ELLY BEINHORN – DIE ALLEINFLIEGERIN

“Ich habe doch diese herrlichen, unabhängigen Zeiten erlebt, als man am Himmel ganz für sich alleine war! Ich hatte das Glück, in einer Zeit fliegen zu dürfen, als das wirklich noch ein Abenteuer war.”

Meine Mutter besaß eine Blechdose, in der sie Zeitungsausschnitte aus ihrer Kindheit und Jugend aufbewahrte. Ich stöberte als Kind gerne darin und las die alten, nicht immer erfreulichen Geschichten.

Einer dieser Ausschnitte war der Bericht über den tödlichen Unfall eines deutschen Rennfahrers im Jahre 1938 auf der Autobahn nahe Heidelberg, sein Name war Bernd Rosemeyer. Erwähnt wurde auch seine Frau, deren Name, Elly Beinhorn, sich mir einprägte, weil ich ihn lustig fand. Mehr als den Namen wusste ich aber nicht über diese Frau.

Elly Beinhorn hat ihren Mann nun schon 70 Jahre überlebt, im Mai 2007 ist sie 100 Jahre alt geworden. Und wenn man ihr Leben betrachtet, dann ist das durchaus erstaunlich, denn Elly Beinhorn hat vieles erlebt, und vieles davon waren gefährliche Abenteuer.

Mit 21 Jahren machte sie den Pilotenschein, mit 23 startete sie allein im Auftrag einer Expedition zu ihrem ersten Afrikaflug , der schon nach 650 km im Schwarzwald fast zu Ende gewesen wäre, sie dann aber bis Bissau im heutigen Guinea-Bissau führte, Notlandung und Wüstenmarsch inklusive. Ein Jahr später, 1932, gelang ihr die Weltumrundung im Alleinflug. Sie wurde zu Hause und auch in der Welt eine Berühmtheit, nicht nur wegen ihrer fliegerischen Erfolge, sondern vor allem, weil sie eine Frau, also eine Pilotin war. Sie unternahm weitere Afrikaflüge, eine Amerikareise und mehrere Rekordflüge. 1936 überflog sie innerhalb von 24 Stunden drei Kontinente (Afrika, Asien und Europa). Und sie war die erste Frau, die über den Atlantik flog.

Im Juli 1936 heiratete sie den 2 Jahre jüngeren Rennfahrer Bernd Rosemeyer, mit dem sie einen Sohn bekam; die Ehe bestand gerade einmal 2 Jahre, dann verunglückte Rosemeyer bei einem Rekordversuch tödlich. Elly Beinhorn nahm die Fliegerei wieder auf, um sich „die Augen und das Herz ausblasen“ zu können. Der 2. Weltkrieg unterbrach das Fliegen, sie heiratete ein zweites Mal und bekam eine Tochter. Nach dem Krieg durften Deutsche zunächst nicht mehr fliegen, und so dauerte es einige Jahre, bis Elly Beinhorn wieder ein Motorflugzeug starten konnte. Für eine Zeitschrift war sie als Reporterin unterwegs und berichtete aus aller Welt. Bis 1979, da war sie 72 Jahre alt, bleib Elly Beinhorn als Fliegerin aktiv.

1977 erschien zu ihrem 70. Geburtstag die Autobiografie “Alleinflug”, in der sie ausführlich aus ihrem abenteuerlichen Leben erzählt. Dieses Buch ist jetzt anlässlich ihres 100. Geburtstages neu erschienen, mit einem Nachwort ihres Sohnes Bernd. Ihr Ziel, Fliegerin zu werden kam weniger durch die Begeisterung für das Fliegen an sich sondern durch den Wunsch, in ferne Länder reisen zu können. Dieser trieb sie an, mit 16 bewarb sie sich beim Zirkus Hagenbeck, “Abteilung Tierfangexpedition”. Eine Antwort blieb aus. Danach versuchte sie es bei der UFA, “Abteilung Expeditionsreisen”. Auch daraus wurde nichts. Bei einem Vortrag 1928, den ein bekannter Flieger hielt, kam dann die Erkenntnis: als Fliegerin kommt man hinaus in die Welt. In Berlin begann sie eine Ausbildung, nachdem man sie in Hannover, da sie eine Frau war, abgelehnt hatte.

Elly Beinhorns Erinnerungen sind ein Abenteuerbuch aus einer anderen Zeit. Es erzählt von Motorschaden in der Sahara, von Notlandung am Persischen Golf, vom König von Siam oder vom Eintagesflug Deutschland-Asien-Deutschland. Vom Tod ihres Mannes Bernd mag sie nicht erzählen, da zitiert sie einen pathetischen Bericht seines Rennleiters.

Politik kommt in “Alleinflug” nicht vor, die Schilderung der Kriegszeit beschränkt sich auf die persönlichen Probleme der Familie, die mehrfach umzieht, zuerst von Berlin nach Garmisch, dann nach Ostpreußen, im Sommer 1944 dann nach Freiburg i. Br. und schließlich nach Trossingen. 1948 beginnt Elly Beinhorn wieder zu fliegen, mit einem Segelflugzeug. In den fünfziger und sechziger Jahren ist sie als fliegende Reporterin unterwegs, 1959 nimmt sie am Powderpuff-Derby, einem Frauen-Luftrennen quer über die Vereinigten Staaten teil.

Bis zu ihrem 72. Lebensjahr ist sie geflogen, insgesamt hat sie rund 5000 Flugstunden, überwiegend allein, in der Luft verbracht. Heute lebt Elly Beinhorn in München. Ihre Biografie ist unterhaltsam und lesenswert, man liest sie gleichsam “im Fluge”.

Im November 2007 ist Elli Beinhorn einhundertjährig in München verstorben.

(awb)


 
 
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