ein faszinierender Prozess. Langsam aus dem Dunkel der grauen Emulsion steigt das Motiv empor und das Diffuse erhält Form. Immer wieder Verblüffung, Verwunderung ob dieser Magie. Wer hat nicht schon einmal voller Neugierde ungeduldig das Bild erwartet!

Seine Aura dankt sich auch der materiellen Dimension, seiner besonderen Oberfläche, die nur beim Polaroid durch chemische Eigenschaften der Emulsion erhaben ist, spürbar beschichtet, verschmiert an den Rändern, von glatter, spiegelnder Textur, die Bildgrenze sichtbar, unbeschnitten.

Edwin H. Land hat in seinem, 1937 gegründeten, Unternehmen The Polaroid Corporation 1947 das Sofortbildverfahren erfunden. Er lud Künstler wie Ansel Adams, Robert Rauschenberg, Robert Frank, David Hockney oder Robert Mapplethorpe ein, mit der von ihm entwickelten Land Camera und dem neuen Filmmaterial zu experimentieren und erhielt als Gegengabe Bilder aus diesem Prozess.

Lands Firma ging aufsehenerregend bankrott und seine Photographie-sammlung, mit elftausend Werken eine der bedeutendsten der Welt, soll bei Sotheby’s am 21. und 22. Juni diesen Jahres versteigert werden (vgl. Freddy Langer, FAZ Nr. 37 vom 13. Februar 2010, S. 37). Der Nimbus des Polaroids als zeithistorisches Dokument wird dadurch nur größer.

Julian Schnabel. Polaroids © Julian Schnabel, 2004

JULIAN SCHNABEL . BIOGRAPHIE

Julian Schnabel ist 1951 in New York City geboren; er lebt und arbeitet in New York, Montauk / Long Island und San Sebastian/Spanien.

1965 zog er mit seinen Eltern nach Brownsville in Texas, studierte dort an der University of Houston (1969 bis 1973) und kehrte 1974 zurück nach New York, um an einem Independent Study Program am Whitney Museum teilzunehmen.
1978 reiste Julian Schnabel durch Europa. Die Architektur von Antonio Gaudi in Barcelona hat ihn besonders berührt. Im selben Jahr entsteht sein erstes Plate Painting The Patients and the Doctors. im Februar 1979 findet die erste Einzelausstellung in der Mary Boone Gallery in New York statt.

Julian Schnabels Werk war in Ausstellungen rund um die Welt zu sehen. 1980 war er Teilnehmer der XXXIX. Biennale di Venezia. Seine Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen sind in zahlreichen Retrospektiven gezeigt worden: Stedelijk Museum Amsterdam (1982), Tate Gallery, London (1983), Whitechapel Gallery, London (1987), Centre Pompidou, Paris (1987), Kunsthalle Düsseldorf (1987), Whitney Museum of American Art, San Francisco Museum of Modern Art, Museum of Fine Arts, Houston (1987), Museum für Gegenwartskunst, Basel (1989), Staatlichen Graphischen Sammlung, München (1989), Palais des Beaux-Arts, Brüssel (1989), Museum of Contemporary Art, Chicago (1989), Museo De Monterrey, Mexiko (1994), Fundació Joan Miró, Barcelona (1995), Schirn Kunsthalle, Frankfurt (2004), Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Palacio Velazquez, Madrid (2004) oder in Neapel (2004).

Seine Werke sind in den Sammlungen der bedeutendsten Museen vertreten: Museum of Modern Art, New York; Whitney Museum of American Art, New York; Metropolitan Museum of Art, New York; Museum of Contemporary Art, Los Angeles; Guggenheim Museum, New York und Bilbao; Centre Pompidou, Paris; Tate Gallery, London; Metropolitan Museum, Tokio; Museo Reina Sofía, Madrid; National Gallery, Washington D.C.; National Gallery of Australia, Canberra; San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco; Kunstmuseum, Basel; Foundation Musée d’Art Moderne, Luxemburg.

1996 drehte Julian Schnabel Basquiat, einen Film über seinen New Yorker Künstlerfreund Jean Michel Basquiat für den er das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm. Der Film - vertrieben von Miramax Films - wurde weltweit in den Kinos gespielt und war in der offiziellen Auswahl des Filmfestivals Venedig 1996. Sein zweiter Film Before Night Falls, der auf dem Leben und späteren Exil des kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas basierte, gewann den Großen Preis der Jury und die Colpa Volpi für den besten Schauspieler, Javier Bardem, beim Filmfestival Venedig im Jahr 2000. Seine Rolle in Before Night Falls brachte Bardem Academy Award und Golden Globe Nominierungen als „Bester Schauspieler".

2007 produzierte Schnabel seinen dritten Film The Diving Bell And The Butterfly. Beim Filmfestival in Cannes erhielt er die Auszeichnung „Bester Regisseur" und den Golden Globe. The Diving Bell and the Butterfly war nominiert für vier Oscars und gewann den Oscar für „Beste Regie".

Sein Musikfilm über Lou Reed, mit dem Schnabel seit vielen Jahren eine tiefe Freundschaft verbindet, und dessen Konzert Berlin im St. Ann’s Warehouse in Brooklyn im Jahr 2006 erschien im letzten Jahr. Julian Schnabel liebt Musik und hat 1995 ein eigenes Album mit dem Titel  Every Silver Lining Has a Cloud (eine Umdrehung des Sprichwortes Every cloud has a lilver lining - frei übersetzt: Jedes Unglück hat auch etwas Gutes) mit Musikern wie Bill Laswell, Bernie Worrell, Buckethead und Nicky Skopelitis. Sein vierter Kinofilm Miral mit Willem Dafoe und Freida Pinto, basiert auf dem Roman La strada dei fiori di Miral von Rula Jebreal. Die Dreharbeiten fanden 2009 in Palästina statt. Der Film wird auf den Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2010 Premiere feiern.

Ausstellungen von Gemälden und Skulpturen in jüngster Zeit waren im Met Life Building in New York zu sehen (2006), in San Sebastian (2007), im Palazzo Venezia in Rom (2007), in der Rotonda della Besana in Mailand (2007), in Schloss Derneburg (2007) und im Beijing World Art Museum in Peking (2007), in Hongkong, Shanghai und Seoul und im Museum of Contemporary Art, Kiasma, in Helsinki (2008); seine Navigation Drawings zeigte die Sperone Westwater Gallery in New York (2008), Christ’s Last Day die Gagosian Gallery in Los Angeles (2008).

Als Architekt und Designer hat Julian Schnabel den spektakulären, von ihm bewohnten, Palazzo Chupi in venezianischem Stil im West Village in New York gebaut und in allen Details gestaltet.

 

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