Den Ausweis kann ich vergessen, das Portemonnaie, ja sogar das Mobiltelefon. Aber immer dabei habe ich ein Laguiolemesser.
Seitdem ich vor vielen Jahren in Frankreich das erste Laguiole (sprich: Laihjoll) kaufte sind viele weitere dazu gekommen. Wobei ich anfangs einiges Lehrgeld zahlte, denn längst nicht jedes Messer, sei es auf den ersten Blick auch noch so hübsch, ist ein “veritable Laguiole.” Und das muss man erst einmal wissen.
Der Name ist als Marke nicht schützbar. Laguiole, so heißt ein kleiner Ort im Aubrac im Süden der Auvergne. Den darf jeder benutzen, also auch Messerhersteller in Marokko, Tunesien, China. Und es handelt sich bei ihren Messern im strengen Sinne nicht einmal um Fälschungen, da den Namen ja jeder verwenden kann. Was auch reichlich getan wird, denn die hübschen Meser erfreuen sich, seitdem sie um 1830 von dem Schmied Pierre-Jean Calmels entwickelt wurden, großer Beliebtheit. Und so liegen überall in den Auslagen französischer Haushaltswaren-, Andenken- oder Tabakwarenläden echte und weniger echte Laguiolemesser einträchtig nebeneinander, sogar in Laguiole selber. Eine traurige Sache, die wieder einmal beweist, dass Profit vor Qualität und Tradition geht.
Die Messer wurden von ihrem Erfinder nach einem spanischen Vorbild, dem katalanischen “Navaja” entworfen; Hirten und Bauern konnten ein Klappmesser – und das gab es bis dahin nicht, denn jede Klinge musste mit einem Dorn oder Schablone (siehe Opinel) fixiert werden, in Laguiole wurde also das Klappmesser erfunden – gut brauchen, und das Messer fand rasch Verbreitung. Den Ursprung der den meisten Laguioles eigenen Verzierung in Form einer Biene (oder Fliege, da ist man sich nicht einig) konnte man nicht mehr herausfinden, eventuell soll es das napoleonische Wappentier, eben eine Biene, symbolisieren. Vielleicht steht sie aber aber auch nur für die Fliegen, die das Vieh umschwärmten.
Übrigens muss nicht immer eine Biene oder Fliege ein Laguiolemesser verzieren. Auch wenn dieses Motiv wohl das häufigste ist, es gibt auch andere wie Tierköpfe, Weintrauben und nicht selten die Jakobsmuschel, da der Ort am Jakobsweg, der Pilgerstrecke ins spanische Santiago de Compostella, liegt.
Die Griffschalen gibt es aus vielen verschiedenen Materialien, Holzarten wie Olivenholz oder Buchsbaum, aber auch aus Horn, Knochen, ja sogar Elfenbein. Die ersten Messer waren mit Horn gefasst, einem Material, das bei den Bauern und Hirten ganz selbstverständlich war. Wichtig waren vor allem früher die metallenen Verzierungen auf den Griffschalen in Form eines Kreuzes; die Bauern steckten ihr Messer mit der Spitze der Klinge in den Boden und hatten so ein Kreuz, das sie anbeten konnten.

Besonders dreister Schund: eine "Laguiole"- Cigarrenschere. Man beachte das ® auf der Klinge. Es gibt aber auch echte Raucheraccessoires aus Laguiole.
Das Aubrac, die Heimat des Laguiolemessers, war schon immer eine arme Gegend, und so setzte gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine große Landflucht ein. Mitgenommen wurde das Messer, das auf diese Weise auch über seine ursprüngliche Heimat hinaus bekannt wurde. In Folge der Landflucht verlagerte sich auch die Produktion der Messer weiter nördlich, nach Thiers, heute neben Laguiole, wohin die Produktion vor etwa 20 Jahren in Form der FORGE DE LAGUIOLE zurück kehrte, der zweite Ort, an dem heute authentische, qualitativ hochwertige Messer hergestellt werden.
Viele, je nach Ausführung des Messers vierzig bis einhundert Arbeitsschritte sind notwendig, um ein hochwertiges und authentisches Laguiolemesser herzustellen. Die Klinge der besten Messer wird aus Stahl geschmiedet, die Griffschalen aus Horn, Holz oder Knochen von Hand poliert, Das Ressort wird ebenfalls geschmiedet und mit der Biene (oder Fliege) und Guillochen verziert. Ein so hochwertiges Messer braucht seitens seines Besitzers Aufmerksamkeit und Pflege, auf einem Abziehstein wird geschärft, die Griffe werden mit Olivenöl poliert. Wer das beachtet, der kann sein Laguiolemesser, wie es in Frankreich Tradition ist, später an seinen Sohn weiter vererben.

Woher auch immer, nur nicht aus Laguiole: ein nachgemachtes Messer, dessen Klinge sichtbar nicht aus 12C27 Stahl ist.
Wie erkennt man nun ein hochwertiges Laguiolemesser? Zunächst einmal am Preis. Messer von weniger als 50,- sollte man gar nicht weiter beachten. Ein Messer mit Klingenlänge 11 cm sollte ab etwa 70,- kosten, mit Korkenzieher entsprechend mehr. Dann kann man sich am Hersteller orientieren, eine Reihe traditioneller Hersteller wie Fontenille Pataud, La Forge des Laguiole, G.David (mit der Armbrust als Markenzeichen), Laguiole en Aubrac, Coutellerie de Laguiole, Laguiole Prestige oder Rossignol stehen für hochwertige Messer. Wer sicher gehen will, etwas Reelles zu kaufen sollte sich beim Kauf auf diese Marken konzentrieren. Trägt die Klinge nur die Aufschrift Laguiole oder gar keine sollte man unbedingt davon die Finger lassen. Nach oben hin sind die Preise für Laguiolemesser recht offen, so kostet ein FORGE DE LAGUIOLE Taschenmesser Elfenbein “Le Bougnat” mit einer Klinge aus INOX-Damast, Elfenbeingriffen und Korkenzieher über 1200,- Euro.
Bei einigen wenigen Modellen (bei der Forge de Laguiole die “Serie Luxe”) werden Ressort und Biene sogar aus einem Stück geschmiedet und von Hand guillochiert. Und das hat natürlich seinen Preis, den Liebhaber und Sammler durchaus bereit sind zu zahlen.
Doch so viel muss es gar nicht kosten, um ein Laguiolemesser zu besitzen, an dem man ewig seine Freude haben kann. Mein liebstes Exemplar für den Alltag, ein G. David mit 12C27-Stahl, Thuya-Holz Griffen, Edelstahlbacken und handgeschmiedetem Korkenzieher, musste trotz intensiver Nutzung in den etwa 7 Jahren, die ich es besitze, noch nie nachgeschliffen werden. Es hat gerade mal 120,- gekostet. Und das Holz der Griffe duftet noch immer wie am ersten Tag.


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