In den ersten Jahren meiner Gymnasialzeit traf ich auf mehrere katholische Gottesmänner, die als Religionslehrer tätig waren. Der Erste, also ab der Sexta, stand in der Tradition des Kaplans, der uns Kindern zuvor auf der Volksschule den Katechismus näher bringen wollte; während dieser sich gerne Gehör mittels einen geworfenen überdimensionalen Schlüsselbundes auf die Köpfe der Störer verschaffte benutzte Zweiterer neben Ohrfeigen einen etwa 30 cm langen Bambusstock, an dessen Spitze eine Hartgummikugel befestigt war. Mit diesem, von ihm liebevoll “Süßholz” genannten Züchtigungswerkzeug gab es auch bereits nach kleinen Verfehlungen zwischen fünf und zehn Schläge auf die ausgestreckten Fingerspitzen. Gott vergelt’s.
Der in der Quarta oder Untertertia folgende Pastor liebte einen andere Art des Kindesmissbrauchs. Er hatte privat an der Schule eine “Ringer AG” gegründet, bei deren Übungsstunden er ungestraft den Knaben zwischen die Beine fassen konnte. Mich, dem Sportlichen auch so schon eher abgeneigten Schüler, versuchte er immer mal wieder zu locken, indem er sich mir gerne im Schulflur in den Weg stellte und mir bescheinigte, ich hätte doch “so ein süffiges Mündchen.”
Ebenso suspekt wie diese gottesfürchtigen Schwarzkittel war mir ein gegen Ende der 60er Jahre als Religionslehrer eingesetzter, recht junger Kaplan, der sich dadurch glaubte zeitgemäß zu zeigen, dass er ab und an Schallplatten mitbrachte, auf denen sogenannte Beatmessen zu hören waren, auch sprach er gerne über sexuelle Themen (was damals nicht einmal im Biologiunterricht gemacht wurde). Fast hätte er mich, wie einen großen Teil meiner Mitschüler, geblufft, aber rasch wurde mir klar: der verkauft den selben alten Aberglauben wie seine Kollegen davor, nur in bunter, freundlicherer Verpackung. Bald suchte ich das Weite und meldete mich aus dem Religionsunterricht ab.
Bis heute habe ich ein äußerst distanziertes Verhältnis zu sogenannten liberal-aufgeklärten Christen. Es fehlt ihnen, wie Michael Schmidt-Salomon in seinem wichtigen Buch Manifest des evolutionären Humanismus schreibt, “ganz offensichtlich das Gespür für die prinzipielle Unverträglichkeit von aufklärerischem und religiösen Denken.”
Das Manifest des evolutionären Humanismus, knapp 200 Seiten stark, ist ein entschiedenes Plädoyer für eine “alternative politische Leitkutur”, basierend auf den besten Traditionen von Wissenschaft, Philosophie und Kunst”, mit ihm möchte der Autor das immer noch unvollendete Projekt der aufgeklärten Gesellschaft verteidigen. Was dringend nötig ist: leben wir auf der einen Seite im technologisch geprägten 21. Jahrhundert lassen wir zugleich unsere Weltbilder von jahrtausende alten Legenden beeinflussen, die sich abergläubische Hirten im Nahen Osten am Lagerfeuer erzählten.
Bereits vor mehr als 40 Jahren schlug Julian Huxley, u. a. erster UNESCO Generaldirektor vor, “ein neues Ideensystem zu entwickeln, das den Humanismus” – der in manchen traditionellen Vorstellungen in Koflikt mit unserem erweiterten Wissen über Mensch und Natur geraten war – “mit der Wissenschaft versöhnen sollte.” Und diesem Ideensystem gab Huxley den Namen Evolutionärer Humanismus. Für diesen streitet Schmidt-Salomon in seinem Buch, indem er eine kompakte Zusammenfassung der Grundpositionen einer zeitgemäßen Aufklärung liefert.
Der Autor beschreibt die anthropologischen Fundamente einer evolutionär-humanistischen Ethik und erklärt den evolutionären Humanisten zum aufgeklärten Hedonisten (griechisch: hedone= Freude, Lust), abgeleitet von Epikur, der in der Überzeugung, das der Sinn des Lebens nur sinnlich und nicht übersinnlich erfast werden könne, seinen Mitmenschen die Furcht vor den Göttern zu nehmen versuchte. Ein schwieriges Unterfangen, wollen sich doch viele Menschen nicht damit abfinden, dasss der Sinn des Lebens im Leben selber liegt. Sie suchen einen Übersinn, und den bieten die Religionen, zu einem hohen Preis: die Fixierung auf das Jenseits führte allzu häufig zu einer Vernachlässigung des Diesseits, das Sinnliche wurde und wird geächtet.
Des Weiteren beschreibt Schmidt-Simon den Evolutionären Humanismus als “offenes System”:“Um eine möglichst hohe Flexibilität des Denkens und Handelns gewährleisten zu können, versteht sich der evolutionäre Humanismus als offenes System. Abgesehen von dem unaufkündbaren ethischen Imerativ, zu einer Humanisierung der menschlischen Lebensverhältnisse beizutragen (wobei natürlich auch die Interessen nichtmenschlischer Lebewesen in angemessener Weise berücksichtigt werden müssen!) akzeptiuert der evolutionäre Humanismus keine Kategorien (absolute Moral, absolute Wahrheit, absolute Autorität). Er weiß um die Relativität menschlischer Erkenntnis, weshalb er die religiöse Strategie ablehnt, historisch gewachsene Vorstellungen in heilige Dogmen zu verwandeln und auf diese Weise gegen Kritik zu immunisieren.”
In den weiteren Kapiteln des Buches geht Michael Schmidt-Salomon auf zahlreiche im Zusammenhang mit dem Begriff und dem Weltbild des evolutionären Humanismus ein. Er erklärt, warum der rationale Glaube an die Wissenschaft, der für den evolutionären Humanisten unerlässlich ist, nicht mit Wissenschaftsgläubigkeit verwechselt werden darf, warum die Konversion des Religiösen notwendig ist, er bietet evolutionär-humanistishe Antworten auf die Frage nach Gott und plädiert entschieden für eine Ethik ohne Gott. Er nennt Spielregeln für ein menschlisches Miteinander ohne Gott und Religion und jenseits von Fundamentalismus und Beliebigkeit. In zwei Anhängen stellt er schließlich die 10 Gebote der Bibel und die 10 ANgebote des evolutionären Humanismus gegenüber.
Der von Julian Huxley eingeführte Begriff “evolutionärer Humanismus” kennzeichnet eine aus vielfältigen wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Quellen gespeiste, postnationale, säkulare und kritisch-rationale (d. h. sowohl antidogmatische als auch antireletavistische) Weltanschauung, die die erkenntnistheoretische Perspektive des naturalismus mit dem ethisch-politischen Auftrag einer umfassenden Verbesserung der menschlischen Lebensverhältnisse verbindet.
Da der evolutionäre Humanisus die biologische Spezies Homo Sapiens als zufälliges, unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution begreift. das sich nur graduell, nicht prinzipiell von anderen irdischen Lebensformen unterscheidet, wendet er sich entschieden gegen religiöse oder weltlich-idealistische Konzeptionen, die der Menschheit eine Sonderstellung im Kosmos einräumen. (M. Schmidt-Salomon, die vollständige Definition finden Sie in seinem Buch.)
Schmidt-Salomons Buch ist klug und schlüssig und wird demgemäß seit seinem ersten Erscheinen 2006 angefeindet. Die religiösen Fundamentalisten drohen ihm das gleiche Schicksal wie Giordano Bruno an (Scheiterhaufen), den “liberal-aufgeklärten” Christen stößt die scharfen Angriffe auf ihren Glauben auf, die sie als polemisch empfinden. Den Autor ficht das wenig an, in einem ergiebigen Nachwort zur 2. Auflage geht er ausführlich auf die Kritikansätze der “aufgeklärten Christen” ein. So erkennt Schmidt-Salomon zwar durchaus an, “dass die Religionen “Sachwalter eines impliziten Wissens” sind, welches sich die Menschheit im Verlauf ihrer kulturellen Evolution durch Versuch und Irrtum erworben hat.” Er spricht den Religionen aber ab, dass sie die bestmöglichen Sachwalter eines solchen impliziten Wissens seien, weil sie “aufgrund ihrer Ansprüche auf überhistorische gültige, aus vermeintlich höherer Quellen stammende Erkenntnisse das auch in Zukunft immer wieder notwendige Lernen über Versuch und Irrtum (d. h. die kritisch-rationale Methode) untergraben.”
Das Manifest des evolutionären Humanismus ist ein bestechend schlüssiges Buch, mit dem der Autor zum einen jene bestärken möchte, die sich der Leitkutur von Humanismus und Aufklärung bereits verpflichtet fühlen, zum anderen äußert er auch im Vorwort die Hoffnung, dass seine Argumente auch manchen derjenigen erreichen können, die heute noch meinen, ihre Lebensgewissheiten aus archaischen Mythen beziehen zu können. Der Autor hat dazu sein Bestes getan, das Buch ist überzeugend geschrieben und für jeden, der sich für kulturgeschichtliche und philosophische Bücher interessiert, leicht lesbar und verständlich.
awb



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