Am 2. und 3. August 2008 fanden die dritten Schloss Dyck Classic Days statt, die von einem gemeinnützigen Verein durchgeführt werden. 75 sehr unterschiedliche Menschen begeistern sich für die Idee, architektonisches Kulturgut mit technischem Kulturgut erhalten zu helfen, denn vorrangig gehen die Eintrittserlöse an die Stiftung Schloss Dyck, die damit in der Erhaltung des 1000jährigen Baudenkmals und seiner einzigartigen Gärten unterstützt wird. Rund um den Jüchener Oldtimerenthusiasten Marcus Herford lebt der Verein die zielgerichtete Clubkameradschaft. Der Verein bringt Menschen mit hochkarätigen Berufen und Fähigkeiten zusammen. Intellektuelle, Handwerker, Praktiker und Theoretiker, die sich, ihre Kontakte und ihre Möglichkeiten einbringen, um Classic Days wahr werden zu lassen.
Das Herrenzimmer unterhielt sich mit dem Sprecher des Vereins, Eicke Schüürmann, über die Faszination von altem Blech und Chrom.
AWB: 37.400 Besucher, 5000 Besucher-Oldtimer, an die 200 gemeldete Teilnehmerfahrzeuge auf der einen und hunderte freiwilliger Helfer sowie 75 Mitglieder eines Clubs, der das alles möglich gemacht hat, auf der anderen Seite – das sind so beeindruckende Zahlen, dass man sich sofort fragt: woher kommt diese unglaubliche Begeisterung, dieses immense Interesse an alten Fahrzeugen?
ES: Zum einen wirken die alten Fahrzeuge sehr individuell, wie Persönlichkeiten mit Stil. Die Menschen haben Sehnsucht danach, weil der moderne Verkehr hektisch ist und sie zwar den Komfort neuer Fahrzeuge schätzen, sich aber auch von Navis, Bremsassistenten, Abstandsradar und allerhand mysteriöser Elektronik oft mehr gefahren fühlen als dass sie selber fahren. Kraftfahrzeuge aus der Zeit, als man wahrlich Kraft aufwenden musste, um zu lenken, zu bremsen und schalten erfüllen diese Sehnsucht. Zum andern geht es auf Schloss Dyck um ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, technischem Kulturgut und friedlichem Fest.
AWB: Welche Faktoren haben in früheren Zeiten die Konstrukteure hauptsächlich geleitet? War es mehr die Ästhetik eines Fahrzeugs als die seines Nutzwertes, die im Vordergrund stand? Beim Betrachten mancher Modelle kann man diesen Eindruck gewinnen.
ES: Wie heute auch lassen sich unterschiedliche Strömungen erkennen: Zunächst war das Automobil ein Luxusgut für reiche Leute. Bis in die 60er Jahre hinein war das eigene Auto ja keine Selbstverständlichkeit für weite Kreise der Bevölkerung. Aus der früheren Zeit stammen technische Lösungen, die ebenbürtige Entsprechung in der Skulpierung der Karosserie fanden. Das Auto als Status-Statement – damals vielleicht noch leichter als heute! Wir haben im Concours d’Elégance ja auch ganz bewusst das Thema Coachbuilding in den Vordergrund gestellt, also Sonderkarosserien auf angelieferten Fahrgestellen.
Wenn Sie aber in die Ausstellung Fahrzeuge der Wirtschaftswunderzeit hinüberschauen, so erleben Sie, dass die Massenmotorisierung unter dem Primat der Ökonomie stand. Eine Velorex, ein kunstlederbezogenes Dreirad, ist eher skurril als schön. Ästhetik oder das was der “kleine Mann” darunter verstand, oft als Zitat großer amerikanischer Limousinen, wird dann besonders ausgangs der 50er Jahre bei den Massenmarken großes Thema. Zeitlose Entwürfe sind aber stets ästhetisch und keinem Zeitgeschmack unterworfen. Siehe Concours-Klassengewinner Toyota GT 2000 – einfach ein großer Wurf.
AWB: Um einmal auf die Besucher einzugehen – was macht die Faszination für diese doch so heterogene Gruppe aus? Nicht nur technikversessene Männer sondern auch Frauen und Kinder lassen sich offenbar vom altem Blech begeistern.
ES: Hier spielt wieder die Darbietungsform eine bedeutende Rolle – die Classic Days sind sehr sinnlich. Man erlebt die Faszination wirklich mit allen fünf Sinnen: Das Vibrieren der oft großvolumigen Motoren, das Ertasten der Karosseriewölbungen, das Duftgemisch aus Benzin und altem Leder, der perlende Champagner für die Zunge, die schwellenden Formen fürs Auge und der unvergleichliche Sound für die Ohren. Das begeistert, vom Schampus abgesehen, Kinder wie Großväter. Die Damen lieben mehr die Einbettung des Ganzen und dass es uns immer mit einem fröhlichen Augenzwinkern Ernst ist: Jazzmusik, verkleidete Menschen, Picknick vor schöner Kulisse.
AWB: Und dann die Besitzer und Fahrer – was treibt sie an, nicht nur einen hohen finanziellen, sondern auch zeitlichen Aufwand zu betreiben, um ihre Fahrzeuge zu erwerben, zu pflegen und zu restaurieren und natürlich auch zu fahren?
ES: Die Oldtimerei ist ein sympathisches Hobby. Wildfremde Menschen bleiben stehen und winken – und es ist überwiegend neidfrei. Egal ob teures Unikat oder liebevoll gepflegter Massenwagen, Oldtimerfreunde werden meist dafür geschätzt, dass sie sich die Mühe machen, technisches Kulturgut zu erhalten. Bei vielen Menschen weckt ein Oldtimer Erinnerungen. Der zeitliche und finanzielle Aufwand ist von persönlichen Möglichkeiten geprägt – für alle gleich ist jedoch, dass eine Interaktion zwischen Mensch und Maschine bestehen muss. Man muss sein Fahrzeug kennen, wissen, wie man mit seinen Mucken umgehen muss. Es ist nicht selbstverständlich, damit von A nach B zu gelangen. Deshalb ist jede Strecke, die man bezwungen hat, immer ein herrliches “Wir”-Erlebnis für Fahrer und Auto/Motorrad.
AWB: Es gibt, wie man bei den Classic Days sehen konnte, unter den Sammlern alter Fahrzeuge ganz unterschiedliche Fraktionen, während die einen klassische Straßenfahrzeuge wie PKWs und Motorräder schätzen haben sich andere auf Rennfahrzeuge, wieder andere auf Nutzfahrzeuge wie alte LKWs oder Traktoren spezialisiert – was einigt alle diese Menschen? Und in welchen Motivationen unterscheiden sie sich?
ES: Es gibt ja auch Hunde- und Katzenhalter, Menschen mit Goldfischen – manch einer hat sogar einen Vogel. Warum soll es da nicht auch Leute geben, die eher Rennwagen oder eher Lastwagen sammeln? Oft ist es familiärer Hintergrund oder berufliche Prägung, die in eine bestimmte Ecke der Oldtimerei führt. Es geht aber auch querbeet: Nehmen Sie unseren Promi-Gast Jan Hofer – der hat ein Käfer Cabrio, einen Ponton-Mercedes aus den 50ern und einen sehr sportlichen Austin Healey. Wie all die oben erwähnten Menschen Tierfreunde sind, so eint die unterschiedlichen Oldtimer-Temperamente die Liebe zum klassischen Fahrzeug.
AWB: Mal ehrlich: Hat sich Ihr Club, als er die Idee der Classic Days vor wenigen Jahren andachte, eine derartige Entwicklung dieser Veranstaltung innerhalb von nur drei Jahren ausmalen können?
ES: Nein, so haben wir uns das nicht erträumt. Wir waren sicher, dass genau dieses Konzept in Deutschland fehlt und dass es ein Erfolg werden würde – aber wie schnell und in welcher Qualität, das ist noch heute so ein bisschen wie im Traum. Man muss sich manchmal in den Arm zwicken um sich zu vergewissern, dass man nicht träumt, wenn man als Hand voll Freiwilliger plötzlich den teuersten Rennwagen der Welt und gleich 6 der extrem seltenen Kompressor-Mercedes um sich herumfahren hat.
AWB: Herr Schüürmann, worin liegt für Sie persönlich der Reiz der Oldtimerwelt?
ES: Eigentlich unterscheide ich mich selbst nicht von den vielen tausend Besuchern der Classic Days. Auch ich finde das Fahrerlebnis in einer Maschine, die unten Trecker und oben Kutsche ist, keine Heizung hat und das Wort Sicherheitsgurt oder Servolenkung nicht buchstabieren kann sehr authentisch und archaisch. Das ist nix für weite Autobahnetappen – allein weil man nach 600 km die Vorderachse abschmieren muss – aber es ist herrlich für ein Wochenende mit Sonnenschein und guter Laune.
AWB: Kann man sich vorstellen, dass es einmal in der Zukunft mit den heute aktuellen Fahrzeugen eine ähnliche Veranstaltung geben wird? Oder sind mit heutzutage dominierenden Faktoren wie Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit die “goldenen Zeiten” für immer dahingegangen?
ES: Es ist wohl weniger die Umweltdiskussion als die Massenfertigung. Heutige Automobile sind zumeist immer gleich millionenfach vorhanden. Es gibt aber auch einige “instant classics”, also Autos, von denen man weiß, dass sie einmal begehrt sein werden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Das trifft allerdings dann eher auf eine Lotus Elise zu als auf den nächsten Golf. Ich stelle aber fest, dass vieles mit dem persönlichen Erleben zu tun hat: Autos, mit denen ich gefahren bin, haben heute ein H-Kennzeichen, sind also Oldtimer qua definitionem, und man denkt automatisch: Wie kann das sein? Für meine erwachsenen Kinder sind jedoch auch Ente und R4 ziemlich unbekannte, skurril altmodisch anmutende Fahrzeuge, die interessant wirken. Also warten wir das mal geduldig ab.




RSS
Lade...