“Man erreicht mehr mit einem freundlichen Wort
und einer Pistole als mit einem freundlichen Wort allein.”
Al Capone
Beim Begriff “Organisiertes Verbrechen” denken die Meisten wohl an “Mafia”, ein Begriff, der geradezu als Synonym für bandenmäßige Kriminalität steht.
Keine verbrecherische Gruppierung ist legendärer. Dabei gibt es sie im konkreten Sinne gar nicht. “Mafia” steht nämlich als Ausdruck zunächst nur für eine Vielzahl von Verbrecherorganisiationen in Italien, die wenig oder nichts miteinander (oft eher gegeneinander) zu tun haben. Seien es Banden in Sizilien oder in Neapel oder Kalabrien. In Italien selber bezeichnet “Mafia” auch das unendlich weit verzweigte Netz von Absprachen und Korruption, das die gesamte italienische Gesellschaft durchzieht. Sozusagen die Hardcoreversion des deutschen “Klüngels”.
Das organisierte Verbrechen ist eine in allen Lädern der Welt aktive Branche mit Milliardenumsätzen. Die Globalisierung des 21. Jahrhunderts trägt dazu massiv bei und sorgt dafür, dass die weltweit operierenden Organisationen wirtschaftlich und auch politisch immer noch mehr an Einfluss gewinnen. Innerhalb der globalen Wirtschaft von heute hat sich parallel eine globale Welt des Verbrechens entwickelt, in der einige transnationale kriminelle Organisationen mehr wirtschaftliche Macht besitzen als mancher Nationalstaat
Eine Geschichte des organisierten Verbrechens ist schwer zu erstellen. Verbrecherorganisationen führen keine Protokolle und halten keine Gründungsversammlungen ab. Manche Organisationen, wie die sizilianische Mafia, waren ursprünglich Geheimbünde, die lange Zeit selbst ihre eigentliche Existenz geheim hielten. Der englische Autor David Southwell hat sich dennoch an eine Geschichte des organisierten Verbrechens heran gewagt und darüber ein Buch verfasst, nicht ohne persönliche Risiken und Gefahren für Leib und Leben, wie er verrät.
Das Buch führt uns einmal rund um die Welt. Wir erfahren Fakten über kriminelle Organisationen wie der italienischen Mafia, der US-amerikanischen Mafia, die Yakuza in Japan, die Triaden in China und die Organisazija in Russland. Ebenfalls zu den verbrecherischen Organisationen gehören die zahlreichen Banden in den USA wie den Motorradgangs sowie eine weitverzweigte Bandenszene in Europa. Auch die “Branchen”, aus denen das organisierte Verbrechen seine Profite schöpft, werden aufgelistet, Entführung, Erpressung, Schmuggel, Fälscherei, Drogenhandel, Sex, Autoschieberei, Internetkriminalität, aber auch Tier- und Buschfleichschmuggel und Finanzierung des Terrorismus gehören dazu.
So verschieden auch historisch und aktuell die weltweit operierenden Organisationen und Bande auch sind, sie haben auch manche Gemeinsamkeit. Bei vielen gehören zum Beispiel umfangreiche Rituale zur Aufnahme eines Mitglieds. Dazu gehören das begehen eines Mordes ebenso wie das Einschwören auf einen Schutzheiligen bei der sizilianischen Mafia.
“Zum Ritual gehört das Ablegen eines absolut geheimen Treueeides, während dessen man ein brennendes Heiligenbild in Händen halten muss. Anschließend nimmt der direkte Vorgesetzte des Neulings, sein Capo, ein Messer und schneidet ihm in die Hand. Das Feuer symbolisiert das Ende des alten Lebens und das Blut steht für die Geburt in der neuen Mafiafamilie. Bei der Aufnahme in die Camorra wird dem Neuling die Verletzung anders beigebracht: Er muss eine Münze vom Boden aufheben, während die anderen Mitglieder versuchen, ihm ihre Messer in die Hand zu stoßen.”
Southwells Buch ist eine hochinteressante Chronik des organisierten Verbrechens bis in die jüngste Zeit. Es lässt auch keinen Zweifel an den Ursachen von Kriminalität: Armut, Reglementierung und schlichte menschliche Gier. Der Autor spricht auch kritische Gedanken aus, so weist er darauf hin, das manche Verbots- und Steuergesetze der Staaten dem Verbrechen vorzüglich in die Hände spielen, man denke an die Alkoholprohibition in den USA oder die drastischen Steuern auf Tabakwaren. Hier führt er als Beispiel Canada auf, wo die Verdreifachung der Tabaksteuer zu einem sprunghaften Anstieg der Schmuggelaktivitäten führte. Die Gewinne der Schmuggler stiegen ins Uferlose, was schließlich die canadische Regierung zwang, die Steuer 1994 zu halbieren. Southwells Fazit: “Der Mut, dieses Prinzip auch in anderen Bereichen anzuwenden, würde vielen großen Verbrecherorganisiationen sicher mehr Kopfzerbrechen bereiten als jede Androhung härterer Strafen und aufgestockter Polizeibudgets von Seiten der Regierung.”
Das Buch enthält einige kleinere sachliche Fehler. So war der von Hells Angels auf dem Festival von Altamont ermordete Meredith Hunter ein Mann und keine Frau, wie der Text schreibt, und für Christiania, der “Freistadt” in Kopenhagen, sind nicht schwedische, sondern dänische Behörden zuständig, aber diese Fehler können auch Folge einer falschen Übersetzung sein. Das trübt den Gesamteindruck des – übrigens sehr interessant illustrierten – Buches keineswegs, das man als Science-Krimi mit realen Hintergründen bezeichnen kann. Sehr angenehm ist, dass sich der Autor jeglicher reißerischer Effekte enthält, und auch eine anderswo häufig anzutreffende sentimentale Verklärung der Geschehen fehlt völlig. Das Buch ist spannend und manchmal auch staunend zu lesen. Solange man nicht auf den Gedanken kommt, man habe den falschen Beruf ergriffen.
David Southwell
Geschichte des organisierten Verbrechens
Mafia & Co. – Das Global Business des Verbrechens
Fackelträger Verlag GmbH
gebunden mit Schutzumschlag, s/w Abb.
416 Seiten, Format 14 x 21,4 cm
ISBN-13: 978-3-7716-4344-7
EUR 22.95



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