Zwischen mir und dem Rest der Welt steht eine Glaswand.

Zugegeben, mit Karl Lagerfeld tut der Rezensent sich schwer. Auf der einen Seite ist da der international erfolg- und einflussreiche Modeschöpfer, Fotograf und Designer, der seit Jahrzehnten die Geschicke des Hauses Chanel als Chefdesigner maßgeblich beeinflusst und in unzähligen weiteren Tätigkeiten für Modeunternehmen von Fendi bis Hasi&Mausi die bikerbehandschuhten Finger hat und auf eine durchaus beachtliche Lebensleistung blicken kann.

Andererseits ist da diese Gestalt, die seit Jahren so aussieht, als habe Tim Burton sie für einen seiner Animationsfilme à la “Nightmare Before Christmas” entworfen und dann als zu bizarr verworfen. Kann man jemanden ernst nehmen, der sich so gefällt?

Der BUNTE Chefreporter Paul Sahner gehört zu Lagerfelds journalistischer Entourage, die der publicitysüchtige Egomane hegt und pflegt und sich warm zu halten versteht, woraus Sahner gar kein Geheimnis macht. “Ich bin in Paris gelandet, und Karl lässt mich vom Flughafen abholen. Sein Chauffeur Sébastien erscheint als Vorbote jenes Wellnessgefühls, mit dem Karl seine auserwählten Besucher umhüllt. Die Medien gehören dazu, denn sie sind willkommene Multiplikatoren für eine Selbstdarstellung.”

Paul Sahner hat ein Buch mit dem Titel Karl verfasst, aber es könnte auch Ich und Karl heißen, denn der Autor lässt keine Gelegenheit aus, seine engen Verbindungen zu Lagerfeld ins Licht zu rücken. “Auch in meiner Münchner Wohnung hängen im Flur ein paar echte Lagerfelds. Wer sich in Kunst nicht richtig auskennt hält sie schon mal für einen Picasso.”

Karl, ein typografisch sehr schön gemachtes Buch mit gutem Papier und silbergrauem Lesebändchen, liest sich flüssig, Sahner hat die 450 Seiten geschickt aufgebaut aus einer ausführlichen Schilderung von Lagerfelds Werdegang und dazwischen gestreute Interviewpassagen aus zahlreichen Gesprächen, die der Autor über viele Jahre hinweg mit dem Modeschöpfer geführt hat. Wer Lagerfeld jemals hat sprechen hören kann sich beim Lesen seiner Interviewbeiträge kaum davon frei machen, sein hektisches und zerfasertes Reden im Hinterkopf zu haben. Immerhin, man erfährt, woher er das wohl hat, seine Mutter forderte ihn einst auf, schneller zu sprechen, damit sie sein Gequassel nicht so lange ertragen müsse.

Lagerfeld redet oft und viel und ist sich nicht zu schade, in unzähligen Talkshows aufzutreten und dort den Herrn der Dinge zu geben; seine Selbstverliebtheit ist so grenzenlos, dass er sie ständig allen vorführen muss. Was er sagt hat offenbar eine extrem kurze Vollwertzeit, denn: “Was ich sage ist nur gültig, wenn ich es gerade gesagt habe.” So kann man natürlich auch der Gefahr aus dem Weg gehen, einmal an den eigenen Worten gemessen zu werden.

Der Mann mit dem gepuderten Zopf ist ständig bemüht, sich über den Dingen schwebend darzustellen, ein einsamer, in sich ruhender Leuchturm im Meer der Banalitäten. Sein geradezu inflationärer Gebrauch des Ausdrucks “Ich hasse…” verrät etwas anderes, ebenso wie seine Rachsucht, die er genüßlich zelebriert, wenn er sich von jemandem “verraten” fühlt. Dies hat schon manchen getroffen, und selbst die einstige Muse Claudia Schiffer bekam es zu spüren, weil sie 1996 für YSL auf der Pariser Modewoche modelte. Lagerfelds Kommentar, als er die Schiffer in Ungnade fallen ließ: “Ich kann verstehen, dass dieser Modeschöpfer für sie interessant ist: Da weiß sie endlich, wie sie aussehen wird, wenn sie so alt ist wie ihre Mutter Gudrun.” In seiner Rachsucht erinnert Lagerfeld an Truman Capote, der war sich auch für keine Boshaftigkeit zu schade. Auch seine angeblich so ausgeprägte Selbstironie ist nichts anderes als Koketterie und fishing for compliments.

Sahner lässt in seinem Buch durchaus erkennen, dass er seinen Helden für exzentrisch, widersprüchlich und egomanisch hält, aber um darauf zu kommen braucht es nicht viel Einfühlungsvermögen. Auf der anderen Seite schont er Lagerfeld, wo es nur geht. An verschiedenen Stellen in Karl wird Lagerfelds unglaubliche Bibliothek von mehr als 300.000 Büchern erwähnt, die naheliegende Frage, was davon er denn tatsächlich gelesen habe, fällt Sahner aber offenbar nicht ein. Die das Buch illustrierenden Bilder zeigen den Modeschöpfer immer nur von seinen besten Seiten, mal im Bodysuit (von Helmut Newton 1971 fotografiert), mal als versaillesker Sonnenkönig, mal als Dandy aus seinen wilden Jahren mit den Jungs. Kein Bild des vor seiner letzten Abmagerungskur 102 kg Wiegenden, wie es durchaus in eine möglichst vollständige Dokumentation gehören sollte. Und auch in seinen Fragen lässt Sahner den Freund weitestgehend ungeschoren. Besonders auffällig ist das, wenn es um das Thema Sexualität geht. Einmal, so Sahner, wich ihm Lagerfeld, auf sein Liebesleben angesprochen, aus: “Was soll an meinem Liebesleben geheimnisvoll sein?” Sahner schreibt: ‘Ich will trotzdem mit ihm darüber reden. Karl willigt ein: “Dann besuchen Sie mich in Paris, Paul.” Beim Wort genommen.’

Sahner fliegt also nach Paris. Es folgen drei Seiten, in denen es um Parfums und Worcestersauce und üble Gerüche geht und um Lagerfelds Fahrzeugflotte (darunter 2 Hummer, denen die Autojournalisten Franz-Christoph Heel und Olaf Schumacher einmal die Auszeichnung “Nominiert für die Oscars Beste Abzocke, Peinlichste Erscheinung, Schlechtester Geschmack” verliehen) sowie um die unvermeidlichen Bikerhandschuhe, die er sich persönlich silbrig oder golden einsprüht. Kein Wort mehr über das Liebesleben.

Die Erstauflage von Karl, so teilt der Verlag auf seiner Website gerade mit, war innerhalb von 3 Tagen vergriffen. Das verwundert nicht, der Hamburger Lagerfeld hat in seinem Geburtsland eine große Fangemeinde, und Sahner ist allen BUNTE Leserinnen ein Begriff. Das Buch ist ja auch flott geschrieben und ist verdaulich wie ein leichtes Sommermenü, auch wenn es eigentlich nur ein Soufflé ist, das man tunlichst keiner Kaltluft aussetzt. Auf Lagerfelds Autobiografie wird man noch warten müssen, die soll nach seiner Aussage auf keinen Fall zu Lebzeiten erscheinen, und bei seiner unbestreitbaren Vitalität (er wird am 10. September 76 Jahre alt) kann das durchaus noch eine Zeit dauern. Bis dahin dann also: Karl von Paul Sahner.

awb

Karl
Paul Sahner
ISBN 978-3-86882-015-7
450 Seiten
Preis 24.90 Euro

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