Jazz Covers – das Buch für die einsame Insel

Die Entwicklung und Verbreitung der Musik CD löste den Niedergang einer Kunstform aus, die über mehrere Jahrzehnte hinweg speziell Musikfreunde erfreut hatte: die Covergestaltung von Langspielplatten.

Auf 30 x 30 cm Platz, nicht selten auch - bei Klappalben – der mehrfachen Fläche, konnten Grafiker und Fotografen ihre gestalterischen Fertigkeiten unter Beweis stellen, wenn sie den Platten ein ansprechendes Kleid verpassten, gewiss oder sogar vorrangig, um damit die Kaufentscheidung mitzubestimmen.

Insbesondere Jazzlabel wie Blue Note, Impulse oder CTI hielten die Kunst der Covergestaltung hoch, ihre Alben erfreuten sich schon zur Zeit ihrer Veröffentlichung, vor allem also in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts auch wegen der Hüllen hohen Ansehens und tun es bei Musikfreunden und -sammlern bis heute.

Als Buch für daheim und die einsame Insel hat TASCHEN jetzt den prächtigen Band JAZZ COVERS herausgebracht. In diesem findet man mehr als 650 der berühmtesten und seltensten Jazz Plattencover von den 1940er bis in die 1990er Jahre, zusammengetragen hat all diese Platten der Sammler und Produzent Joaquin Paulo.

Nun ist JAZZ COVERS aber nicht einfach ein Bilderkatalog, in dem die Cover ohne weitere Erläuterungen gezeigt werden. Nein, dieses Buch ist eine wahre Wissensfundgrube für alle, die sich für den Jazz interessieren. Denn zu den Covern gibt es Hintergrundinformationen, die dem Leser somit eine unvergleichliche Wissenquelle an die Hand gibt. Jedes der Cover wird begleitet von einer Legende mit relevanten Informationen: Künstler, Albumname, Art Director, Fotograf, Designer, Erscheinungsjahr, Label. Und meist auch noch kundigen Kommentaren zur Geschichte und zum Kontext der Platte.

Zahlreiche der Alben sind heute – oft zu Unrecht – vergessen oder von Erscheinen an einem breiteren Publikum nie bekannt geworden, da sie nur in kleinen Auflagen produziert wurden. Beim Lesen des Buches begegnen einem viele Namen, an die man sich gerne wieder erinnert fühlt, vielleicht weil man selber Platten der genannten Künstler besitzt, sie aber schon lange nicht mehr abgespielt hat. Ich höre beim Blättern und Betrachten der Seiten und Cover fast ständig Musik im “geistigen Ohr”, ein wunderbarer Effekt, der mir dieses Buch wahrlich lieb und teuer macht.

Mit den kundigen Kommentaren zu den einzelnen Alben ist es aber noch nicht getan. JAZZ COVERS bringt ausführliche Interviews mit Beteiligten aus der Welt des Jazz, darunter findet man so illustre Namen wie

Bob Ciano – einst Art Director bei Creed Taylors CTI Label
Fred Cohen – seit 25 Jahren Besitzer des New Yorker Jazz Record Center
Michael Cuscuna – Herausgeber unzähliger Wiederveröffentlichungen und maßgeblich am Boom der Jazzneuauflagen in den 1980er und 1990er Jahren beteiligt
Rudy van Gelder – wer kennt den legendären Toningenieur nicht, in dessen Studios jeder große Jazzmusiker aufnahm. Bei Blue Note werden nun wieder zahlreiche legendäre Aufnahmen van Gelders in der RVG-Edition neu aufgelegt
Ashley Kahn - amerikanischer Musikhistoriker und -journalist, er schrieb die epochalen Bücher über die Entstehung der Alben A Kind of Blue und A Love Supreme
Creed Taylor – eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Jazzgeschichte und Gründer des Labels CTI

Man kann heute kaum tiefer in die Jazzgeschichte als bei der Lektüre der Interviews eintauchen, auch das einer der vielen Gründe, JAZZ COVERS zu lesen.

Autor und Sammler Joaquin Paulo ist Berater bei verschiedenen Plattenlabeln, mit dem Sammeln von Schallplatten begann er im Alter von 15 Jahren, und bis heute fliegt er nach London, Paris, New York und Sao Paulo, um seine mittlerweile 25000 Platten umfassende Sammlung zu erweitern. Herausgegeben hat JAZZ COVERS der Journalist, Grafikdesigner und Marketingfachmann Julius Wiedemann, dem mit JAZZ COVERS mein persönliches Buch des Jahres gelungen ist. Für jeden Jazzliebhaber führt an diesem 500 Seiten starken Band kein Weg vorbei. Für gerade einmal 30,- € ist er überall im Buchhandel erhältlich.

awb


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