Heino Jaeger – der ewige Geheimtipp

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“Das hätte ich gern zu meinen Lebzeiten erlebt”
Heino Jaeger

Vor einigen Monaten stellten wir im Herrenzimmer den lange vergessenen Komiker Heino Jaeger vor, von dem Loriot einmal sagte: “Wie konnte es geschehen, dass Heino Jaeger 25 Jahre ein Geheimtipp blieb? Wir haben ihn wohl nicht verdient.”

Heino Jaeger war und ist unter seinen zeitgenössischen und nachfolgenden Kollegen immer hoch geschätzt; wer heute über Olli Dittrichs Ditsche lacht bekommt eine Art Ahnung davon, wie es wohl auch in Jaegers Kopf zuging. Dem Publikum war er oft ein Rätsel, sein Humor war im wahrsten Sinne abseitig. Entweder blieb einem der Mund vor Staunen ob des meist improvisierten Wahnsinns offen stehen, oder man saß verständnislos vor dem Radio (Jaegers häufiges Medium) und verstand im wahrsten Sinne des Wortes nichts.

Jaeger war und ist einmalig. Ein Monolith in der deutschen Humorgeschichte. “Es gibt Dinge, die brauchen ihre Zeit. Die brauchen auch ein anderes Publikum. Wer so seiner Zeit voraus ist wie Heino Jaeger, der kann natürlich auch erst mit einem Publikum rechnen, das in der Zeit lebt, die er schon – visionär – gesehen hat.” So Hanns-Dieter Hüsch in einem Interview über Heino Jaeger, 1988.

Einer, der Heino Jaeger und sein zuletzt sehr trauriges Schicksal gut kannte ist Knut Kiesewetter, er hat damals einige Platten mit Jaegers Absurditäten produziert, und nun erscheint in einer preiswerten Ausgabe die Wiederveröffentlichung eines Doppelalbums, das von Kiesewetter zusammen gestellt wurde: Heino Jaeger vom Besten. Hier kann man Jaegers Miniaturen sowie einige Liveaufnahmen erleben und dabei aus dem Staunen und vor allem Lachen nicht mehr herauskommen. Eine großartige Veröffentlichung, der man ein sehr breites Publikum wünscht.

Das Herrenzimmer freut sich, mit freundlicher Genehmigung von Knut Kiesewetter dessen Erinnerungen an Heino Jaeger drucken zu dürfen. Lesen Sie, lachen Sie – und kaufen Sie dieses Album! Im Buchhandel ist es bereits erhältlich, im Musikhandel ab etwa Mitte Juni.

Heino Jaeger

Heino Jaeger

Heino Jaeger und meine kleine Welt

Die Welt, in der wir Menschen leben, ist viel kleiner als wir alle glauben. Die Zahl derer, die uns in unserem Leben immer wieder über den Weg laufen, ist relativ klein und wir leben eigentlich stets in einem kleinen Dorf.

In diesem kleinen Kreis der mich umgab, hörte ich ab Mitte der 60er Jahre einen Namen; Heino Jaeger. Immer wieder und immer öfter sprach man von ihm und auch wenn die, die von ihm sprachen seinen Namen nicht wussten, war mir doch klar, dass es sich nur um diesen Mann handeln konnte.

Freunde hatten ihn auf Partys erlebt und erzählten davon, dass ein Mann auf einmal, urplötzlich und ohne ersichtlichen Grund, lange Monologe hielt oder richtiger gesagt, dass er sich mit nicht anwesenden Personen unterhielt oder deren Rolle stimmlich selbst übernahm. Dieser Mann, so erzählte man mir, würde in einem kleinen Schrankenwärterhäuschen wohnen oder besser gesagt hausen.

Unbewusst umgibt man sich ja immer mit Leuten, die am besten zu einem passen und zu mir passen Leute, die schwarzen bis skurrilen Humor haben und mit mir über das selbe herzlich lachen. Als diese Leute immer wieder von der Komik dieses Heino Jaeger erzählten, interessierte mich dieser Mann von Tag zu Tag mehr.

Endlich hörte ich dann eines Tages mitten in Hamburg bei einem Freund ein Band, das dieser bei so einer Party mitgeschnitten hatte und, oh Wunder, ich lachte überhaupt nicht. Mir rutschte nur die Kinnlade herab und ich hörte staunend zu. Direkt danach war schon das Taxi vorgefahren, das mich nach Hause bringen sollte. Und jetzt im Taxi sitzend fing ich langsam an zu lachen und dieses Lachen wurde immer mehr, so dass sich der Taxifahrer nach mir umdrehte und sehr direkt fragte: Sind Sie verrückt oder was? Worauf ich antwortete: Nein, ich nicht, aber das was ich gerade gehört habe.

Inzwischen war ich Produzent vieler Schallplatten und es waren sogar sehr erfolgreiche darunter. Ich produzierte nicht nur Musik, sondern hatte auch den Politiker Jochen Steffen, der kabarettistische Schnurren schrieb, damit aufgenommen.

Ich war außerdem mit ihm befreundet und verehre ihn noch heute. So ging ich auf die Suche nach diesem Heino Jaeger, weil ich diesen Mann unbedingt produzieren wollte.

Ich suchte nach dem Schrankenwärterhäuschen, doch niemand konnte mir sagen wo dieses war, bis mir andere Leute erzählten, dass dieser Jaeger längst inzwischen in einem alten Frisiersalon wohne; aber auch diesen konnte ich nicht aufspüren. Endlich fand ich ihn in der Nähe des Hamburger Michels (St. Michaeliskirche). Er wohnte dicht neben Herbert Wieck, einem Hamburger Berufsboxer, den ich fast täglich im Boxcamp sah und mit ihm trainierte (kleine Welt).

Heino Jaeger hatte in seine neue Wohnung die Einrichtung aus dem Frisiersalon mitgenommen. Wenn man sich dort durchgeschlängelt hatte, kam man in sein Wohn-Schlafzimmer, in dem ein riesiges Bett stand, auf dem sehr dekorativ ein Tigerfell lag.

Mir stand ein Mann gegenüber, den ich mir total anders vorgestellt hatte. Heino Jaeger war klein, schmächtig, mit sehr langen Locken und total verschlossen. Auf Fragen sagte er kein Ja oder Nein, er grunzte nur mürrisch vor sich hin und man musste aus diesen “Antworten” seine jeweiligen Schlüsse ziehen. Es war ausgesprochen schwierig an ihn heranzukommen. Er wirkte sehr misstrauisch, wenn man von Produktionen sprach, die man mit ihm machen wollte. Erst bei dem Nennen von Vorschüssen wurde er plötzlich sehr zugänglich, denn er steckte, wie ich später wusste, gerade in einem finanziellen Engpass.

Alles was ich bis dahin von ihm kannte, war dieses Amateurband, das ich bei dem Freund gehört hatte. Also nahm ich ihn mit in unser Haus in Nordfriesland, um mit ihm die Produktion zu besprechen.

Nie sind mir Produktionsbesprechungen so schwer gefallen, denn er hatte nicht die leiseste Ahnung von Organisatorischem und wollte sie auch gar nicht haben. Wenigstens tat er immer so und boykottierte quasi jede Besprechung.

Wir saßen am Küchentisch und frühstückten, was zeitlich eher ein Mittagessen hätte sein müssen. Heino war, wie ich, ein Nachtmensch. Es trat der Postbote ein. Auf dem tiefstem Land in Nordfriesland hatten wir einen Postboten aus dem Schwarzwald, der nicht nur seinen Dialekt sprach, sondern außerdem auch noch ein unglaublich dummes Zeug. Als er nach langem Geschwafel endlich wieder ging, setzte Heino dessen Rede fort und es wirkte so, als ob dieser noch immer in der Küche stand. Heino hatte Dialekt, Diktion und Tonfall nahtlos übernommen. Ich war perplex.

Heino schenkte, bevor er uns verließ, meiner Frau ein Bild, das er selbst gemalt hatte. Als ein paar Tage später mein alter Kumpel Erwin Koch (auch ehemaliger Berufsboxer) unsere Küche betrat, lag das Bild noch immer auf dem Küchentisch. Erwin schaute darauf und fragte: Woher kennt Ihr Heino Jaeger? Wir waren genauso verwundert darüber, dass Erwin ihn kannte und fragten natürlich sofort, woher er ihn kenne und woher er wisse, dass Heino bei uns war. Erwin sagte, dass er das sofort an dem Bild erkannt habe, denn Heino Jaeger male nur Bahnhöfe. Dass Heino inzwischen Kabarettist war, wusste Erwin überhaupt nicht. Er erzählte nur, dass er in Hamburg in den 50er Jahren mit Heino zusammen Retuscheur gelernt habe (kleine Welt) und dass dieser einer der wunderlichsten Menschen sei, die er erlebt habe. Er habe sich öfter sein Gesicht bemalt und sich bewusst Treppen in die Haare geschnitten, nur um andere Menschen zu schocken. Wie sehr das damals geschockt haben muss, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich wurde, nur weil ich meine Haare auf zwei Zentimeter gekürzt hatte, beinahe der Schule verwiesen. Heino war also, vorsichtig gesagt, ein ausgesprochen merkwürdiger Mensch und auch die Menschen, mit denen er sich direkt umgab, waren mehr als merkwürdig und mir gelang es nie, deren Gedankenwelt nachzuvollziehen.

Als Heino uns einmal im Sommer wieder besuchte, verließ er morgens zu Fuß unseren “Fresenhof”, um ein bisschen spazieren zu gehen. Er trug nur Jeans und ein ganz dünnes T-Shirt und hatte natürlich, wie immer, kein Geld bei sich. Über Mittag zog ein großes Gewitter auf, aber er kam erst nach 12 Stunden wieder. Bei diesem merkwürdigen Menschen hatten wir uns natürlich große Sorgen gemacht. Als wir ihm das sagten, hatte ich das Gefühl, dass ihm das große Freude bereitete. Er dachte auch überhaupt nicht daran, uns zu erzählen, wo er war.

Mit seiner Freude Menschen zu schocken, konnte er sich auch ab und zu bös in die Nesseln setzen. Weil die meisten Leute die er kannte, inzwischen DDR sagten, nannte er diesen Staat aufreizend weiter Ostzone, Er fuhr aber, wie er selbst sagte, gerne dort hin, “weil die Bahnhöfe in der Ostzone noch so herrlich nach Pisse stinken”. Als ihn Grenzbeamte danach fragten, was er in der DDR wolle, antwortete er diesen, dass nur ihn das etwas anginge, was er in der Ostzone will.

Diese Leute hatten aber, wie wir alle noch wissen, überhaupt keinen Humor und hielten ihn zwei Tage an der Grenze fest, bis sie ihn abschoben.

Ich hielt Heino für einen gnadenlosen Menschenverächter. Saß er aber vor seinem Publikum, war er, nachdem er dieses durch aufreizend langes Warten und Zettel sortieren gequält hatte, gar nicht mehr von der Bühne zu kriegen. Er genoss es also, wenn er ankam. Und ich erlebte nie, dass er nicht ankam.

Nach Livemitschnitten war es natürlich eine höllische Arbeit für mich, seine nicht enden wollenden Storys in ein erträgliches Maß zu kürzen.

Heino konnte aber auch kommerziell denken. Er brachte uns ab und zu selbstgefertigte Bleisoldaten und selbstbemalte Bierglasscheiben mit. Das waren, wie er mir erklärte, Glasscheiben, die im Alten Land Leute früher selbst bemalten, um sie anderen Dorfbewohnern zur Hochzeit zu schenken. Diese von ihm gemachten Dinge wurden im Freilichtmuseum Kiekebarg bei Hamburg verkauft.

Heino hatte einen Drang zum Hamburger Kiez. Dort hatte er den damals sehr bekannten Berufsboxer Norbert Grupe, der sich selbst “Prinz Wilhelm von Homburg” nannte, kennengelernt, so erzählte es mir Norbert, (kleine Welt) als er mich einmal wieder zum Boxtraining und Waldlauf abholte (Laufen konnte ich besser als er). Jaeger und Grupe hatten etwas gemein, man konnte sich mit jedem von ihnen ganz vernünftig unterhalten, solange man mit ihnen alleine war. Trat aber ein Dritter dazu, änderte sich ihr Habitus total und beide spielten ab da nur noch Rollen. Heino spielte den Clown und Norbert den Fiesling.

Als ich zum ersten Mal mit Heino Jaeger ein Studio betrat, (ich hatte noch nicht mein eigenes) fing Heino mit seinem immer mürrischen Gesicht, langsam an vorm Mikrophon seine Zettel zu ordnen. Der Toningenieur, den ich (und seinen Humor) gut kannte, fragte mich, was das Ganze werden solle. “Lass dich überraschen”, sagte ich und als Heino dann anfing, entgleisten ihm zuerst alle Gesichtszüge, bis er dann langsam unter sein Pult rutschte und sich vor Lachen nicht mehr halten konnte.

Wir nahmen den ganzen Tag auf. Die skurrilsten und makabersten Geschichten wollte ich vorerst im “Giftschrank” des Studios lassen, um sie später zu veröffentlichen. Sie verschwanden aber und sind nie wieder aufgetaucht. Ich habe jemanden schwer unter Verdacht, dass er sich die Bänder unter den Nagel gerissen hat, werde aber den Namen nicht sagen, der Mann ist heute sehr populär. Wenn man seine Sketche hört, weiß man, dass er ein großer Heino-Jaeger-Fan ist.

Dann kam die erste gemeinsam produzierte LP heraus. Wo ich auch hinkam, sprachen mich in meiner kleinen Welt so viele Leute auf die LP an, dass es für mich klar war, dass der Umsatz dieser Platte sehr groß sein musste. Auch die  anderen   Produktionen mit  Heino waren in “meinem Dorf” Riesenerfolge. Erst, als ich die Umsatzzahlen zu Gesicht bekam, merkte ich, wie klein meine Welt wirklich ist.

Als es die Platten schon längst nicht mehr zu kaufen gab, hatte ich bei mir zu Hause natürlich noch eine Menge davon, um sie guten Freunden, die daran sehr interessiert waren, schenken zu können. Ich kam aber nicht dazu, sie zu verschenken, sie wurden von Leuten, die bei uns ein-und ausgingen vorher schon geklaut. Auch die Diebe hatten meinen Humor. Heute besitze ich nicht eine einzige dieser mit Heino produzierten LPs.

Erst jetzt, 10 Jahre nach Heinos Tod und fast 30 Jahren nach den Aufnahmen, wird Heino Jaeger von den Medien wirklich entdeckt und es wird ein großes Trara um ihn gemacht. Dabei hat kein Zweiter die deutschsprachige Comedy- und Satireszene so nachhaltig beeinflusst wie Heino Jaeger. Es gab sogenannte Komödianten, die ihn sogar richtig kopierten und sich nicht entblödeten, seine Geschichten (sehr schlecht) zu kopieren.

Als Heino schon längst in der Psychiatrie in Oldesloe verschwunden war, versuchte ich vor 20 Jahren die Aufnahmen mit ihm noch einmal bei Schallplattenfirmen zu veröffentlichen, was mir aber nie gelang und viele Leute der Plattenindustrie wussten auch nicht, was an Heinos Geschichten komisch sei.

Man kann in keinem Fall sagen, dass ich mit Heino Jaeger Geld verdient hätte. Das war auch bei anderen, die ich produzierte so (zum Glück nicht bei allen). Und heute weiß ich bei manch einem überhaupt nicht mehr, warum ich ihn produziert habe. Nicht so bei Heino. Den “Fehler” würde ich immer wieder machen und wenn es auch nur für mein kleines geistiges Dorf ist, in dem ich lebe.

Knut Kiesewetter


CD 1

1. Hundekomplex
2. Dentomanie
3. Fliesenlegerstory
4. Fahrstuhl
5. Adoption
6. Seemann in Not
7. Landfunk
8. Modenschau
9. Die Kohlroulade
10. Warnomat
11. Hauspilze
12. Passkontrolle
13. Hörgeräte für Wellensittiche
14. Umgehungsstraße
15. EG-Gespräch
16. Schlachthofbesichtigung
17. Neues aus der Landwirtschaft
18. Werbung für Fortgeschrittene
19. Die Bundesluftschutztasche

CD 2
1. Im Fischereihafen
2 . Pfarrer Winterwieser
3. Sport Aktuell
4. Die Tulpenfahrt
5. Föhn-Hilfe
6. Das Lampengeschäft
7. Die Brotfabrik
8. Rentnersorgen

 
 
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