Ein Gespräch mit dem Autor und Zeichner Robert Nippoldt
In einer spannenden Mischung aus bestechender Zeichenkunst, fundierten Fakten, amüsanten Anekdoten und auf einer CD mit Originalaufnahmen stellen Robert Nippoldt und Hans-Jürgen Schaal 24 bedeutende Jazzgrößen im New York der wilden zwanziger Jahre vor. Ein wunderbarer Augen- und Ohrenschmaus!
Im New York der 1920er Jahre herrscht wahrhaft das Jazzfieber. Die Menschen schwärmen in die Night Clubs und Dance Halls. Louis Armstrong ist mit dem Fletcher Henderson Orchestra im Kentucky Club zu erleben, Duke Ellington tritt im Roseland Ballroom und im Cotton Club auf.
Robert Nippoldt fängt in seinen Zeichnungen das Aufregende dieses Jazz-Zeitalters ein und stellt die berühmtesten Jazzlegenden vor. Die brillanten Illustrationen werden begleitet von dem ebenso fundierten wie kurzweiligen Text des Jazzexperten Hans-Jürgen Schaal, der über die Clubszene und die Band Battles berichtet, aber auch über Big-Band-Besetzungen und legendäre Plattenaufnahmen. Das Herrenzimmer sprach mit Robert Nippoldt.
Herr Nippoldt, Sie sind gerade einmal dreißig Jahre alt – wieso interessieren Sie sich ausgerechnet für Jazz in den zwanziger Jahren und nicht für den Hip-Hop von heute? Woher kommt Ihr Interesse für diese Musik?
Das mag Sie vielleicht erstaunen, aber vor diesem Buchprojekt hatte ich mit Jazz gar nichts am Hut. Auch wenn ich immer viel Musik gehört und selber in Bands Gitarre gespielt und gesungen habe. Vielleicht empfand ich gerade daher die Idee des Verlags, ein Buch über Jazz zu machen, als besondere Herausforderung. Solche Projekte sind immer eine Chance, seinen eigenen Horizont ein wenig zu erweitern. Und ich habe es nicht bereut.
Sie haben zuvor in ähnlicher Aufmachung das Buch “Gangster” gemacht – das handelt von der gleichen Zeit und ähnlichen Scenes wie das Jazz Buch. Hatten Sie bereits bei der Arbeit an Gangster die Idee zu “Jazz”?
Das Gangsterbuch war meine Diplomarbeit an der Fachhochschule für Design in Münster. Bei der Entstehung wusste ich also weder, dass es verlegt werden würde noch dass ich danach sogar noch einen weiteren Band in dieser Art entwickeln dürfte.
Wie ist “Jazz” entstanden? Haben Sie von Anfang an mit Hans-Jürgen Schaal zusammen gearbeitet?
Am Anfang des Projektes stand noch nicht einmal fest, ob es überhaupt einen Textautor geben würde. Ich fing also erstmal alleine an und versuchte, mich mit dem Thema Jazz vertraut zu machen. Ich hörte viele Jazzaufnahmen, ging zu Konzerten, stöberte in Büchern, Dokumentationen und im Internet und liess mir von einem befreundeten Jazzpianisten unterschiedliche Jazzstile vorspielen.
Danach wagte ich mich an Jazzexperten und diskutierte mit Ihnen über das Konzept. Sehr hilfreich waren dabei vor allem die beiden hervorragenden Jazzinstitute in Regensburg und Darmstadt. Beim Bayerischen Jazzinstitut in Regensburg war ich mehrere Wochen lang und wir feilten dort gemeinsam an der Musikerauswahl, der geschichtlichen Einleitung, den möglichen Informationsgrafiken und an der Zusammenstellung der Musik-CD. Während dieser Zusammenarbeit wurde ziemlich bald klar, dass ein Jazzexperte die Texte schreiben sollte. Als das Konzept stand, machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Autor. Hans-Jürgen Schaal war mir von mehreren Seiten empfohlen worden und schien perfekt zu passen. Ich fand seine Nummer heraus und rief ihn einfach an. Dann fuhr ich nach München, um ihn dort zu treffen und um ihn genau ins Projekt einzuweihen. Als er zusagte, fiel mir ein grosser Stein vom Herzen und als dann noch einige Wochen später diese wunderbaren Texte eintrudelten, “da war die Welt im Döschen”, wie man am Niederrhein so schön sagt.
Ihr Buch ist sehr aufwändig gemacht und hat ja eben erst die Auszeichnung “Schönstes Buch 2007″ erhalten – ist es nicht im Vorfeld schwer, einen Verleger für so ein Projekt zu gewinnen?
Tatsächlich gibt es nur noch wenige Verlage, die sich solche aufwändigen Buchprojekte trauen. Der Gerstenberg Verlag ist einer davon, und ich war froh, zum zweiten Mal mit ihm ein Buch machen zu können. Hier wird grossen Wert auf die Herstellung gelegt, d.h. auf die Buchbindung, auf die Papier- und Druckqualität, etc. Das treibt natürlich die Produktionskosten in die Höhe.
Als mir dann aber nach ca. einem halben Jahr Recherche und konzeptioneller Arbeit klar wurde, dass es unbedingt eine buchbegleitende CD geben sollte, und diese kostenintensiver sei, als gedacht, mussten zusätzliche Gelder aufgetan werden. Nach langer Suche und vielen Förderanträgen fand ich in meiner Heimatstadt Kleve einen Jazznarren, Günter Heenen. Er half mir, die buchbegleitende CD zu finanzieren, indem . er eine limitierte Auflage von Siebdrucken meiner ersten Jazz-Bilder ermöglichte. Durch deren Verkauf konnte die CD zum Glück produziert und dem Buch beigelegt werden.
Die Bildrecherche nach den Vorbildern Ihrer Illustrationen war sicher sehr aufwändig…
Nicht immer. Die sehr populären Musiker wie beispielsweise Louis Armstrong oder Benny Goodman sind tausendfach abgelichtet worden, so dass ich da auf einen riesen grossen Fundus zurückgreifen konnte. Bei früh verstorbenen hingegen, wie z.B. Chick Webb oder weniger bekannten Jazzern wie Jean Goldkette sah das schon anders aus. Nur sehr mühseelig fand ich ein paar wenige Abbildungen, und die meist in schlechter Qualität.
Am schwierigsten aber war es, alle originale Unterschriften der Musiker und alle originale Labelabbildungen der 20 CD-Titel zu bekommen. Jazzinstitutionen und Sammler aus aller Herren Länder haben ihre Archive für mich durchwühlt, und erst kurz vor Drucktermin trafen die letzten Abbildungen bei mir ein.
Nach welchen Kriterien haben Sie die beiliegende CD zusammengestellt?
Tagelang sass ich mit den beiden Leitern des Bayerischen Jazzinstituts, Herr Wiedamann und Sylke Merbold zusammen und wir hörten und diskutierten über die Zusammenstellung der CD.
Folgende Kriterien spielten dabei eine wichtige Rolle:
- Jeder der 24 im Buch vorgestellten Musiker sollte mindestens mit einer Originalaufnahme vertreten sein
- Diese sollte aus den Zwanzigern oder Anfang der Dreissiger stammen und im Raum New York aufgenommen sein
- Es sollte eine abwechslungsreiche Mischung aus geschichtsträchtigen (”Livery Stable Blues”), sehr bekannten (“St. Louis Blues”, “Minnie the Moocher”) und ungewöhnlichen Aufnahmen (“Freakish”) sein
- mein persönlicher Geschmack spielte bei der einen oder anderen Wahl auch eine Rolle. So entschied ich mich beispielsweise für “Black and Blue; vielleicht mein Lieblingsstück auf der CD.
Hätten Sie gerne diese aufregende Zeit, in der Ihr Buch angesiedelt ist, live miterlebt?
Oh ja. Was würde ich für einen Abend im Cotton Club geben!
Hören Sie auch privat gerne Jazz? Wenn ja, aus welcher Zeit? Und gibt es Interpreten und Instrumente, die Sie besonders schätzen?
Durch das Projekt habe ich vor allem den frühen Jazz kennen- und lieben gelernt. Besonders authentisch konnte ich ihn einmal auf einem 20er Jahre Picknick geniessen. Alle waren kostümiert und jemand hatte sein Grammophon und einen Haufen alter Schellackplatten von Fats Waller, Bix Beiderbecke, Louis Armstrong und co. mitgebracht. Vor lauter Kurbeln habe ich dann fast das Windbeutelwettessen verpasst. Am liebsten aber mag ich Jazz, wenn er live ist.
Denken Sie, dass Jazz als Musik weiterhin eine Zukunft hat? Wenn man die schrumpfenden Jazzabteilungen in CD Läden sieht kann man daran seine Zweifel haben…
Ich befürchte, dass nicht nur die Jazzabteilungen, sondern die ganzen CD-Läden wegschrumpfen werden. Neue Medien und Verbreitungsmöglichkeiten via Internet werden sich wohl durchsetzen. Aber ich glaube, dass der Jazz sich halten wird.
Gibt es bereits ein neues Projekt, vergleichbar mit Gangster und Jazz, an dem Sie arbeiten?
Es wird sehr wahrscheinlich einen dritten Band dieser Art geben, über welches Thema ist uns allerdings noch nicht klar.
Zunächst bin ich aber noch ein bisschen mit Jazz beschäftigt. Es stehen weitere Ausstellungen an, bei denen Originalzeichnungen, Konzeptskizzen zum Buch und vor allem grossformatige Siebdrucke gezeigt werden. Dafür müssen noch ein paar Käufer gefunden werden.
Danach freue ich mich aber wieder auf ein neues, hoffentlich spannendes Buchthema.
Anmerkungen:
Bei Interesse an dem Kauf eines Jazz-Siebdrucks wenden Sie sich bitte
an die Galerie Artmoritz www.artmoritz.de
www.nippoldt.de (Internetseite von Robert Nippoldt)
www.hjs-jazz.de (Internetseite von Hans Jürgen Schaal)





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