“Die”. Fünfzig Jahre später.

Grafik: awb, nach einer Illustration aus dem Buch Rosemarie Nittribitt - Autopsie eines deutschen Skandals.

Plötzlich war der Name in aller Munde. Das war aber auch ein Name! Ich war noch ein kleiner Junge, aber dieser Name prägte sich mir sofort ein. Er klang nach Nitroglyzerin und Bittermandel (fragen Sie mich nicht, was ich als Fünfjähriger über diese Stoffe wusste!) oder nach einer Figur aus einem Eddie Constantine Reißer oder einem Mike Hammer Krimi. Meine Mutter – und nicht nur sie – verband ihn, wenn sie ihn erwähnte, mit dem Genus “Die”. Also “Die Nitribitt”. Nicht Frau Nitribitt oder Fräulein. Das war kein spezieller Spleen meiner Mutter, es hieß allenthalben “Die”. Auch einem Kind schien klar, das war despektierlich gemeint. Warum auch immer.

Die braven Bürger der 50er Jahre hatten guten Grund, denn Rosemarie Nitribitt war eine Hure, und darüber wurde nicht gesprochen, solange es sich vermeiden ließ. Und nun das! Welche Frechheit von dieser Person (auch so ein Wort, mit dem man sich schön von oben herab über jemand äußern konnte), sich durch ihre Ermordung in die breite Öffentlichkeit zu drängen! Ich weiß nicht, ob ich es gewagt habe, meine Mutter zu fragen, was es mit der explosiven Dame auf sich hatte. Eher wohl nicht, denn das hätte schwer einen hinter die Ohren bedeutet.

Rosemarie Nitribitt verdiente ihr Geld, wie schon unzählige andere attraktive Frauen dies seit Menschengedenken taten. Sie war ein wasserstoffblondes Mädchen, das mit einem schwarzen Mercedes 190 SL Abend für Abend durch die Frankfurter Wirtschaftswunderinnenstadt schnürte und so geschickt auf sich aufmerksam machte, dass reiche Freier ihr einen üppigen Lebensstil ermöglichten. Sie parkte vor dem vornehmen Steigenberger Hotel “Frankfurter Hof” und blinkte potentielle Kunden mit der Lichthupe an, oder sie drehte das Autoradio auf volles Rohr oder setzte mit geöffneter Motorhaube den Pannentrick ein. Von PR verstand sie offenbar einiges.

Die Nitribitt war ein Self Made Girl und wäre heute eine alte Dame. 1933 als Maria Rosalie Auguste Nitribitt unehelich in Düsseldorf geboren wuchs sie in der Provinz, der Eifel, auf. Ihre beiden jüngeren Schwestern und sie hatten drei verschiedene Väter. Kurze Zeit verbringt sie 1938 in einem Kinderheim und kommt dann nach Niedermendig in der Eifel in eine Pflegefamilie. Mit elf Jahren wird sie von einem 18jährigen Soldaten vergewaltigt. In der Nähe ihres Wohnortes gibt es einen Militärflugplatz, was sogar in einem Nest wie Niedermendig die Prostitution zu einem einträglichen Geschäft macht. Mit 13 Jahren ist Maria Rosalie Auguste mit zwei älteren Prostituierten befreundet. Und so dauert es nicht lange, bis sie, das halbe Kind, Nylons und Parfüm mit nach Hause bringt und die Schule nur noch sporadisch besucht. Und mit 14 Jahren muss sie einen Abtreibung vornehmen lassen, die sie beinahe das Leben kostet.

Sie soll zurück in ein Heim, aber vorher setzt sie sich ab. Nach Frankfurt, wird aufgegriffen, zurück gebracht, erneut haut sie ab, erneut wird sie aufgegriffen, erneut kommt sie in ein Heim. Auch mal ins Gefängnis wegen Landstreicherei. Sie ist auf rasantem Weg nach unten. Oder nach oben?

Für einige Jahre wohl eher letzteres. Sie hat die neun Leben einer Katze, und als sie 1952 wieder einmal von der Frankfurter Polizei aufgegriffen wird besitzt sie zu deren Erstaunen bereits ein nettes kleines Sparguthaben und 1000 Mark bar in der Tasche. Da sie noch nicht volljährig ist beginnt wieder eine Tour durch Heime, Arbeitsanstalten, Gefängnisse. Und als sie 1954 endlich volljährig wird zieht sie endgültig nach Frankfurt in ihre erste eigene Wohnung.

Nein, niemand geht in ein Bordell, niemand bezahlt Frauen für Sex. Um so erstaunlicher, dass Frl. Nitribitt, die auf ihre erste Vermieterin noch den Eindruck eines “armen Mädchens” mit ein paar Kleidern, aber ohne Unterwäsche im Schrank macht, nur wenige Monate später ein nagelneues schwarzes Opel Kapitän Cabrio kauft, mit dem sie, die blondierten Haare im Wind, in Frankfurt rasch auf sich aufmerksam macht. Wenig später folgt der 190 SL mit den roten Lederpolstern.

Drei Jahre später wird sie, schon verwesend, in ihrer luxuriös eingerichteten Wohnung in der Frankfurter Stiftstraße 36  erschlagen aufgefunden, ihr kläffender Pudel sitzt neben ihr, denn er hat seit Tagen nichts zu fressen bekommen. Die dusseligen Polizeibeamten, die sie als erste sehen, reißen erst einmal alle Fenster auf, was zwar angesichts des schlimmen Verwesungsgeruchs nachvollziehbar ist, es später aber den Ermittlern unmöglich macht, einen genauen Todeszeitpunkt festzustellen. Ein verheerender Fehler. Auch sonst werden die Ermittlungen nicht eben professionell und vor allem nicht wirklich intensiv genug durchgeführt. Was angesichts der hochkarätigen Klientel der Ermordeten zu einigen Vermutungen Anlass bietet. Wie auch immer: es gibt reichlich Verdächtige, reichlich Motive. Nur eine Aufklärung des Falles, die gibt es bis heute nicht.

Rosemarie Nitribitt wird in Düsseldorf beerdigt, ohne Schädel, der landet in einer kriminaltechnischen Sammlung bei der Frankfurter Polizei. Die Ermittlungsakten blieben geöffnet, da Mord nach deutschem Recht nicht verjährt. Nun, 50 Jahre nach Rosemaries Tod, soll er endlich ebenfalls im Düsseldorfer Grab beigesetzt werden. Ihre noch lebende Schwester Irmgard hat sich jahrelang dafür eingesetzt, und eine Düsseldorfer Ärztin will die entstehenden Kosten tragen, da sie es als unwürdig ansieht, dass die Rechtsmediziner den Kopf der Ermordeten auch nach 50 Jahren wie eine Trophäe in der Sammlung behalten. Auch die Verlängerungsgebühr für das Grab, für das der Schwester Nitribitts das Geld fehlt, will die Ärztin übernehmen.

Der Journalist Christian Steiger, den der Fall Nitribitt seit seinem siebzehnten Lebensjahr fesselt und der Zugang zu den polizeilichen und staatsanwaltlichen Akten erhielt, hat ein überaus spannendes Buch über diesen “deutschen Skandal” geschrieben. Sein Buch ist ein detaillierter Bericht über das Leben, das Erleben und den Tod der Rosemarie Nitribitt, die für eine kurze Zeit ihren ganz persönlichen Wiederaufbau erlebte. Im Cabrio auf der Überholspur. Sie wurde 24 Jahre alt.

(awb)

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