Ein komischer Herr: Hermann Harry Schmitz

“Der größte Mann des Jahrhunderts ist Zeppelin
und ich bin der drittgrößte. Ich habe das mündlich.”

Sein Leben war kurz, gerade mal 33 Jahre hat es gedauert, von 1880 bis 1913, und er hat es selbst beendet, schwer krank, ohne Aussicht auf Heilung. Sein literarisches Werk, skurril bis grotesk, hat die Zeit überdauert.

Hermann Harry Schmitz stammte aus Düsseldorf, dort wurde er in eine großbürgerliche Familie geboren; sein Vater war Fabrikdirektor. Mit 17 Jahren erkrankt er an Lungentuberkulose, und diese Krankheit wird er zeitlebens trotz zahlreicher Kuren in Sanatorien und Krankenhäusern sowie fernöstlichen Behandlungsmethoden nicht mehr los.

Nach einem ersten Kuraufenthalt in Frankreich beendet er die Schule und beginnt eine verhasste kaufmännische Lehre. Er ist Mitte 20, als erste, groteske Texte von ihm publiziert werden, zunächst im „Simplicissimus“ (1906), danach im „Düsseldorfer General-Anzeiger“. Daneben schreibt er Einakter für den Künstlerverein „A.V. Laetitia“.

Schmitz vereehrt Oscar Wilde, und wie dieser kleidet er sich auffällig dandyhaft. Sein beruflicher Alltag als Kaufmann ödet ihn an, erst nach Feierabend lebt er auf. Er bewegt sich in Düsseldorfer Künstlerkreisen, dort fühlt er sich in seinem Element. Er begegnet einem einflussreichen Publizisten, der von Schmitz’ Einaktern begeistert ist und ihm anbietet, regelmäßig  für die Sonntagsbeilage des Düsseldorfer General-Anzeigers zu schreiben.  Schmitz schreibt über kleinbürgerliche Spießergestalten und deren Leben, ein Thema, das für Grotesken Stoff ohne Ende liefert.

“Das Menü begann in lieber alter Weise mit Bouillon in Tassen mit Markklößchen, dann folgte Rheinsalm mit sauce hollandaise, Roastbeef à la jardinière, Poularde mit Salat und Kompott, Vanilleeis, diverse Käse, Kaffee, Knallbonbons. An Wein gab es die beliebten Marken »Der Ressource«. Dieses Menü bekam man, wo man auch eingeladen war, mit unerschütterlicher Sicherheit; es war das Normalmenü des einzig maßgebenden Traiteurs der Stadt, der auch den roten Läufer, die künstlichen Palmen und den Lakai mit der Tomatennase mitlieferte. Das Bouillongeschlürfe war fast gerade so interessant und ersetzte fast die quälend beginnende Unterhaltung dieser Gesellschaft, die auf der Wiese der Gemeinplätze graste und den Rheinsalm und den Braten und den Poulardenvogel mit der Brühe langweiliger Phrasen benetzte.
Es lag ein seltsamer Stumpfsinn über dieser Veranstaltung. Das war also die Elite von Stumpfsinnshausen, die Spitzen der Gesellschaft. “

1911 erscheint bei Rowohlt ein erster Band mit Schmitz’ Geschichten, der ein großer Erfolg für Autor und Verleger wird. Schmitz, dank einer Erbschaft nun  finanziell unabhängig, wird freier Schriftsteller. Und ein Liebling der Düsseldorfer Gesellschaft. Er ist als geistreicher Gast ebenso gefragt wie als Conferencier und Vortragskünstler auf Veranstaltungen; die Gesellschaft liebt ihn. Aber die Krankheit lässt ihn nicht lange seine Erfolge genießen.  Nach einem letzten, erfolglosen Heilungsversuch nimmt sich Hermann Harry Schmitz 1913 das Leben.

Die in bewusst naiver Sprache erzählten Grotesken geraten meist schnell aus der Kurve, und selbst eine so harmlose Situation wie ein Hausputz endet für die Protagonisten tödlich:

Im Hause wütete Mutter Benders Wille zum Hausputz.
Dann geschah das Schreckliche, das dem Tun der Wahnwitzigen ein jähes Ende bereitete.
Der Maschinist, der den Vakuum-Reiniger bediente, ging auf einen Augenblick weg, um gegenüber einen Schnaps zu trinken. Mutter Bender benutzte seine Abwesenheit und stürzte sich auf den Apparat. Sie drehte an den Ventilen, stellte die Regulierung auf die höchsten Ziffern und entfesselte in ihrer wilden Ekstase die ganze ungebundene Kraft der Maschine.
Ein furchtbares Brausen und Sausen erhob sich, das von Sekunde zu Sekunde anschwoll. Mit Sturmwindskraft und Schnelligkeit saugte die Maschine die Luft in sich hinein. Bilder und Spiegel wurden von der Wand gerissen. Gardinen flogen durchs Zimmer und verschwanden im Schlund des entsetzlichen Saugers. Dann wurde plötzlich Mutter Bender wie von unsichtbarer Hand gepackt. Sie mochte sich sträuben und mit den Gliedern strampeln, nach einem Stützpunkt verzweifelt die Hände strecken, – vergebens, der Vakuum-Reiniger sog sie heran und verschlang sie. Die drei Putzfrauen und den Franz traf das gleiche schreckliche Geschick.
Franz eilte, als er Frau Bender im Vakuum-Reiniger verschwinden sah, herbei, und es gelang ihm noch, das linke Bein der Frau zu fassen. Aber, wie er sich auch stemmte mit allen Kräften und die drei Putzfrauen sich an ihn klammerten, sie wurden alle hineingerissen in die entsetzliche Maschine.

Auch abendliches Bierholen hat für die Mitglieder einer durstigen Familie dank einer frisch geteerten Straße schlimme Folgen:
“Schließlich war es Vater Bender zu dumm geworden. Da mußte er selber mal nachschauen.
Ein entsetzliches Schauspiel bot sich ihm dar. Im fahlgrünen Mondlicht ein Gezappel und Armwerfen von Gestalten, die alle am Boden gebannt schienen. Hilfloses Recken qualvoller Leiber. Unkluge, die die frisch geteerte Straße betreten hatten und wie Fliegen an einer Leimtüte kleben geblieben waren.
Es war ein schauerlicher Anblick.
Seine ganze Familie fand Vater Bender hier, zappelnd, um Hilfe wimmernd. Noch viele Bewohner der Straße waren von dem gleichen Malheur betroffen. Selbst der Revierschutzmann war unter den Geleimten.
Alle Versuche, die Unglücklichen zu befreien, waren erfolglos. Mehreren Festgeklebten hatte man bei den Befreiungsversuchen die Arme ausgerissen.
Schließlich wurde in der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen, die armen Menschen absägen zu lassen. Die Arbeit wurde auf dem Submissionswege dem Schreinermeister Klabau übertragen.
Der Fremde wundert sich über die vielen Leute ohne Füße in jener ruhigen, aber geteerten Straße.”

Nicht minder bizarr das Personal in Schmitz’ Dramen, als da im Stück Titti, das Schneelämmchen auf der Pfarrwiese zum Beispiel wären:

Pepi Schlitzauf, genannt das schwache Kind, ein Lustmörder
Adalbert Blutrunst, genannt der Kühne, ein zweiter Lustmörder
Brösel Neckisch, genannt der Tritt, ein Zuhälter
Josef Bartlieb, genannt der Krühmling, ein Sodomit
Gottlieb Labe, genannt der Revolver, ein Knabenschänder
Hubert Quade, ein Detektiv
Kaspar Muhlmann, genannt der Freund, ein Wirt

Im Buchhandel sind mehrere Werke von Hermann Harry Schmitz erhältlich, so unter anderem Der Säugling und andere Tragikomödien und Das Buch der Katastrophen.

Im Projekt Gutenberg findet man zahlreiche Texte (Gedichte, Erzählungen, Einakter und Grotesken) von Hermann Harry Schmitz, und seine Erzählungen Im Riviera Splendid Palace und Ventimiglia – Ventimiglia kann man kostenlos als Hörtext bei vorleser.net downloaden. Um seinen literarischen Nachlass kümmert sich die Hermann Harry Schmitz Societät in Düsseldorf, deren Ziele unter anderem die Popularisierung des literarischen Schutzpatrons, die gebührende Honorierung von Düsseldorfer Grotesken und Skandalen sowie die unkonventionelle Förderung der Künste sind.

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