Das Tischgebet beim Puffbesitzer

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Wartezeit kann so schön sein. Vor allem in der Düsseldorfer Rethelstraße 73-77. Bert Wollersheim lässt sich entschuldigen, er komme etwas später, sein Sohn müsse noch unterhalten werden. Ich glaube ich sitze im richtigen Film: Neben mir zwei bildschöne Frauen in Dessous, die schnell mal Currywurst essen, daneben ein Düsseldorfer Maler, der Bilder in der Rethelstraße hängen hat. Ein guter Geist versorgt mich mit Kaffee, es herrscht geschäftige Gelassenheit. Später setzt sich ein TV Kommissar dazu und ein Ex-Big Brother. Dann zeigt mir die charmante Tina alle Zimmer, 27 und keins wie das andere, von der Jagdhütte bis zum Wigwam. Und die Bars und eine Champagnerlounge. Mit Getränken, wie man sie weltweit zusammen suchen müsste. Und Humidore, randvoll mit Havannas.

Schließlich ist Bert Wollersheim da, nimmt hier in den Arm, gibt Küsschen da, gibt ein paar Anweisungen. Dann sitzen wir in seinem Büro.

AWB: Bert Wollersheim, Ich würde gerne ein Bordell eröffnen, hätten Sie ein paar Tipps für mich?

Bert Wollersheim: Lassen Sie’s bleiben. Ihr Arbeitgeber wird Sie ja hoffentlich anständig bezahlen.

AWB: Sie fürchten meine Konkurrenz!

Wollersheim: (Lacht laut los) Nein, so einfach, wie sich das manche Leute vorstellen, ist das nun wirklich nicht. Es reicht nicht, Geld zu haben, ein paar Hausfrauen anzuheuern und dann los zu liegen.

AWB: Sondern?

Wollersheim: Ein Mensch, der das Geschäft nur von aussen sieht, kann gar nicht wissen, was erforderlich ist, um es so zu führen, wie ich das hier tue. Man muss die Leute, vor allem die Frauen, die hier arbeiten, verstehen können. Man muss sich in sie hinein versetzen können. Da sind viele bei, die gestrandet sind. Die sollen sich bei mir behütet fühlen. Sie machen den schwersten Job der Welt.

AWB: Und den machen Sie ihnen leichter?

Wollersheim: Ja. Ich lebe das Leben voll mit. So was kann man auch nicht heucheln. Wenn sie Probleme haben und ich sie dann mal in den Arm nehme, dann merken sie: der ist so, der nimmt mich ernst.

AWB: Ein Geben und Nehmen also?

Wollersheim: Aber sicher. Wenn die Umgebung und das Miteinander stimmen, kommen die Mädchen auch gerne zu ihrem Job. Und wenn sie lächeln, dann nicht, weil sie es müssen.

AWB: Was wollen und was bekommen Ihre Gäste? Das alles macht mir hier nicht den Eindruck eines Puffs…

Wollersheim: Ich sage zwar gerne flapsig, dass ich einen Puff habe, aber das hier ist etwas ganz anderes. Wir verkaufen Illusionen, rund um die Uhr und so perfekt, wie es nur möglich ist. Das ist genau das, was die Gäste von uns erwarten.

AWB: Sie sprechen von Illusionen,  meinen aber Sex.

Wollersheim: Sex auch. Aber das hier ist kein reiner Sexbetrieb, hier steckt ein Gesamtkonzept hinter. Hier gibt es Entertainment, Lachen, Singen, jede Menge Spass, Alkohol, Cigarren. Die Gäste wollen den Rotlichttouch, die kitschige Umgebung, unsere Bars. Und auch nicht alle gehen aufs Zimmer.

AWB: Die kommen nur mal auf ein Glas?

Wollersheim: Warum denn nicht? Mancher sitzt einfach nur in der Bar, unterhält sich entspannt, trinkt, raucht, wird fröhlich, vergisst das, was draussen ist. Das ist eine eigene Welt hier drinnen. Ein Paralleluniversum. Hier sind schon Gäste wochenlang nicht raus gegangen.

AWB: Das kostet.

Wollersheim: Klar. Aber das weiss doch jeder, der hier hin kommt. Dafür leisten wir auch etwas. Wer nachts um drei Uhr noch Erdbeeren haben will, dem besorgen wir die. Wer ein frisches Hemd braucht oder Rasierer und Zahnbürste: kein Problem. Das finden Sie nicht einmal in Luxushotels, wo die Nacht tausend Euro kostet. Wer eine geile Zeit erleben will und dabei übers Geld spricht, ist bei uns falsch. Wir haben hier die seltensten Spirituosen und Champagner und Cigarren der Welt. Und die schönsten Frauen.

AWB: Wie wird man Bert Wollersheim?

Wollersheim: Ich habe als Frisör angefangen, angeregt durch das elterliche Geschäft. Mit 18 Jahren ging ich nach Düsseldorf, ich war kreativ und schnell gefragt. Kunden wie Rex Gildo oder Dieter Thomas Heck kamen zu mir. Und bald auch die Unterwelt, aus ganz Deutschland. Da sassen dann im feinen Stöffchen Leute wie Totenkopf Fred oder Der Konsul auf meiner Bank. Manchmal 100 Jahre Knast gleichzeitig.

AWB: Von denen haben Sie gelernt?

Wollersheim: Irgendwie sicher. Zumindest kam ich dadurch in diese Kreise. Das war eine ganz andere Unterwelt als die heute. Da wurden Meinungsverschiedenheiten noch mit der Faust ausgetragen. Es gab ein paar auf die Schnauze und gut war’s. Heute ist das alles ganz anders, da werden Leute schnell auch mal «entsorgt».

AWB: Sie selber machen auch nicht gerade den Eindruck eines albanischen Häschenspielers.

Wollersheim: Schlecht ist so eine Figur sicher nicht, um sich in dem Geschäft zu halten. Als ich im Knast war, mussten die Leute immer auf mich runter kucken. Aber ich hab’ mich auch so durchsetzen können. Dabei haben mir sicher meine Unterweltkontakte geholfen, durch die ich geschützt war.

AWB: Und wie wird man vom Unterwelt-Coiffeur zum Bordellbesitzer?

Wollersheim: Ich brauchte immer viel Geld. Schon früh hatte ich meine teure Autoleidenschaft. Ich machte Schwarzarbeit als Frisör und kam in neue Kreise. Damals wurde in der Unterwelt viel gezockt, Tage und Nächte an einem Stück. Da war ich oft dabei und spielte den Laufburschen, besorgte Zahnbürsten, Hemden, Anzüge, Aspirin. Das wurde gut bezahlt. Natürlich kam ich so auch in Kontakt mit Bordellen.

AWB: Und die haben Ihnen gefallen.

Wollersheim: Im Gegenteil. Die sprachen mich im überhaupt nicht an. Sie waren meist total schmuddelig, unästhetisch, richtig traurig und überhaupt nicht erotisch, also dachte ich mir: das muss doch auch anders gehen. Ich hatte immer schon Spass am Einrichten und Gestalten. So habe ich meinen ersten Puff aufgemacht, in Düsseldorf, 4 schöne Zimmer und eine Bar. Das war vor 30 Jahren.

AWB: Waren Sie immer so geschäftstüchtig? Haben Sie schon den Kumpels auf dem Schulhof Cola statt Kakao verkauft?

Wollersheim: Ich war nie geschäftstüchtig.

AWB: Hallo?

Wollersheim: Wenn geschäftstüchtig bedeutet: ich kucke immer nur danach, wo ich etwas billiger einkaufen kann, um es dann teuer zu verkaufen, dann bin ich das überhaupt nicht. Das würde mir nur die Zeit stehlen. Wenn geschäftstüchtig heisst: Ideen haben, kreativ sein, für alles sorgen zu können, dann ja, dann bin ich es. Alle 27 Zimmer hier habe ich entworfen, bis ins Detail. So was findet man woanders nicht mehr so schnell, wenn überhaupt. Und das mögen die Gäste, deshalb kommen sie her, und das ist gut fürs Geschäft.

AWB: Wie kann man in dieser Welt so lange und offenbar gut überleben?

Wollersheim: Ich bin sehr geprägt durch mein liebevolles Elternhaus. Ich bescheisse keine Leute, drum habe ich auch noch nie eins auf die Schnauze bekommen (klopft auf Holz).

AWB: Sie sind ja ein richtig lieber Kerl…

Wollersheim: (Lacht) Das sehen sogar die Behörden so. Ich stehe doch immer mit einem Bein im Knast, wegen Förderung der Prostitution. Aber wir haben ein sehr gutes Verhältnis, ich bin berechenbar, bei mir gibt es keinen Menschenhandel, keine Brutalität. Ich habe daher manche Rechte, im Interesse beider Seiten. Und: ich tue etwas Gutes für die Gesellschaft. Ich will ja, dass die Leute Sex haben. Das ist ganz wichtig, für uns alle. Ich möchte jedenfalls keinen Präsidenten haben, der keinen Sex hat.

AWB: So einen Laden — drei nebeneinander liegende Häuser — schmeisst man nicht alleine. Wie managen Sie das?

Wollersheim: Ich habe mehr als dreissig Leute, die hinter den Kulissen ständig arbeiten. Hausmeister, Elektriker, die Reinigungskräfte, Einkäufer. Und das rund um die Uhr, irgendwas ist doch immer.

AWB: Und vor den Kulissen?

Wollersheim: Das sind bis zu hundert Frauen. Wenn eine grosse Messe ist, auf jeden Fall. Wir haben 24 Stunden am Tag geöffnet. Fragen Sie mich nicht für wen, denn eigentlich geht doch kein Mensch in den Puff. Oder kennen Sie jemanden?

AWB: Ich stelle hier die Fragen!

Wollersheim: Dann machen Sie weiter! Ich habe heute Nacht noch Party.

AWB: Voll das Klischee: Nacht- und Partymensch.

Wollersheim: Nicht nur. Ich liebe es sehr, früh aufzustehen, ich lebe auf einem Bauernhof und finde es wunderbar, dort zu erleben, wie es Tag wird. Aber Party muss natürlich auch sein. Das gehört zu meinem Beruf.

AWB: Man kann lesen, dass Sie ein gläubiger Mensch seien, was immer das heissen mag. Wie bekommt man Glauben, Moral und ihre Arbeit unter einen Hut?

Wollersheim: Ich bin ein moralischer Mensch. Ein Banker ist unter Umständen ein viel unmoralischerer Mensch als ein Puffbesitzer. Für mich heisst moralisch sein zum Beispiel, andere nicht zu betrügen oder auszunutzen. Ich bin auch immer hilfsbereit gegenüber anderen, und ich gebe viel Geld für soziale Zwecke aus, vor allem für Kinder. Das gehört sich so, das habe ich zu Hause so gelernt. Ich veranstalte Galas und gehe auf Galas, und wir sammeln sehr viel Geld und Sachspenden.

AWB: Und der Glaube?

Wollersheim: Menschen müssen an etwas glauben. Das muss nicht an Adam und Eva sein oder einen alten Mann mit weissem Bart. Sie können auch an die Natur glauben oder an eine Kraft, so wie ich. Aber Hauptsache, an etwas glauben.

AWB: Und warum?

Wollersheim: Damit man ein guter Mensch ist. Das bringe ich meinem Kleinen jetzt bei, er ist vier. Ich bete jeden Tag mit ihm, wir bedanken uns für das Essen, wir bitten, dass es der Mami gut geht und allen anderen Menschen auf der Welt.

AWB: Bauernhof – Bordell: zwei Welten?

Wollersheim: Aber sicher. Wenn ich mich ins Auto setze, um nach Hause zu fahren, ziehe ich erst einmal meine Klunkern aus und massier’ mir die Ohrläppchen. Wenn ich dann da bin, ziehe ich die Stiefel aus, mache den Fernseher an und fange an zu kochen. Letzte Woche hab ich meinen ersten Rinderbraten gekocht. Daran habe ich Spass. Und ich verbringe so viel Zeit, wie es nur geht, mit meinem Söhnchen Alain.

AWB: Und die Mutter?

Wollersheim: Wir sind nicht mehr zusammen. Oder doch? Ich weiß es manchmal gar nicht so genau. Sie studiert in London.

AWB: Also andere Frauen.

Wollersheim: Das stellen Sie sich so einfach vor; Der ist Tag und Nacht von Frauen umgeben! Klar, Partyhühner ohne Ende, aber was will ich mit denen? Das ist doch alles so oberflächlich. Frauen, die mich interessieren würden, gehen nicht auf mich zu. Und wenn ich auf sie zugehe, wollen sie das nicht, denn sie haben eben nur das Bild des ewigen Hahns im Korb von mir, um den die Frauen nur so rumschwirren. Ist ja auch so, aber trotzdem hätte ich gerne eine Beziehung mit einer Frau, die Verständnis hat, die Humor hat. Und die Sexappeal hat. Aber die habe ich noch nicht gefunden. Also fahre ich nach Hause und koche.

Unser Gespräch wird unterbrochen, eine freundliche ältere Dame tritt herein, um sich zu verabschieden. «Das ist unsere Frau von Schwerin!» sagt Bert Wollersheim. Der Name klingt nach Domina, aber danach sieht sie nun gar nicht aus. Frau von Schwerin heisst wirklich so, sie arbeitete früher im Justizvollzug und ist seit ihrer Pensionierung hier tätig. Ihre Aufgabe ist die Betreuung der Frauen im Haus, sie hat für alles ein offenes Ohr, für Geldsorgen, für Beziehungsprobleme, für Identitätskrisen. Sie ist siebenundsiebzig, sieht fünfzehn Jahre jünger aus und ist in der Rethelstraße unverzichtbar. Mann staunt.

AWB: Sie sprachen eben von Ihren Klunkern. Ihr ganzes Outfit ist, na sagen wir mal… auffällig. Wie ist das entstanden? Abkucken kann man das ja wohl schlecht irgendwo.

Wollersheim: So was wächst über Jahre. Die Haare, die Kleidung, der Schmuck, die Uhren, das Make-Up. Ich bin nicht schwul, nicht einmal bi, aber ich lackiere mir die Fingernägel und schminke die Augen. Das ist meine Berufskleidung. Show. Illusion. Mein Kleiderschrank zu Hause ist achtzig Quadratmeter gross. Ich bin nun mal exzentrisch. Die Leute wollen das sehen, sie finden es geil oder meinetwegen auch doof, aber sie sprechen über mich. Und das ist doch die Hauptsache.

AWB: Angenommen, Sie müssten sich noch einmal irgendwo bewerben, zum Beispiel in Ihrem alten Beruf als Frisör: Was würde in Ihrem Bewerbungsschreiben stehen?

Wollersheim: Da würde stehen: «Ich bin ein sehr kreativer Mensch. Ich möchte gerne eine Woche unentgeltlich in Ihrem Betrieb arbeiten. Und dann reden wir über Geld.»

AWB: Auf was könnten Sie pfeifen und auf was nicht?

Wollersheim: Oh, da gibt es vieles. Ich sage mal so: Man muss vor allem wissen, was man nicht braucht. Dann ist man schon mal ein ganzes Stück weiter. Was man wirklich braucht, zeigt sich dann schon ganz von selber mit der Zeit. Auf keinen Fall verzichten möchte ich auf meine beiden Kinder.

AWB: Wenn ich eine Ihrer Frauen fragen würde, was halten Sie von Bert Wollersheim, welche Antwort bekäme ich?

Wollersheim: (Der Mann verschluckt vor Lachen seinen Cohiba Cigarillo) Das ist ja wohl die bescheuertste Frage, die ich je gehört habe. Die würde sagen: das ist ein ganz mistiger Köter. Ist doch klar! (Lacht weiter).

AWB: Mistiger Köter ist ein gutes Stichwort. Wenn Sie mir Ihre Kundenkartei verkaufen würden, gäbe es eine Staats-, Wirtschafts- oder Kulturkrise?

Wollersheim: Lieber Mann, bei mir wäre sogar der Papst anonym.

Das Gespräch mit Bert Wollersheim führte Archi W. Bechlenberg, es erschien zuerst in CIGAR – Das Lifestylemagazin für den Mann

 
 
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