Das Projekt Atlantropa – eine vergessene Utopie.

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

“Würden die Italiener all das Geld, was sie in den Bau von Kirchen stecken, für technische Werke ausgeben, dann könnten sie mit dem Appeninengebirge die Adria zuschütten, um das Meer von Livorno bis Konstantinopel in Festland zu verwandeln.”

Thomas Jefferson schrieb dies 1787 in sein Tagebuch, und was so klingt, als habe er zuvor zu tief in seinen geliebten Bordeaux geschaut, war durchaus ernst gemeint. Für Jefferson waren Gebirge und Gewässer unnütze Reisehindernisse, und so schrieb er diesen Gedanken während einer beschwerlichen Italienreise nieder.

Rund 140 Jahre später entwickelte der deutsche Ingenieur Herman Sörgel ein großtechnisches Projekt, in dessen Kern eine ähnliche Idee steckte, wie sie damals Jefferson formuliert hatte. Sörgel ließ den Mittelmeerraum zum Schauplatz einer technischen Utopie werden, die die Kontinente Europa und Afrika in gigantische Baustellen verwandeln sollte. Er nannte das Projekt Atlantropa. Die Idee: das Mittelmeer sollte weitgehend trocken gelegt werden, was durch den Bau eines gigantischen Dammes über die Straße von Gibraltar erreicht werden sollte. Eine Fläche von 660 000 Quadratkilometern, der von Frankreich und Belgien entsprechend, konnte durch eine Absenkung des Meeresspiegels um 100 Meter im westlichen und 200 Meter im östlichen Mittelmeerbereich gewonnen werden. Doch dies war nicht der Hauptgedanke des Projektes. Sörgels Plan war die Schaffung einer riesigen Energiequelle in Form eines Wasserkraftwerks. 88.000 Kubikmeter Wasser konnten pro Sekunde durch gewaltige Turbinen schießen und 50.000 Megawatt Strom erzeugen, womit ganz Europa und Nordafrika versorgt werden konnten. Weitere Vorteile des Projektes waren die Schaffung von Millionen von Arbeitsplätzen über viele Jahrzehnte hinaus und die Bündelung der Schaffenskräfte der beteiligten Völker, durch die neue kriegerische Auseinandersetzungen in Europa vermieden werden sollten, was für Sörgel als überzeugtem Pazifisten ein besonderes Anliegen darstellte. Auch Nordafrika sollte durch die geologische und wirtschaftliche Anbindung an Europa vielfach profitieren, und für das übrige Afrika hatte Sörgel weitere Pläne der Energiegewinnung, so die Schaffung eines gewaltigen Sees durch Aufstau des Kongoflusses.

Das Projekt gewann viele Anhänger, Sympathisanten und Mitarbeiter, allerdings, und das fällt doch sehr auf, nicht in den am meisten betroffenen Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien. Dort wunderte man sich vielmehr, dass am deutschen Wesen wieder einmal die Welt genesen sollte.

Neuland und Energie durch das Mittelmeer-Projekt, Schaubild von 1932 Abbildung aus: Wolfgang Voigt; Atlantropa - Weltbauten am Mittelmeer

Unter Sörgels Mitstreitern befanden sich einige der bedeutendsten Architekten der Epoche wie Peter Behrens, Erich Mendelsohn, Fritz Höger, Hans Poelzig, Cornelis van Eesteren und Hans Döllgast. Die beteiligten Planer nutzten das auftauchende Neuland als Experimentierfeld für exemplarische Stadtmodelle. 1940 wurde das „Atlantropa-Institut“ gegründet. Für Sörgel gab es immer wieder Rückschläge, er geriet wegen der pazifistischen Grundgedanken des Projektes in Konflikt mit den Nazis, die zudem die “Erweiterung des deutschen Lebensraums” im Osten und nicht im Süden sahen; der 2. Weltkrieg warf Sörgels Vorstellungen eines vereinten Europas zurück, und die neu entdeckte Atomkraft schien ab dem Ende der 40er Jahre eine weitaus einfachere Energiequelle zu eröffnen. Der Ingenieur trieb seine Ideen und Planungen unbeirrt voran, Atlantropa war ohne Zweifel sein Lebenswerk. Es wurde abrupt beendet, 1952 kam Sörgel bei einem Verkehrsunfall in München ums Leben.

Ein derart gigantisches Projekt warf natürlich unendlich viele Fragen und Probleme auf, aber für nahezu alles fanden Sörgl und seine Mitstreiter – zumindest in der Theorie – eine Lösung. Sogar das Schicksal der Stadt Venedig wurde mitberücksichtigt: in 30 km Entfernung, also außer Sichtweite, sollte ein Staudamm die venezianische Lagune in einem künstlichen Meer erhalten. Andere Hafenstädte, die nach der Absenkung des Mitelmeeres verlandeten, sollten an der dann entstandenen Küste neu errichtet werden – eine gigantische Herausforderung an die Planungskräfte der beteiligten Architekten und Arbeit für Millionen von Menschen über Generationen hinweg.Was man hingegen damals offenbar wenig oder gar nicht beachtete: die ökologischen Folgen einer derart gigantischen Veränderung der natürlichen Gegebenheiten. Der Lebensraum tausender von Spezies wäre zerstört worden. Die klimatischen Veränderungen hätten dramatische Folgen gehabt. Und nicht nur im Mittelmeerraum hätten sich die Folgen gezeigt: das abgepumpte Wasser würde den weltweiten Meeresspiegel um wenigstens einen Meter ansteigen lassen, mit dramatischen Folgen für die Küstenregionen des gesamten Planeten. Und der für das weltweite und vor allem europäische Klima so wichtige Golfstrom hätte eine Umleitung mit kaum auszudenkenden Folgen erlebt. Technisch machbar allerdings wäre das Projekt laut Meinung von Experten durchaus auch schon vor 70 Jahren gewesen, was vielleicht ein Grund dafür ist, dass die Atlantropa-Vision Sörgels viele auch heute noch zu faszinieren vermag.

So utopisch auch die Beschreibung des Projektes Atlantropa klingen mag: Sörgel war kein Fantast. Dies dokumentiert das Buch Atlantropa – Weltbauten am Mittelmeer von Wolfgang Voigt, das auf 160 Seiten mit 180 Abbildungen eine umfassende Beschreibung von Sörgels Architektentraum darstellt. Ergänzt wird das Buch durch die als DVD beigelegte, aufwendig gemachte Filmdokumentation  Atlantropa – Der Traum vom neuen Kontinent, in der faszinierende Computersimulationen und -animationen das gigantische Projekt mit nahezu realistischen Bildern lebendig werden lassen. Ausführlich wird auch der Mensch Herman Sörgel, der in der Münchner Bohème nach dem 1. Weltkrieg eine markante Persönlichkeit darstellte, portraitiert. So fantastisch sich die Idee von Atlantropa auch in einer Kurzbeschreibung anhören mag, das Buch und der Film zeigen, dass ein derartiges technisches Großprojekt durchaus realisierbar gewesen wäre. Doch vor allem der in den fünfziger Jahren übergroße Enthusiasmus für die Atomkraft versetzte Sörgels Vision den Todesstoß. Der damalige Atomminister Balke informierte das 1958 zusammengekommene Kuratorium des Atlantropa-Instituts darüber, dass die Tage der Wasserkraft gezählt seien, die Zukunft gehöre dem angeblich wirtschaftlicheren Atomstrom. Wenig später wurde das Institut geschlossen.

(awb)

Atlantropa – Weltbauen am Mittelmeer
Ein Architektentraum der Moderne
Wolfgang Voigt
Hardcover Buch inkl. DVD
160 Seiten
165 Farb-, 15 s/w-Abbildungen
DVD von Miromar Entertainment, Ludwigsburg
Verlag: Grosser & Stein (2007)
Preis: 39,90 EUR inkl. MwSt.

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Die Wiederauferstehung des größten Buchs des 20. Jahrhunderts
Helmut Newton (1920–2004) hat einfachen oder voraussehbaren Lösungen immer ein gesundes Maß an Misstrauen entgegengebracht. SUMO war ein mutiges und beispielloses publizistisches ...
Weiterlesen...
Grafik: awb, nach einer Illustration aus dem Buch Rosemarie Nittribitt - Autopsie eines deutschen Skandals.
Plötzlich war der Name in aller Munde. Das war aber auch ein Name! Ich war noch ein kleiner Junge, aber dieser Name prägte ...
Weiterlesen...
Gesunde Falten – Herrenkosmetik muss sein.
Ein Mann im Kosmetiksalon? Das war lange Zeit kaum vorstellbar, es sei denn, er brauchte für seine Partnerin noch schnell ein Geschenk. Dies ist ...
Weiterlesen...
Die Wiederauferstehung des größten Buchs des 20. Jahrhunderts
“Die”. Fünfzig Jahre später.
Gesunde Falten – Herrenkosmetik muss sein.
 
 
Alles aus der Rubrik Buch
Alles aus der Rubrik DVD
Alles aus der Rubrik Geschichte
Alles aus der Rubrik Herren
Alles zum Thema Autos und Technik
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen
Alles zum Thema Länder und Reisen
Alles zum Thema Menschen