Why the Hell not Kinky?

Ich ließ es klingeln, bis Laffy endlich abhob. „Mach es knapp,“ sagte er, „du störst mich beim Kochen einer Suppe.“ „Hab’ dich nicht“, antwortete ich. „Ein Brühwürfel und ein Liter Wasser. Wo ist das Problem?“ Laffy nahm den Hörer deutlich näher an den Mund. „Nur weiter so, und ich lege für immer auf.“

Man sollte Laffy nicht zu sehr reizen, sonst wird man nicht mehr zum Essen eingeladen, und das wäre verdammt schade, denn er wusste nicht nur eine Menge Zeug, das man selber gerne wusste, er konnte zudem aus besten Zutaten etwas noch besseres zusammenrühren. Manchmal hatte ich das Glück, davon abzubekommen. „Ist ja schon gut,“ sagte ich also mit betont hypnotischer Stimme, „ich wollte nur von dir wissen, wo ich den Kinkster finden kann.“

„Kinky? Der ist beschäftigt. Wird nicht gut ankommen, ihn dabei zu stören.“ „Ok“, sagte ich, er soll mich anrufen, wenn er Zeit hat. Aber möglichst heute noch.“ „Wie heißt das Zauberwort?“ „Er soll mich bitte anrufen!“ Ich legte hungrig auf.

Es dauerte eine Woche, bis der Kinkster zurückrief, aber immerhin trafen wir uns dann am gleichen Abend in der Stadt. Neben ihm schnürte sein Freund Ratso, der aussah wie ein liebenswerter Zuhälter. Er trug eine Waschbärmütze ohne Schwanz, Fuchsiahosen und rote Flohmarktschuhe, die, worauf ich ihn häufig hinwies, einmal einem toten Mann gehört hatten. Um das Ganze abzurunden, trug er ein blaues Sweatshirt mit der Aufschrift NATIONAL-LAMPOON-BEISCHLAF-TEAM. Ich mochte Ratso. Er war so durchsichtig wie ein Toilettenbrillenschutz, wenn auch nicht so hygienisch.

Ratso sagte nur schnell Hallo und war gleich darauf verschwunden, wahrscheinlich mimte er für Kinky wieder mal den Watson und recherchierte irgendwas. Das sollte mir recht sein, so konnte er nicht dazwischenquatschen, wenn ich mich mit Kinky unterhielt.

Der lotste mich zu einer Bar in der Nähe. Beim Eintreten empfingen uns dichte Schwaden. Die Adresse war eine der wenigen, an der man noch ungestört Zigarren rauchen konnte. Natürlich war der Kinkster hier ein ständiger Gast. Die Kellnerin wies uns einen Tisch etwa von der Größe eines Skateboards an, von dort hatten wir einen hübschen Blick auf die Abfalleimer, die sich draußen auf der Straße stapelten. Wir orderten zwei Jameson Irish Whisky.

„Heute ist ein Tag, um im Sessel zu bleiben“, sagte Kinky nach dem ersten Schluck, wie ich fand, kein guter Anfang für ein Gespräch. „Zuerst das Wetter. Und am frühen Nachmittag war ich in eine unschöne Auseinandersetzung in einem vegetarischen Restaurant in der Seventh Avenue verwickelt, wobei es um die Frage ging, ob der Qualm meiner Zigarre den Gästen beim Verzehr ihres Tofu schadete.“ Mir war nach einer saudummen Frage. „Schmecken dir die Stogies wie eh und je?“ Ich hielt ihm mein Etui mit den Havannas vor die Nase. Kinky griff rein und betrachtete, was er gezogen hatte. Er schien zufrieden zu sein. „Ich rauche bis zu zehn Zigarren am Tag und erwarte, ewig zu leben. Natürlich inhaliere ich nicht. Ich puste den Rauch nur auf Kleinkinder, Grünpflanzen, Vegetarier und alle, die zu dem Zeitpunkt gerade joggen, an dem ich ausatme.“

Für ein paar Sekunden waren wir mit dem Anschneiden und –zünden der Zigarren beschäftigt. Mehr Zeit darf so was nicht beanspruchen. Nichts ist schlimmer als Leute, die aus dem Befeuern von ein paar zusammengerollten Tabakblättern ein Ritual machen. Sie wissen einfach nicht, wie man statt dessen auf die gute alte Art onaniert.

Wir bliesen einander die ersten Rauchschwaden in die Gesichter. Ich sah mich in der Bar um. Vom Tresen aus prostete uns jemand zu. Rambam. Rambam war Privatdetektiv. Er wedelte immer mit einem Zulassungsausweis herum, aber niemand hatte jemals Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Er behauptete, er würde immer noch in allen Staaten gesucht, die mit einem I beginnen. Er kannte Leute, von denen selbst Ratso niemals geträumt hatte. Er verfügte über Verbindungen, auf die viele gar keinen Wert legen.

Kinky prostete kurz zurück, sah anerkennend erst auf seine qualmende Partagás und dann auf mein noch halbvolles Etui und nahm den nächsten Zug. „Abgesehen davon, deine guten Zigarren zu rauchen,“ sagte er, „was kann ich sonst noch für dich tun?“ Ich  blies meinen Rauch sehr langsam aus, aber genau nicht so langsam, dass man es für ein Ritual hätte halten können.

„Wir haben uns lange nicht getroffen,“ sagte ich schließlich, um irgendwie das Gespräch in Gang zu bringen, und der Kinkster sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Sie durchbohrten mich wie Pisse den Schnee.

„Wie haben uns noch nie getroffen,“ sagte er und nahm den nächsten tiefen Zug. „Du denkst dir das hier gerade alles an deiner Schreibmaschine aus und bedienst dich zudem aus meinen Büchern.“ Er sah zu Rambam hinüber, der aber nicht mehr da war. Ich wurde ein wenig sickig. „Ok, Kinky Friedman, ich wusste nicht, dass du so kleinlich sein kannst. Getroffen, nicht getroffen. What’s the difference? Und außerdem schreibe ich seit fast 20 Jahren auf dem Computer.“ Ich spielte den Coolen, aber meine Zigarre verriet mich gnadenlos. Sie war ausgegangen.

Der Kinkster kippte seinen Jameson ein, und als sei David Copperfield die Kellnerin, stand gleich ein neuer auf dem Tisch. Sagte ich schon, dass der Mann hier bekannt war? Ich machte die Partagás so wenig umständlich wie möglich wieder an und nahm einen Zug und einen Schluck.

Mein Gegenüber kuckte ostentativ gelangweilt den Mülltonnen vor dem Fenster beim Stinken zu. „Können wir denn zum Punkt kommen?“

„Klar Kinky, ich bin nicht nur gekommen, um mit dir zu rauchen, zudem in dieser Stadt, in der vielleicht bald die Todesstrafe auf das stehen wird, was wir gerade tun. Ich brauche ein paar Infos über dich. Na ja, nicht nur ein paar, sondern alle, die dir einfallen.“

„Warum?“
„Nun…Äh…“

Wieso stammelte ich so dämlich rum? Ich steckte verlegen meine Zigarre zwischen die Lippen und schwieg quer über den Tisch. Der Kinkster hatte genug von den Mülltonnen. Er drehte seinen Blick zu mir, paffte zweidrei mal und lachte ein kurzes Lachen, das nahtlos in ein röchelndes Husten überging. Zigarre rauchen und zugleich lachen kann verdammt gefährlich sein, dachte ich und überlegte kurz, ob es wohl eine Art Heimlichbehandlung für Amerikaner gab, die beim Lachen an ihrer Zigarre erstickt waren. Wohl eher nicht, dachte ich. So viele Leute gab es nicht, die Zigarren rauchten, und die paar, die es taten, hatten wahrscheinlich nicht viel zu lachen. Natürlich konnte man auch nicht rauchen und nicht lachen. Dann wurde man wahrscheinlich von einer Busbücherei überfahren.

Die Hustenattacke war vorüber, sie hatte Kinkys Laune nicht eben verbessert. „Also verdammt, wozu willst du das alles hören? Nicht dass ich es dir nicht sagen will, ganz im Gegenteil. Aber ich würde schon gerne wissen…“ Ich schluckte den plötzlich da seienden Klos in meinem Hals mit dem Rest Jameson weg. Wie zu erwarten kam für mich nicht sofort ein neues Glas. „Nun,“ murmelte ich, „wie soll ich es sagen…“ „Am besten so, dass ich es hören und verstehen kann!“ Kinky ließ eine Wolke ab und sah dabei wieder und noch ostentativer aus dem Fenster. Ich ahnte, er war nahe dran aufzustehen und mir die Rechnung zu überlassen und zu gehen, und dann würde Laffy sauer auf mich sein, weil Kinky auf ihn sauer sein würde, weil er ihm so eine Pfeife vorbei geschickt hatte, und Laffy würde für mich nie mehr kochen. Das konnte ich nicht zulassen.

„Ich möchte gerne ein paar Leuten drüben im alten Europa etwas von dir erzählen,“ sagte ich hektisch, denn Kinky machte jetzt deutliche Anstalten, aufzustehen. „Sie sollten von dir wissen, etwas über dich erfahren, deine Bücher lesen, deine Musik hören!“ „Du meinst, es gibt bei euch Menschen, die noch nie von mir gehört haben?“ Ein Misstrauen in Kinkys Augen nahm Doppel-Coronaformat an. „Aber klar!“ Ich nickte eifrig. „Nicht jeder drüben kennt dich; nur, das könnten wir leicht ändern! Drum bin ich hier.“ Ich fuchtelte aufgeregt mit der Zigarre durch die Luft und ließ dabei einen Klumpen Asche in mein Glas fallen.

„Nun ja, was soll ich erzählen?“ Kinky holte mit ausgesprochen schlecht gespielter Verzweiflung Luft. „Heute morgen bin ich aufgestanden, habe die Katze gefüttert. Dann fischte ich im Papierkorb herum und fand eine recht ansehnliche, halbgerauchte Zigarre und befeuerte sie. Die summt dich an, wie es eine frische niemals schafft. Später machte ich ein paar Erledigungen. Ich war halbenwegs beim Krämerladen, als es zu regnen begann. Ich renne niemals wenn es zu regnen beginnt, Ich schlendere im alten Tempo weiter und versuche zwischen den Tropfen durchzukommen. Man wird so oder so etwa gleich nass, aber es sieht albern aus, wenn man rennt. Wenn man weiter schlendert, sieht es verrückt aus. Es liegt mehr Würde im Verrückten, und es ist weniger anstrengend. Und schließlich landete ich noch in dem vegetarischen Restaurant…“

Meine Verzweiflung war nicht gespielt. „Das hört sich alles gut an, Kinky“, sagte ich, „aber wer will wissen, was du heute gemacht hast? Erzähl doch mal ein wenig, wer du bist…“

Wir sahen uns lange an. Keiner sagte ein Wort. Wenn Schweigen Gold war, dann mussten wir bald in Klondyke sein.

„Viel interessanter ist, wer ich vielleicht ab 2006 bin“, brummte  Kinky schließlich und nahm einen extra tiefen Zug aus seiner inzwischen schwer zusammengeschmolzenen Zigarre. „Bekanntlich kandidiere ich für den texanischen Gouverneursposten. Nachdem ich dem Land einst den Song „I’m proud to Be an Asshole from El Paso“ und meine Band „Texas Jewboys“ schenkte, mit der ich für Clinton in Washington aufspielte, bin ich nun bereit zu weiteren und höheren Aufgaben. Why the Hell not Kinky?“

Das klang ziemlich weggebeamt, aber das behielt ich für mich. Immerhin hatte er „vielleicht“ gesagt. „Du tanzt ja wirklich auf vielen Hochzeiten“, sagte ich statt dessen. „Macht dir das als gut und gerne Sechzigjähriger gar nichts aus?“ Kinky grinste breit und fast gütig und hüllte sein und mein Gesicht in dichten Rauch. „Absolut nicht. Ich habe keine Angst zu sterben. Ich habe keine Angst zu leben. Ich habe keine Angst zu versagen. Ich habe keine Angst, erfolgreich zu sein. Ich habe keine Angst, mich zu verlieben. Ich habe keine Angst, allein zu sein. Ich habe nur Angst, dass ich für fünf Minuten aufhören müsste, über mich zu reden.“

Ich verdaute die Worte und hielt solange still. Wohl zu still. Der Kinkster leerte sein Glas und linste zu meinem Zigarrenetui, aus dem noch drei Partagás ihre Köpfe streckten. „Kann ich die haben?“ fragte er und wartete meine Antwort nicht weiter ab. „Du weißt ja, was Havannas angeht ist die Versorgungslage in unserem Land nicht optimal.“ Er ließ mir das Etui, legte Geld für unsere Drinks auf den Tisch und erhob sich. „Jetzt muss ich los,“ sagte Kinky, „war nett, dich mal wieder zu treffen.“ Und dann ging er, wahrscheinlich Katzenfutter im Nightshop kaufen. Ich ging auch. Vielleicht hatte Laffy ja eine Suppe auf der Flamme.

Archi W. Bechlenberg
Der Text ist zuerst erschienen in CIGAR – DAS LIFESTYLEMAGAZIN FÜR DEN MANN 2/06

Die kursiv gesetzten Passagen sind Originalzitate aus den Kinky-Friedman-Romanen “Lone Star” (Heyne), und “Wenn die Katze weg ist” (Heyne).


Richard F. “Kinky” Friedman, Jahrgang 1944, geboren in Chicago, Ill., jüdischer Herkunft, absolvierte ein Studium der Psychologie an der University of Texas. Er ist Countrymusiker, Schreiber von Kriminalromanen (inzwischen siebzehn Bände), in denen sein alter ego Kinky Friedman die Hauptrolle spielt und – laut eigener Aussage – Politischer Amateur. Political Correctness ist seine Sache nicht. Zu seinen bekanntesten Fans gehören Bob Dylan, Bill Clinton und Nelson Mandela. Friedman lebt in Texas und New York City. Mehrere seiner Romane liegen in deutscher Übersetzung vor, die Stories “Lone Star” und “Greenwich Killing Time” seit kurzem zudem als Hörbücher, kongenial gelesen von Wiglaf Droste. Ebenfalls bei Bear Family Records sind 2005 die Alben “Kinky Friedman” (mit dem legendären Song “They Ain’t Making Jews Like Jesus Anymore”) und “Lone Star from El Paso” mit Eric Clapton und Ringo Starr in der Begleitband auf einer gemeinsamen CD wiederveröffentlicht worden. 2006 wollte Friedman als unabhängiger Kandidat Gouverneur von Texas werden, was aber nicht gelang.

Seine Website hat die Adresse www.kinkyfriedman.com

“Kinky Friedman weiß um Schönheit und Scheiße des Menschengeschlechts” (Wiglaf Droste)

 
 
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