Jazz in Düsseldorf

Der Leichengeruch war verstrichen. Die Trümmer waren von der Straße zumindest an die Seiten geräumt, wo sie als Schuttwälle die Straßen säumten. Es gab wieder zu essen und Bauen war nicht mehr nur Steinekloppen, und damit behelfsmäßig ergänzende Mauern dort hochzuziehen, wo noch ein wenig Gemäuer stand, um sich so mit Irgendetwas als Dach darüber wenigstens ein Zimmerchen, eine Bleibe zu schaffen mit einem Ofenrohr nach außen, aus dem es behaglich qualmte. Nein, inzwischen wurden wieder richtige Häuser von richtigen Bauunternehmern gebaut.

Volljährig wurde man mit 21. Mit 21 durfte man auch in so verbotene Filme wie ‚Charly`s Tante‘ mit Heinz Rühmann gehen. Beherbergte man ein unverheiratetes Pärchen oder erlaubte man seiner Untermieterin Herrenbesuch nach 22:00 Uhr, musste man fürchten, wegen Kuppelei oder Zuhälterei angeklagt und verurteilt zu werden. Schwulsein war strafbar. Spätesten mit 16 war man ein Mann. Und mit 22 sollte man dann doch geheiratet haben. Mädchen entsprechend mit 19 – 20. Natürlich jungfräulich.

Eine Sekretärin verdiente zwischen 150 und 190 Mark. Zigaretten gab es schon in 10er und nicht mehr nur in 6er Packs oder einzeln. Der Siegeszug der Virginias zu Ungunsten der Orientzigaretten war in vollem Gange. Inzwischen sprach man ein wenig mehr English als nur “Hands up!‘ ‚Chocolate‘, ‚Cigarette‘ und ‚Son of a bitch‘, was man von schwadronierenden GIs gelernt hatte.

Adenauer schließlich hatte gegen den Protest aller Intellektuellen und Kommunisten eine neue Bundeswehr, in der die alten Nazi-.Militärs –andere gab’s ja nicht – den Drill machten, und die allgemeine Wehrpflicht (ab 18) eingeführt. Die Autos wurden jetzt in Pontonform gebaut. Kotflügel, außen stehende Lampen und geschwungene Linien am Heck des Wagens verschwanden. Alles war in einen Autoquader integriert.. Statt ausschwingenden Winkern, gab es jetzt Blinkzeichen als Hinweis auf eine beabsichtigte Richtungsänderung. Vieles war quaderförmig um die Zeit, nur die Wohnungseinrichtung nicht. Da herrschten die Nierenform, das ungleichschenklige Drei- und das verzerrte Fünfeck.

In der Schule bekamen wir ein kleines schwarzes Heftchen ausgehändigt, das Grundgesetz, und uns wurde erzählt, dass man jetzt wählen darf – nein sollte und was Demokratie sei. Die Lehrer straften noch mit Kopfnüssen, Ohrfeigen, in der Ecke stehen und Zeigestöcken als Prügel.

Die Taschenbücher waren aufgekommen und wir schmissen uns sowohl auf die dort angebotenen Klassiker wie auch Übersetzungen amerikanischer Literatur. Und etwas später dann auf Sartre. Ganz Aufgeweckte hatten auch etwas von Beatnicks gehört.

Die Arbeitswelt war säuberlich eingeteilt in Tagelöhner, Arbeiter (mit Wochenlohn), Angestellte (mit Monatslohn) und Chefs (nicht nur in Karikaturen an Gutgenährtsein und schmauchender Zigarre und wenn möglich am schwarzen Mercedes zu erkennen)

Die ersten Töne

Das erste Jazz-Konzert, das ich erlebte, sehr wahrscheinlich das erste Jazz-Konzert in Düsseldorf überhaupt, fand 1949 “Im Kühlen Grund”, dem Vereinslokal des Kleingartenvereins Buschermühle e.V. im Hinterfeld der Heinrichstraße, statt. Wenn ich nicht irre, war Oskar Klein mit dabei. Die übrigen Namen weiß ich nicht. Organisiert hatte das Klaus Berenbrock, von dem später noch mehr zu berichten sein wird, und mein großer Bruder.

Für mich, den gerade 8-Jährigen, war es die große Welt. Das war die Musik, die man sonst nur nachts im Radio hörte. Es waren Sender wie BFBS (British Forces Broadcasting System) oder AFN (American Forces Network) unter Begleitung vieler Nebengeräusche und unter permanentem Fading spät abends einsog. Am besten, Vater schlief schon. Sonst hätte er das sicher verboten. Jazz war Musik von Wilden und Negern, die man “mit der chlorophormierten Klosettbürste aus dem Urwald gelockt” hatte und bedeutete frei nach Spengler den Untergang des Abendlandes.
(ich benutze hier die Sprache der Zeit. In dokumentarischer Hinsicht kann ich nicht darauf verzichten. Man bedenke, das 3. Reich war erst ein paar Jahre her und davon waren nicht nur Reste zu verspüren.)

Nun gut, das waren zwar nicht die amerikanischen Größen, aber die konnten das. Die waren ja auch viel älter. Ich schätze heute mal, sie waren so 15 bis maximal 18 Jahre ‚alt‘.

Doch es war ein kurzes Vergnügen. War das Lokal doch nicht nur Vereinslokal eines Kleingartenvereins sondern auch Treff alter, derber und kampferprobter Kommunisten. Kommunisten waren damals eine normale Erscheinung. Man kann sagen, es war der Teil der Arbeiterschaft, die etwas heller im Kopf war, auf jeden Fall so helle, dass sie Krieg und vor allem den gerade beendeten verabscheuten. Natürlich ging es auch um die Arbeiterrechte. Marxismus und Leninismus waren keine Begriffe, die mir aufgefallen waren. Diese Kämpen mit den zerfurchten Gesichtern und den prankigen, verbrauchten Händen fanden diesen undeutschen Lärm gar nicht gut. Erst waren es nur Worte, dann Geschimpfe und schließlich landete eine Faust auf dem Schalltrichter der Trompete, während diese gespielt wurde. Die Zähne des Spielers hatten das überstanden, aber die Lippen waren kaputt. Ende des Konzerts.

Jahre später, der NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) hatte längst eine eigene Jazzsendung moderiert von Olaf Hudtwalker, Joachim Ernst Berendt eine Sendung – ich meine – im Südwestdeutschen Rundfunk. Sein erstes Buch ‚Das Jazzbuch‘ war im Fischer Taschenbuchverlag erschienen und zur Bibel der Jazzinteressierten geworden, wanderte ich, nachdem ich abends in der Schule bei einem Hindemith-Konzert für Flöte, Oboe und Klarinette mit Kammerorchester mitgewirkt hatte, noch eben ins Eisstadion. Mal sehen, wer da ist. Das Eisstadion war zur Winterzeit Treffpunkt vergleichbar mit einer Disko heute. Nur täglich, also nicht auf das Wochenende beschränkt. Ich war Besitzer einer Dauerkarte und hatte mir längst abgewöhnt, Schlittschuhe unterzuschnüren und albern im Kreis zu laufen, ging es doch darum, Leute zu treffen und da vor allem Mädchen. Auf der Eisfläche konnte man doch gar nicht mit denen quatschen. Dafür ging man in das Eisstadion-Café oder in den Zoo-Park. Sollten andere weiter Ihre Kreise ziehen.

Bald saß ich mit so einer Schönen auf einer Parkbank im stillen, leeren, stockdunklen Zoopark. Ich schätze mal, sie war mitgekommen, weil sie neugierig war, was ich da in diesem merkwürdigen, schwarzen Köfferchen mit mir rumtrug. Sie wollte es unbedingt wissen. Ich sagte ihr, dass es Klarinetten seien und dass ich gerade Hindemith gespielt hätte. Schließlich musste ich so ein Instrument auspacken und sie bewunderte die vielen, wundersamen silbernen Klappen, Griffe und Gestänge. Schließlich bat sie mich, ihr etwas vorzuspielen. Ich zierte mich. Was sollte ich ihr vorspielen? Ne, das wollte ich nicht. Aber schließlich musste ich doch. Ich spielte ein paar Töne, die ich von einer Gerry Mulligan-Platte meines großen Bruders aufgeschnappt hatte und schließlich phantasierte ich etwas.

Es war Winter, es war kalt. Aber mit 14 Jahren allein nachts mit einem Mädchen auf einer Parkbank ist einem ganz warm. Damals wenigstens. Doch schließlich brachen wir auf. Unser Nachhauseweg hatte die gleiche Richtung. Auf einem Brückchen über die Düssel kurz vor dem Parkausgang musste ich noch einmal mein Instrument auspacken und ein paar Töne spielen, so wollte sie es.

Jetzt wird’s kitschig und unglaubwürdig, aber ich schwöre, es ist die reine Wahrheit.
Ertönte da doch aus einer Ecke des Parks eine Trompete und aus einer anderen eine Posaune. Die Töne kamen näher. Schließlich schälten sich zwei Personen aus dem Dunkel. Der erste Versuch, etwas zusammen zu spielen, muss grauenhaft geklungen haben. Aber es war klar, wir waren besessen. Wir wollten eine Jazzband gründen.

Nicht weit, in der nächsten Straße, waren gerade neue Häuser so weit fertig geworden, dass sie schon Türen und Fenster hatten. So eine Tür war schnell geöffnet, obwohl da noch keine Klinken eingebaut waren. Die Schneide eines Taschenmessers in das für die Klinken vorgesehene Viereck gesteckt, und schwupp mit einer leichten Drehung aus dem Handgelenk war die Tür geöffnet.

Wir probten ein wenig und erzählten ein wenig. Schließlich verabredeten wir uns für den nächsten Abend wieder in diesem Neubau. Kerzen und eine Flasche Rotwein wurden mitgebracht. Die Band war gegründet. Sie hatte auch einen Namen ‚Society‘ angelehnt an Louis Armstrongs ‚High Society. Da wir uns aber nicht so High vorkamen, eben einfach ‚Society‘ Schließlich kam noch ein Schlagzeuger dazu, der mangels eines Schlagzeugs die verschiedensten Blechbüchsen und Blechkisten und ein Waschbrett mitbrachte und so für den nötigen Rhythmus sorgte.

So ging das ein paar Tage, bis schließlich die Polizei kam. Leute aus den Häusern gegenüber mussten die gerufen haben. Polizei war damals etwas sehr Mächtiges. Wir hatten ordentlich Angst. Umso erstaunter waren wir, als die uns empfahlen, doch mal im Gelände der Reitzenstein-Kaserne bei so Leutchen nachzufragen, ob wir da üben dürften. Die hätten da so Räume, wo das möglich wäre. Irgendwas mit Pferden meine ich, mich zu erinnern.

Kaum war die Polizei weg, machten wir uns in unserer jugendlichen Naivität auf und stromerten Richtung Kaserne. Wir fanden auch die Halbruine eines ehemaligen Kasernengebäudes und klopften an. Erst keinerlei Antwort, aber durch die Ritzen der Tür schimmerte Licht. Also noch mal und noch mal und noch mal und immer heftiger angeklopft. Schließlich öffnete sich die Tür, wohl auch weil wir kundgetan hatten, dass die Polizei uns geschickt habe. Da saßen dann zwei völlig verängstigte Leute mit ihren zwei Kindern auf einer alten, brüchigen und zerschlissenen Couch und starrten uns nur aus hungrigen, angstvoll groß geöffneten Augen an. Nein, sie hätten nichts mit der Polizei zu tun. Sie hätten auch keine Räume. Wir schaukelten nach Hause. Ein Weg von 5 Minuten für mich. Es war halb zwölf in der Nacht. So was macht man halt mit 14.

Schließlich fanden wir einen Proberaum im Keller des Ministeriums für Ernährung, Landwirtshaft und Forsten auf der Roßstraße.

"Society" Probe im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fatty (cl), Hansi Strelow (dr) Manfred von Ingersleben (tb), Rupert von Plodnitz (wsb), Ali Alsen (tp)

Dort bekamen wir sogar mal Besuch vom Minister höchstselbst. Wir übten und lernten. Ich lernte, wie man improvisiert und nicht irgendwas vom Blatt abspielt und die anderen lernten das Spielen auf ihrem Instrument an sich.

Da ich dank meiner Instrumentenbeherrschung etwas schneller war als die anderen, landete ich sehr bald bei schon fortgeschritteneren Bands. Und noch mit 15 hatte ich zusammen mit den Lambertus Pipers meinen ersten Auftritt. Auf einem Ball eines Tennisclubs in der Wolfsschlucht in Düsseldorf-Grafenberg. Es war die Zeit der Petticoats. Die Mädels tanzten und drehten sich. Was machen Petticoats, wenn sie sich drehen? Richtig sie gehen auseinander und wandern in die Höhe. Faszinierende Einblicke für einen braven 15-Jährigen in einer verbotsreichen und artigen Zeit.

Mit Schlips auf der Kirmes Raupe Düsseldorf Oberkasseler Rheinwiesen

Auf der Bühne

Jetzt war es so weit, jetzt stand ich auf der Bühne. Ein neues Leben begann. Die vorgegebenen Werte, die sich mehr oder weniger im Folgsam- und Artigsein erschöpften, wurden nicht so sehr befragt als einfach ignoriert. Der für einen 15-Jährigen unerlässliche Geltungsdrang wurde in einer neuen Welt, in einem neuen, anderen Wertesystem befriedigt und ausgelebt.

Red Onions

Jetzt, wo es in die Öffentlichkeit ging, wurde ich Mitglied bei der Jazzvereinigung Düssseldorf e.V., Klaus Berenbrocks Verein, der in einer Einzimmer-Hütte auf einem Hinterhof auf der Adersstraße, also mitten im Milieu, residierte und bekam einen einmal gefalteten Ausweis mit Passbild aus kräftiger, brauner Pappe.

Ferner brauchte ich einen Künstlernamen. Das nicht um der Attitüde eines Künstlers nachzugeben als vielmehr, um mich zu tarnen. Schließlich hingen unsere Plakate auch in den Schulen und es war nun mal unmöglich, als Gymnasiast, der jeden Tag von seinen Lehrern hörte, dass er dank der Gnade ein Gymnasium besuchen zu dürfen, zur Elite Deutschlands gehöre, solch primitive, jeder Kultur bare Musik zu machen. Ich entschied mich für Fat Daddy, wovon sich Fatty durchsetzte. Bald wusste jeder, wenn von Fatty gesprochen wurde, wer gemeint war. Sehr bald hatte ich also eine zweite Identität erhalten. Ich fühlte mich wohl dabei und wechselte die Identitäten je nach Bedarf. Jede dieser Identitäten war so stark, dass ich selbst daran glaubte und jeweils entsprechend handelte.

Wir mieteten, keiner von uns war geschäftsfähig, den Schlössersaal in der Altstadt schräg gegenüber des Bobbys und veranstalteten dort Jazzband-Balls. Eintritt horrende 2,– Mark. Der Trick war, uns wurde die Miete in Höhe von 500,00 Mark erlassen, wenn wir 2.000,00 Mark Umsatz machten.

Nichts leichter als das. Plakate wurden im Linoldruck hergestellt und die Geschäfte damit bepflastert. Handzettel verteilt, Karten gedruckt, beim Ordnungsamt Zählen und Abstempeln gelassen und der Laden war voll. Die Nummerierung der Karten war wichtig. Die nicht verkauften Karten brachte man wieder zurück, denn nur auf die Summe der verkauften Karten wurde dann die Luxussteuer, unabdingbar für solche Lustbarkeiten, bezahlt. Ja, richtig gehört, wir mussten Luxussteuer bezahlen. Aber zurück zum Jazzband-Ball. Es ging ja um den Umsatz. Dem Publikum wurde ordentlich eingeheizt. Kaum einer durfte noch sitzen. (Man saß, obwohl die Veranstaltung in einem Saal stattfand, an langen Tischen, wie sie in Biergärten üblich sind, auf eben solchen Bänken.) .Wir mussten das Publikum derart packen, dass alles auf den Beinen war, das entweder aus Begeisterung oder um zu tanzen. Der erste Set war überlang. Geschafft sank dann das Publikum auf die Sitzbänke und bestellte Bier, Saft oder Wasser. Gab es da nur zwei müde Kellner, machten wir uns auf zum Geschäftsführer, zeigten ihm, dass die beiden es nicht schafften und bekamen zwei weitere Kellner hinzu. Jetzt waren die Sets kürzer und die Pausen länger, so lang, dass das Glas ausgetrunken und auch wieder aufgefüllt werden konnte. Meistens hatten wir schon zur Hälfte der Auftrittszeit unsere 2.000,00 Mark umgesetzt. Diese Jazzband-Balls waren immer ein Riesenspaß. Uns machte es Spaß und dem Publikum auch. Wir mussten nicht mal allzu große Konzessionen ans Publikum machen, was das Repertoire betrifft. Wir hatten unser Publikum.

Oder wir mieteten eines der größeren Rheinbahn-Bötchen und machten eine River-Boat-Shuffle. Was kann schöner sein! Der Rhein ist zwar nicht der Mississippi und ein Rheinbahnbötchen ist auch kein Schaufelraddampfer, aber man konnte sich Beides vorstellen. So eine Riverboat-Shuffle war etwas Besonderes. Schließlich gab es noch keine professionellen Veranstalter, die sich um die Bedürfnisse der Jazz-Jugend kümmerten.

Cotton Pickers - Vor der Riverboat Shuffle – Düsseldorf-Altstadt Rheinkai

Ansonsten waren wir die Hausband der Kunstakademie Düsseldorf und der TIS (Textil-Ingenieur Schule) Krefeld. und füllten so manchen der gerade aufkommenden Jazz-Clubs, sei es ein Lokal in Viersen oder das Metronome in Dortmund oder eine Jazz-Bar in Düsseldorf auf der Bismarkstraße. Damals waren Monatsengagements üblich, was für die schulischen Leistungen nicht unbedingt förderlich war. Kaum eine Schul-Aula, die meisten von uns angemietet, in NRW war vor uns sicher. Jedesmal dieses Zittern, wenn wir 2 Stunden vor Einlass in den jeweiligen Ort kamen und keines unserer Plakate mehr bei den Metzger- und Bäckerläden, auf deren Türen und Fenster wir sie mit deren Erlaubnis angebracht hatten, zu sehen war. Fünf Minuten vor Einlass kamen so ein paar Leutchen an und kauften Karten, manchmal nur ein Stempel auf farbigem Löschpapier. Das war zwar illegal aber sparte Luxussteuer. Die Farbe des Löschpapiers zeigte die Preisklasse an. Die vordersten Sitzreihen waren die teuersten, und ganz hinten war es am preiswertesten. Wie im Theater. Wir waren auch die Kartenverkäufer. Bei Konzertbeginn war die Aula voll. Immer.

Die Gefährte, mit denen wir die Orte erreichten, waren vielfältiger Art. Oft war es ein Kleinlaster der Marke Matador mit Plane über der Ladefläche, auf der wir auf der Hinfahrt saßen, auf der Rückfahrt jedoch trotz Rumpelns lagen und sogar schliefen, und so etwas Schlaf vor dem nächsten Schultag mitzunehmen. Ich erinnere mich aber auch an eine unendliche Fahrt mit zwei Wagen, einem VW Käfer und einem Mercedes 190 D, Höchstgeschwindigkeit 95 km/h, bergauf 40 km/h im zweiten Gang, bis nach Backnang im Schwäbischen. Auch noble Empfänge auf Schlössern, Ausstellungseröffnungen weltbekannter Künstler waren unser Metier.

Cotton Pickers Le Corbusier Ausstellung Krefeld Haus Lange

Viel spielte sich privat ab. So manche heute in Ehren ergraute Dame haben wir damals verlobt oder verheiratet. Einmal hätten wir beinahe für einen Skandal gesorgt, weil sich die Braut eines Angehörigen der obersten Industriegarde bei ihrer Verlobung spontan in einen von uns verliebte. Witziger als die High Society waren wir allemal. So manche Langweiler-Party mit den hübschesten Töchtern der Düsseldorfer Gesellschaft haben wir aufgemischt. Das auch einzeln oder zu zweit und gänzlich ohne einen musikalischen Ton von uns zu geben.

Von uns akzeptierte Düsseldorfer Kollegen waren die Feetwarmers um Klaus Doldinger, der selbst aber nicht sehr akzeptiert wurde, weil er einstudierte Soli spielte – so sagte man -, immer die gleichen, Improvisation aber war allein gültig, und die Jazz Babies. Jazz wurde immer populärer und wurde fast ausschließlich von Amateuren wie uns getragen. Natürlich gab es die Großen., die Profis. Albert Mangelsdorf, Hans Koller, die Helmut Brandt Combo, Paul Kuhn, Wolfgang Sauer ….., das aber waren wenige, nicht genug, um wirklich eine Szene auszumachen.

Hin und wieder spielten wir in Clubs, die schon mal Polizei-Razzien erlebten, weil es Zoff gegeben hatte. Englische und kanadische Soldiers besonders im Sauerland neigten zu groben Verstößen gegen übliche Spielregeln und neigten zu Prügeleien und Demolierungen von Clubs. Wir kannten unseren Fluchtweg, spielten aber so lange wie möglich und vor allem während der Razzia. Unser Problem war, wir waren zu jung, um überhaupt so einen Club betreten zu dürfen. Es ging immer gut. Die Polizei kontrollierte das gesamte Publikum und nahm etliche Personen fest. Die Band war außen vor. Die spielte dazu.

Cotton Pickers

Vom Feeling her ein bisschen Chicago der 20er Jahre, womit wir bei der Band sind, die ich hier besonders beleuchten möchte.

Die beiden Herren, die ich vor einiger Zeit auf dem Brückchen über die Düssel getroffen hatte, hatten inzwischen viel geübt und beherrschten jetzt ihre Instrumente in der Weise, dass sie nicht nur jene Töne hervorbringen konnten, die sie meinten sondern sie waren auch in der Lage, ihrem Spiel jenen Ausdruck zu verleihen, der aus Tönen Musik macht. Ali Alsen war von der Trompete zum Cornett gewechselt, welches er in der Weise Bix Beiderbeckes spielte und betrachtete diesen Bix Beiderbecke als – ja man muss schon sagen – als Idol. Auf der Posaune fungierte Manfred von Ingersleben in kongenialer Weise. Ich stieß jetzt wieder hinzu. Und noch ein Bassman, dessen Name ich vergessen habe. Wir waren die vier aus Düsseldorf. Schlagzeug spielte ein Kerlchen mit derart abstehenden Ohren, dass sie Prinz Charles, der noch nicht geboren war, nicht nur vorwegnahmen sondern im Vorhinein übertrafen. Dazu kamen flammend rote Haare und ein derart ansteckendes Grinsen, dass es geradezu gefährlich war, sich beim Spielen nach ihm umzuschauen. Machte man das, grinste dieser Typ einen derart munter an, dass man unwillkürlich lachen musste und somit seiner Aufgabe da vorne nicht mehr nachkommen konnte. Seinen Namen habe ich ebenfalls vergessen. Und dann war da noch unser Adrian Rollini auf dem Bariton-Saxophon.. Der hieß Bloomberg oder so ähnlich.
Am Piano saß ein Mensch, der genial spielte, immer zu spät kam, und beneidet wurde, weil er kein Instrument mit sich herum zu tragen brauchte. Diese Herren kamen aus Krefeld. Ergänzt wurde das Ganze durch einen Gitarristen, der nicht nur seine Gitarre sondern auch noch einen kleinen, würfelförmigen Verstärker mit sich rumschleppen musste. Diese acht Mann bildeten den Kern der Cotton Pickers mit Ali Alsen als Mastermind. Mit Bass und Bariton-Saxophon, Piano und Gitarre war das schon eine ungewöhnliche Besetzung mit einem unverwechselbaren Sound.

Cotton Pickers - Pause bei einem Clubauftritt

Nicht selten wurde diese Gruppierung mit weiteren Musiker, da vor allem Saxophonsätzen auf 13 oder sogar 16 Mann erweitert. Wir waren gewohnt, unsere Stücke zu arrangieren, so dass die größere Zahl von Musikern nicht problematisch war. Aber bitte alles ohne Noten. Von Notenblättern spielten einheitlich in rote Tuxedos und weiße Hosen gekleidete, von uns uniformiert genannte Grässlichkeiten in teuren, von Neureichen besuchten Bars und Varietés. Abschaum! Handwerker am Instrument.

Mussten wir in Clubs oder vor Publikum spielen, die und das wir nicht für würdig hielten, unsere wahre Musik zu hören, veränderten wir schon mal die eine oder andere Position der Besetzung und vor allem den Namen. Da gab es dann die “Wild Cats” oder die “Windy City Jazzmen”.

Windy City Jazzmen Pause bei einem Gastspiel in einem Viersener Gasthof

Diese Düsseldorf – Krefelder Band nannte sich Cotton Pickers und frönte nicht nur in ihrem Spiel sondern in vielen Lebensäußerungen den 20er Jahren im Chicago der Prohibitionszeit. Wie der Ausdruck Prohibition sagt, war seinerzeit so Einiges verboten. Im Rückblick meine ich, dass just jener Umstand uns sehr entgegen kam. Litten wir doch unter all den Verboten, die einmal die 50er Jahre an sich schon mit sich brachten und zuzüglich unter jenen, die unserem jugendlichen Alter geradezu inhärent waren.

Wo holten wir unsere Informationen über das Leben und Wirken von Bix Beiderbecke, Frank Teschemacher, Frankie Trumbauer, Paul Whiteman, Hoagy Charmicheal, John Goldkette und wie sie alle hießen, her? Eine Hauptinformationsquelle war das Radio. Dann gab es in einem Plattengeschäft auf der Schadowstraße in Düsseldorf eine offensichtlich allwissende Plattenverkäuferin, die in der Lage war, Platten in USA zu bestellen. In England und in den USA gab es Bücher, die über diese Zeit berichteten. Nur einer kaufte sich eine jeweilige Schallplatte oder so ein Buch. Beides ging dann reihum und wurde verschlungen. Kosteten die ersten, leicht zerbrechlichen Schellackplatten, die jeweils über einen Titel von etwa 3 Minuten Länge auf der Vorderseite und einem solchen auf der Rückseite verfügten 4,50 Mark, so kostete etwas später eine 7-inch mit zusammen vier Titeln in ‚unzerbrechlichem‘ Vinyl teure 7,50 Mark. LPs gab es auch. Aber diese 24,00 bis 25,00 Mark konnte man sich nur 1- oder 2-mal im Jahr leisten. Um diesen Preis auf heute zu übertragen, ist es nicht übertrieben von 250,00 Euro zu sprechen. Musik ist also wesentlich billiger geworden.

Deutschland war dank eines tausendjährigen Reichs mehr als 10 Jahre und mit einer Unterbrechung in den 20er Jahren auch in der Kaiserzeit völlig oder doch ziemlich und das über Jahrzehnte hinweg abgeschnitten von allen kulturellen Äußerungen, die es in der Welt gab. Somit war es richtige Forschungsarbeit, die wir leisten mussten, wobei die Quellen nicht gerade offen lagen. Irgendwie gelang es uns, diese 20er Jahre in Chicago mit dem uns umgebenden Lebensgefühl aufgeweckter Geister, welches uns umgab, dem Existenzialismus Sartrescher Prägung zu verbinden. Man trug Baskenmütze, Dufflecoat, Hosen mit schmalen Beinen und einen roten Schal. Die Mädchen lernten, wie man mit Accessoires, da vor allem mit einem Kopftuch, umging. Sie schwebten und trippelten auf Schuhen mit schmalen, hohen Absätzen dahin. Der Rock wippte und musste beim Hinsetzen kunstvoll zusammengerafft werden. Ein toll aussehendes Mädchen war eine Wuchtbrumme, Mädchen im Allgemeinen waren ‚Tillen‘ und das Mädchen, mit dem man liiert war, wurde hoch geschätzt und individualisierend mit ihrem Vornamen bezeichnet.

Das Chicago der 20er Jahre, ein verschwommener Begriff von Existenzialismus und ein romantisierendes Gefühl von Bohême umgab uns. Die real existierenden Amis interessierten uns recht wenig. Die waren primitiv, konnten sich nicht benehmen, legten die Füße auf den Tisch und kauten Kaugummi. Bäh! Aber von jemand, der eine der seltenen und exotischen Reisen nach Frankreich und da vor allem nach Paris gemacht hatte, eine Gauloise geschenkt zu bekommen, war fast der Gipfel der Glückseligkeit. Wie wir es schafften, Sartre und unseren Dünkel gegenüber der Arbeiterklasse mit einander zu verbinden, ist mir heute ein Rätsel.

Wenn einer Grund hatte, traurig zu sein, dann setzten wir uns zusammen in den Proberaum, setzen uns zurück ins alte New Orleans, spielten unendlich traurig Blues und tranken viel, viel Rotwein. Blues war die Quelle allen Jazzes und hier hatte er eine kathartische Wirkung..

Schmalztolle und lange Kotteletten waren verpönt. Das war Arbeiterklasse. Rock ‚n‘ Roll oder Dixieland, auch ‚Hot Jazz‘ genannt, was fast ebenso schlimm war. Primitivzeugs. Ja, wir waren genauso intolerant wie unsere Eltern, ohne es zu wissen. Die Einteilung der Gesellschaft in Klassen war noch perfekt. Und wir gehörten, wenn auch nicht zur Nobelklasse dann doch zu den Besseren. Gymnasiasten waren nun mal etwas Besonderes, die Klasse der Wissenden und damit der Klasse der später mal Befehlenden. Das war nicht mal arrogant, das war so.

Ebenso merkwürdig wird es anmuten, dass wir zwar immer noch Chicago-Jazz spielten während wir doch längst Cool-Jazz und da vor allem den über alles vergötterten Miles Davis hörten. Dessen Platten gab es übrigens in farbigem Vinyl. Meine erste Charlie Parker-Platte hatte ich schon lange gekauft. Und die Frau von J.E. Berendt, Jutta Hipp, machte eine epochale Sendung über Thelonius Monk. Man gerüchtete, sie habe mit ihm geschlafen. Zu begeistert kam es über den Sender. Thelonius Monk war einer der genialen Neuerer, ja! Dizzy Gillespie und sein Art von Be-Bop und seine Alliteration von afro-kubanischen Rhythmen waren ebenfalls ein Fels im Meer des Gewöhnlichen.

Gaugin, der in der Südsee gewirkt hatte, Picasso, der Asiatisches in seinen Bildern einfing, aber auch japanische Holzschnittdrucke selbst, dann die Russen, Kandinsky, Malewitsch und eben Afro-Kubanisches aber auch Brasilianisches in der aktuellen Jazzmusik lenkten den Blick auf ganz ferne, unerreichbare Länder. In Klaus Berenbrocks Hinterhof-Büro waren die Wände mit Regalen voller Platten zugestellt, darunter äußerst rare Scheiben und einzigartige Tonbänder aus fernen Ländern und da vor allem aus Südamerika. Der Bogen Gaugin bis Dizzy Gillespie mag heute etwas arg geklittert erscheinen. Aber so konfus setzte sich unser Weltbild zusammen. Deshalb bleibt das mal so stehen. Wir waren ja jung und bekamen nicht unbedingt alles wohl geordnet und korrekt auf die Reihe.

Die Kneipen

Heimat, Nest und Ausgangspunkt der Jazzszene der 50er Jahre in Düsseldorf war das Bobbys auf der Ratinger Straße.

Das "Bobbys" heute. Viel hat sich nicht verändert

Bobbys hieß das kleine Ecklokal, dessen offizieller Name Kreuzherren-Ecke war und noch ist, den Laden gibt es noch, er dürfte sich auch nicht wesentlich verändert haben, weil Bobby der Wirt war. Hinter der Theke stand also Bobby und Mitzi. Mitzi war mit einer nicht tot zu schlagenden Schnauze begabt. Ihre Bemerkungen waren grob und frech. Das gefiel uns und den anderen, die dort für 45 Pfennig ihr Bier tranken. Zum gleichen Preis gab es, damit man nicht vor Hunger starb und noch ein, zwei Bier mehr vertragen konnte, Speckschnittchen. Gekochter Bauchspeck mit Zwiebelringen und Salz und viel Pfeffer auf Schwarzbrot. Die Speckschnittchen waren ein der dort gebotenen Musik vom Plattenteller ebenbürtiger Grund, das Lokal aufzusuchen. Das Regal hinter der Theke war gespickt mit Spirituosen aus aller Welt.. Einer Mutprobe glich es – oder war es Ausdruck eines Überschwangs – , einen Ratzeputz zu kippen. Ratzeputz – nomen est omen – ist ein völlig ungeschliffener Trester. Es kostete Überwindung, ihn runter zu kippen und es war eine Kunst, dabei den Gaumen nicht allzu sehr damit zu benetzen. Nur weg mit dem Zeugs. Übelster Fusel. Er kratzte und biss, aber er hatte viel Alkohol und es kostete des Jung-Mannes ganze Überwindungskraft, ihm zuzusprechen.

Bobbys - Die von Künstlerhand gestalteten Fenster

Hier traf man sich, hier hing man ab, hier erfuhr man, was in der Stadt los war. Das Publikum bestand aus Jazzern und Leuten von der Kunstakademie, Professoren wie Studenten. Für uns schlug hier das Herz der Stadt. Das Bobbys hatte also seinerzeit den Rang, den der Ratinger Hof viel später für Punk und New Wave in den Endsiebzigern einehmen sollte. Beide Lokale befinden sich auf der Ratinger Straße, also etwas abseits der jetzt sehr touristischen Altstadt und mit der Kunstakademie um die Ecke.

Sperrstunde war um 1:00 Uhr morgens. Da kam es regelmäßig vor, dass noch Bier im Fass war. Das konnte man doch nicht verkommen lassen. Also wurde die Tür abgeschlossen, damit war dem Gesetz Genüge getan. Ab jetzt war dies keine öffentlich zugängliche Kneipe mehr, sondern eine private Feier. Das war erlaubt. War das Fass endlich leer, kein Tropfen mehr hervor zu locken, wie man es auch kippte und schaukelte, machten sich die Einen auf nach Hause und die Anderen legten sich auf den Bänken lang und schliefen dem nächsten Tag entgegen. Darunter auch etliche Professoren. Man war arm und außer einem dicken, abgeschlissenen Mantel zählte man nicht viel als sein Eigentum.

Geradezu nobel war hingegen das New Orleans auf der Königstraße. Jetzt ist dort das Victorian. Das Lokal war von ‚Flötchen‘ Geldmacher ausgestaltet. Flötchen Geldmacher war Designer und Jazzer. Flötchen hieß er, weil er auf einer Blockflöte jazzte. Hören konnte man ihn zusammen mit u.a. Günter Grass im Csikos, jenem alten, schmalen Lokal, das zur Hälfte aus einer steilen Treppe bestand, und in dem es die schärfste und gehaltvollste Gulaschsuppe der Stadt gab. Man findet Flötchen Geldmacher in Günter Grass’s Blechtrommel wieder. Dort heißt er Münzer aka Klepp. Mehr über das Csikos (den Zwiebelkeller im Roman), Herrn Schuster (Schmuh im Roman) und Flötchen Geldmacher kann man und sollte man in Güter Grass’s Blechtrommel lesen.

In dieses New Orleans kamen wir nicht rein. Hier wurde darauf geachtet, dass man wirklich mindestens 21 Jahre alt war. Und doch ist es mir gelungen, ein mal Ken Colyer und ein anderes mal Beryl Bryden dort zu erleben.

Ein weiteres Lokal von Bedeutung war die Oase auf der Bolkerstraße. Später hieß es Weißer Bär. Hier spielte der unvergleichliche Wilton Gaynair seine kaum enden wollenden Soli, die – so sehe ich das im Nachhinein – schon damals einen John Coltrane vorwegnahmen. An den Drums war der dicke, immer zu Späßen aufgelegte Gillespie und am Klavier brillierte George Maycock, der später Hauspianist im damals noch nicht existierenden Downtown sein sollte. An den Namen des Bassisten kann ich mich nicht erinnern.

Mit der Oase hatte es, daneben dass wir wie immer zu jung waren, um da rein zu dürfen, folgende Bewandtnis. Als erstes musste man ein sog. ‚Gedeck‘ nehmen. Dieses bestand aus einem Bier und einem Korn auf einem Tablett zusammen serviert. Danach konnte Bier solo bestellt werden. Solch ein Gedeck war sündhaft teuer und für uns nicht bezahlbar. Aber auch hier fanden wir einen Weg. Wir betraten das Lokal erst, wenn alle Plätze besetzt waren. Meist waren wir zu zweit. Uns wurden dann unmittelbar vor der Bühne, sonst war auch kein Platz mehr vorhanden, zwei Stühle hingestellt, auf die wir uns setzen konnten. Mit Gedeck war hier nichts, weil wir ja keinen Tisch hatten, auf dem das Tablett abgestellt werden konnte. So brauchten wir nur ein Bier zu 1,00 Mark zu bestellen, woran wir uns den ganzen Abend hielten. Nur nicht ganz austrinken! Ein zweites konnten wir uns nicht leisten. Ha, so hatten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, bei weitem die besten Plätze und viel Geld gespart. Dort haben wir uns mit Jazz voll gepumpt. Wilton Gaynair war einfach der Größte. Und wir waren live dabei. Einfach unvergesslich.

Dann gab es da noch so Lokale wie das Pöötzke, in denen man sich sein Geld verdiente, wenn man mal wieder ganz klamm war. Die Kurze Straße und um die Ecke die Mertensgasse waren so zu sagen die Beal Streat und die Burbon Street. Von überall klang einem Live-Jazz entgegen. Im Pöötzke spielte hin und wieder auch Marianne, ja, die Marianne, mit ihrem Akkordeon und ihren frechen Liedern. Das hat zwar wenig mit Jazz zu tun, sei hier aber dennoch erzählt.

Eines Abends komm ich ins Pöötzke und finde nur noch einen Platz auf einer Bank direkt gegenüber der spielenden Marianne. Marianne machte eine Pause und setzte sich neben mich, legte ihre Hand auf meine 17-jährigen Oberschenkel und meinte mich mit ihren fast 40 Jahren schräg von der Seite anguckend: “Ob sich unsere Körper noch aneinander gewöhnen können?” Sie genoss es, wie ich rot und weiß wurde und vor Verlegenheit nicht wusste wohin. Später wurde das Downtown gegründet. Davon erzählt aber Siegfried Hanten besser selber. Und nicht zu vergessen das legendäre Cream Cheese. Das war aber noch später.

Dass man von überall her Live-Jazz hören konnte, sollte man bald nicht mehr erleben Immer mehr Lokale legten sich Music-Boxes zu und sparten so nicht nur die Bezahlung von Musikern sondern verdienten auch noch an den Umsätzen, die dadurch entstanden, dass das Publikum Münzen in den Musikautomaten schmeißen musste, um etwas zu hören. Die Livemusik-Szene erlebte hier einen ordentlichen Niedergang durch Mechanisierung und Automation. Nicht zum letzten Mal wurden Musiker durch Maschinen ersetzt. Musiker konnten schon damals ebenso heftig jammern wie jetzt die Musikindustrie angesichts des Internets. Aber es geht weiter.

und weiter

Inzwischen waren wir 18 geworden. Das Abitur war gemacht. Die Musiker der Cotton Pickers zerstreuten sich über Deutschland; jeder an eine andere Uni. Wir sollten uns nie mehr wieder sehen. Bis heute nicht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo die Jungs jetzt sind und was sie machen.

Ich spielte noch in dieser oder jener Band mit, wenn es galt, Gigs zu machen. Schlussendlich machte ich den Versuch, ich hatte mir ein Tenorsaxophon gekauft, ein Quartett auf die Beine zu stellen. Wir spielten hauptsächlich Thelonius Monk Titel von Misterioso bis Round Midnight. Aber die Zeit war vorbei. Ornette Coleman und Free-Jazz hatte es gegeben und dann lebte noch mal ein Jazzfieber mit Cannonball Adderleys Hard Bop auf. Das war`s dann.

Wir schreiben das Jahr 1962. Alles war Geschichte. Funk, Soul und Twist kamen. Der Jazz war tot.

Mich brachte die Musik zwar noch einmal hinaus in die Welt, aber da war sie nur noch Mittel zum Zweck, während bisher Musik und Leben nahezu kongruent waren. Das kam so. Es war Mai oder schon Anfang Juni 1962. Ich ging auf der Kö am Stadtgraben längs, als ich von ein paar Leuten, die da unten im Wasser ihre Füße kühlten, angesprochen wurde. Sie suchten noch dringend einen Klarinettisten. Sie würden noch vor Pfingsten an die Côte d’Azur fahren, um da Straßenmusik zu machen. Da müsste ich unbedingt mitkommen. Das waren die Leute, mit denen ich über Weihnachten in Paris zum ersten Mal Straßenmusik gemacht hatte. Dies um einmal Paris zu sehen. Côte d’Azur, das hörte sich verlockend an. Côte d’Azur, das war Brigitte Bardot, das war Gunther Sachs, das war Las Vegas nur besser, viel nobler und teurer. Da wollten die hin? Das ging? Drei Tage später saßen wir im Zug. Dort unten haben wir dann auf der Straße gespielt. 20 Minuten am Tag reichten, um sein gutes Auskommen zu haben. In Juan les Pins spielten wir im Club Trois. In Antibes sah ich Picasso auf der Straße und saß mit Silvie Vartan an einem Tisch. In St. Tropez feierten wir auf etlichen Luxusyachten ebenso luxuriöse Parties. Wieder in Juan les Pins begleitet ich einmal Juliette Greco. In Cannes fuhren wir auf einem blumengeschmückten LKW Reklame für ein neu eröffnetes Hotel und Radio Monte Carlo machte eine Sendung mit uns.

Mit einem Projekt, “Dunkler als der mondlose Himmel”, welches am Comeniusgymnasium in Oberkassel entstand, waren wir im Fernsehen.

Riverside Jazzband

Vorher und nachher die Harald Banther Band, bei der ich ziemlich heruntergekommen Conny Jackel von der Helmuth Brandt Combo wiederentdeckte. Das Interview mit uns machte der junge Hanns Joachim Friedrichs, der spätere Star-Nachrichtensprecher. Dort hatten wir gehört, dass in der Nacht im Apollo am Ende der Kö – inzwischen ein Aufnahmestudio des WDR – die Größen der Jazzwelt, die Jazz at the Philharmonic Champs , Aufnahmen machten. Wir fragten unseren Regisseur, ob wir dabei sein dürften. Wir durften. Ich will nur ein paar Namen nennen. Miles Davis, John Coltrane, Stan Getz, (wohl das einzige mal ,dass die beiden, Coltrane und Getz, zusammenspielten), Ray Brown, Paul Chambers, Oscar Peterson und viele, viele andere. Muss ich mehr erzählen? Die MAZ muss noch in Köln beim WDR rumliegen. Darauf wird allerdings nicht zu sehen sein, was zwischendurch geschah, wie z.B. Oscar Peterson dem Pianisten von Miles Davis eben mal zeigte, wie die Akkordfolge zu dem gleich zu spielenden Titel war, oder wie Getz sich verspielte, und erst nach vielfältigem Bemühen von Kollegen begriffen hatte, wie dieses Stück nun wirklich aufgebaut war, oder wie Miles Davis ein paar Mal auf der Bühne erschien, sichtlich übel gelaunt und schimpfend. Das bewegte sich zwischen “I’m worth a lot more money” und “Fuck off, withies!” Oder wie ich Ray Brown links und Paul Chambers rechts zusammen back stage ging. Ich zwischen Giganten, mein Herz wummerte, die Knie schlotterten und meine Miene zeigte keine Regung. Cool bleiben, cool wirken, war Verhaltensregel der Zeit. Damals war das das Leben, heute ist es elektronisch bearbeitete Geschichte auf digitalen Speichern. Dabei gewesen zu sein, ist durch nichts zu ersetzen.

Mehr über Richard Gleim:

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http://www.kunsthalle-duesseldorf.de/d/ausstellung/rueckschau/2002/01/c-info.html
http://www.ox-fanzine.de/interviews/rid/816/interview-argee_gleim.26.html
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