Leidenschaft, Sehnsucht und Wehmut. Der Tango

Sicher, der Tango ist ein Tanz. Aber er ist weit mehr als das: Der Tango ist Leidenschaft, seine Melodien und Texte zeugen von Sehnsucht, zerbrochener Liebe, von Schmerz und Wehmut. Tango, das ist Melancholie in Melodien.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand im argentinischen Rotlicht- und Kneipenmilieu der Tango unter dem Einfluss mitteleuropäischer Einwanderer. Aber seine tiefsten Wurzeln liegen in afrikanischen und spanische Melodien, die im La-Plata-Gebiet aufeinander trafen. Es dauerte nicht lange, und er breitete sich von Buenos Aires und Montevideo über die gesamte Welt aus. Denn schon bald hatten der Tanz und die Musik ihre zwielichtige Herkunft überwunden, Reisende der oberen gesellschaftlichen Klassen brachten Anfang des 20. Jahrhunderts den Tango von ihren Reisen in Argentinien und Uruguay nach Europa mit, vor allem nach Paris. Und von dort aus verbreitete sich dieser “neue, beunruhigende Tanz” über den ganzen Kontinent.

Zunächst galt der Tanz noch als wild und anstößig, doch nach einer gewissen Phase der “Europäisierung” wurde er immer populärer und gehört bald zu den sogenannten Standardtänzen. In den 1990er Jahren wurde die ursprüngliche Tangoform, der Tango Argentino, wiederentdeckt und avancierte zusammen mit Salsa und Merengue zum Modetanz.

Einer der größten Stars des Tango war der Sänger und Komponist Carlos Gardel, der als die wichtigste Persönlichkeit des Tangos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Gardel (eigentlich Charles Romuald Gardès) wurde 1890 in Toulouse in Südfrankreich geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Buenos Aires.  Er war der weitweit berühmteste Star des Tangos und 2003 wurden seine Originalaufnahmen durch die UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt. Gardel wurde nur 45 Jahre alt, er starb bei einem Flugzeugabsturz. Millionen seiner Fans weinten um ihn, mehrere begingen Selbstmord. In Argentinien geht heute noch die Redensart um: „Gardel singt mit jedem Tag besser“. Ein Vers aus seinem Tango Volver wird zum geflügelten Wort in ganz Lateinamerika: Veinte años no es nada (Zwanzig Jahre sind ein Nichts). Gardel ist auf dem Friedhof La Chacarita in Buenos Aires begraben.

Bandoneon und Gitarre, die typischen Instrumente des Tangos. Abbildung aus: Eduardo Araníbar: Tango

Bandoneon und Gitarre, die typischen Instrumente des Tangos. Abbildung aus: Eduardo Araníbar: Tango

Einen großen Anteil an der “Tangoisierung” Europas hatte der Bandoneonspieler Astor Piazzolla, der den Stil des “Nuevo Tango” prägte und bei Traditionalisten zeitweise überaus umstritten war. Geboren 1921 im argentinischen Mar del Plata wuchs er zunächst in den USA, in New York auf, wohin seine Eltern 1925 ausgewandert waren. Als er neun Jahre alt war schenkte sein Vater ihm ein Bandoneon, und bereits mit elf Jahren komponierte Astor seine ersten Tangos. Mit 12 Jahren trat er öffentlich auf und spielte auf dem Bandoneon (ein aus Deutschland stammendes Instrument, das von dem Krefelder Instrumentenbauer Heinrich Band entwickelt wurde) Konzerte von Mozart, Bach und Rossini.

In vielen Tangos besungen, stiftet das Bandoneon mit dem Tango bis heute eine Identität und wird in Südamerika liebevoll auch als beste deutsche Erfindung gepriesen. Die Bandoneonisten in den dortigen “Barrios” (Stadtvierteln) haben die Bandoneon-Spieltechnik und Stilistik seit vielen Generationen vorzüglich gepflegt und weiterentwickelt. Es wird nach Noten gespielt und gelehrt.

Als die Familie Piazzolla nach Buenos Aires zurück zog spielte Astor dort in einer Vielzahl von Orchestern, und 1946 gründete er sein erstes eigenes. Seine musikalischen Arrangements und Kompositionen waren einzigartig und unvergleichlich, und in den folgenden Jahrzehnten wurde Astor Piazzolla zum berühmtesten Tangomusiker der Welt. Er brachte den Tango, die einst im Rotlicht aufgewachsene Musik, in unermessliche Höhen, und das in einem solchen Maße, dass es, im ästhetischen Sinne, vielen Tangoliebhabern nicht möhlich war, ihn zu verstehen. Seine Kompositionen des Tango Nuevo, die ab 1955 nach seiner Rückkehr nach Argentinien entstanden, sind als Konzertmusik angelegt und somit „nicht tanzbar, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Sie fordern vielmehr zum konzentrierten Hören auf. Piazzolla entwickelte den Tango weiter und assimilierte für diesen Zweck höchst unterschiedliche Einflüsse.“ (Eckhard Weber) Sein Erbe war für diejenigen, die ihm folgten und nach ihm kamen, mit der schwierigen Aufgabe belastet, sich zumindest teilweise von seinem Einfluss zu lösen, um neue Wege beschreiten zu können. Ohne Zweifel war Piazzollas Arbeit als Interpret und Komponist eine Revolution und läutete die stärkste avantgardistische Bewegung ein, der der Tango je erfahren hat.

Youtube: Astor Piazzolla: Adios Nonino

Heute kann man Tango auf der ganzen Welt hören, er ist im besten Sinne des Wortes zur Weltmusik geworden. Kaum zu glauben: vor allem in Finnland erfreut er sich der größten Beliebtheit. Der finnische Tango wird nicht als kunstvoller Tanz südamerikanischer Art getanzt. Die Tanzpaare bewegen sich meistens im Grundschritt. Der Tanz gilt nicht als Performance, sondern ist ein Element des Alltags. Er wird nach Lust und Laune praktiziert, wobei nicht Können, sondern Spaß entscheidend ist. Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki benutzt sehr gerne finnische Tangos als Teil der Filmmusik zu seinen Filmen. Über den Tango urteilte er: „Der Tango ist nun mal unsere Nationalmusik.“

“Aus der Dunkelheit und wie durch Magie kamen Töne einer fremdartigen Musik, anzüglich und fesselnd. Im dämmrigen Licht der Laterne konnte man eine Dreiergruppe von Musikern erkennen – Gitarre, Querflöte und Mundharmonika -, von denen dieser besondere Klang ausging. Zwei Männer kamen näher heran, schlossen kurz die Augen und musterten sich gegenseitig. Doch statt die Messer zu zücken, knöpften sie ihre Jacken zu, machten einen Schritt vorwärts, umarmten sich gegenseitig und fingen an zu tanzen. Sie probten die ersten Schritte eines Rhythmus, der in der letzten Woche aus einigen der benachbarten Bordelle zu hören gewesen war. Es hieß, sein Name sei Tango.”

Ein prächtiger, großformatiger Bildband ist nun über den Tango erschienen. “Tango” von Eduardo Araníbar erzählt die Geschichte seiner Entstehung und porträtiert die Sänger und Sängerinnen, die für die Entwicklung dieses Tanzes, der zum Synonym für Erotik geworden ist, besonders bedeutungsvoll sind. Aber auch Solisten, Komponisten und die berühmtesten Orchester werden vorgestellt, dazu sind die “Evergreens” des Tangos sowohl im Original als auch in deutscher Übersetzung nachzulesen.

Großformatige, stimmungsvolle Fotos der faszinierenden Metropole Buenos Aires, aber auch  historische Reproduktionen alter Plakate, Plattenlabel und Musikerporträts machen diesen aufwändig gestalteten Bildband zu einem ganz besonderen sinnlichen Erlebnis. Und die beigelegte Musik-CD wird mit Sicherheit so manchen Leser zum Tanzen verführen.

awb

Eduardo Araníbar
Tango
190  Seiten, 157 farbige Abbildungen
230 x 325 mm
gebunden mit Schutzumschlag
29,90 Euro
ISBN: 978-3-86852-000-2

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