Wenn mir jemand erzählt, daß ihm diese oder jene Zigarre geschmeckt hat, so freut mich das für ihn. Da hat jemand eine gewisse Zeit gut und angenehm in Gesellschaft einer Puro verbracht. Ich mag es, wenn Menschen es sich gut gehen lassen.
Ansonsten aber interessiert es mich überhaupt nicht, wie irgend jemandem eine Zigarre geschmeckt hat. Sogenannte Tastings sind mir ein Greuel. Erst recht, wenn sie von Amateuren (wie auch ich einer bin) verbreitet werden. Was habe ich davon? Nichts. Jemand, den selber und/oder dessen Qualifikation ich nicht kenne, erzählt mir, diese oder jene Zigarre habe so und so geschmeckt. Nein, er erzählt es mir nicht nur einfach so, er verpackt es in einen Testbericht, der dem ganzen einen Gusto von wissenschaftlicher Objektivität geben soll. Er erzählt mir, wie die Asche brannte und wie das Deckblatt sich nach 5,25 Minuten leicht schwarz am Brandende verfärbte. Er betrachtet seine Zigarre wie der Chirurg, der eben seiner Laborratte ein Antiallergikum gegen Laborversuche eingeimpft hat. Zuletzt vergibt er 3 Sterne, 4 Stummel oder 2.5 Fidels als Auszeichnungen. Das ganze ist so interessant wie die Nachricht, daß in China der berühmte Sack Reis umgefallen ist.
Natürlich, es besteht ein großes, berechtigtes Interesse an Informationen über Zigarren. Wer nicht den sicheren Weg gehen will, sich auf bestimmte Havanazigarren zu beschränken, deren Qualitäten zum Allgemeinwissen eines Zigarrenaficionados gehören, der hat angesichts der unzähligen auf den Markt gekommenen Marken ein Problem. Ist diese Churchill ein würdiger Abschluß eines Diners? Könnte mir diese Robusto schmecken? Ist diese Kleine Corona als Höhepunkt eines Frühstücks geeignet? Fragen über Fragen. Und leider gibt es nur einen, der das beantworten kann: man selber.
Zu mancherlei Fragen kann man sich durchaus selber Informationen einholen, es gibt einiges an Literatur (wobei die Qualifikation derer, die diese verfaßt haben, auch nicht immer jenseits aller Zweifel ist, da schreibt der eine vom anderen ab). Je nach Provenienz hat ein Tabak gewisse Eigenschaften, das Wissen darüber erleichtert einem eine Vorauswahl. Nur: die meisten Zigarren (außer den kubanischen und einigen mexikanischen) bestehen aus Tabakmischungen, deren Bestandteile aus mehreren Ländern stammen. Also muß man wissen, welche Geschmackseigenschaften Deckblätter besitzen, die sagen wir aus Connecticut stammen, welche Charakteristika honduranische Ligeroblätter besitzen, oder wie Einlagen in der Dominikanischen Republik gemischt werden. Alles nicht so einfach. Und da kommt dann ein Senor Krethi und berichtet mir von seinen Geschmacksempfindungen, ich gehe in den nächsten Zigarrenladen, kaufe seine Empfehlung und…kann gut gehen, muß es nicht.
Es bleibt nichts anderes übrig, als seinem eigenen Geschmack zu vertrauen. Kauft man eben erst einmal drei oder vier Zigarren, um sie kennenzulernen (nur von einer einzelnen Zigarre ausgehend, so mein amateurhafter Rat, kann man meist nur bei extrem abscheulichen Zigarren ein endgültiges Urteil für sich fällen). Schmecken sie einem – bueno! Dann gleich den Rest der Kiste geholt, denn schon nächste Woche kann es sein, daß der Händler nicht mal mehr weiß, wo er die her hatte.
Noch mehr als “Tastings” liebe ich diese nicht auszurottenden Vergleiche zwischen Zigarren mit gleichem Namen, also zum Beispiel Romeo y Julieta aus Kuba und Romeo y Julieta aus der Dom. Republik. Auch in (vor allem von US Amerikanern dominierten) Newsgroups stehen oft genug Fragen wie “Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Cohibas aus Kuba und Cohibas aus Santo Domingo?” Jawohl, Gringo, den gibt es. Und der ist so groß, daß das Erwähnen zweier Zigarren gleichen Namens und unterschiedlicher Herkunft in Form eines Vergleichs eine Dummheit darstellt, sonst nichts. Außer daß man beide an einem Ende in den Mund nehmen und am anderen Ende anzünden kann, gibt es keine Gemeinsamkeiten, die einen wie auch immer gearteten Vergleich rechtfertigen würden. Denn ein Name alleine ist doch wohl kein Grund, zwei ansonsten völlig verschiedene Dinge miteinander zu vergleichen. Wer würde zwei Jungen miteinander vergleichen, nur weil sie den gleichen Vornamen haben?
Nach der Verstaatlichung der kubanischen Tabakindustrie verließen viele Produzenten, die sich offenbar unter der Diktator von Batista wohler gefühlt hatten, die Insel und ließen sich anderswo nieder, so in den USA, in Honduras, der Dominikanischen Republik, auf den kanarischen Inseln und anderen Ländern. Sie nahmen die zum Teil mehr als 100 Jahre alten, weltbekannten Markennamen mit und begannen, Zigarren in ihren neuen Heimatländern zu produzieren. Diese entstanden natürlich unter völlig anderen Bedingungen, was Tabak, Klima, Boden angeht. Das Ergebnis waren Zigarren, die – eben außer dem Namen – nichts mit den kubanischen gemein hatten. Somit also auch nicht mit diesen vergleichbar sind.
Angenommen, es wäre möglich gewesen, daß ein Winzer aus dem Bordelais nach Chile ausgewandert wäre und dort einen Wein produzieren würde, den er “Chateau Lafite” nennt (natürlich ist das rechtlich nicht möglich, aber das ist eine andere Geschichte). Wer, so er denn seine 5 Sinne beisammen hätte, würde in einem Weinjournal einen Vergleich zwischen diesem chilenischen Wein und einem französichen Lafite vornehmen? Niemand natürlich, es sei denn, er wolle sich auf ewige Zeiten lächerlich machen. Aber eben genau das wird mit den gleichnamigen Zigarren verschiedener Provenienz gemacht.
Nachvollziehbar? Für mich nicht…
awb
Estupendos Especiales
Rauch: fein ziseliertes Aprikosenkernaroma mit deutlichem Fois Gras Unterton. Rasch umspielen Sommerwiesenblumenspuren wie Feldmohn, Ritterspornhautgout und Wiesenenzianwurzel sowie weitere floralherbe Texturen den Eindruck der ersten 10 Minuten. Ganz unmerklich gehen diese eher unscheinbaren Züge in ein deutliches, chambriertes Spiel von Saffianleder, Marzipan-Veilchen, Knize und Walnuss-Spekulatius über, die sich im weiteren Rauchverlauf zu Mischwaldunterholz mit einem deutlichen Anklang an Stockschwämmchen und Hallimasch verwandeln. Man glaubt auch vereinzelt eine Sternanis-Kardamonstimmung zu goutieren, doch zeigt sich sofort, daß dieser Eindruck eher auf den etwas disparaten Gehalt an Pappel-Mahaogonitönen beruht. Balsamische Melkfettaromen dank ausgeprägter Ringelblumencharakteristik tun ihr übriges.
Dies ist keine Parodie, sondern eine in allem Ernst abgelaichte Cigarrenrezension aus einer seriösen (?) Publikation. Kann das jemand ernst nehmen? Ich nicht, es erinnert mich an schwülstige Liebesgedichte aus Kaiser Wilhelms Zeiten. Anfangs hielt ich diese Cigarren-”Rezensionen” ja noch für so eine Art Parodie, aber inzwischen weiß ich, es ist den Verfassern damit toternst.
Die Cubaner lachen sich krank, wenn sie solche poetischen Ergüsse lesen. Für sie schmeckt eine Cigarre nach TABAK. Erstaunlich. Oder auch nicht. Denn auch ich komme nicht umhin, einer Cigarre eben diesen Geschmack zu attestieren. Ich geb zu, daß manchmal auch vertraute Anklänge zum Beispiel an Pfeffer vorkommen. Aber wie bitte schmeckt Waldboden? Unterholz? Sandelholz? Schnürt der geschätzte Tester durch Wälder und Flure und nimmt mal hier eine Probe Modder, dort ein Näschen Hasenköttel zu sich? Wenn ja, dann muß da irgendwo etwas drin sein, dessen Genuß zu unkontrollierter Schwafeligkeit führt.
Warum nun schmeckt mir die eine Cigarre und die andere nicht? Nun, ich versuche, das weitaus weniger ätherisch zu definieren. Ich mag Cigarren, die die völlige Kontrolle über den Gaumen gewinnen, die vollen, langanhaltenden Geschmack bieten, der noch nach Stunden nachklingt. Ich kann Cigarren nach aromareich, aromenarm und ähnlichen Kategorien differenzieren, das reicht mir vollkommen und ermöglicht mir, bei der Auswahl meiner Cigarren die rechte Wahl zu treffen. Mehr als süß, sauer, salzig und bitter kann man mit dem Gaumen ohnehin nicht schmecken.
Ich behaupte: gibt man zehn dieser Geschmackspoeten die gleiche Cigarre, so werden zehn Tastings dabei herauskommen. Verschiedene, versteht sich. Wer zuvor auf einer Speisekarte einen Obstkompott gesehen hat, der wird an ausgereifte Äpfel und Backplaumen erinnernde Aromen schmecken. Wer vor dem Tasting zur Beruhigung schnell noch einen Korn in sich geschüttet hat, wird an Heu und Kamille erinnert, und wer den Abend zuvor im Studio von Lady Yvonne war, der wird…nein, Schluß, ich werde unsachlich.
“Manchmal ist eine Cigarre einfach nur eine Cigarre”, sagte Sigmund Freud. Der Mann hatte recht.
awb


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