Viele Jahre lang galt die englische Sängerin Jenny Evans als raffinierte Swing-Vokalistin im Stil von Ella Fitzgerald und Anita O’Day. Doch dann kam der Tag, als Jenny Evans über ihre eigene Identität nachzudenken begann und ihre europäischen Wurzeln auch in der Musik entdeckte. Das Ergebnis war das Album “Nuages” (2004) – ein Jazzalbum zwar, aber gespickt mit einem elisabethanischen Lautenlied von John Dowland, einer Barockarie von Henry Purcell, einem schwedischen Volkslied, einer lateinischen Hymne von Carl Orff und einer Reihe anderer seltsamer Songs. Das Album erhielt den Preis der deutschen Schallplattenkritik und wurde als “distinguiert klingendes Meisterwerk” (Jazzthetik) oder “gelungenes Experiment” (Der Spiegel) gefeiert. Es folgte ein Weihnachts-Album, das Jenny Evans’ neues Talent, kulturelle Vielfalt in ein geschlossenes künstlerisches Statement zu gießen, glanzvoll bestätigte. Unter ihren “Christmas Songs” (2005) war ein österreichischer Jodler, ein tschechisches Volkslied, mittelalterliche englische Balladenkunst und natürlich auch ein amerikanischer Christmas-Swinger zum Fingerschnippen. Die Botschaft: Weihnachtsmusik ist Weltmusik. Denn Jenny Evans’ warme, vielseitige Stimme, die einst im Londoner Schütz-Chor und im Münchner Motettenchor geschult wurde, kann definitiv noch viel mehr als nur den Broadway swingen.
Nun ist die globale Jazzsängerin Jenny Evans zurück: “Lunar Tunes” heißt ihre Kollektion von Songs über den Mond, diese leuchtende Inkarnation von Poesie und Fantasie. Diesmal reicht die Musik vom 17. Jahrhundert bis Sting, von Dvorak und Satie bis Glenn Miller und Henry Mancini. Wie immer weiß Jenny Evans, die Autorin und Schauspielerin, auch als Sängerin mit den Worten umzugehen: Für ihr persönliches Mond-Programm hat sie zudem einen Walzer von Peter Kreuder und eine wunderschöne Ballade von Dusko Goykovich mit Mond-Texten versehen. Um neue Welten der Empfindung und Gestaltung betreten zu können, ohne dabei ihre Jazzwurzeln abzulegen, wählte Jenny Evans ihre Begleiter mit größter Sorgfalt. Walter Lang gehört zu ihnen, der Klavier-Romantiker, der hier auch im puren Duo mit der Sängerin zu hören ist. Márcio Tubino, das brasilianische Allround-Genie, bekannt für seine Arbeit mit Rosanna & Zélia, steuerte Soli und Arrangements bei. Außerdem gibt es einige exotische Sounds aus Shruti Box und Udu zu hören sowie ein Streichquartett, das jazzige Linien und Harmonien einbringt. Auf Jenny Evans’ neuem Album “Lunar Tunes” steht der Mond für einen großen Traum, eine brillante weltumgreifende Vision. Diesen Mond zu betreten ist ein kleiner Schritt für Jenny Evans, aber ein Riesensprung für den Jazz.
Jenny Evans über die Songs
1. On The Moon
Musik: Dusko Goykovich (2000), Text: Jenny Evans (2007)
Auf dem Mond zu sein, ist seit Neil Armstrong zwar möglich.
Aber sogar der Gedanke daran beinhaltet einen Hauch von
Phantasie. Das gab mir die Idee, von einer Traumwelt zu
schreiben. Seit Jahren nun betexte ich Kompositionen von
Dusko Goykovich. Seine Melodien sind so lyrisch, dass die
Songtexte sich fast von selbst ergeben.
2. Sister Moon
Musik & Text: Sting (1987)
Ich bin ein großer Fan von Sting und bin begeistert von seiner
musikalischen Entwicklung. In seinem Text ist eine Zeile aus
dem 130. Sonett von Shakespeare; die Augen seiner Geliebten
haben nichts gemeinsam mit der Sonne. Und der Mond
hat auch nichts gemeinsam mit der Sonne: den Mond kann
man anschauen.
3. Moonlight Serenade
Musik: Glenn Miller, Text: Mitchell Parish (1939)
1940 war dieses Lied die Erkennungsmelodie einer wöchentlichen
Radio Sendung mit dem Glenn Miller Orchestra; die
Melodie war also in allen Ohren. Der Songtext von Mitchell
Parish ist nicht gerade die wahre Kunst. Interessanterweise ist
Parish vor allem berühmt für Lieder, die mit dem Buchstaben
“S” anfangen: Sweet Lorraine, Stardust, Sophisticated Lady
und das Winterlied Sleigh Ride. Und doch gibt es wieder nicht
so viele Wörter, die sich stilvoll mit “Moonlight” reimen – außer
den von Parish ausgewählten “June light” und “June night”.
4. The Moon and Stars
Musik: Peter Kreuder (1933), Text: Jenny Evans (2005)
Peter Kreuder war ein musikalisches Wunderkind; mit siebzehn
Jahren wurde er musikalischer Leiter vom Deutschen
Theater in München. Die Musik zum Film “Mazurka” mit Pola
Negri war 1933 sein erster großer Erfolg. Negri war 1922 die
erste europäische Schauspielerin, die einen Filmvertrag in
Hollywood unterschrieb, und sie wurde bald die Personifizierung
einer femme fatale. Ihre Aufnahme des Originals “Ich
Spür‘ In Mir” ist noch immer unübertroffen.
5. Moonlight In Vermont
Musik: Karl Suessdorf, Text: John Blackburn (1943)
Der Text zu dieser Ballade ist sehr minimalistisch. Die Melodie
macht kaum große Sprünge, doch beschwören sie die Atmosphäre
von einer vom Schnee eingeschlossenen Landschaft.
Deshalb wird sie als die inoffizielle Hymne vom Bundesstaat
Vermont betrachtet.
6. Hymn to Selene
Musik: Erik Satie’s 3rd Gnossienne (1890), Text: anonymous
from the 32nd Homeric Hymn to Selene (700 or 600 BC)
Satie nannte seine Musik Möbelmusik; sie sollte nicht wahrgenommen
werden. Vielleicht ist das der Grund, warum seine
Kompositionen in der Werbung und bei Filmemachern so
beliebt geworden sind. Gnossienne heißt „aus Knossos“ und
deshalb suchte ich nach einem Gedicht über den Mond auf
Altgriechisch und fand diese Homerische Hymne an Selene,
die griechische Göttin des Mondes – “die mit den schönen
Haaren”.
Aus ihrem unsterblichen Haupte
strömt himmlisches Leuchten
und umringelt die Erde.
Im Schein ihres Lichtes
öffnet sich Schönheit in Fülle …
Wenn dann die mächtige Scheibe voll erstrahlt,
wenn Ströme von Licht der Erfüllten
hochher vom Himmel entquellen,
so gilt es den Menschen als Zeichen und Ordnung.
Ich entschied mich jedoch die Harmonien zu minimieren und
den Bordun-Ton eines indischen Shruti Boxes und eine Udu-
Talking-Drum zu verwenden.
7. Silly Boy, ‘Tis Full Moon
Musik und Text: Thomas Campion (1617)
1591 erschienen die ersten Gedichte Thomas Campions. Wie
alle wahren elisabethanischen Herren war auch er ein versierter
Musiker und Komponist. Er schrieb Abhandlungen über
Dichtung, Komposition und über hundert Lautenlieder. Dieses
ist von seinem Dritten Liederbuch (erschienen 1617) und ist
eine Warnung an allen jungen Liebhaber: verletzt zu werden
ist Teil des Verliebt-Seins – zu viel Liebe ist eine Torheit!
8. Old Devil Moon
Musik: Burton Lane, Text: E.Y. Harburg (1947)
Dieser Ohrwurm von Burton Lane ist eines der großen Mondlieder.
In der Filmversion des Musicals “Finians Regenbogen” von Francis
Ford Coppola mit Fred Astaire und Petula Clarke fällt dieser Song
auf wie eine Goldmünze in einem Kuhfladen. Textdichter E. Yip
Harburgs Liebe zu Witz und Poesie ist fast ebenbürtig zu der von
Ira Gershwin, ein lebenslanger Freund. Harburg schrieb Texte zu
vielen anderen Standards wie “Over the Rainbow”, “April in Paris”
und “It’s Only a Paper Moon”.
9. Moonlight On The Ganges
Musik: Montague Ewing, Text: Chester Wallace (1926)
Der Komponist dieses Liedes war ein Engländer namens
Herbert Carrington, der sich auch Sherman Myers und Montague
Ewing nannte. 1934 fuhr er mit dem britischen
Bandleader Ray Noble in die USA, wo das Lied in kürzester
Zeit berühmt wurde. 1935 war es so beliebt, daß es Glenn
Miller zum ersten Mal unter seinem eigenen Namen aufnahm.
10. Song To The Moon
Musik: Antonin Dvorak (1900), Text: Daphne Rushbridge
from the opera Rusalka
Der tschechischer Komponist Antonin Dvorak ist wahrscheinlich
am besten bekannt für seine Neue Welt Sinfonie. Diese
enthält auch volksmusikalische Passagen, die den Komponisten
so beliebt machten. Sein Oeuvre verwendet tatsächlich
typische Merkmale seiner böhmischen Heimat. Seit langem
liebe ich diese Arie aus seiner Oper Rusalka. Wie so oft in
Märchen verliebt sich die Wassernixe, Rusalka, in einen
menschlichen Prinzen. Sie singt dem Mond ihr Lied und bittet
ihn darum, dem Prinzen von ihrer Liebe zu erzählen.
11. Moon River
Musik: Henry Mancini, Text: Johnny Mercer (1961)
Henry Mancini und Textdichter Johnny Mercer haben dieses
Lied für den Film “Frühstück bei Tiffany” geschrieben. Es
hatte ursprünglich den Titel “Blue River”, aber es gab schon
eine Komposition mit diesem Namen; in Savannah gibt es tatsächlich
ein Fluss namens Moon River. Ich beschloss, das
Lied in 4/4 Takt und nur mit Streichquartett aufzunehmen, um
die Schlichtheit der Aussage zu unterstreichen.
12. It’s Only A Paper Moon
Musik: Harold Arlen, Text: E.Y. Harburg, Billy Rose (1933)
Harold Arlen ist einer der größten Komponisten von Jazzstandards.
Es gibt so viele Möglichkeiten dieses Lied zu verjazzen.
Sei es mit Swing- oder Latin-Tempo – es ist ein ungeheures
Vehikel für den Jazz. Ich habe mich entschieden, es
anders anzugehen und es im Duo mit dem Pianisten Walter
Lang fast wie ein Wiegenlied zu interpretieren. Der Text sagt
aus, dass ohne Liebe das Leben kein Fundament hat.
Diskografie (Auswahl)
2008 Jenny Evans: Lunar Tunes ENJA RECORDS ENJ-9526 2
2005 Jenny Evans: Christmas Songs ENJA RECORDS ENJ-9481 2
2004 Jenny Evans: Nuages ENJA RECORDS ENJ-9467 2
2000 Jenny Evans: Gonna Go Fishin‘ ENJA RECORDS ENJ-9403 2
1999 Jenny Evans: Girl Talk ENJA RECORDS ENJ-9363 2
1997 Jenny Evans: Shiny Stockings ENJA RECORDS ENJ-9317 2
Links
www.jenny-evans.de
www.myspace.com/jennyevanslunartunes
www.edition-soundmaster.de
www.rudi-martini.de
www.enjarecords.com
www.enjamusic.com
Biografie
Jenny Evans wurde in Highgate im Nordwest London geboren und wuchs in Beckenham auf, ein Vorort der Haupstadt in der Grafschaft Kent. Schon als Teenager zeigte Jenny Evans ein großes Spektrum an Talenten. Sollte sie die Kunstakademie besuchen, die Schauspielschule oder doch besser das Konservatorium? Da sie bereits auf der Theaterbühne und in Konzertsälen agierte, schätzte sie die Chancen als darstellende oder bildende Künstlerin nüchtern ein. Daher entschied sie sich für ein weniger glamouröses, aber bodenständiges Sprach- und Literaturstudium. Als zweite Sprache wählte sie Deutsch, und so kam sie im jungen Alter von 20 Jahren nach Deutschland, an die Universität von München. In München nahmen die Dinge eine ungeplante, aber wohl zwangsläufige Entwicklung. Ihre englische Muttersprache, ihre Schauspiel-Erfahrung, ihre Kenntnis amerikanischer Songs und ihr großes Gesangstalent – bald gehörte sie auch dem Münchner Universitäts-Chor an – verbündeten sich quasi hinter Jennys Rücken und katapultierten die junge Frau unversehens auf die Bühne – als Jazzsängerin. Nach ersten Schritten im Dixieland gründete sie 1981 ihre eigene Band und entwickelte ein Repertoire nach ihrem Geschmack: Jazz, Rhythm ‘n’ Blues, rhythmischer Pop. Kaum hatte sie ihren M.A. an der Uni gemacht, stieg Jenny Evans unaufhaltsam zur Münchner Lokalgröße auf. Sie stand auf der Bühne neben Musikern wie Benny Bailey, Al Grey und Buddy Tate, machte Tourneen durch Japan und Russland, leitete ihren eigenen Jazzclub (“Jenny’s Place”), sang in Musical-Inszenierungen (“Kiss Me, Kate”, “Blood Brothers”), spielt Theater und Fernsehrollen, betextet Songs und arbeitet als Synchron-Sprecherin. Außerdem ist die vielseitige Jenny Evans Mitglied der Autorengruppe “Munich Writers”, schreibt an einem soziopolitischen Thriller und ist eine versierte Aquarellmalerin.
Jenny Evans: Lunar Tunes
VÖ: 17. Oktober 2008
ENJA RECORDS/Soulfood
ENJ 9526 2
Jenny Evans vocal, percussion
Walter Lang piano, prepared strings
Thomas Stabenow bass
Rudi Martini drums, shruti box, percussion
Márcio Tubino tenor sax, flute, udu
& Ensemble Laurier: Winfried Grabe (1st violin),
Michael Friedrich (2nd violin), Tilbert Weigel (viola), Johanna Varner (cello)
1. On The Moon 05:17
2. Sister Moon 04:56
3. Moonlight Serenade 07:07
4. The Moon And Stars 04:27
5. Moonlight In Vermont 04:12
6. Hymn To Selene 04:34
7. Silly Boy, ‘Tis Full Moon 04:31
8. Old Devil Moon 04:32
9. Moonlight On The Ganges 04:19
10. Song To The Moon 05:05
11. Moon River 05:05
12. It’s Only A Paper Moon 02:52



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