47 Jahre ist es her. Hans-August Staussberg, ein enger Weggefährte und Freund von Graf Berghe von Trips, fuhr im Vorfeld des Formel 1 Grand Prix von Frankreich in Reims ein von Gerhard Mitter gebautes Rennauto, das mit einem Dreizylinder-Zweitakt-Motor von DKW befeuert wurde. Das 998 ccm-Triebwerk leistete bis zu 95 PS. Mitter selber wurde mit dieser Konstruktion deutscher Formel-Junior-Meister 1960.
Und nun gab es ein Wiedersehen zwischen Fahrer und Rennauto: anlässlich der Schloss Dyck Classic Days am 4. und 5. August hatte Motorjournalist Tobias Aichele aus Stuttgart den seltenen Wagen nach Jüchen im Rheinland gebracht. Und Hans August Staussberg stieg ein, die alte und sichtbar kampferprobte Römer Halbschale auf dem Kopf.
Am 1. September wird er 70 Jahre alt, das Autorennen hat er schon lange hinter sich gelassen. Durch seine Freundschaft mit Graf Berghe von Trips war er zum Motorsport gekommen, damals Ende der 50er Jahre. Von 1958 bis 1962 fuhrt er in der Formel Junior, bis ein schwerer Unfall auf dem Nürburgring mit einem Lola der aktiven Leidenschaft ein Ende setzte. Das Lenkgestänge des rechten Vorderrads brach, der Wagen war nicht mehr steuerbar und fuhr in die Bäume, ein halbes Jahr Uniklinikum Köln war die Folge. Als dann auch noch zwei enge Freunde von Staussberg tödlich verunglückten nahm er seinen Abschied.
Eigentlich wollte Staussberg an diesem Wochenende auch das Rennen mitbestreiten, das im Rahmen der Classic Days in verschiedenen Kategorien abgehalten wurde, aber er überließ das Fahren dann doch Tobias Aichele. Vielleicht hatte ihn das Probesitzen in dem engen und alles andere als komfortablen Wagen nachdenklich gemacht. Oder sein linkes Knie, das seit dem Unfall vor 45 Jahren nicht mehr so recht gelenkig ist (übrigens schwärmt Schaussberg noch heute in den höchsten Tönen von den Nähkünsten der Notärzte am Nürburgring). Wie auch immer, es war ein kluger Entschluss, nicht selber zu fahren, wie sich später heraustellen sollte.
Angereist war Aichele, der auch für die historischen Aktivitäten der Solitude Rennen GmbH zuständig ist, mit dem Heiligs Blechle aus Stuttgart stilecht mit einem Transporter vom Typ Tempo Matador von 1961, auf dessen Ladefläche der Mitter DKW genau Platz findet. Eine reizvolle Kombination aus Nutz- und Sportfahrzeugen aus der Zeit um 1960, die im Fahrerlager viel Aufmerksamkeit hervorrief. Aichele ist in allem um Authentizität bemüht: Die Solitude Rennen GmbH hat sich auf die Planung und Durchführung individueller, maßgeschneiderter Fahrveranstaltungen, besondere Meisterschaften und besondere Jubiläen durch die Einbindung von Rennfahrerlegenden und die Pflege der Tradition spezialisiert.
Für Samstag Mittag war der erste Rennlauf vorgesehen, in dem der DKW mitfahren sollte. Tobias Aichele hatte wie erwähnt die Fahrerrolle übernommen, aber nicht viel Freude dran. Vom Fahrerlager bis zum Start war er problemlos zweitaktig knatternd gekommen, aber die Fahrfreude währte nicht einmal Sekunden. Gerade losgerollt blieb das Auto liegen. Ein Getriebeschaden machte alle Fahrpläne zunichte. Später wurde der DKW von der Strecke geholt und auf seinen Transporter gerollt, und mit dieser Kombination drehte Aichele dann eine vielbestaunte Ehrenrunde über die wunderbare Alleestrecke seitlich von Schloss Dyck.
Die Classic Days auf Schloss Dyck bewiesen eindrucksvoll, welche Faszination von alten Fahrzeugen auch heute noch auf die Menschen ausgeht. Mehr als 30.000 Zuschauer waren an diesem Augustwochenende zu dem alten Wasserschloss gekommen, um die Atmosphäre eines solchen Treffens zu genießen. Das fantastische Wetter tat sein übriges, um aus der Veranstaltung, die nach 2006 jetzt zum zweiten Mal stattfand, ein Ereignis zu machen, das wohl bundesweit einmalig ist.
Das Klassiker-Event ist in Deutschland ohnegleichen, weil es den Bogen von der Elite der Concours-Fahrzeuge zum volkstümlichen Oldtimer-Treffen für jedermann schafft und noch dazu Menschen, die sich nur am Rande für alte Fahrzeuge begeistern, mit der Szenerie des tausendjährigen Schlosses und dem Familienpicknick in seinen Ländereien ein wunderbares Erlebnis bietet. Kein Zweifel: Die Schloss Dyck Classic Days gehen direkt ins Herz. Seltene, internationale historische Exemplare aus dem Motorsport hautnah sowie die Ausstellung von Preziosen der Automobilbaukunst gehen eine betörende Mischung ein.
Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Classic Days e.V. mit Unterstützung des Rhein Kreises Neuss sowie Sponsoren. Dem Verein um Classic-Days-Initiator Marcus Herfort sind vor allem zwei Dinge wichtig: Erstens, dass der Zweck der Veranstaltung hehren Zielen dient, indem der Erlös der Stiftung Schloss Dyck zur Erhaltung von Bausubstanz und Parkanlagen zugute kommt und zweitens, dass die Veranstaltung als Trips Memorial an den 1961 bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommenen deutschen Ausnahme-Rennfahrer Wolfgang Graf Berghe von Trips erinnert. Dessen Fairness, fahrerische Leistung und sympathische Ausstrahlung leuchten noch über vier Jahrzehnte nach seinem Tod in Monza als Vorbild.
Zum internationalen Teilnehmerfeld zählte Rennfahrerlegende Jochen Mass, der mit dem Prototypen eines Werksrennwagens aus dem Mercedes-Museum startete. Mehr als 150 Oldtimer aus der ganzen Welt waren als Teilnehmer in Aktion zu bestaunen, allein 80 historische Rennwagen maßen sich auf einem 2,8 Kilometer langen Rundkurs in Gleichmäßigkeitsfahrten. Unter anderen mit dabei war Brutus, eine Rennwagenschöpfung aus einem Feuerwehr-Fahrgestell von 1907, garniert mit einem BMW-Flugzeugmotor aus den 20er Jahren. Er misst gut 3,9 Liter Hubraum – in jedem seiner zwölf Zylinder, macht zusammen 47 Liter und durchaus Geräusch. Es fuhr aber auch der Bugatti Tank – der erste Rennwagen mit verkleideten Rädern und aerodynamisch durchgestalteter Karosserie. Dieser Bugatti fuhr zum ersten Mal in Deutschland vor Publikum! Außerdem: Opel Werksrennwagen aus den goldenen 20ern, das “James-Dean-Modell” Porsche Spider und eine breite, bunte Mischung illustrer Renn- und Rallyefahrzeuge bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Sonderläufe galten dem Markenjubiläum von Ferrari und den “Great British Marques” im Sportwagenbau.
Beinahe ehrfurchtgebietend war auch das Teilnehmerfeld zum internationalen Concours d’Elegance. Hier versammelten sich zum Teil millionenteure Sammlerfahrzeuge: Mercedes-Benz, Maybach, Horch, Rolls Royce und Bugatti fügen sich wie Skulpturen in die Barockgärten des Wasserschlosses. Das ästhetische Erlebnis der hohen Kunst der Edelkarossen fand seinen Kontrapunkt in der Sonderschau “Fahrzeuge der Wirtschaftswunderzeit”, die volksnah die Volksmotorisierung nachzeichnete. Diese wäre ohne Motorräder nicht denkbar, weshalb auch Wertungsläufe mit den knatternden Zweirädern nicht fehlen durften.
Der Spannungsbogen von den teuersten Sammlerpreziosen zum konservierten Alltagsstück jüngerer Vergangenheit zeichnete verantwortlich für die einzigartige Atmosphäre der Veranstaltung. Goggomobil neben Rolls Royce – das fand auf den Oldtimerwiesen statt. Hier präsentierten Menschen ihr Hobby, mit dem sie sich dem Erhalt technischen Kulturguts verschrieben haben. Die meisten haben ihr Schätzchen in unzähligen Stunden selbst restauriert und setzen ein Statement wider die Wegwerfgesellschaft. Im Vorjahr kamen an beiden Tagen der Veranstaltung mehr als 2.300 Oldtimer auf eigener Achse zum Schloss. Vielen Clubs bieten die Classic Days Raum für Selbstdarstellung.
Einige Highlights:
- Ca. 30.000 PS in Concours d’Elegance und auf dem Rundkurs des Trips Memorial
- Millionenwerte im Schlosshof, z.B. vier Mercedes SSK. Ein solcher Fahrzeugtyp erzielte jüngst in London einen Versteigerungserlös von 4,8 Mio Euro. Im Teilnehmerfeld auch Ferraris bis zum Einzelwert von 4,3 Mio Euro und die Bugattis aus der Collection Schlumpf, deren Modell “Tank” einen Versicherungswert von 2,5 Mio Euro hat. Der jüngste Rundkursteilnehmer, ein Saleen GT Rennwagen aus USA Baujahr 2005, repräsentiert schon heute einen Wert von 550.000 Euro.
- Besonderen Augen- und Ohrenschmaus bieten allein 15 Bugatti, 10 Vorkriegs-Motorräder, 9 Monoposto-Rennwagen (Einsitzer, auch “Formel-Rennwagen” genannt) und 6 Ferrari in einem eigenen Sonderlauf zum Markenjubiläum, darunter der 30. jemals gefertigte Ferrari.
- Im Concours d’Elegance finden sich alle klangvollen Namen von Rolls Royce bis Horch, aber auch seltene, erlesene Preziosen, beginnend mit einem Renault von 1906 bis zum Einzelstück des australischen Herstellers Buckle aus den 50er Jahren.
- Im Concours zur Wirtschaftswunderzeit finden sich selbstverständlich Käfer und Isetta, jedoch auch seltene Nutzfahrzeuge wie Manderbach und Tempo Athlet.
Eine Veranstaltung wie diese – in denkmalgeschützten Schlossmauern und auf naturgeschütztem Parkland gibt den Veranstaltern eine große Verantwortung. Selbstverständlich wurde jede Park- und Ausstellungsfläche in den Schlossländereien einzeln in enger Abstimmung mit den Naturschutzbehörden festgelegt und die Belange des Denkmalschutzes bleiben gewahrt. Der TÜV nimmt jedes einfahrende Auto von A wie Abgasanlage bis Z wie Zustand der Ölwannendichtung akribisch unter die Lupe. Auf dem Rundkurs fanden lediglich Demonstrations- und Gleichmäßigkeitsfahrten statt, weshalb die Streckensicherung mit Strohballen nur Staffage nach historischen Vorbildern war. Nichts desto trotz wurde die gesamte Strecke aber von ausgebildetem Personal überwacht.
An beiden Tagen wurde ein familienfreundliches Programm geboten. Es waren historische Feuerwehren und Traktoren zu sehen, es gab Kinderanimation und Jazzmusik, die Stände verschiedener Oldtimer-Clubs und Aktivitäten auf dem Rundkurs rundeten das Programm ab. Im weitläufigen Schloss-Park präsentierten sich edle Klassiker in einer stilvollen Ausstellung, die Fahrerlager waren frei zugänglich und zu besichtigen.
Frei zugänglich war offenbar leider auch das Gelände für üble Gesellen: drei der wertvollen Fahrzeuge, darunter ein Ferrari F40 verschwanden – bisher – spurlos.
awb


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