Was sind “Jazz-Standards”?

Hans-Jürgen Schaal

Hans-Jürgen Schaal

“Standards”: So nennt man die bekanntesten und meistgespielten Stücke des Jazz, das Basis-Repertoire aller Jazzmusiker.

Zu den ältesten dieser “klassischen” Jazz-Melodien gehören afroamerikanische Kirchenlieder wie “When The Saints Go Marching In”, Ragtime-Stücke wie der “Maple Leaf Rag”, Kompositionen des klassischen Blues wie der “St. Louis Blues” oder die Erfindungen der ersten Jazzbands von New Orleans und Chicago wie “Tiger Rag” und “Beale Street Blues”.

Die meisten Jazz-Standards entstammen jedoch den Broadway-Musicals der 1920er bis 1940er Jahre: Die Bühnen-Songs von George Gershwin, Richard Rodgers, Cole Porter, Harold Arlen, Irving Berlin und anderen waren damals die Schlager der Saison und wurden von improvisierenden Jazz-Musikern gerne als Ausgangs-Material verwendet. Auch die Filmproduktionen Hollywoods brachten immer wieder populäre Songs hervor, die ins Jazz-Repertoire Eingang fanden.

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch JAZZ STANDARDS – Das Lexikon von Hans Jürgen Schaal, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

SOME DAY MY PRINCE WILL COME

Walt Disney setzte das Familienvermögen aufs Spiel, als er von 1935 bis 1937 mit fast tausend Mitarbeitern den ersten abendfüllenden und auch für Erwachsene gedachten Zeichentrickfilm schuf: SCHNEEWITTCHEN. Der Film, in dem ständig geputzt, gewaschen und geschrubbt wird, wie man das von einem Kindermärchen aus dem sauberen Deutschland wohl erwarten kann, trägt wahrscheinlich die Hauptschuld am amerikanischen Hygiene-Wahn. (Eine längere Szene über zivilisierte Tischsitten fiel dagegen schon im Arbeitsstadium dem Schnitt zum Opfer und konnte daher leider nicht den entsprechenden pädagogischen Effekt in Amerika erzielen.) Der Film besitzt aber durchaus auch musikalische Meriten: Prinzessin Snow White absolvierte vor Drehbeginn eine Ausbildung zur Koloratur-Sopranistin, ihr Prinz kommt mehr von der Operette her und die Fete der Seven Dwarfs belegt, dass die Urform des Schlagzeugsolos die Mückenjagd war. 25 Songs wurden für den Film geschrieben, nur acht verwendet. Der bekannteste, der am Ende zum Love Theme wird, heißt “Some Day My Prince Will Come”. Deutsche Disney-Fans kennen ihn mit dem Text: “Einst kommt mein Prinz zu mir / Und bringt mich fort von hier.” So ähnlich hat das ja auch Ira Gershwin in “The Man l Love” gesagt.

Das Stück ist ein 32-taktiger Walzer in der Form ABAC, ein fast wienerischer Schmachtfetzen mit schwärmerisch auffahrenden Terzen, Quarten, Quinten und Sexten. Kein Wunder, dass die erste bekannte Jazz-Adaption erst zwanzig Jahre nach Disneys Film-Epos entstand und dann durch jene Combo, die schon den Ruf weg hatte, eine Jazzwalzer-Band zu sein: das Dave Brubeck Quartet. Doch selbst Brubeck hätte den Song kaum als Jazz-Material entdeckt, hätten ihn nicht seine Disney-begeisterten Söhne auf die Idee gebracht, ein Album mit Melodien aus Disney-Filmen aufzunehmen: DAVE Digs DISNEY. Schon in Brubecks Aufnahme von 1957 ist aus Schneewittchen eine recht coole Zeitgenossin geworden: Der Pianist stellt die Melodie allein im Rubato vor, Desmond liefert danach eine dreiminütige saxofonistische Abstraktion fast ohne Anklang ans Thema, die letzten fünf Minuten und die Reprise gehören einem entfesselten Piano-Trio. Brubecks Drummer, Joe Morello, erinnerte 1994 mit einer Neuaufnahme an diese Pioniertat im 3/4-Takt.

Der zweite Pianist, der heftig um das schöne Schneewittchen warb, war Bill Evans. Er nahm “Some Day My Prince Will Come” erstmals im Dezember 1959 auf und verwendete das Stück mehr als 20 Jahre lang als fragiles Vehikel seiner heiklen Pianotrio-Kunst. Kein Jazz-Musiker hat den Disney-Walzer öfter gespielt und öfter aufgezeichnet als Bill Evans. Als sich Evans’ Trio im November 1960 ein Engagement im Village Vanguard mit dem Miles Davis Quintet teilte, wurde auch Evans’ vormaliger Arbeitgeber auf die Jazz-Qualitäten des Disney-Walzers aufmerksam. Bereits im März 1961 nahm Miles seine eigene Version auf – harmonisch reduziert, melodisch verknappt, mit gedämpfter Trompete – und machte wieder einmal Jazz-Geschichte. Als Gastbläser hatte Miles seinen Ex-Sideman John Coltrane eingeladen und der betrat angeblich mitten im Stück das Studio, lugte dem Tenorkollegen Hank Mobley über die Schulter und stahl ihm mit einem Solo von explodierender Spontaneität die Schau. Auch Coltranes anderes Gast-Feature (“Teo”) war übrigens ein Walzer: Nach der Aufnahme von “My Favorite Things” im Oktober 1960 galt Coltrane wohl als Spezialist für den 3/4-Takt. Miles’ Stückwahl war überraschend und gewagt, zumal in der politisch bewegten Zeit Anfang der sechziger Jahre. Denn kaum eine Figur repräsentiert die heile Illusion der weißen Gesellschaft besser als Snow White, die Märchenprinzessin mit der Haut wie Elfenbein. Doch Miles startete mit dem Schneewittchen-Walzer einen raffinierten Gegenangriff: Er verlangte, dass seine Plattenfirma neben den Plattentitel “Some Day My Prince Will Come” das Foto seiner schwarzen Freundin Frances aufs Cover setzte. (Ihr war auch das abschließende Stück “Pfrancing” gewidmet.) Damit hatte Snow White unübersehbar die Hautfarbe gewechselt und Miles selbst wurde zum sehnlich erwarteten schwarzen Prinzen: Später nannte man ihn gern auch den “Prince of Darkness”. Es war wahrscheinlich ein Zufall – wenn auch ein symbolträchtiger -, dass es ausgerechnet bei diesem Stück zwei Monate später zu einem politischen Eklat kam. Während Miles’ Auftritt in der Carnegie Hall startete der politisch überaus engagierte Max Roach eine Aktion “Africa for the Africans”: Roach hatte von Verbindungen der Carnegie Hall Foundation zu den weißen Machthabern in Südafrika erfahren. Miles, der in dieser Zeit mehrfach mit Roach wegen politischer Fragen aneinander geriet, brach seinen Auftritt mitten im Disney-Walzer ab.

Dennoch war das Stück ab sofort für Schwarze sakrosankt. Es war erneut ein Pianist, der die Stafette weiterreichte. Wynton Kelly, für den Zauber von Miles’Aufnahme mitverantwortlich, nahm den Song im Sommer des gleichen Jahres noch mit eigener Band und außerdem als Begleiter von Helen Humes auf, der ersten schwarzen Sängerin, die in die Rolle von Schneewittchen schlüpfte. Fast vierzig Jahre später wiederholte Cassandra Wilson dieses Kunststück auf ihrem Miles-Tribut-Album. In den nächsten Jahren folgten weitere schwarze Interpreten des Walzers wie Grant Green, Sahib Shihab und mit Oscar Peterson wiederum ein Pianist. Peterson nahm das Stück zwischen 1963 und 1971 dreimal auf: 1967 spielte er es als besonders rasante und virtuose Trio-Nummer beim JATP-Konzert und ging mittendrin in einen hart swingenden 4/4-Takt über. Die weitere Pianisten-Palette reicht von Keith Jarrett bis Michel Petrucciani, von Dick Hyman bis Niels Lan Doky. Es gibt sogar Pianisten-Duette über dieses Stück: Chick Corea und Herbie Hancock spielten es 1978, Hank Jones und Tommy Flanagan 1983.

Auch unter den Gitarristen fanden sich einige Fans des delikaten Walzers: Joe Pass spielte ihn 1973 für die Solo-Platte VlRTUOSO No. 4, Barney Kessel 1975 mit den Poll Winners, Doug Raney begleitete Chet Baker 1979, Larry Coryell widmete das Stück 1987 Bill Evans. Und Al DiMeola nahm 1993 sogar ein fast zigeunerisches Duett mit dem Bandoneonisten Dino Saluzzi auf – als Tribut an Miles Davis. Immer wieder Miles: Sein Arrangement klingt auch noch 1986 bei Bobby Hutcherson an, Coltranes Überraschungs-Solo von 1961 wurde sogar von der Gruppe Supersax 1983 im Saxofon-Satz nachgespielt. Der Prince of Darkness war wohl wirklich der, auf den Schneewittchen seit 1937 gewartet hatte.

Hans-Jürgen Schaal wurde 1958 in der Schwaben-Ballung Stuttgart geboren, wo er es erstaunlicherweise fast 20 Jahre lang aushielt. Er floh 1978 nach München unter dem Vorwand, die deutsche Literatur zu studieren, und wurde für diesen mutigen Schritt nach einigen Jahren mit dem M.A. belohnt.

Neben dem Studium begann er, über Jazz zu schreiben, da er irgend jemandem ja seine Begeisterung für diese Musik mitteilen musste. Allerdings hielten die deutschen Jazz-Magazine Autorenhonorare damals noch für unehrenhaft; daher suchte er sich nach dem Studium unterhaltsame Jobs bei Tonträgerhändlern und Jazzproduzenten.

Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes und wohnt in einer Trabantenstadt  Münchens, in der man ruhig schlafen kann und S-Bahn-Anbindung hat. Wenn er abends die Augen schließt, sieht er noch lange seinen Computerbildschirm vor sich. Mehr hier.

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