“Mögen hätt’ i schon wollen” – Karl Valentin wird 125

“Ein zaundürrer, langer Geselle, mit langen, spitzen Don-Quichotte-Beinen, mit winkeligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose- er reibt eifrig daran herum. “Das wird Ihnen nichts nützen!” sagt der gestrenge Orchesterchef. Er, leise vor sich hin: “Mit Benzin wärs scho fort!” Leise sagt er das, leise, wie seine schauspielerischen Mittel. Er ist sanft und zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich Niemand zu wundern.”
Kurt Tucholski als Peter Panter 1924 in der “Weltbühne”, nach der Berliner Aufführung der Orchesterprobe

Als Kind hielt ich Karl Valentin für den Bruder von Pat, der eine der beiden  Vagabunden Pat und Patachon, aber Ähnlichkeit gab es nur im Äußerlichen. Denn während Pat (eigentlich Carl Schenstrøm) ein Stummfilmschauspieler war, war Karl Valentin alles andere als stumm. Ganz im Gegenteil, er war ein Meister des Wortes. Des absurden Wortes.

Karl Valentin (1882 bis 1948; eigentlich Valentin Ludwig Fey) war der skurrilste aller bayerischen Komiker, der Meister der ausgefallenen Zitate und einer der beliebtesten Münchner Kabarettisten.

Er setzte bewusst in seinen Couplets und Bühnenauftritten noch vor Brecht allerlei Sprachmittel wie Brechungen, Verfremdungen ein und experimentierte begeistert mit den neuen Medien wie Ton- und Filmaufnahmen.

Karl Valentin stand als Kabarettist und Komiker dem Dadaismus, aber auch dem Expressionismus nahe. Der Humor seiner Sketche und Stücke beruht insbesondere auf seiner Sprachkunst bzw. seinem „Sprachanarchismus“. Seine absurde Komik, die in verschiedensten Rollen und Verkleidungen auftrat, lotete immer wieder aufs Neue die Abgründe des Alltags aus.

Valentins Enkelin Anneliese Kühn bringt ihren legendären Großvater in einem besonderen Buch in Erinnerung – mit vielen unbekannten Bühnenfotos und Privataufnahmen, die auch den Menschen Valentin Ludwig Fey – so hieß eigentlich Karl Valentin -, zeigen.

Dieser Band ist mit seinen bekannten und weniger bekannten Zitaten und mit bisher unveröffentlichten Bildern ein absolutes Muss für alle Fans des skurrilen Humors von Karl Valentin.

Valentin erlebte viele erfolgreiche Jahre, doch in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs und danach bekam er keine Engagements mehr, sein Humor war den Leuten zu bitter, so etwas wollte man nicht mehr hören. Daher arbeitete er wieder in seinem erlernten Beruf – er war Schreiner – und drechselte für die Bürger seines Wohnortes Planegg Gebrauchsgegenstände wie Kochlöffel, Nudelhölzer und Dosen, um sich ab und an Zigaretten leisten zu können. Und seiner Enkelin baute er eine Guillotine: “Meine Enkelin braucht ja schließlich auch etwas zum Spielen.”

Das Valentinhaus in Planegg gibt es heute noch, zu seinen Lebzeiten hatte sein Besitzer an der Haustüre ein Schild befestigt, darauf stand: Metzgermeister Rempremerding. Der Grund: Karl Valentin fürchtete sich vor Einbrechern, und er hatte die Vorstellung, ein Dieb würde sich von dem Gedanken an die scharfen Messer eines Fleischers vom Einstieg in das Haus abhalten lassen. So dachte er, der Meister des Grotesken. Valentins Urenkelin wohnt heute noch in dem Haus und hat viele Erinnerungen an ihren Großvater.

Mögen hätt’ ich schon wollen heißt ein neu erschienenes Buch zum 125. Geburtstag, in diesem sind zahlreiche seiner absurden Sprüche sowie bekannte und unbekannte Fotos gesammelt. Auch bitteres, natürlich auf seine unnachahmliche Art formuliert:

“Nach dem Atombombenkrieg brauchen wir nichts mehr aufzubauen, weil dann alles hin ist – überhaupt alles. Da gibt’s keine Menschen mehr, keine Häuser und vielleicht nicht a mal mehr eine Weltkugel. Dann gibt es auch keine Regierungen mehr – auch kein viertes Reich und kein fünftes Reich – nurmehr ein Himmelreich. Und dann is’ – Gott sei Dank – endlich a mal a Ruah – in aller Ewigkeit Amen!”

Ein Interview mit Karl Valentin

Das Herrenzimmer freut sich, dass Karl Valentin anlässlich seines 125. Geburtstags zu einem Interview bereit war. Die Fragen stellte Archi W. Bechlenberg.

Herr Valentin…

Nenn mich nicht Walentin, du nennst ja auch nicht deinen Vater Water.

Verzeihung – also Herr Valentin, 125 Jahre, ein schönes Alter, wie geht es Ihnen?

Mein Magen tuat mir weh, die Füaß tuan mir weh, der Kopf tuaht mir weh, mein Hals ist entzunden – und i selbst befind mich aa net wohl.

Nun, Sie machen aber einen durchaus munteren Eindruck!

Ich freue mich heute noch, dass es mir gelungen ist, den heutigen Tag noch zu erleben.

Es ist sehr nett, dass Sie sich für ein Interview zur Verfügung gestellt haben, und ich bedanke mich auch schön dafür!

Sie sind auf uns nicht angewiesen, aber wir auf Sie, das müssen Sie sich merken!

Geben Sie gerne Interviews?

Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von mir!

Wie war das denn so vor 125 Jahren, als Sie geboren wurden?

Als ich das Licht der Welt und sodann die Hebamme erblickte, war ich sprachlos. Ich hatte diese Frau ja noch nie in meinem Leben gesehen.

Sie waren also erschrocken, als Sie auf die Welt kamen?

Ich kenne keine Furcht, es sei denn, ich bekäme Angst.

Wären Sie denn gerne etwas anderes geworden als ein Komiker?

Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.

Aber es ist doch ein Segen, dass Sie Komiker wurden. Wirklich komisch sein zu können, so wie Sie, ist eine ganz große Kunst…

Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit.

Was Sie offenbar nicht davon abgehalten hat, ein ganz großer Künstler zu werden…

Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.

Sind Sie denn auch mit Ihrer Komik manchmal angeeckt?

Ich bin kein direkter Rüpel aber die Brennnessel unter den Liebesblumen.

Wie sehen Sie die Welt, Herr Valentin?

Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.

Sie waren niemals oberflächlich, Ihre Komik hat durchaus eine metaphysische Qualität – Sie wissen, doch, was Metaphysik ist?

Metaphysik ist der Versuch, in einem verdunkelten Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die sich gar nicht darin befindet.

Sie sind ein sehr kluger Mann, Herr Valentin!

Ich habe Bildung nie mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze.

Was wünschen Sie sich denn nach 125 Jahren Karl Valentin für die Zukunft?

Die Zukunft war früher auch besser!

Haben Sie denn Angst vor der Zukunft? Sind Sie ein Optimist oder ein Pessimist?

Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.

Was denken Sie also über die Zukunft?

Hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es schon ist!

Karl Valentin

Mögen hätt’ ich schon wollen

Skurrile Sprüche & Bilder

128 Seiten, ca. 62 Fotos

19 x 21,5 cm, laminierter Pappband
€ 12,95 [D] / € 13,40 [A] / sFr. 22,70
ISBN 978-3-475-53843-8

Karl Valentin bei Wikipedia

Karl Valentins Homepage

 
 
Alles aus der Rubrik Buch
Alles aus der Rubrik Große Männer
Alles aus der Rubrik Interview
Alles zum Thema Geist
Alles zum Thema Menschen