Trio ELF: 746

Populäre Musikstile wie Techno, HipHop und Drum&Bass haben die Rhythmen, Klänge und Klangfarben unserer Um– welt gründlich verändert. Trio Elf nimmt Bezug auf diese Club-Grooves und integriert sie ins Konzept des akustischen Jazz-Pianotrios. Rhythmusmeister bei Trio Elf ist ihr Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer, der bei Dave Weckl am Drummer’s Collective in New York studiert hat, Workshops mit Robby Ameen leitete und 2005 ein Drum&Bass-Arbeits– buch für Schlagzeuger veröffentlicht hat. Wenn er bei Trio Elf digitale Rhythmen und Jungle-Beats in handgemachte, blitzschnelle Trommelstock-Künste übersetzt, beweist er seine ganz besondere Begabung. Ihm gegenüber sitzt Walter Lang, ein guter Bekannter auf der deutschen und japanischen Jazzszene, der mit einer romantischen Sensibilität glänzt, die auch einem Keith Jarrett oder Brad Mehldau gut zu Gesicht stünde. Last not least: Bassist Sven Faller, einst Mitstreiter von Jim Beard, Chico Freeman, Charlie Mariano, John Patitucci, Bobby Watson und anderen: Wie er Bassline-Grooves mit Jazzballaden-Feeling verbindet, macht ihn zur stilistischen Schnittstelle der Band. Als Trio Elf vor zwei Jahren ihr Debütalbum veröffentlichten (“Elf”, ENJ-9488 2), erntete ihr akustischer Jazz “mit elektronischem Flow” überwältigende Begeisterung.

Stereo kürte das Album zur CD des Monats (Musik: 5 Sterne, Klang: 5 Sterne) und feierte es als “eine CD, der es gelingt, die Lager von Jazz und Techno in einer einzigen Musik zu vereinen.” Jazzthetik nannte das Bandkonzept “simpel, aber genial” und fragte: “Warum ist eigentlich vorher noch keiner darauf gekommen?” Andere lobten die Pianotrio-Musik mit dem “loungy touch” als “eine neue Farbe in der Palette des Klaviertrios”, “akustische Clubmusik” oder als “aufregende neue Mischung” mit einer “ganz neuartigen, abgehobenen Frische”. Mit “746″, ihrem zweiten Album, begibt sich Trio Elf auf eine Reise in neue Gegenden. Sie verwenden vielfältigere rhythmische Patterns, präsentieren mehr eigene Stücke, überraschen mit seltsamen HipHop- und Techno-Feels und unerwarteten Episoden, die von lyrisch bis rockig reichen, aber immer clubby und relaxt bleiben. Dabei beziehen sich die drei auch auf die Techno-Historie (Kraftwerks “The Man- Machine”), stricken den italienischen Kitsch-Oldie “Azzurro” völlig um oder bearbeiten ein Brahms-Intermezzo. In Fallers “Adria” rücken das Trio sogar dem Parameter ‘time’ zuleibe, einer heiligen Kuh sowohl im Jazz wie im Club. Angesichts der großen Palette ihrer Innovationen schrieb ein Kritiker: “Die Welt braucht dieses Piano-Trio!”

Trio ELF über die Kompositionen

1. Intro (Walter Lang jun.)
Walter Lang: Das ist das Intro zum Stück “746”. Ich habe mit Pinseln auf den Flügelsaiten diesen Klang erzeugt. Gerwin Eisenhauer: Walters Intro zu “746“ fühlt sich an nach 8. August 2007 um 14.22 Uhr. A moment in time. Sven Faller: Das Intro zu „“746“ ist ein wunderbarer meditativer Einstieg nicht nur in das Titelstück, sondern in die ganze CD. Walter hat hier spontan einen Pinsel auf die Saiten des Flügels geworfen. Ein echter analoger Effekt also.

2. 746 (Walter Lang jun.)
Walter Lang: Es ist die einzige Komposition auf der CD, die einen von Sven entwickelten Loop hat – und ist in welcher Taktart?

Sven Faller: Walters wunderschöne Komposition ist mein persönlicher Favorit. Sollten wir jemals von Enja gebeten werden eine Hitsingle auszukoppeln, ich wäre für “746”. Der 7/4- Takt ist hier alles andere als akademisch, sondern schafft eine runde und leicht tänzerische Atmosphäre. Für mich schafft der Vamp mit den darüber sich entwickelnden Harmonien einen endlos weiten Raum. Einzige Ausnahme eines Sounds, der nicht aus den Instrumenten des Trios stammt, ist dieser mantra-artige Loop, der auf dem Ton einer Flöte beruht, die ich in Peru geschenkt bekam. Alle Sounds auf unserer neuen CD sind in irgendeiner Weise aus dem Klang der akustischen Instrumente generiert. Genau wie die Band live spontan das improvisierte Material aufgreift, durch Effekte schickt oder loopt ist auch die CD ohne Zuhilfenahme fremder Samples oder Sounds entstanden.

Gerwin Eisenhauer: Ein Titel von Walter, brandneu, in 7. Fließt aber trotzdem, mit einem immerwährenden Motiv, das vom Computer kommt, welches das rhythmische und harmonische Grundgerüst der Komposition ist. Wir spielen mit dem Riff, gegen es und darüber hinweg …

3. The Man-Machine (Bartos, Hütter)
Gerwin Eisenhauer: „Einer meiner Favourites. Ein Klassiker von Deutschlands wichtigstem musikalischen Export der letzten fünfzig Jahre, eine Idee von Sven. Es macht Spaß, das Thema im Pianotriokontext zu spielen und mit den Beats zu experimentieren.

Sven Faller: Dass wir ein Stück von Kraftwerk spielen würden, war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Keine Band hat die heutige Elektronik-Szene so beeinflusst wie Kraftwerk. Nach Covers von Aphex Twin und LTJ Bukem waren wir reif für die Altmeister der 70er. Ein Jazzkritiker schrieb über unsere Version von “Off Minor”: “Wie würde Thelonious Monk wohl im Jahr 3000 klingen?” Das gleiche haben wir uns natürlich über Kraftwerk gedacht und vor allem die Improvisation und Gerwins grandiose Beats in die Maschinenwelt eingeführt. Walters Wah-Wah-ähnlicher Effekt auf dem Flügel erinnert mich immer ein wenig an die 70er, das schließt dann den Kreis. Nach dem Piano-Solo hat unser Engineer und Soundmagier Mario das Piano kurz mal gesampelt und durch seine Trick-Kiste geschickt, wie er das auch live gerne macht. Walter Lang: Das ist ein Klassiker von Kraftwerk – und ich liebe Gerwins “Funky Drummer Beat”.

4. Evet 2:00 (Sven Faller)
Sven Faller: “Evet“ heißt “ja“ auf türkisch. Der Titel kam mir nach einem tollen Auftritt in Istanbul, wo auch die Fotos der CD entstanden sind. Über einen geloopten gestrichenen Basston, den ich verfremdet habe, breitet sich eine gemeinsame Improvisation von Bass und Schlagzeug aus, die vom Zusammenspiel indischer Saiten- und Tablaspieler beeinflusst ist.

Walter Lang: Das ist Svens Intro zu “Slam Stew“.

5. Slam Stew 4:41 (Walter Lang jun.)
Walter Lang: Eine Hommage an den legendären Bassisten Slam Stewart und den “Police-Drummer” Stewart Copeland. Gerwin Eisenhauer: Haben wir im Februar 2007 das erste Mal gespielt. Da kam die Idee auf, die Time nicht als einen gegebenen und starren Parameter zu sehen, sondern an die Teile der Komposition anzupassen. Inzwischen sind wir zu dritt so frei, dass wir kollektiv wie von einem Gehirn gesteuert, Temposprünge ins Abwegige machen können.

Sven Faller: Ein gutes Beispiel, wie ein Effekt die Improvisation erweitern kann. Inspiriert durch das zunehmende Echo und den merkwürdig shiftenden Klang, baut Walter ganz neue Phrasen auf. Mir gefällt besonders der von Stewart Copeland beeinflusste Rhythmus. Walter hat das Thema für den Bass in Anlehnung an den legendären Slam Stewart geschrieben, der erste Jazzbassist, der den Bass als Melodie-Instrument eingesetzt hat.

6. Arearea 4:31 (Eisenhauer, Faller)
Gerwin Eisenhauer: Inspiriert von einem Gig mit dem Londoner Drum’n'Bass Toaster MC Wrec mit Walter und mir, haben wir nach Svens Idee das Stück jene seltsame “Out Syncopated Wired Groove”-Kur unterzogen.

Sven Faller: Die Melodie basiert auf einem Stück, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe. Gerwin hat dazu diese vertrackte Bassline gebaut, die von seiner Arbeit mit dem britischen Rapper MC Wrec beeinflusst ist. Man könnte das Stück durchaus als eine Hommage an den frühen Hip Hop der 80er Jahre verstehen.

Walter Lang: Dieses Stück erweitert die Groove-Palette für Trio ELF, ein Traum darüber zu spielen.

7. Maydance 7:41 (Walter Lang jun.)
Walter Lang: Ein quasi Jazz-Standard meets Drum’n'Bass.

Gerwin Eisenhauer: Sounds like Trio ELF. Sven Faller: Eine wunderbar lyrische Komposition von Walter über Harmonien im Stil des Great American Songbook. Das Zusammenspiel der Band ist wie so oft bei Trio ELF kontrapunktisch, ein bisschen in der Tradition des Bill Evans Trio. Uns ist das Interplay immer wichtiger als der virtuose Egotrip, so dass jedes Solo ein group effort ist.

8. Azzurro 6:11 (Pallavicini, Conte)
Sven Faller: Natürlich lieben wir Adriano Celentanos Version. Walter hat herrlich abstrakte Harmonien unter die mehr als bekannte Melodie des Refrains gezimmert und so den Schlager ins dritte Jahrtausend geholt. Der Effekt im Piano-Solo erinnert mich immer ein wenig an Jimi Hendrix und offenbart Walter von einer neuen Seite.

Gerwin Eisenhauer: Drum’n'Bass punky Pianotrio mit Walter am verzerrten Flügel und viel postpubertärer Energie. War die letzte Nummer des Aufnahmetags und hat für mich etwas von “Nur keine Vorsicht und keine Subtilitäten. Wir hauen jetzt einfach drauf.“ Italiensehnsucht gepaart mit dem Feel von roher Energie. No Fear!

Walter Lang: Die Idee für das Arrangement kam mir (natürlich) während meines Italienurlaubs an der Riviera.

9. Adria 7:39 (Sven Faller)
Sven Faller: Adria war ein Mädchen, das ich in New York Mitte der 90er Jahre kennen gelernt habe. Beim Hören des Stücks kann man sich die Dynamik dieser kurzen aber heftigen Beziehung ganz gut vorstellen – ziemliche Achterbahn. Hier haben wir die Improvisation um einen Parameter erweitert: das Tempo. Im Jazz in der Regel konstant, wollten wir ausprobieren, was passiert, wenn die Band auch außerhalb von Rubato-Stellen gemeinsam schneller und langsamer wird – je nach Stimmung. Dafür mussten wir wirklich zusammen atmen. Gerwin spielt im Refrain einen Heavy-Rock Groove im 3/4-Takt, der die Intensität der einfachen Melodie hervorhebt.

Walter Lang: Es lebt von der fast freien, rubatoartigen Stimmung im A-Teil und dem bombastischen Sound Gewitter im B-Teil.

Gerwin Eisenhauer: Wie bei “Slam Stew“ spielen wir hier als Trio mit einer dehnbaren Time, die abbremst und beschleunigt, je nach momentaner Stimmung des Stücks. In Zukunft vielleicht mehr davon … First take im Studio. Als Jason Seizer uns sagte, das Stück sei über sieben Minuten, bin ich erschrocken. Gefühlte Zeit waren vier Minuten.

10. Intermezzo Op. 116 6:23 (J. Brahms, arr. Faller)
Sven Faller: Unser Beitrag zum Mozart-Jahr 2006 jetzt endlich auf CD. Am Anfang des Stücks klingt Gerwins Schlagzeug wie eine alte Roland 808 Drum-Maschine aus den 80ern. Einige Töne des Bass-Solos habe ich durch eine merkwürdige Effektschleife geschickt, die einen tunnelartigen Sound im Raum hängen lässt.

Gerwin Eisenhauer: Svens wunderbare Idee, es mal mit der Klassik zu probieren.
Walter Lang: Jazzin’ Mr. Brahms.

Interview mit Trio ELF

Gerwin Eisenhauer, Walter Lang, Sven Faller “1+1+1 ist nicht drei, sondern ELF“ Trio ELF steht für Eisenhauer, Lang und Faller. Nach ihrem vielgelobten Debüt “ELF” (VÖ 25.8.2006) heißt das Nachfolgealbum “746″ (VÖ 22.8.2008). Eine sommerliche Gesprächsrunde im Juni.

Nach “ELF” heißt das neue Album “746″. Habt ihr eine Schwäche für Zahlen, oder was hat es mit dieser Titelwahl auf sich?

Walter Lang: Das will ich nicht verraten. Allerdings bekommt die Zahlenkombination bei genauem Zuhören einen Sinn.

Sven Faller: Wir lieben Zweideutigkeiten und Rätsel. Es ist schön, seine Phantasie spielen zu lassen bei der Suche nach Bedeutungen, auch wenn der Ursprung wie bei “ELF“ oder “746“ vielleicht simpel ist. So kommt man auf ganz neue Sachen und denkt in andere Richtungen.

Gerwin Eisenhauer: Meine Titelvorschläge, die ich hier nicht nenne, wurden unter “postpubertär” abgetan, hätten allerdings der Riege der Jazzplattentitel eine neue Facette hinzugefügt.

Der Fußball scheint euch zu begleiten: 2006 kam euer Trio ELF-Debüt zur Weltmeisterschaft heraus. In diesen Tagen steht die Europameisterschaft vor der Tür. Die deutsche Fußballelf hat inzwischen einen neuen Trainer. Was hat sich in eurem Klaviertrio in diesen zwei Jahren getan?

Sven Faller: Das Trio hat seit der Veröffentlichung von “ELF“ zahlreiche Konzerte gespielt, der Erfolg unseres Erstlings hat das ermöglicht. Dadurch ist die Band noch mehr zusammengewachsen, die anfänglichen Konzepte der „lebendigen“ Drum-Machine und des spontanen Umgangs mit Elektronik und Effekten in der Praxis erprobt und erweitert worden. Unser Umgang mit Live-Sampling ist zur zweiten Natur geworden. Unser Techniker Mario Sütel überrascht uns bisweilen mit Loops, die er spontan aus den Stücken herausgreift, und wir bauen uns selbst aus kleinen Bausteinen Material, das die Improvisation weiter anschiebt. Anfangs haben wir noch selbst gebaute Sounds aus dem Laptop abgespielt um den Klang zu bereichern, jetzt entstehen sie direkt auf der Bühne, so streiche ich zum Beispiel verschiedene Töne durch meine Effekte in eine Loop-Station bis eine seltsame harmonische Fläche entsteht, über die Walter dann ein Solo spielt. Wir sind insgesamt ein sehr eingespieltes Team geworden.

Gerwin Eisenhauer: Wir spielen jetzt beinahe fünf Jahre in der gleichen Besetzung und haben so etwas wie einen eigenen Sound kreiert. Seit der letzten CD waren wir viel unterwegs, was uns menschlich und musikalisch zusammengeschweißt hat. Wie spielen mmer mehr spielen mit neuen Mustern und Parametern in unserer Musik und immer mehr gibt es eigene Ideen und Konzepte, außerdem freue ich mich immer, wenn wir spielen, es ist niemals anstrengend, sondern kommt wie von selbst.

Walter Lang: Das mit dem Fußball ist wirklich reiner Zufall. Wahr ist aber schon, dass ich ein großer Fußballfan bin und durch meine pianistische Umgarnung der Fußball-Talkshow “Doppelpass”, jeden Sonntag während der Saison beim Deutschen Sportfernsehen (DSF), bin ich immer ganz nah dran an Udo Lattek und dem Fußball.

Wie würdet ihr den Unterschied zwischen den beiden Produktionen “ELF” und “746″ beschreiben? Augenfällig ist jedenfalls, dass diesmal im Vergleich zum ersten Album fast alle Stücke von euch selber komponiert sind.

Gerwin Eisenhauer: “746“ ist für mich die logische Fortentwicklung der Band auf CD gepresst. Ich tu mich schwer, die Musik in Worte zu fassen. Der Sound ist irgendwie “weiter” geworden.

Walter Lang: Wir sind als Trio gereift, da wir sehr viel seit “ELF” live gespielt haben. Dass wir eine sehr demokratische Band sind, zeigt sich dann auch an der Auswahl der Kompositionen und Arrangements. Wir haben die Palette der Beats erweitert. Die Sounds und Samples entstanden fast alle live beim Spielen.

Sven Faller: In “ELF“ stecken viele Ideen und Konzepte, die wir dann nach der Veröffentlichung live umgesetzt haben.“746“ ist die Umsetzung dieser Live-Arbeit auf einer Studioplatte. Wir mussten nicht viel nachdenken. Wir sind einfach ins Studio und haben unser Ding gemacht. Einige neue Grooves sind dazugekommen wie der 7/8 “Drum‘n‘Bass“ von “746”, der zerhackte HipHop von ”Arearea“ oder der Heavy Rock und das variable Tempo von “Adria”. Alles Dinge, die bei Konzerten entstanden sind. Die Eigenkompositionen sind das Ergebnis von Experimenten, die wir auf Tour ausleben konnten.

Und wie kam es zur Auswahl der drei Fremdkompositionen, die die Palette Elektronik (“The Man Machine”), italienischer Schlager “Azzuro” bis hin zur Klassik “Intermezzo Op. 116″ (Johannes Brahms) abdeckt?

Walter Lang: Jazzmusiker haben schon seit jeher bekannte Melodien genommen, um darüber zu improvisieren. Wir sehen uns da in der Tradition des Jazz. Um den typischen Trio “ELF”-Sound zu bekommen, haben wir sie dann bearbeitet und modifiziert. Wichtig war mir dabei, dass man die Essenz der Kompositionen nach wie vor hört.

Sven Faller: Bei den Coverversionen haben wir wieder sehr konträres Material angesteuert. Alles Stücke, zu denen wir einen besonderen Bezug haben. Nachdem auf “ELF“ unsere Liebe zu Brasilien ziemlich durchschien, wollten wir diesmal unbedingt was Italienisches machen. Die Verbindung ist doch sehr stark, und wir verbinden eine Menge Erinnerungen mit italienischer Lebensart. “Azzurro“ hat die Art von Humor, die für uns unverzichtbar ist. Unsere Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen der Elektronischen Musik und Leuten wie Aphex Twin, Björk oder LTJ Bukem führte unweigerlich zu deren Vorbildern und so zurück zu uns, denn Kraftwerk und “The Man Machine“ ist ein Meilenstein in der deutschen Musikszene gewesen. Die Band hat damals den Mensch und Musiker zum Roboter gemacht, und wir erwecken jetzt dreißig Jahre später den Computer wieder zum Leben mit unserer Human Drum-Machine Gerwin Eisenhauer. Insgesamt sind wir nach unseren Ausflügen nach Brasilien, Korea und USA etwas näher zu Hause geblieben. Als wir 2006 auf Tour waren, hat uns der ganze Mozarttrubel doch etwas überrascht und wir zogen es vor, Brahms mit seinem wun- derbar osteuropäischen Einschlag und seinem verqueren Geist zu covern. Insgesamt haben wir, was das Zusammenspiel angeht, die klassischen Konzepte des Kontrapunkt und der gemeinsamen Stimmführung in der Improvisation intuitiv weiter ausgebaut.

Gerwin Eisenhauer: Das waren Ideen von Sven und Walter, in diesem Fall bin ich unschuldig!

Die Kritiken zu eurem Debüt sind wahrlich herzeigbar. Und aus dieser Fülle an Lobpreisungen soll an dieser Stelle zitiert werden: “Drum’n'Bass’Piano. Was’n das? Nix Abgedrehtes. Grooves, Basslines, lounge-tauglicher Flow, Echoeffekte, “Take Five” im 10/4-Takt, Apex Twin, Monk und Milton Nascimento. Faszinierende repetitive Momente, die an das Keith Jarrett-Trio erinnern. Und kein Fender Rhodes. Bodenhaftung zum Abtanzen. Gottlob bleibt es ein Pianotrio. Aber was für eines!”, schrieb Reinhard Köchl in Jazz thing 9/2006. Ihr wurdet von der Kritik durch die Bank als innovatives Klaviertrio gefeiert, doch eigentlich habt ihr mit Mario Sütel einen vierten – und sehr wichtigen – Mann noch an Bord …

Sven Faller: Mario ist, was das spontane Samplen von live gespieltem Material angeht, ein kreativer Teil der Band geworden. Aber auch seine spontan eingesetzten Effekte führen oft zu neuen Impulsen. Da kann es passieren, dass plötzlich aus dem Monitor ein völlig ungewohnter, fast mehrstimmiger Bass-Sound tönt, mit dem ich ganz anders spiele, wie ich es sonst an dieser Stelle vielleicht getan hätte. Oder Walter spielt ein komplettes Solo, lediglich begleitet von einer kleinen eigenen Phrase, die Mario ihm in Schleife zugespielt hat.

Gerwin Eisenhauer: Mario ist der vierte Mann im Trio. Nicht nur, dass er uns mischt, er ist quasi ein Mischpultjazzer. Das heißt, er verändert den Klang der Instrumente, sampelt uns, während wir spielen, schickt die Samples an uns zurück, über die wir spielen und interagiert mit uns wie ein vierter Mann aus dem Off. Das alles ist “streng improvisiert”. Auch von seiner Seite ist nichts geplant, komponiert oder ausgemacht.

Walter Lang: Danke, dass du das heraushebst. Mario macht einen wunderbaren Livesound für Trio ELF. Bei den Gigs sam- pelt und looped er uns in Realtime und schickt diese Sounds auf die Bühne. Wir als Band reagieren auf seine Ideen. So entsteht eine weitere Ebene der Improvisation und Kommunikation.

Wenn wir jetzt mal vom typischen Trio ELF-Sound sprechen. Was umfasst er, und was ist euch wichtig rüberzubringen?

Gerwin Eisenhauer: Trio ELF mixt live gespielte Grooves aus D’n'B, Dubstep und vielem mehr mit der Ästhetik von Jazz und elektronischer Musik. Das alles in einem akustischen Pianotriokontext und improvisiert.

Walter Lang: Der typische Trio ELF-Sound sind, wie der Name schon sagt die drei Persönlichkeiten: Eisenhauer, Lang und Faller. Inzwischen müsste die Band vielleicht ELFS heißen, da Mario Sütel so wichtig für uns ist. Jeder bringt seinen persönlichen Background und seine musikalischen Vorlieben in die Band mit ein, was dann unseren Sound ausmacht. Wir könnten nicht, wie manche Jazzband, einen Musiker ersetzen und mit einem Sub spielen, da wir eine Band sind.

Sven Faller: Unser Sound sind erst mal die akustischen Instrumente und wie sie jeder von uns manuell zum Schwingen bringt. Das ist ein warmer und schöner Klang, der sehr von unserem melodischen und lyrischen Empfinden getragen wird. Dieser harmonische Grundsound ist immer dabei, selbst wenn wir mal völlig wild und frei werden. Dazu kommen die Beats, Groove ist der andere wichtige Faktor. Der Groove ist nicht ein Teppich für den Solisten, sondern steht ganz klar im Rampenlicht, aber immer als Groove und nicht als virtuose Schlagzeugshow. Gerwin steht für mich ganz klar in der Tradition der klassischen Swing-Schlagzeuger, aber mit neuen Mitteln. Wir wollen den Leuten – ob live oder auf CD – möglichst viel bieten von dem, was uns bewegt.

Was unterscheidet ein Trio ELF-Konzert von euren CD-Aufnahmen? Und klingen eure Stücke nicht auch von Konzert zu Konzert immer anders?

Walter Lang: Da bei uns das Verhältnis von Improvisation zu Komposition bei 80 zu 20 liegt, unterscheiden sich die Konzerte sehr voneinander. Wir spielen und reagieren auf ein griechisches Publikum anders als auf eines in München oder Istanbul. Die CD-Aufnahme zu “746″ hat nur unwesentlich länger gedauert als ein Live-Konzert und ist deshalb quasi das Studiokonzert an jenem Aufnahmetag. Der Unterschied kam dann bei der Mischung und Nachbearbeitung. Da uns das sehr wichtig ist, wie gut unsere Aufnahmen klingen, haben wir sehr viel Zeit in die Abmischung investiert.

Sven Faller: Unsere CD hätte auch ganz anders klingen können und wäre genauso Trio ELF gewesen. Unsere Stücke variieren sehr von Konzert zu Konzert und sind manchmal nicht wiederzuerkennen. Die Herangehensweise ist immer gleich: Wir beginnen ein Stück an und hören zu, wo es hingehen könnte.

Gerwin Eisenhauer: Das tun sie. Immer anders … immer frisch … immer schön.

Was macht eurer Meinung nach einen guten (Trio)Team Player aus?

Sven Faller: Ein gutes Trio ist mehr als die Summe von drei Individualisten. 1+1+1 ist nicht drei, sondern ELF. Gerwin Eisenhauer: Unsere kleine Kapelle ist wie ein kleiner Drei- bzw. Vier-Mannchor, in dem jeder eine eigene, sehr individuelle Stimme besitzt, der – gügt man die Stimmen zusammen – einen eigenen Klang entwickelt hat. Das Schöne dabei ist. Wir müssen uns, um diesen Klang zu entwickeln, nicht verbiegen oder unsere Stimmen einander anpassen. Der Klang entsteht dadurch, dass jeder seine individuelle Sprache ganz selbstverständlich in den Gesamtklang einbringt. Sehr einfach und für mich live immer wieder ein Glück, die anderen beiden getroffen zu haben.

Walter Lang: Ein guter Team Player hat offene Ohren für seine Mitspieler, initiiert neue Ideen und greift selbst Impulse und musikalische Vorschläge seiner Mitmusiker auf und entwikkelt diese weiter.

Und abschließend zurück zum Fußball. Welche Position würdet ihr jeweils in einer Mannschaft einnehmen wollen und warum?

Gerwin Eisenhauer: Ich spiele keinen Fußball. Als Kid so mit 13 war ich begeisterter Skateboarder. Ich stehe im Sport eher auf Individualsportarten wie Freeclimbing, Windsurfen und Bungeejumping.

Walter Lang: Ich sehe mich als klassischen Libero. Jemand, der Initiative nach vorne ergreift und hinten das Haus mit sauber hält.

Sven Faller: Mich beeindrucken Leute wie Mehmet Scholl. Ein fantastischer Teamspieler im Mittelfeld, der aber immer wieder für großartige Tore und spektakuläre Aktionen zu haben war. Der stand nie auf dem Platz rum und hat auf die große persönliche Chance gewartet, sondern seine Mannschaft zusammengehalten und mitgeholfen, grandiose Siege einzufahren.

Trio ELF: 746
VÖ: 22. August 2008
ENJA RECORDS/Soulfood
ENJ 9519 2

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