Ein komischer Herr – Heino Jaeger

Heino Jaeger

“Wie konnte es geschehen, dass Heino Jaeger 25 Jahre ein Geheimtipp blieb? Wir haben ihn wohl nicht verdient”. Loriot
In den späten 70er und frühen 80er Jahren besaß ich ein Motorrad, dessen Markenname BMW am besten in “Bitte Mal Werkzeug” zu übersetzen war. Dem entsprechend bastelte ich viel an diesem “Fahr”zeug, bevorzugt Samstag nachmittags, und dazu hörte ich dann regelmäßig die Radiosendung “Unterhaltung am Wochenende”, in der allerlei schräge Leute satirisches und kabarettistisches zum Besten gaben. Mit dieser Sendung im Ohr war selbst die Suche nach einem Kupferwurm im Kabelbaum der BMW ein Vergnügen.

Besonders hellhörig wurde ich, wenn eine seltsame, meist norddeutsch-näselnde Stimme ertönte, mal waren es kleine Vorträge, mal fingierte Interviews, denen eines gemeinsam war: sie begannen immer vollkommen harmlos und gerieten dann im Laufe der folgenden Minuten derart aus der Kurve, dass man oft alles andere um sich herum vergaß und diesem Irren lauschte, der über Worms (“Hier in Worms wohnten an die 11.000 Kaiser, Könige und Fürsten oder wurden hier zu Grabe getragen“) oder die internationale Schuhmesse Konstanz (“Berge von Stiefel für das Sommerhalbjahr, Herr Dammroth, wie sehen Sie die Chancen für und gegen den Käufer?”) berichtete, einen Besuch in einer Keksfabrik machte (“Diesmal stehe ich mit meinem schlicht gehaltenen Mikrophon vor der Empfangshalle, über mir freundliche Gesichter, neben mir ein schmuckes Fahrrad angelehnt, so als wollte es sagen: Es ist ein Frühlingstag”) oder sich über Alkoholprobleme in Dänemark ausließ (“Herr Sörensen, Sie haben doch sehr viel Erfahrung mit dem Alkoholproblem, nicht nur bei uns, sondern auch in Dänemark, der Antialkoholismus ist doch jetzt eigentlich auch im Kommen”).

Der Autor dieser genialen Miniaturen in “ca. genau 87 unterschiedlichen Männer- und Frauenstimmen” (Henscheid) war Heino Jaeger, ein deutscher Maler, Grafiker und Satiriker, der inzwischen nahezu vergessen ist, aber gerade von seinen Kollegen wie Loriot, Hanns-Dieter Hüsch, Olli Dietrich oder Eckhard Henscheid  bis heute aufs höchste geschätzt, wenn nicht gar verehrt wird (“Es gibt Dinge, die brauchen ihre Zeit. Die brauchen auch ein anderes Publikum. Wer so seiner Zeit voraus ist wie Heino Jaeger, der kann natürlich auch erst mit einem Publikum rechnen, das in der Zeit lebt, die er schon – visionär – gesehen hat.”Hanns-Dieter Hüsch in einem Interview über Heino Jaeger, 1988).

1938 geboren und studierter bildender Künstler erlangte Heino Jaeger durch seine Radiobeiträge sowie durch Schallplatten, auf denen die Szenen und Sketche zumeist in Rollenprosa verfasst, oft auch rein aus dem Stehgreif improvisiert waren, in den 60er und 70er sowie den frühen 80er Jahren Kultstatus. Der “Mozart der Komik” (Eckhard Henscheid) war ein scharfer Beobachter kleinbürgerlicher Bräsigkeit, wie sie sich in seinen fingierten Berichten über die Rolle von Weinbrandbohnen oder Kantinenessen widerspiegelte. Auch als Parodist war Jaeger genial, schon vor Loriot machte er Bernhard Grzimek nach und lies diesen gnadenlos über einen Platz für Tiere faseln (“Im Frankfurter Zoo ist wieder Nachwuchs angekommen, das zwölfjährige Affenbaby Katja. Hier wird es gerade aufgezogen und die Wäsche gewechselt”). Jaeger bewies, dass wahre Komik nicht nur beste Unterhaltung, sondern in ihrem Inneren vor allem eines ist: Kunst.

Jaeger war nicht alleine ein begnadeter Komiker sondern auch ein origineller Maler und Zeichner und ein freundlicher Mensch. Mit dem realen Leben hatte er jedoch unüberwindbare Probleme, er stürzte in Alkoholsucht und Depressionen, es folgte der soziale Abstieg und psychische Erkrankung: 1983 zündete er Wohnung und Atelier an, stellte danach sein künstlerisches Schaffen ein und kam 1988 in die Psychiatrie, wo die Ärzte ihn für ihre privaten Feiern als Unterhaltungskünstler engagierten, 1997 starb er an einem Schlaganfall in einem Pflegeheim.

Heino Jaeger – ein komischer Herr, der nicht vergessen werden darf und daher wiederentdeckt werden muss. Drum kann es gar nicht hoch genug geschätzt werden, dass der Züricher Verlag Kein & Aber die Werke Heino Jaegers in Buch- und Hörform pflegt. Mit CDs wie WIE SIEHT’S BEI EUCH AUS, LEBENSBERATUNGSPRAXIS DR. JAEGER und ALKOHOLPROBLEME IN DÄNEMARK, allesamt mit Covergrafiken von Heino Jaeger, sowie dem Buch “Heino Jaeger – MAN GLAUBT ES NICHT – Leben und Werk herausgegeben von Joska Pintschovius” bietet Kein & Aber Jaegereien vom feinsten, denen man mit lachendem Herzen weiteste Verbreitung wünschen darf.

awb

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