Meinen ersten Mini kaufte ich von einer weinenden Friseuse. Sie liebte das Auto, aber ihr Mann wollte unbedingt einen BMW haben, und da war für ihren Zweitwagen kein Geld mehr vorhanden.
Nie werde ich die Probefahrt vergessen. Alles war eng und kuschelig. Nein, nicht alles war eng, hinterm Steuer war erstaunlich viel Beinfreiheit, und die nutzte ich auch bald aus, indem ich von Minute zu Minute mutiger wurde und Gas gab. Das war ein Fahrgefühl wie in einem Go Cart, man saß knapp über dem Asphalt und merkte, dass der kleine Wagen souverän wie auf Schienen durch die Kurven zog. War das geil! Ich brach die Probefahrt früher ab, als ich gedacht hatte, denn ich wollte, dass der Wagen so schnell es nur ging mein würde.
Ich nannte das Auto Zapata, nach dem mexikanischen Revolutionshelden. “Besser aufrecht sterben, als auf den Knien leben!” war seine Devise, was ich in “Besser in einem Mini unter einem LKW als in einem Opel auf dem Weg zum Entenfüttern” übersetzte.
Das war im Frühjahr, und im Sommer fuhren wir mit dem Mini in Urlaub, zwei Personen mitsamt komplettem Gepäck. Gut, das meiste war nicht im lächerlichen Köfferchenräumchen, sondern auf der Rückbank verstaut, deren Sitz ich zuvor ausgebaut hatte. Und einen Dachgepäckträger hatten wir auch, wenn ich mich richtig erinnere. Wir verbrachten diesen Urlaub auf der englischen Kanalinsel Guernsey, auf der der Mini ein ganz normales und von niemandem beachtetes Fahrzeug war. Vor allem lilahaarige alte Damen, die wie die Witwen von Admiralen und Generälen aussahen machten damit ihre Erledigungen, die Parkplätze des Supermarktes sahen aus wie ein europaweites Minitreffen.
Dem ersten Zapata folgten weitere, mal in schwarz, mal in rot, mal in dunkelblau, mal in british racing green. Es ging mit Minis durch ganz Frankreich, in die Provence, die Pyrenäen, die Bretagne oder auch nach Spanien, nach Andorra, in die Schweiz, wo ein Zöllner nach einem Blick aufs Nummerschild nicht glauben mochte, dass wir damit von soweit nördlich gekommen waren. Als bis dato letzten besaß ich dann einen wunderschönen Mini Cooper mit Ledersitzen und Wurzelholzinnenverkleidung und Holzlenkrad und breiten Revolutionfelgen (was auch anders bei einem Auto, das Zapata hieß?) und einem dezent modifizierten Motörchen, das so manchem Sportwagenfahrer auf der Autobahn und vor allem auf Passstraßen in den Haarnadelkurven das Wasser in die Augen treiben konnte. Mit diesem Mini hatte ich meinen einzigen Unfall, ein Mitteleuropäer, dessen Herkunft ich nicht petzen will, fuhr mir von links derart zügig rein, dass der Mini, ohnehin nicht eben breit, auf die Hälfte zusammengefaltet wurde. Welch ein Glück, dass der Kamikazefahrer seinen Wohnwagen nicht dabei hatte.
Der Mini war ein wirklich sensationelles Fahrzeug, das Chefkonstrukteur Sir Alec Issigonis im Jahr 1959 entworfen hatte. In dem 3 Meter langen und anfangs nur 37,5 PS starken Automobilzwerg fanden vier Personen Platz. Ein ebenso einfaches wie geniales Fahrwerk sorgte zudem für besonderen Fahrspaß.
In seinen Grundfesten ist der Mini bis zum letzten Jahr seiner Produktion 2000 41 Jahre lang unverändert gewesen, auch wenn im Laufe der Jahre luxuriöse Dinge wie eine Heizung, bequemere Sitze, nach und nach stärkere Motoren und zuletzt sogar ein Fahrerairback dazu kamen. Aber sehen Sie sich alte Spielfilme an, die in England spielen: irgendwo im Straßenbild tauchten immer wieder Minis auf, die so aussahen wie ihre Enkel und Urenkel um das Jahr 2000.
“Herr Doktor, mein Hund rennt
immer den Minis nach.”
“Aber das ist doch nichts besonderes,
das machen alle Hunde.”
“Ja stimmt. Aber meiner fängt sie
und vergräbt sie im Garten.”
Auch gab es regelmäßig Sondermodelle und Ableitungen wie den Clubman, den Moke oder den in Italien gebauten Innocenti sowie verschiedene Cabriovarianten und ab 1990 den wiederaufgelegten Cooper, ein Auto, das dem Fan keine Wünsche mehr offenließ, höchstens, dass man an Vergaser und Luftfilter kleinere Modifikationen vornahm, um aus dem querliegenden 1275 ccm Motörchen noch reichlich PS mehr rauszukitzeln.
Dass Minifahrer sich auf der Straße gegenseitig grüßen ist selbstverständlich, und sie verteidigen ihr Auto vehement gegen jeden, der sich unfreundlich – also unwissend – über das Auto äußert. Wenn der Mini wirklich so schlecht gewesen sein soll wie manche Ignoranten zu wissen glauben, wie konnte dieses Auto dann über Jahrzehnte hinweg erfolgreich gebaut und verkauft werden? Nein nein, Leute, das passt nicht zusammen. Und wenn man immer genug Werkzeug im Kofferaum mitführte kam man auch aus nahezu jeder Panne ungeschoren wieder heraus. Ich hatte schon bald eine gewisse Meisterschaft im Minireparieren erlangt, Vergaser auf und zumachen, Wasserpumpe neu abdichten, Zündkontakte oder Verteilerkappe erneuern, die Lichtmaschine von British Elend wechseln (“Dark, darker, Lucas”) oder auch mal auf offener Strecke die Zylinderkopfdichtung wechseln (1,5 Stunden inklusive Ventileneueinstellung, man hatte ja schließlich immer eine Dichtung für den Kopf und den Ventildeckel sowie eine Stroboskoplampe dabei) war alles kein Problem. Und das, obwohl die Konstrukteure den ohnehin schon begrenzten Motorraum im Laufe der Jahre mit weiteren Gimmicks wie einem Bremskraftverstärker, einem Kühlerventilator, Doppel SU Vergaser und einem Ölkühler aufpimpten sowie die mechanische Zündanlage durch eine buchgroße elektrische ersetzte. Es war wirklich verblüffend zu sehen, aus welch nicht vorhandenem Platz man noch Raum herausholen konnte, auch wenn man schließlich kaum noch einen Finger reinbekam.
Meinen bisher letzten Mini kaufte ich von einer weinenden Abiturientin; sie studierte fortan im 80 km entfernten Köln, und ihr Vater war der Meinung, sie brauche für die Autobahn ein richtiges Auto. Wahrscheinlich einen Opel Corsa oder VW Polo oder irgendein anderes Fahrzeug von der Sorte, denen man keinen Namen gibt.
awb
Im Heel Verlag ist ein wunderbares Buch für Minifans und -nostalgiker erschienen. Mini-Spezialist Graham Robson beschreibt darin reichhaltig bebildert die einzigartige, inzwischen 41-jährige Erfolgsgeschichte des Kleinwagens. Das Buch ist üppig illustriert mit seltenen zeitgenössischen Archivfotos sowie mit eigens geschossenen Aufnahmen. Es erhellt die gesamte Minigeschichtem von Konzeption und Entwicklung bis zum Ende nach 41 Jahren, und es stellt überzeugend dar, weshalb der Mini seinen Platz in der Automobilgeschichte und nicht zuletzt auch in der Motorsportgeschichte gesichert hat und im Herzen seiner Fans und Fahrer noch lange weiterleben wird.
Mini
Eine Hommage an die Kleinwagen-Legende
Bibliografie: ca. 160 Seiten
ca. 350 größtenteils farb. Abb.
255 x 255 mm
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-89880-819-4



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