Die Reise ans Ende der Nacht – zum Inhalt und zur Rezeptionsgeschichte

Eine Einführung von Michael Farin

Wie ein Meteorit schlug Louis-Ferdinand Célines Erstling im Jahre 1932 ein. Von der Kritik sogleich als ein Meisterwerk der französischen Literatur begriffen – und als ein Meisterwerk der Weltliteratur –, galt sein Autor, mit bürgerlichem Namen Louis-Ferdinand Destouches (1894-1961), fortan als einer der bedeutendsten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein literarischer Fixstern, der so manchem den Weg wies.

Auch heute noch erfüllt Célines gewaltiger Roman Voyage au bout de la nuit mühelos all die zahllosen, ihm zugeschriebenen Attribute mit Leben: Er lässt sich als Monument menschlicher Zerrissenheit lesen wie auch als Hymne auf die Anarchie, als Tirade auf den Ekel wie als permanente Ohrfeige für jeden und alles, als bombastische Dekonstruktion aller Werte oder, wie er selbst schrieb, gar als Zeugnis eines kompletten Deliriums.

Isak Grünberg, Autor der ersten deutschen, bereits 1933 erschienenen (allerdings vom Verlag arg verstümmelten) Übersetzung, sah in diesem Roman “ein Bombenattentat, gerichtet nicht gegen einzelne glänzende, aber längst unterhöhlte Paläste, sondern gegen den ganzen Bau unserer Menschenwelt. … Ein schriller Schrei, der unliebsam in den Schlaf der Schläfer klingelt.“ Und für die Augen Leo Trotzkis öffnete sich mit diesem Roman „ein Panorama der Absurdität des Lebens, seiner Grausamkeiten, seiner Verletzungen, seiner Lügen, ausweglos und ohne ein Licht der Hoffnung“.

Die euphorischen Reaktionen anlässlich der ersten vollständigen und adäquaten deutschen Übersetzung durch Hinrich Schmidt-Henkel schrieben diese Sichtweise fort. Andreas Isenschmid etwa versteht die Lebensreise des Protagonisten, des Medizinstudenten und späteren Armenarztes Bardamu durch den Ersten Weltkrieg, psychiatrische Kliniken, französische Kolonien in Afrika, nach New York und zurück in die französischen Vorstädte als Erkundung des von Freud beschriebenen „Todestriebes“: „Es gibt wohl nicht viele Romane, die die gesellschaftliche Dunkelheit der Zwischenkriegszeit in so enzyklopädischer Totalität und so bedrückend von unten, aus der Sicht der Erniedrigten zeigen.“

Doch es ist nicht allein die nihilistische Radikalität von Célines Welt- und Werteverachtung, es ist auch Célines revolutionäres Umsetzen gesprochener Sprache in hochrangige Prosa, sein Mix aus Pariser Argot, aus Hochsprache, Fachsprache und ideologischen Worthülsen, die diesen Roman als permanente Revolte erscheinen lassen. Schriftsprache und zerbrochene Sätze, Grobheiten und feinste Satire, wohlanständige Sprechblasen und tiefschürfende Unmittelbarkeit prallen darin nahezu ungeschützt aufeinander und erzeugen einen unwiderstehlichen Sog, einen Drive, der die Sprache sprengt und dadurch freisetzt.

Verfasst unter dem schockierenden Eindruck des großen Schlachtens im 1. Weltkrieg, ist die „Reise ans Ende der Nacht“ ein wilder Aufschrei gegen die Verkommenheit einer Welt, die ihre Rechnungen auf Kosten der Armen begleicht, in der Hass und Niedertracht das Leben bestimmen – ein wüstes, anarchisches Buch voll sprachlicher und gedanklicher Explosivkraft, mit dem ein neues, bahnbrechendes Kapitel in der Geschichte des Romans begann. Die Aktualität seiner radikalen Zivilisationskritik ist bis heute ungebrochen. Oder um Philip Roth zu zitieren: „Um die Wahrheit zu sagen: Mein ‚Proust’ in Frankreich, das ist Céline!“

Célines „dunkle“ Seite sei hier aber ebenfalls noch kurz angesprochen: sein 1937, fünf Jahre nach Erscheinen der „Reise“, in drei Büchern erschreckend forsch publizierter, ganz und gar nicht begreifbarer und in jeder Hinsicht unentschuldbarer Antisemitismus. Auf eines dieser Bücher, Bagatelles pour un massacre, spielt Céline in dem 1946 geschriebenen Vorwort zur Reise an. Beide gegeneinander abwägend, erklärt er aber dennoch die Reise zum einzig wirklich bösen von all seinen Büchern. Das ist sicherlich nicht nur als ein rhetorischer Schachzug mit dem Ziel der Verschleierung seiner Schuld zu verstehen. Es ist ein Hinweis für den Leser/den Hörer: Berüchtigt zu sein ist das eine, berühmt zu sein das andere – Céline kam es auf etwas anderes an, er wollte ein Werk schaffen, das Bestand hat. Die Reise ans Ende der Nacht ist ein solches Werk.

Teil I
Jetzt ist Krieg!

„Schließlich sitzen wir alle in einer großen Galeere und rudern, was das Zeug hält! … Wir sitzen uns die Furunkel breit und halten das Schiff am Laufen! Und was haben wir davon? Nichts! Peitschenhiebe, weiter nichts … Oben an Deck, an der frischen Luft, da sitzen die Herren, die schert das gar nicht, auf ihrem Schoß haben sie schöne, rosige Frauen … Wir aber werden an Deck befohlen und dann schnauzen sie uns ordentlich an, und zwar so: ‹Aasbande, jetzt ist Krieg!›, sagen sie. ‹Wir werden sie entern, die Dreckskerle auf Vaterland Nr. 2, wir werden es in die Luft jagen! Los! Los! Alle im Chor! Erstmal gebrüllt, und dass es kracht: Es lebe Vaterland Nr. 1! Dass man euch von weitem hört! Und wer am dollsten brüllt, der kriegt eine Medaille und ein Zuckerchen vom Jesuskind!›“

„Der Medizinstudent und Kriegsfreiwillige Ferdinand Bardamu wird in den Granatenhagel geschickt gegen Feinde, die ihm nichts getan haben. Sah schon Voltaires Candide die Dummheit der Krieg Führenden, registriert Ferdinand ihre Bösartigkeit: Die Offiziere stillen ihre Mordlust an den eigenen Leuten. Der Zweck des Ganzen ist Liquidierung der Armen. In der Hölle des Krieges deckt er die Wahrheit der Gesellschaft auf.“

(Eva Kirn-Frank/Stuttgarter Zeitung)

Teil II
Dann also Afrika!

Bardamu, Held, besser Anti-Held dieses gewalttätigen Antikriegsromans, so gerade noch dem blutigen Gemetzel des Ersten Weltkriegs entkommen, muss schon bald feststellen, dass auch die Heimatfront allerlei Gefahren birgt. Nahtlos geht sein Albtraum in der Pariser Etappe weiter: Ein Ende der kruden Selbstzerfleischungen der menschlichen Spezies ist nicht in Sicht. Durch eine eher unfreiwillige „Flucht“ in die Psychiatrie, wo ihm ausgerechnet der verloren gegangene Patriotismus mit den neuesten wissenschaftlichen Methoden aufs eifrigste eingebläut wird, vermag er zumindest dem erneuten Kriegseinsatz zu entgehen – für einen Moment. Danach bleibt ihm nur, schnell weiter zu „reisen“ – nach Afrika.

„Irgendwann schließlich ließen die Bonzen mich laufen, so kam ich mit heiler Haut davon, aber mein Kopf hatte schwer was abgekriegt, und das war für immer. Nichts zu wollen. Je weiter weg, desto besser! Ich bestieg irgendeinen Kahn der Schifffahrtsgesellschaft «Vereinigte Korsaren», und los gings. Er fuhr in die Tropen, denn genug Geld, um nach Amerika zu reisen, hatte ich nicht. Na gut, dann also Afrika!“

“Céline schrieb allerdings nicht einen Roman über den Todestrieb, nein, er schrieb gleichsam aus dem Inneren des Todestriebs heraus. Er reagierte auf Freuds Revolution der Triebtheorie und des Menschenbildes auch mit einer umfassenden Revolution der Romanästhetik. … Wo so viele traditionelle Romane, simpel gesagt, der Form, dem Leben, der Selbstfindung des Helden zustreben, nimmt Céline von alldem Abschied und setzt auf eine alles, die Form wie den Inhalt, umfassende, dem Tod zustrebende Auflösung.” (Andreas Isenschmid/DIE ZEIT)

Teil III
Vom Ruhm der Kolonien

„Der ganz besondere Stil, der Mut des Autors zu dieser anarchisch motivierten Deregulierung sprachlicher Verbindlichkeiten, die Summe der in Kauf genommenen Stilbrüche machen das Werk in jeder Hinsicht zu einer singulären Erscheinung.“ (Thomas Laux/NZZ)

„Das Militär, das noch blöder war als die Kaufleute und die Beamten, fraß den Ruhm der Kolonien in sich hinein und würzte ihn, damit er runterging, mit jeder Menge Chinin und kilometerlangen Dienstvorschriften.

Alle würden, das ist ganz klar, immer fieser werden, während sie darauf warteten, dass das Thermometer ein bisschen runterging. Ewig und erbittert fochten sie persönliche und kollektive Feindseligkeiten aus, Militär gegen Verwaltung, diese gegen die Händler, außerdem die einen, auf Zeit vereint, gegen die anderen, dazu alle gegen die Neger und die Neger untereinander auch.

Die wenige Energie also, die nicht von Sumpffieber, Durst und Sonne verbraucht wurde, ging durch hasserfüllte Zänkerei dahin, so verbissene und giftige, dass viele Kolonisten schließlich an Ort und Stelle krepierten, wie Skorpione am eigenen Gift verreckt.“

Teil IV
Neue Welt! Alte Welt!

„Für einen armen Schlucker ist es nie so leicht, irgendwo von Bord zu gehen, aber für einen Galeerensklaven ist es noch viel schlimmer, vor allem, weil die Amerikaner Galeerensklaven aus Europa absolut nicht mögen. Eigentlich wollen sie nur Neugierige aufnehmen, die Knete ins Land bringen, denn sämtliche Währungen Europas sind für sie nur Söhne des Dollars. […]

Das Sträßchen, das ich gewählt hatte, war wirklich das schmalste von allen, nicht breiter als bei uns ein besserer Bach, und elend dreckig war es eigentlich auch, sehr feucht, voller Dunkelheit, und hier gingen schon derart viele andere Leute, kleine und große, dass sie mich mitnahmen, als wäre ich ein Schatten. Sie gingen in die Stadt, wahrscheinlich zur Arbeit, die Nase zu Boden gerichtet. Es waren die Armen aus aller Welt.“

“Céline ist ein schwarzer Mystiker, aber einer, der alles darum gäbe, keiner zu sein. Er ist ein unerbittlicher Feind aller Metaphysik, weil er alle Metaphysik nur als unzulässigen Übergriff auf das ansieht, was nur den einzelnen Menschen allein etwas angehen kann. Und schafft so eine Metaphysik des Einzelnen. Deshalb kultiviert er die Unzuverlässigkeit, ja die Niedertracht. Nicht nur die des Erzählers, sondern die einer ganzen Welt. Nicht von der Einsamkeit eines modernen Menschen berichtet dieses Buch, denn diese wäre noch in den Griff zu bekommen, sondern von der unfasslichen Einsamkeit der Masse.” (Thomas Steinfeld/SÜDDEUTSCHE ZEITUNG)

„Aus der Neuen Welt zurückzukommen, das aber bringt auch nichts! Man findet das lose Ende der Zeit genauso wieder, wie man es hat hängen lassen, schmierig, ungewiss.“

Teil V
Die Zukunft unserer Vernunft

„‹Können Sie mir etwas Beruhigendes über die Zukunft unserer Vernunft sagen, Ferdinand? … Oder auch nur über die Zukunft des gesunden Menschenverstandes? … Was soll vom gesunden Menschenverstand denn übrig bleiben, wenn es so weitergeht wie bisher? Nichts! Das ist doch ganz klar! Absolut nichts! Das sag ich Ihnen voraus … Das ist ganz deutlich … ›“

“Und dennoch entkommt der Armenarzt Bardamu zum Schluss, indem er auf der sozialen Leiter emporklettert und Klinikleiter wird; insofern kann man einen Hauch von Bildungsroman ausmachen, den Ansatz einer Entwicklung, über die sich Bardamu jedoch bloß ins Fäustchen lacht.” (Ina Hartwig/FRANKFURTER RUNDSCHAU)

Aber Bardamu, der wie kaum ein anderer in die fauligen Wunden der Armen gekrochen ist, der sich so manches Mal im Unbewussten verlor wie in einem schlammigen See, wäre nicht Bardamu, wenn er, kaum aufgestiegen, nicht sogleich wieder dem Niedergang, dem Ende ein Loblied sänge:

„Wie viele Leben würde ich brauchen, um auf eine Idee zu kommen, die stärker wäre als alles auf der Welt? Unmöglich zu sagen! Verratzt! Meine Ideen spazierten eher so mit viel Platz dazwischen in meinem Kopf herum, wie kleine schüchterne, blakende Kerzenflämmchen, die ein Leben lang zittern inmitten eines schrecklichen, Furcht einflößenden Universums … Von fern pfiff der Schleppdampfer … Er rief alle Lastkähne des Flusses zu sich, alle, und die ganze Stadt, und den Himmel und die Landschaft, und uns auch, er trug alles fort, die Seine auch, alles, damit das alles ein Ende hat.“

Michael Farin
(Hörspielbearbeitung)

(Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus Reise ans Ende der Nacht.)

bardamu wägen – eine einführung zur radiophonen Umsetzung des Romans von ulrich lampen

schon beim lesen der reise war uns klar, dass eine bearbeitung dem stil, der form und der sprache célines, wie sie von schmidt-henkel übersetzt wurde, unbedingt zu folgen hatte. hier durfte nichts leichtfertig in szenen überführt werden, um eine triviale verhörspielung zu ermöglichen. immer wieder wird in der literatur auf den stilreichtum von céline verwiesen; einerseits auf die mündlichkeit seines erzählens, andererseits auf seine ironische gewandtheit, den hohen ton der französischen literatur zu benutzen. céline nennt seinen stil an anderer stelle „métro émotif“ und meint damit, dass der leser mit bildern, eindrücken und wahrnehmungen versorgt wird und nicht mit thesen oder theorien durch die welt ordnend geführt wird. von hier aus mussten wir den begriff und die arbeit des dramatisierens fassen. das zentrum des romans bildet selbstverständlich bardamu. also galt es seinen text anhand der „métro émotif“ zu strukturieren; in haltungen aufzuteilen. gefunden haben wir vier haltungen: den „bericht“, das versteht sich von alleine; den „monolog“, quasi die subjektive des erzählens und erfahrens; die „sucht“, eine haltung, die dem unterwegssein ausdrucksraum geben soll, eine nervöse mischung aus flucht und intensivem suchen; und schließlich die „nacht“, diese merkwürdige position des ziels, das ein untergang ist, aber nicht ausweglos verstanden werden darf, eher als auge im taifun begriffen werden soll. wichtig war, dass der schauspieler des bardamu in allen haltungen im tempo seiner gestaltung vollkommen frei und adäquat zum jeweiligen gegenstand der erfahrung reagieren sollte. also von atemlos bis extrem langsam war alles erlaubt. dazu kamen natürlich noch die szenischen momente, wie céline sie geschrieben hatte. so hatten wir in einem ersten zwischenschritt fünf instanzen, von denen aus bardamu agieren konnte. nun blieb noch die frage: wie geht man mit einem ich-erzähler in einem episodenroman im hörspiel um? trivial gefragt, wie viele jahre dauert seine reise? noch trivialer: wie alt ist er am anfang, wie alt ist er am ende der reise? natürlich kann ein schauspieler auch verschiedene lebensalter darstellen, aber das schien uns hier nicht zu genügen. die antwort auf die frage fanden wir in der doppelbesetzung felix und florian von manteuffel, beide bardamu; vater und sohn, die eine familienähnlichkeit in der stimme besitzen, aber ihre figuren natürlich aus ihren je eigenen möglichkeiten heraus darstellen. hiermit hatten wir die die beiden eckpfeiler, an denen wir das netz der reise aufspannen konnten: eine figur, zwei darsteller, je vier haltungen plus szenen macht zehn mal bardamu. dem gegenüber besetzten wir die wenigen figuren, die bardamu an verschiedenen stationen seiner reise wieder begegneten – vor allem robinson, aber auch lola, und die starken episodenfiguren wie z. b. bestombes, grappa, molly und madelon – ganz normal jeweils mit einem schauspieler. So hatten wir immer wieder im verlauf des stückes fast realistische szenische momente. nicht als gegenpart, aber doch als formales pendant zu bardamu verteilten wir alle anderen szenischen einwürfe auf vier stimmen, je zwei männlich, je zwei weiblich, je zwei älter, je zwei jünger. in dieses netz aus haltungen, figuren und stimmen haben wir dann den text gelegt und die bearbeitung abgeschlossen. nun begann die akustische umsetzung.

ulrich lampen
(Regie)

Eine Hörprobe

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