TILL BRÖNNER – CHRISTMAS ALBUM

Weihnachtsplatten von Stars sind für mich die Beulenpest unter den Musiken. Sogar Chet Baker, immer auf der Suche nach einer Faust voll Dollar für Heroin, hat einmal zusammen mit ein paar Hobbymusikern eine Weihnachtsplatte mit dem Titel “Silent Nights” eingespielt. Er war halt alt und brauchte das Geld.

Jetzt also Till Brönner. Der ist jung und erfolgreich und könnte sich mit seinem Weihnachtsalbum ruhig noch 20 Jahre Zeit gelassen haben, aber das wollte er nicht. Ihm war jetzt, sicherlich auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere, danach, mit The Christmas Album dem weihnachtlichen Kanon seine ganz eigene, leidenschaftliche Version hinzuzufügen.

Ich gebe zu: mit sehr spitzen Fingern habe ich die CD eingelegt. Was kann man denn als Musiker und Arrangeur auch noch aus White Christmas, Last Christmas, Ault Lang Syne oder Silent Night rausholen, damit diese alten Sodbrenner nicht wie Zuckerguss die Gehörgänge verkleben?

Die Überraschung war groß: Das Christmas Album ist eine Platte, die ich nicht nur komplett von vorne bis hinten, sondern inzwischen schon einige dutzend Mal gehört habe. Grund genug für ein Gespräch mit dem Trompeter.

(ab) Till, deine neue Platte ist ein Album mit Weihnachtsmusik, und gerade mit Weihnachtsmusik tue ich mich persönlich recht schwer. Was war deine Motivation, diese CD zu machen?

(tb) Ich muss gestehen, ich bin ein Fan von Weihnachtsplatten, und ich  habe eine ganze Reihe davon im CD Schrank. Gerade im Jazz gibt es lange Tradition: Nehmen wir Ella Fitzgerald, Louis Armstrong oder Diana Krall. Ein Weihnachtsalbum kommt für die meisten Musiker nur  einmal im Leben. Und ich fand, nun sei ich soweit, selber eins zu produzieren. Und es ist wirklich ein sehr persönliches Album geworden, auf dem auch einige Stücke zu finden sind, die zwar keine echten Weihnachtslieder sind, die ich selber aber mit Weihnachten verbinde.

(ab) Kannst du ein Beispiel nennen?

(tb) Ja,’Moon River’. Das ist eigentlich kein Weihnachtslied, Audrey Hepburn singt es im sommerlichen New York im Film “Frühstück bei Tiffany’s”. Geschrieben hat es Henri Mancini, und bei ihm höre ich grundsätzlich immer ein wenig die Schneeflocken fallen. Vielleicht weil ich mich erinnern kann, dass ich eine Platte mit seiner Musik vor Jahren kaufte und sie gerade in der Adventszeit immer wieder spielte. Ein anderes Beispiel ist ‘Nature Boy’ von Eden Ahbez aus dem Film ‘The Boy with Green Hair’ aus dem Jahr 1948, ebenfalls kein Weihnachtslied. Aber es enthält die Textzeilen “The greatest thing you’ll ever learn is just to love and be loved in return” – klingt das nicht wunderbar nach einer Weihnachtsbotschaft?

(ab) Dann hättest du auch noch ‘Money, Money, Money’ mit aufnehmen müssen…

(tb lacht) Ich sehe Weihnachten schon differenziert, auch wenn ich sehr schöne Erinnerungen an das Fest aus meiner Kindheit habe. Und heute bin ich selber Vater und mache mir so meine Gedanken. Genau davon handelt der Song ‘Christmas is never’, der die melancholische
Seite von Weihnachten thematisiert. Gesungen hat es Curtis Stigers, ein Sänger, den ich seit langem bewundere. Ich schrieb den Song und schickte Curtis eine eher holprige Demoversion. Der Song gefiel ihm, und wir schickten ihm schickten ihm bald unsere CD-Version, die wir sauber ausproduzierten und mit einigen kleinen Änderungen versahen, die uns schlüssig erschienen. Was noch fehlte, war Curtis’ Gesang. Es verging fast eine Woche ohne ein Lebenszeichen und als ich mich vorsichtig bei ihm erkundigte, platzte es aus ihm heraus, wie enttäuscht er von der neuen Version sei, zu der er schlicht keinen Zugang mehr habe. Er hatte sich so in die “holprige” Version verliebt, dass es für ihn dazu keine Alternative mehr gab. Was wir also hören ist eine Art Ur-Version von ‘Christmas is never’, bei der wir es dank Curtis belassen haben. Er hatte vollkommen Recht mit seiner Empfindung gehabt.

(ab) Das gefällt mir sehr, ich habe eh schon oft den Eindruck gehabt, du lässt anderen Musikern immer viel Raum und spielst dich nie in den Vordergrund, wie man auch immer wieder bei den Talkin’ Jazz Abenden in Bonn sehen kann…

(tb) Es freut mich, wenn du das so siehst, für mich ist das eine Selbstverständlichkeit.

© Michel Haddi

(ab) Auf dem Christmas Album arbeitest du mit einigen weiteren großen Musikern zusammen, zum Beispiel deinem Trompetenkollegen Chris Botti…

(tb) Ich fragte Chris, ob er sich ein Duett mit mir vorstellen könne. Wir haben noch nie zusammengespielt, es hat sich einfach nie ergeben. Über das Treffen in ‘Notes on Snow’ habe ich mich sehr gefreut. Damit eine klare Zuordnung möglich ist, spielt Chris die offene Trompete und ich die gestopfte. Das hat wunderbar funktioniert und unser Dialog am Ende gehört sicher zu den Highlights dieses Albums. Auf dem gleichen Stück hört man auch Dominic Millers Gitarre. Mit nur einer Note schafft dieser Mann, den man durch seine Arbeit mit Sting, Phil Collins oder Peter Gabriel kennt, bereits eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Sein Solo bildet den Ruhepol dieses Stücks.

(ab) Weitere Namen sind Kim Sanders, Stevie Woods, Frank McComb und die bereits legendären New York Voices, Don Grusin, Frank Chastenier und das Deutsche Symphonie Orchester Berlin. Diese Vielfalt steht für das Album – von symphonisch bis intim…

(tb) Ja, so wie eben auch das Weihnachtsfest ist, in all seinen Facetten. Der Einstieg mit ‘We wish you a happy Christmas/Joy to the world’ drückt das bereits aus. Weihnachten ist sicher das Fest der Feste, und daran wollten wir zur Einstimmung mit unserer Ouverture keinen Zweifel lassen. Und das haben wir mit dem ganzen Album versucht auszudrücken.

(ab) Über einen Namen bin ich zunächst gestolpert: Yvonne Catterfeld. Die würde man nun wirklich nicht auf einem Till Brönner Album erwarten…

(tb) Hast du sie mit ‘Better Than Christmas’ gehört?

(ab) Ja. Fantastisch!

(tb) Don Grusin, Richard Rudolph und Natali Rene haben diesen Song geschrieben, den ich für einen zukünftigen Weihnachtsklassiker halte. Als wir ein Demo davon hörten, wussten wir, dass es Yvonne auf den Leib geschrieben war. Wirklich, wir wollten dieses Lied niemand anderes singen hören als sie. Eine Absage hätte wahrscheinlich zur Streichung des Tracks geführt. Zum Glück sagte sie zu. Im Studio wurden wir Zeuge, wieviele stimmliche Farben Yvonne zur Verfügung hat. Sie kam perfekt vorbereitet in’s Studio und hatte alle musikalischen Stromschnellen schon vorher ausgemacht und erarbeitet. Wie schön,dass es hierzulande solch ein Allround-Talent gibt!

(ab) Dem muss ich zustimmen, und man kann nur hoffen, dass sie ihre fantastische Stimme auch zukünftig für solche anspruchsvollen Projekte zur Verfügung stellt.

(tb) Da bin ich ganz sicher!

© Michel Haddi
© Michel Haddi

(ab) Wenig bekannt ist hierzulande auch Frank McComb, mit dem du im November einen Talkin’ Jazz Abend in Bonn gemacht hast, der zwar schreckliche Klamotten trägt, aber ein wunderbarer Sänger ist. Du warst ja auch gerade mit ihm bei Stefan Raab…

(tb) Frank McComb steht künstlerisch auf einer Höhe mit den größten R’n B-Künstlern dieses Erdenballs. Er war mein Wunschkandidat, und seine Zusage war eins der schönsten Weihnachtsgeschenke für mich. Frank ist in der Lage einen Song zu seiner persönlich erlebten Geschichte zu machen und ihn damit aus jeder Beliebigkeit zu reißen.

(ab) Mir gefallen ganz besonders die Stücke, in denen man das Deutsches Symphonie Orchester Berlin hören kann, da sehe ich direkt alte Hollywoodstreifen mit Bing Crosby oder Jimmy Stewart vor mir…

(tb) Ein ganz klarer Fall für Nan Schwartz, eine der versiertesten Orchester-Arrangeurinnen aus Los Angeles, die schon bei meinen Alben mit Mark Murphy und Thomas Quasthoff sofort verstand, wohin die Reise gehen sollte. Nan ist aus meinen Produktionen nicht mehr wegzudenken. Wir hören ein Deutsches Symphonie Orchester Berlin in Top-Form und eine Seite an mir, die ich nur selten und sehr vorsichtig anklingen lasse, denn mein Respekt vor diesem Genre ist grenzenlos.

(ab) Till, danke für das schöne Album und das Interview, wie wirst du Weihnachten verbringen? So sinnlich wie im Video zu ‘White Christmas’?

(tb)Das wäre nicht schlecht! (lacht). Auf jeden Fall werde ich viel Zeit mit meinem Sohn verbringen, der jetzt in einem Alter ist, wo er Weihnachten richtig bewusst wahrnehmen kann.

(ab) Zum Abschluss noch eine Frage zu Talkin’ Jazz: geht es im kommenden Jahr weiter? Gibt es schon einen ersten neuen Termin, und steht schon der Gast fest?

(tb) Ja klar, es geht weiter, ich denke, es wären sehr viele Menschen traurig, wenn es die Reihe nicht mehr gebe. Fest stehen bereits Abende im Februar und März, was die Gäste angeht, lass dich überraschen…

© Michel Haddi
© Michel Haddi

Till Brönner – The Christmas Album

01. We Wish You A Merry Christmas/Joy To The World (feat. Deutsches Symphonie Orchester Berlin)
02. White Christmas (vocal: Till Brönner)
03. Santa Claus Is Coming To Town (vocals: New York Voices)
04. Last Christmas
05. Silent Night (feat. Deutsches Symphonie Orchester Berlin)
06. What Are You Doing New Years Eve (vocal: Frank McComb)
07. Better Than Christmas (vocal: Yvonne Catterfeld)
08. Notes On Snow (trumpets: Till Brönner & Chris Botti / guitar: Dominic Miller)
09. Winter Wonderland (vocal: Stevie Woods)
10. Moon River
11. Nature Boy (vocal: Kim Sanders / piano: Don Grusin)
12. Christmas Is Never (vocal: Curtis Stigers)
13. Auld Lang Syne (feat. Deutsches Symphonie Orchester Berlin)

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