Die Kunst, Recht zu behalten

Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten

Der Philosophie haftet ja gerne der Makel an, unpraktisch und zu nichts wirklich nütze zu sein, und einem Philosophen traut so mancher nicht einmal zu, einen Grill vernünftig zu befeuern. “Dem Philosoph ist nichts zu doof” lautet landläufig die Meinung.

Wie gut, dass es Philosophen gab und gibt, die diese Ansicht als schlimmes Vorurteil erkennen lassen. Zu den kompetentesten Streitern für den praktischen Einsatz von Gehirn kann man ohne Zweifel Arthur Schopenhauer zählen. Sein Werk Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten beweist aufs Schönste, welchen Wert ein philosophisches Traktat für den Alltag besitzen kann. Die Befolgung der insgesamt 38 von Schopenhauer aufgestellten Regeln (er nennt sie ‘Kunstgriffe’) befähigen nämlich den Disputanten, selbst dann Recht zu behalten, wenn er die Unwahrheit sagt, sie aber als Wahrheit behauptet. Der unschätzbare Wert dieser Fähigkeit leuchtet jedem unmittelbar ein.

“Eristische Dialektik ist die Kunst zu disputiren, und zwar so zu disputiren, daß man Recht behält, also “per fas et nefas” [mit Recht wie mit Unrecht]. Man kann nämlich in der Sache selbst “objektive” Recht haben und doch in den Augen der Beisteher, ja bisweilen in seinem eigenen, Unrecht behalten. Wann nämlich der Gegner meinen Beweis widerlegt, und dies als Widerlegung der Behauptung selbst gilt, für die es jedoch andere Beweise geben kann; in welchem Fall natürlich für den Gegner das Verhältnis umgekehrt ist: er behält Recht bei objektivem Unrecht. Also die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer sind zweierlei. (Auf letztere ist die Dialektik gerichtet.)

Woher kommt das? – Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehen die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert, ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Andern gemäß ausfiele: dies würde gleichzeitig, oder wenigstens ganz und gar Nebensache seyn. Aber jetzt ist es Hauptsache. Die angeborene Eitelkeit, die besonders hinsichtlich der Verstandeskräfte reizbar ist, will nicht haben, daß was wir zuerst aufgestellt sich als falsch und das des Gegners als Recht ergebe. Hienach hätte nun zwar bloß Jeder sich zu bemühen nicht anders als richtig zu urtheilen: wozu er erst denken und nachher sprechen müßte. Aber zur angeborenen Eitelkeit gesellt sich bei den Meisten Geschwäzzigkeit und angeborene Unredlichkeit.”

So provokant und zugleich unterhaltsam beginnt Schopenhauer die Eristische Dialektik, und man kann nicht verstehen, warum der Philosoph diesen Text zu Lebzeiten gar nicht publiziert hat. Das Werk wäre heute ein Bestseller unter den Ratgebern. Denn wer möchte nicht in der Lage sein, seinen Gegner als Vertreter des Unwahren und Unrichtigen bloßstellen zu können? Mit Schopenhauers Ratgeber kein Problem, denn dank ihm vermeidet man tödliche Fehler:

“Gebe ich dem Gegner Recht sobald er es zu haben scheint; so wird er schwerlich dasselbe thun, wann der Fall sich umkehrt: er wird vielmehr “per nefas” verfahren: also muß ich’s auch. Es ist leicht gesagt, man soll nur der Wahrheit nachgehn ohne Vorliebe für seinen Satz: aber man darf nicht voraussetzen, daß der Andre es thun werde: also darf man’s auch nicht. Zudem, wollte ich, sobald es mir scheint er habe Recht, meinen Satz aufgeben, den ich doch vorher durchdacht habe; so kann es leicht kommen, daß ich, durch einen augenblicklichen Eindruck verleitet, die Wahrheit aufgebe um den Irrthum anzunehmen.”

In achtunddreißig Kunstgriffen skizziert Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) eine Schule des rhetorischen Überlebens in den Kampfringen der Disputation. Das dialektische Einmaleins und Grundfiguren wie die Erweiterung, das argumentum ad hominem oder die Konsequenzmacherei sorgen dafür, dass man auch im zermürbenden Schlagabtausch stets obenauf schwimmt.

Man mag von Schopenhauer, diesem maßlosen Misanthropen, halten, was man will, der Verve seines Stils kann man sich nicht entziehen. Eleganz und Direktheit verbinden sich zu einem Fluss, der dem Leser ein lehrreiches Vergnügen beschert. 

Gelesen wird das aus 2 CDs bestehende Hörbuch (auf der 2. CD sind Schopenhauers Erläuterungen, die er Nebenbogen nennt, zu hören) vom gelernten Rhetoriker und FAZ-Feuilletonist Andreas Platthaus, der sich auch als Mitglied der D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus) große Meriten erworben hat.

Eine Hörprobe aus: Eristische Dialetik

Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten
Arthur Schopenhauer
vorgelesen von Andreas Platthaus
Coverillustration: Loriot
Digipak; 2 CDs; Spieldauer: 1 Std. 35 Min
Preis: € 19.90, SFr 33.90

 
 
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