Ob Gentechnik, ob Internet: Jeder neue Boom ruft die Ethiker auf den Plan. Diese hecheln der modernsten Entwicklung zwar eher ohnmächtig nach, als sie wegweisend in verantwortbare Bahnen zu lenken. Warum sollte es da keine Cigarren-Ethik geben?, dachte ich. Schliesslich liesse sich bei der Neuentdeckung der Cigarre im Gegensatz zu den ultimativen Narreteien der Menschheit auf eine Tradition von über 500 Jahren zurückgreifen; also auf einige menschliche Erfahrung. Bei wichtigen Dingen höre ich gerne auf meine Freunde. Natürlich auch in cigarro-ethischen Belangen; vor allem dann, wenn es um die Frage geht, ob Cigarrenraucher schlechtere Menschen sind. Alles sei ganz klar, sagte mein Freund Fidel Schmutz. Die Tabakpflanze sei wie die Tomate und die Peperoni ein Nachtschattengewächs. Dies erkläre, dass Mafiosi Cigarren rauchten und Tomatensalat und Peperonigemüse ässen; schlechte Menschen hätten eben einen Hang zum Nachtschattigen. Wahrscheinlich sei es jedoch umgekehrt: Menschen, die solch obskure Gewächse konsumierten, würden dadurch erst zu moralisch verkommenen Subjekten, ecco! Der Umstand, dass man den Tabak einst «herba medicea», Medici-Kraut, genannt habe, sage doch alles! Medici-Kraut – aus diesem Namen triefe ja geradezu Bosheit, Intrige und Mafiosität. Diese Argumentation befriedigte mich nicht, obwohl ich zugebe, dass mir der Schuft mit der Cigarre im Mundwinkel aus Filmen sattsam bekannt ist. Sind Cigarrenraucher wirklich schlechtere Menschen?
Dem cigarristischen Trübsinn meines Freundes Fidel widersprach vehement ein anderer Freund, Gilbert de Montsalvat. Dass man den Tabak Medici-Kraut getauft habe, sei eine bedauerliche Posse des Schicksals. Viel aussagekräftiger seien die Namen «herba sancta», «herba divina», «herba sanctae crucis»: heiliges Kraut, göttliches Kraut, Kraut des heiligen Kreuzes. Solche Wertschätzung weise doch darauf hin, dass Cigarrenraucher im Grunde Priester des Guten, ja des Göttlichen seien. Wie heisse es doch: «Rauchen ist menschlich, aber das Cigarrenrauchen ist göttlich.» Es sei bedauerlich, dass Gangster ihr schlechtes Image mit der Cigarre aufzupolieren versuchten und damit wiederum deren Ruf schadeten. Sind Cigarrenraucher schlechtere Menschen?
Bei Lichte betrachtet ist die Frage natürlich unsinnig, denn die Cigarre ist ein Genussmittel wie jedes andere. Abgesehen davon, dass zuerst geklärt werden müsste, was man unter einem schlechten Menschen zu verstehen hat, würde sich ein Abgrund von Fragen auftun: Sind Genussmittel moralisch gesehen indifferent? Oder sind sie schlecht, weil nur reiche Leute sie sich leisten können, die wiederum ihr Geld nur mit ethisch fragwürdigen Transaktionen verdient haben?
Wenn wir an die Cigarren rauchenden Kubaner denken, die ihrerseits die Pfeife als Relikt der Bourgeoisie betrachten, so fällt es uns schwer, in der Cigarre das genuine Symbol ungerechten Reichtums zu erkennen. Schliesslich galt in der Zeit des deutschen Vormärz die Cigarre als Zeichen demokratischer Gesinnung und revolutionärer Unruhe, bevor sie zum Inbegriff des Kapitalismus und des Geldadels wurde. Noch 1848 schrieb eine erzkonservative preussische Zeitung: «Die Cigarre ist das Scepter der Ungeniertheit. Mit der Cigarre im Munde sagt und wagt ein junges Individuumganz andere Dinge, als es ohne Cigarre sagen und wagen würde.» Ungeniertheit ist zwar keine primäre Tugend,aber zu verachten ist sie nicht in einer Welt, in der Mobbing und Duckmäusertum herrschen. Auch noch Brecht, der spät geborene Bruder des ebenfalls Cigarrenpaffenden Marx, steht in dieser aufmüpfigen Tradition.
Wer hat nun Recht: Fidel Schmutz oder Gilbert de Montsalvat? Stimmt die Nachtschatten- und Mafiatheorie oder die des göttlichen Krauts? Für beide Theorien lassen sich Belege finden. Und oft belegt dieselbe Geschichte beide Theorien zugleich. Etwa die Geschichte, die ein Freund meines Cousins erlebt haben will: Er beobachtete in einem Raucherabteil einen Mann und eine später zugestiegene Dame mit einem Schosshündchen. Als der Mann ungeniert (aha!) eine Cigarre in Brand setzte und einige Minuten gequalmt hatte, verlor die Dame die Fassung, riss das Fenster auf und schmiss die brennende Cigarre des verdutzten Geniessers ins Freie. Etwas später nahm der Mann der Dame das Hündchen seelenruhig aus dem Schoss und warf es der Cigarre nach. Et alors? Mein Cousin ist natürlich einer bekannten Wandersage aufgesessen, die bereits in Dostojewskijs Idiot in mehreren Varianten erzählt wird. Selbst der Kulturphilosoph Theodor Lessing gab die Geschichte zum Besten, als hätte er sie selbst erlebt, wobei er seine garstige Reaktion positiv darstellt, als Wahrung des cigarristischen Menschenrechts gewissermassen. Andere Kolporteure der Geschichte stellen hingegen den Cigarristen als infamen Tierquäler und arroganten Egoisten hin. Dieses Beispiel beweist, dass die Wahrnehmung des Cigarrenrauchens nicht nur subjektiv, sondern zutiefst ambivalent ist, zu Deutsch: doppelbödig und zwiespältig. Es ist vertrackt! Wenn wir intellektuell redlich sein wollen, müssen wir zugeben, dass wir vor einem unlösbaren Problem der Statistik stehen. Die Frage, ob Cigarrenraucher schlechtere Menschen seien, lässt sich statistisch nicht beantworten – wenigstens nicht in Europa. Den Amerikanern fiele die Beantwortung leichter, denn dort ist jeder Rauch, der aus einem Mund quillt, bereits Symbol moralischen Zerfalls. Ich würde mich nicht wundern, wenn wir bald erführen, alle Cigarrenraucher seien latente Serienkiller.
Um es kurz zu machen: Die Cigarren-Ethik ist ein moralisches Nullsummenspiel, ein Patt, sozusagen. Das wäre jetzt Anlass für einen Schlussstrich. Wenn da… Wenn da nicht noch etwas wäre: ein Quälmchen von einer Ahnung, das sich doch noch etwa sagen lässt über die ethische Bedeutung des Cigarrenrauchens; ungeschützt natürlich, weil der Autor schon längst das Kamel seiner eigenen Vernunft bestiegen hat, um die Wüste der cigarristischen Metaphern und Ikonen zu durchqueren. Diese Reise findet im Kopf statt, virtuell, wie man heute so schön sagt. Die Virtualität entspricht dem Rauchen selbst, das nach Theodor Lessing kein körperlicher, sondern ein tiefer seelischer Akt ist. Auf dieser unkörperlichen Reise gibt es für mich drei Schlüsselerlebnisse.
Das erste Schlüsselerlebnis. Mein schon alter Vater liebte Cigarren, Romeo y Julieta zuvörderst; und mein Vater liebte Karl May, den er mir zu lesen empfahl. In jeder Situation, in welcher der Maysche Ich-Erzähler als Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand die Bösen besiegt, zückt er aus der Satteltasche ein Etui mit ein paar herrlichen Cigarren. Es ist der Augenblick gekommen, in der die Leser wohlig zurücklehnen können, weil sie wissen, dass das Böse wieder einmal besiegt ist: Das Gute zündet sich eine Cigarre an. Dieses Ritual wird sich ins 21. Jahrhundert retten, denn im Film Independence Day stecken die beiden Kampfpiloten, die das Mutterschiff der bösen Aliens knacken müssen, in ihre Montur je eine Cigarre, die sie erst nach geglückter Mission zu Ende rauchen. Noch hier ist die Cigarre das Zepter der Ungeniertheit gegen die Niedertracht. Sie ist die private Fackel der Freiheit, der Stinkbolzen, der gegen die klinische Sauberkeit des Bösen anstinkt. Und wenn das Böse heute je länger je mehr als kalte Notwendigkeit, als unanfechtbarer Sachzwang und Seelen mordende Effizienz auftritt, die keine Zeit für Genuss und Gespräch mehr lassen, so ist die Botschaft des Cigarrenrituals klar: Ein Mensch, der Cigarre raucht, hat und nimmt sich Zeit, ist noch fähig zum Genuss und zur Menschlichkeit.
Das zweite Schlüsselerlebnis vor ein paar Tagen. Bei der Lektüre des Artikels «Taback-Rauchen» in Zedlers Universal-Lexikon von 1744 ging mir auf, wie militant Nichtraucher sein können. Sultan Murad IV. liess mindestens 20’000 Raucher hinrichten; Zar Michael Romanow tausenden die Nase abschneiden.Und wer im alten Russland einen Feind auf die Folter bringen wollte, warf Tabak ins Haus seines Widersachers, um diesen dann zu denunzieren. Ich musste unwillkürlich an Peter Bamms Über die Vorzüge des Rauchens bei Männern denken, wo es heisst: «Die Nichtraucher sind Intriganten, Finsterlinge, Querulanten. Sie werden vom Ehrgeiz, vom Neid und von der Sparsamkeit geplagt. Sie denken an ihre Gesundheit, aber niemals an der Anderen Wohlbefinden.» Moment, war nicht Hitler Nichtraucher? Können Sie sich Hitler vorstellen, der genüsslich an einer Robusto zieht, während er über einer Europakarte gebeugt neue Strategien ausheckt? Madura mia, nein! Ein genussunfähiger, neurotischer, verklemmter und grundböser Mensch wie Hitler muss doch Asket und Nichtraucher gewesen sein – denkt wohl auch das Volk, wenn es zu sagen weiss: «Wo man raucht, da kannst du ruhig harren, böse Menschen haben nie Cigarren.» Aber warum können wir uns den dicken, drogensüchtigen Göring Cigarren rauchend vorstellen, nicht aber Hitler? Die Antwort erhielt ich von unerwarteter Seite.
Das dritte Schlüsselerlebnis: die Lektüre von Bram Stokers Dracula. Schon bald nach seiner Ankunft auf Graf Draculas Schloss in den Karpaten berichtet der famose Jonathan Harker in seinem Tagebuch: «Unterdessen hatte ich meine Mahlzeit beendet und auf den Wunsch meines Gastgebers hin einen Sessel vor das Feuer gerückt. Ich rauchte eine Cigarre an, die er mir anbot, wobei er sich zugleich entschuldigte, dass er selbst nicht rauche.» Dracula ist nicht wie andere Cigarrenverächter ein ideologischer Nichtraucher. Er besitzt sogar Cigarren und er bietet sie seinen Gästen an. Aber der vampirische Graf ist ausserstande, diese Cigarren selbst zu rauchen. Weshalb? Ganz einfach, weil das Böse nichts Gutes geniessen kann. Der Vampir kann die Segnungen der Kultur nicht geniessen, er geniesst nur das animalisch abgezapfte Blut von Menschen. Der Vampir ist, wie es Mina Harker in ihr Tagebuch schreibt, «…wild und mehr als das; er ist teuflisch gefühllos; er besitzt kein Herz…» Dagegen rauchen die gemütvollen englischen Gentlemen, die Graf Dracula verfolgen, stets – Cigarren! Draculas Cigarren sind der Schlüssel zur Cigarren-Ethik.
Natürlich ist nun – theologisch gesprochen – auch die Cigarre ein Kind des Sündenfalls; so wie alle Kultur, die uns die Rückkehr zum Paradies versperrt, ein Kind des Sündenfalls ist. Aber die Cigarre ist gleichzeitig göttlich (herba divina), weil sie uns vor der eisigen Konsequenz des absolut Bösen bewahrt, uns Zeit schenkt, Musse und Ruhe, und uns vor überstürzten Entscheidungen und übermässigen Affekten schützt. Mark Twains berühmtes Diktum «Wenn man im Himmel nicht rauchen darf, gehe ich nicht hin» ist also keineswegs blasphemisch, sondern beweist tiefe cigarro-ethische Einsicht. Wohin jedoch der Wahn führt, die gesündeste und beste aller Welten, ja das Paradies auf Erden schaffen zu können, haben uns die Eskapaden militanter Nichtraucher und Asketen der Weltgeschichte gezeigt.
Jedes Mal, wenn wir einen Puro anzünden, sollten wir an Draculas Cigarren denken und uns vergewissern, ob uns der Rauch noch schmeckt, oder ob wir – sagen wir’s drastisch – zu Blutsaugern geworden sind. Cigarrenraucher sind weder bessere noch schlechtere Menschen, aber sie übernehmen mit jeder Cigarre die Verpflichtung, sich des kalten Machbarkeitswahns, der tödlichen Herrschaft puristischer Moral und der Blutsaugerei zu enthalten. Insofern beweisen Mafiosi, die Cigarren rauchen, dadurch nur, dass in ihnen noch ein Fünkchen menschlicher Anteilnahme steckt, bei aller Brutalität noch ein Herz schlägt. Für alle also, die Cigarren rauchen, sind Hopfen und Malz – Verzeihung! – Deckblatt und Einlage noch nicht verloren.
Dr. Thomas Brunnschweiler
Dieser Text ist erschienen in Thomas Brunnschweiler: Raucherfreuden
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Kontrast Verlags Zürich
http://www.kontrast.ch


RSS



Lade...