
Ende der 1990er Jahre tauchte es bei uns auf, ein goldfarbenes Öl aus Marokko. Das Öl der Arganbaumfrucht. Bis dato war es völlig unbekannt. Das nussig feine Aroma fand schnell Anklang, gerade bei Sterneköchen, denn die waren nicht durch den hohen Preis des Produktes geschockt. Was hier gefiel, waren Qualität und Geschmack, und so war das Arganöl bald in aller Munde. Heute ist um das flüssige Gold Marokkos ein Goldrausch entstanden. Im Kampf um “Das Gold Marokkos” stehen sich zwei Lager gegenüber und unsere Küchenchefs und Gourmets sind verunsichert, was denn nun besser sei, das modern maschinengepresste oder das traditionell handgepresste Öl. Und Sie fragen sich, ob der Kern wirklich erst eine Ziege durchlaufen hat, bevor er gepresst wird. Auf den folgenden Seiten finden Sie die Antworten.

Der Wind und der Löwe
Das war ein spannender Film. Er spielt 1904 in Marokko. Das Land ist zwischen den Sympathisanten der Deutschen und der Amerikaner politisch zerrissen, dazwischen: die freiheitsliebenden Berberstämme. Mulay el Raisuli (Sean Connery), der Anführer der Rif-Kabylen, ein Stamm aus dem Rifatlas im nördlichen Teil Marokkos, entführt eine Amerikanerin nebst ihrer Kinder in Tanger und bringt sie in sein Lager. Allerdings konnte er die politischen Folgen seiner Tat nicht absehen. Denn er macht sich ausgerechnet den Haudegen Theodore Roosevelt zum Gegner, der diesen Vorfall für sich zu PR-Zwecken ausnutzt. Wenn ich mich recht erinnere, endet der Film in einem Wortwechsel zwischen Raisuli und einem anderen Berberfürsten, der ungefähr so lautet: “Nun haben wir alles verloren”, Antwort: “Gibt es keine Dinge, für die es sich lohnt, alles zu verlieren?”. Tatsächlich lehnten sich die Rif-Kabylen in einem Guerillakrieg unter ihrem Führer Abd-el Karim gegen die französischen und spanischen Besatzer auf. Aber gegen 500 Tonnen Senfgas war auch der mutigste Krieger machtlos. Bis heute sind die Berber ein freiheitsliebendes, kriegerisches Volk geblieben. Die schlimmste Beleidigung unter Männern lautet: “Dein Vater starb in seinem Bett.” Gemeinsam mit Mohamed El Karz, über den wir später mehr berichten, machen wir uns auf den Weg, einen solchen Berberstamm zu besuchen, um uns die Produktion von Arganöl anzusehen. Die Berber gelten als Urbevölkerung Nordafrikas. Sie bilden kein einheitliches Volk. Bis auf die Touareg, die als Nomaden umherziehen, leben sie sesshaft in Familienverbänden, mit eigenen Sprachen und Gesetzen. Nur in Notzeiten schließen sie sich zu “Stämmen” zusammen. In Marokko werden die Berber nach Sprachfamilien eingeteilt. Die nördlichen Tarifit, die Taschelhit aus dem mittleren Atlas und die Tamazight aus dem hohen Atlas, zu denen wir fahren werden.

Zu Besuch beim Berberfürsten
Der Weg ist weit, eng und steinig. Endlich liegt unser Berberdorf vor uns in einer Taloase. Es nennt sich Tiskejji. Das bedeutet so viel wie “Das ist alles, was ich habe”. Als seinerzeit die französische Armee hier durchzog, soll der Kommandant gefragt haben “Wie heißt Ihr?”, was falsch verstanden wurde und so war dann die Antwort auf die vermeintliche Frage “Was habt Ihr?” der zukünftige Name des Dorfes. Palmen und Arganenbäume prägen die Vegetation, dazwischen ein paar Felder, Ziegen und Schafherden. Wir stoppen am Pass. Noch ist das Dorf weit entfernt. Doch ein gellender Ruf verrät: Sie haben uns gesehen, man hat uns angekündigt. “Diese Menschen haben eine ungeheure Wahrnehmung” erklärt Mohamed, “man kann sie nicht überraschen.” Schon von hier oben aus sehen wir das mächtige Anwesen des Dorfvorstehers M’hened Atbir. Seine Familie ist seit Generationen sehr einflussreich. Und wie das Wort seiner Väter, ist sein Wort Gesetz. Man erwartet uns schon freundlich am Tor. Atbir und seine Frau Fatima geleiten uns durch ein viele Hundert Jahre altes Tor in den Hof. Stolz führt man uns herum. Die ganze Familie lebt hier. Jeder hat einen Bereich für sich. Aber es gibt Zentren des Zusammentreffens im Inneren des Gebäudes. Der Hamam, das traditionelle Dampfbad, das einmal in der Woche angefeuert wird oder das begrünte Orangenbaum-Atrium mit Säulengängen und umliegenden Gebäuden und Gesellschaftsräumen.
Freitags immer Couscous
Zur offiziellen Begrüßung werden wir in die Privaträume von M’Hened geführt. Wir nehmen in einem landestypischen Wohnraum Platz. Ringsum voluminös gepolsterte Sitzbänke, in der Mitte ein Paar Tische. Die Schuhe haben wir ausgezogen. Der Herr des Hauses erscheint mit Wasserkaraffe und Schale. Wir waschen uns die Hände. Später wird auch er es sein, der uns das Essen bringt. Wir erfahren das klassische Begrüßungsmahl unter Berbern. Uns wird Amlou, eine Mischung aus Mandelmehl, Arganhonig und Arganöl gereicht. Dazu gibt es noch Frischkäse aus Kuhmilch, Arganhonig, Arganöl, Olivenöl mit Oregano und Salz, eingelegte Butter, selbstgebackenes Brot und jede Menge lustiger Kekse. Schmeckt alles prima, auch der selbst gemachte Tee. Nach dem Besuch in der Arganölproduktion werden wir hierher zurückkehren und ein weiteres Mal mit der Familie speisen. Da Freitag ist, wird einer unserer Gänge Couscous sein. Es gibt Freitags immer Couscous. Außerdem werden wir selbst angebautes Gemüse, Ziegen- und Lammfleisch probieren. Alles in der traditionellen Tagine mit Arganöl zubereitet. Aber zunächst gehen wir ganz an den Anfang unserer Geschichte und erzählen wie alles begann.

Die letzte Bastion gegen die Wüste
Die Argane (Argania Spinosa), ist beheimatet im Südwesten Marokkos. Ein Relikt aus der Urzeit. Schon vor 80 Millionen Jahren war dieser Baum zu finden und recht weit verbreitet. Doch im Laufe der Jahrtausende hat er sich hierhin, in die Ebenen vor dem hohen Atlas zurückgezogen. Und seine Bestände klettern die Hänge bis in Höhen von 1.300 Metern hinauf. Ab dieser Höhe übernimmt eine Tujavegetation die ganz jährige spärliche Begrünung des Gebirges. Argania Spinosa ist ein eher kleinerer Baum, etwa so groß wie unsere Apfelbäume, er wird bis zu 10 Meter hoch mit einer Krone von 16 Metern. Oft bilden mehrere knorrige Stämme die immergrüne kugelige Krone. Dieser Baum ist sehr wichtig für die Region. Sein Verbreitungsgebiet bildet die Grenze zur Sahara. Und das zähe Gewächs gibt sich alle Mühe, die todbringende Wüste fernzuhalten. Vergehen die Arganen oder holzt man sie ab, ist der Sahara nichts mehr entgegenzusetzen. Der Baum verfügt über phantastische Eigenschaften, die ihm helfen, in dieser Umgebung zu überleben. Seine Wurzeln dringen bis zu 30 Meter tief in den Boden ein, um in Symbiose mit einem riesigen Schlauchpilzgeflecht nach Wasser zu suchen. Mit diesem wird nicht nur der Baum selbst, sondern auch seine ganze Umgebung versorgt. Zudem schützt er das Land vor Erosion. Auch andere Pflanzen und Tiere profitieren davon. Um Wasser aufzuspüren, dringt die Arbeitsgemeinschaft aus Pilz und Baum selbst in Felsspalten ein. Die Arbeitsteilung der beiden Lebewesen ist perfekt organisiert. Der Pilz fördert Wasser und der Baum bedankt sich durch die Versorgung mit Mineralien. Der Baum kann extreme, jahrelange Trockenperioden mit Temperaturen über 50° C überstehen. Gibt es zu wenig Wasser, stellt er sich ganz und gar darauf ein. Er zieht seine Blätter zusammen, verkleinert also seine Verdunstungsfläche und bildet keine Früchte mehr aus, so verharrt er bis zum nächsten Regen. Dann kehrt sein Leben sofort zurück. Mit dieser Strategie erreicht er ein Alter von bis zu 400 Jahren.
Schützen durch Nutzen
Es hat lange gebraucht bis die Menschen begriffen haben, dass dieser Baum unbedingt geschützt werden muss. In Kolonialzeiten wurden die Bestände von den Franzosen im großen Maße gefällt, um das eisenharte Holz zu verfeuern oder als Bauholz für den Krieg und für die Industrie zu verwenden. Und immer noch fallen jährlich 600 Hektar Arganhaine von den insgesamt verbliebenen 830.000 Hektar Baumaßnahmen zum Opfer oder müssen der modernen Landwirtschaft weichen. Im Rahmen eines Projektes, das von der deutschen Regierung und von der UNESCO unterstützt wurde, untersuchte man dann Mitte der 1990er Jahre Möglichkeiten, den Arganbaum zu schützen. Verbindungsmann zwischen Marokko und Deutschland war Mohamed El Karz. Als Projektleiter eines IHK Umweltprojektes konnte der studierte Wasserbau- und Umwelttechniker schon Erfahrungen beim Bau von Wasseranlagen in Marokko sammeln. Mohamed war überzeugt, dass in diesem Fall Umweltschutz nur mit Hilfe industrieller Mechanismen möglich ist. Er erinnerte sich daran, dass die Berberstämme seit Jahrhunderten die Früchte des Arganbaumes zur Ölgewinnung nutzten. Dieses Arganöl war bis dato fast nur bei den Berbern bekannt, selbst viele Marokkaner kannten es nicht. Belegt ist aber, das Arganöl schon seit Urzeiten genutzt wird, denn schon in den Schriften der Römer findet es Erwähnung. Die autarken Berbergemeinschaften nutzten es aber vornehmlich für sich selbst. Als Speise- und Lampenöl und für kosmetische und medizinische Zwecke. Lediglich Kleinstmengen wurden verkauft. Bei ihnen genießt die Argane einen „heiligen“, ja man kann fast sagen Kult-Status. Bei einigen Stämmen verabreicht man den Neugeborenen einen Tropfen Arganöl vor der ersten Muttermilch. Als Wertschätzung für das Öl. Heute sagt man, auch wegen der antiseptischen Wirkung. Bei anderen Stämmen bilden Arganbäume den Mittelpunkt des Dorfes. Diese Bäume sind dann heilig und ihre Früchte werden nicht genutzt. Wieder andere feiern die erste Arganölproduktion mit großen Festen oder formen ein fuchsähnliches Tier aus Arganteig, das dann, um schlechte Ernten abzuwehren, zerstört wird. Die Idee war nun, dieses Öl für die Berber überregional zu vermarkten und so dessen Gewinnung lukrativ zu machen. Denn wer von dem Arganöl lebt, wird die Bäume schützen und pflegen.

Frauen an die Macht – Das Argand’Or Konzept
Eine Studie belegt, es konnten nur die Frauen sein, die man für dieses Projekt gewinnen musste. Denn sie verfügen über das Wissen der traditionellen Herstellung des Arganöl und geben es über die Generationen weiter. Die deutsche GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) gab den ersten Kooperativen eine Organisationsstruktur. Dieser Zusammenschluss nannte sich UCFA – Union de Coopératives des Femmes de l’Arganeraie. Mohamed El Karz und Rudolf Bresink suchten Ende 2004 den Kontakt zur UCFA. Damals bestand der Dachverband aus 4 Kooperativen. Die Argand’Or GmbH wurde von Mohamed El Karz und Rudolf Bresink 2005 gegründet. Zwei ideale Partner, der eine geboren in Marrakesch und Kenner der Arganeraie, der andere ein international erfahrener Marketing- und Werbemann. Sie gaben diesem einzigartigen Öl den Namen “Argand’Or – Das Gold Marokkos” und versprachen den Frauen ihr handgepresstes Arganöl weltweit zu vermarkten. Mit dieser fairen, sozialen und nachhaltigen Partnerschaft als Sicherheit im Rücken entwickelte sich diese Kooperative prächtig und viele kamen hinzu. Mittlerweile sind es 22 mit ca. 1.000 Frauen und viele weitere Kooperativen stehen vor der Gründung und wollen sich der UCFA anschließen. Die Kooperativen haben viel erreicht. Sie bringen Geld in die Familien. Und das erwirtschaften die Frauen. Deren Stellung war traditionell bei den Berbern schon stark, doch die Befugnisse beschränkten sich auf das Haus. Jetzt agieren sie öffentlich. Produzieren nicht nur, sondern treten auch aktiv als Protagonistinnen national und international für ihr Produkt auf. Das gesamte Leben hat sich verändert, die Frauen haben Geld, um schöne Dinge wie Kleidung und Sachen für den Haushalt zu kaufen. Investieren in ihre Wohnungen, kleiden ihre Kinder gut und vor allem – sie schicken sie zur Schule, das war insbesondere bei Mädchen früher absolut unüblich. Und sie holen selbst versäumte Bildung in eigenen Klassenräumen der Kooperativen nach. Die einstigen Analphabetinnen lernen lesen, schreiben und rechnen und sind nun in der Lage, ihren Geldverkehr mit Banken zu regeln, Telefonate zu führen, Faxe zu versenden oder das Internet zu nutzen. Möglich war das natürlich nur weil die Gourmets und Küchenchefs schnell auf das Arganöl aufmerksam gemacht wurden und es als kulinarische Spezialität gerne einsetzen. So findet man es heute auf der ganzen Welt, in Deutschland, in ganz Europa, Asien und Amerika. Und das macht die Frauen der Kooperativen besonders stolz. Ihr Produkt steht in Tokio oder San Francisco in einem edlen Geschäft. Wo immer dieses Tokio auch sein mag. Alle wollen dahin und das einmal sehen. Doch die meisten wollen nach Deutschland, denn bei uns fasste das Arganöl zuerst Fuß.
Mann oder Esel – Wie eine Kooperative funktioniert
Die Frauen sagen, wir machen das Öl, haltet die Männer da raus. Wir mahlen die Mandeln, pressen das Öl und gehen hinaus in die Haine und sammeln die Früchte. Wenn wir einen großen Korb voll haben, muss er ins Dorf. Dafür brauchen wir dann einen Mann. Oder einen Esel. Arganfrüchte werden nicht gepflückt, es ist schwierig die mirabellengroßen Früchte aus den dornigen Ästen zu ernten. Zudem ist das Fruchtfleisch zur Herstellung des Öls wertlos, es dient nur als Material für das Feuer. So wartet man halt bis die Arganfrüchte nach einem zweijährigen Entwicklungszyklus von der Blüte bis zur Frucht von selbst vom Baum fallen. Hier hat man Zeit, nichts ist wirklich eilig. Und irgendwann werden sie dann gesammelt, egal ob nach ein paar Wochen oder Monaten. Aufgrund des Klimas nehmen sie keinen Schaden. Die Ernte, also das Sammeln, erfolgt in den Sommermonaten von Juli bis September, der Ertrag ist abhängig vom Regen und vom Wind. Ist dieser zu stark, zu heiß, zu staubig, haben es die fleißigen Bienen schwer, zu wenig Blüten werden bestäubt und auch die Ernte des Arganhonigs fällt dann mager aus. Wir ziehen mit unseren Frauen aus dem Dorf Tiskejji in die Berge, die “Ernte” ist einigermaßen gut. Traditionelle Lieder begleiten die Arbeit, dazwischen gellende Freudenschreie, durch den schnellen Schlag der Zunge zur Vibration gebracht. Haben die Frauen genug gesammelt, ruhen sie ein wenig im Schatten. In unserem Fall bringt ein Mann dann die Früchte in die kleinen, aber schicken und sauberen Räume der Kooperative.
Ladies only
Man betritt das Reich der Frauen durch einen kleinen Vorraum, in dem die Schuhe ausgezogen werden. Eine von drei Türen führt in einen kleinen Sanitärbereich, eine weitere in den Schulraum und die dritte in den Produktionsraum. Dahinter noch ein kleines Lager mit einer Maschine zum Rösten der Mandeln. Die Früchte werden in einem Nebengebäude in Säcken trocken und sicher vor Schädlingen bis zur Produktion gelagert. An diesem Tag sind es gut 15 Frauen die an der Arbeit teilnehmen. Oft sind es weniger, so viele selten. Ich denke das liegt am hohen Besuch aus Germany. Die Berberfrauen nehmen in der Reihenfolge ihrer Aufgaben im Produktionsprozess auf dem Boden Platz, wie in einer modernen Fabrik, in der die Maschinen gemäß dem Materialfluss von Wareneingang bis Warenausgang aufgestellt werden. Das haben sie sich natürlich selber ausgedacht, denn von Materialwirtschaft haben sie noch nie etwas gehört. Die Arganfrucht besteht, ähnlich wie eine Aprikose, aus einem Fruchtfleischmantel mit Kern, in diesem befinden sich die Samen (Mandeln) die zur Ölgewinnung genutzt werden. Der Produktionsprozess läuft folgendermaßen ab: Eine erste Gruppe von Frauen schlägt mit einem Stein, der sorgsam und passend für die Hand selbst gesammelt wird, auf einem Steinamboss das trockene Fruchtfleisch vom Kern ab. Eine zweite Gruppe schlägt dann den Kern auf und entnimmt die zwei Mandeln. Diese werden dann leicht angeröstet und getrocknet. In traditionellen Steinmühlen vermahlen die Frauen diese Mandeln oder Samenkörner zu Brei. Danach vermengt man diesen Brei mit abgekochtem Wasser. Ein phantastischer Arbeitsschritt, denn durch diesen langwierigen Arbeitsprozess verdrängt das schwerere Wasser das Öl aus den Zellen und nimmt dessen Platz ein. Beim späteren Pressen dringt nur das Öl aus. Vor dem Pressen allerdings werden Arganölteigfladen geformt, die dann von starker Frauenhand ausgewrungen werden. Daraus rinnt zwischen bemalten Berberfrauenhänden ein Rinnsal noch trüben goldgelben Arganöls. Gesamtergebnis dieses fleißigen harten achtstündigen Arbeitstages der 15 Frauen: zwei Liter! Danach haben die Frauen Hunger. Eine von ihnen kocht. Die Nahrung des Feuers sind die abgeschlagenen Kerne und das Fruchtfleisch, also der “Produktionsabfall”. Wer jetzt glaubt, der Tag sei für die Frauen nun zu Ende, täuscht sich. Frau Lehrerin, eingestellt von der Kooperative, ruft noch zu einer kleinen Lektion in die Schule. Und die kleinen Mädchen sitzen dabei und üben sich im traditionellen Frauenhandwerk. So scheint das Erbe gesichert.
Zahme Krieger
Ja, ja, die Männer. Während die Frauen arbeiten sieht man sie in Gruppen unter Bäumen sitzen und lässig plaudern. Als die Frauen anfingen, sich über die Kooperativen zu unterhalten und Pläne schmiedeten, haben viele von ihnen sich darüber lustig gemacht. Sie waren skeptisch. Viele von ihnen sind jetzt offener, sehen die Vorteile, andere, die Konservativen, heißen das Ganze noch immer nicht gut. Wie auch immer, für die Männer heißt es auf jeden Fall: Finger weg vom Arganölgeschäft.
Starke Führung
Die historischen, aufs Haus bezogenen Kompetenzen der Frau, sind nun für die Welt da draußen geöffnet. Die Frauen haben sich organisiert für ihren Eintritt in die moderne Welt. Die Führerinnen einer Kooperative werden jedes Jahr neu gewählt. Eine Dame für die Präsidentschaft, eine für das Sekretariat und eine als Schatzmeisterin. Dazu bekommt jede noch eine “Vize”. Sechs Damen lenken also die Geschicke der Kooperative. Über allen Kooperativen steht ein ebenso aufgebautes Damen-Sixpack das eben falls für ein Jahr von der Vollversammlung gewählt wird. So ist nur der Dachverband UCFA organisiert, nicht alle Kooperativen. Es ist Mode geworden in einer Frauen-Kooperative Mitglied zu sein. Wie gesagt, die Frauen treffen sich zum Arbeiten so, wie es ihnen möglich ist. Es können fünf oder 15 sein. Die Notwendigkeit des gemeinsamen Schaffens sieht jede ein. Jede von ihnen wird gerecht entlohnt. Wenn eine, warum auch immer, ausfällt, erhält sie trotzdem Geld. Eine ursprüngliche und effektive Form der sozialen Absicherung. Um Mitglied in einer Kooperative zu werden, braucht man zunächst Geld. 100 Dirham, umgerechnet zehn Euro, kostet der einmalige Mitgliedsbeitrag. Das ist nicht wenig in einer Gesellschaft, die praktisch ohne Geld lebt. Aber andere Frauen können helfen. Die zweite Vorraussetzung ist, das man die traditionelle Herstellung von Arganöl beherrschen muss. Eine dritte Bedingung ist, sein Leben in der näheren Region zu führen und viertens, die Verpflichtung an den Schul- und Fortbildungsmaßnahmen des Frauen-Clans teilzunehmen. Alles durchaus akzeptabel. Das finden auch die Berber. Respekt, meine Damen!
Handwerkliche contra Industrielle Produktion
Natürlich ist auch die Industrie nicht erst durch Argand’Or auf Arganöl aufmerksam geworden. Da die Hersteller keinen Besitz an den Bäumen haben, sind sie auf die Ernte der Frauen angewiesen und kaufen die Früchte unter anderem auf den Souks, das sind die Märkte der Region, im großen Stil auf. In Zeiten, in denen Arganfrüchte knapp werden und Kooperativen auch auf den Zukauf von Früchten aus Nachbardörfern angewiesen sind, kommt es zu einem regelrechten Konkurrenzkampf zwischen den Frauen und den Industrieeinkäufern. Im Prinzip wird in den Industriebetrieben der bäuerliche Produktionsprozess von Maschinen nachvollzogen. Sie erzielen also das nahezu gleiche Ergebnis. Da bei Masseneinkäufen nicht zu vermeiden ist, das auch Argankerne erworben werden, die schon einmal eine Ziege von innen gesehen haben, wird dieses Öl “deparfümiert”, also vom unangenehmen Ziegenduft befreit. Allerdings erfüllt ein industriell erzeugtes Produkt nicht die sozialen und nachhaltigen Anforderungen und Bedürfnisse wie ein von den Kooperativen der UCFA hergestelltes, handgepresstes Arganöl. Den größten Teil der Wertschöpfung erzielt die Industrie, und die Frauen in den Dörfern gehen leer aus. Lediglich die Männer bekommen ein paar Dirham für die Kerne, die ihre Frauen sammelten. Immer wieder tauchen Berichte und Tests über gestrecktes und verunreinigtes Arganöl auf. Ja, so etwas gibt es. Dort wo ein lukrativer Markt entsteht sind direkt auch Leute zur Stelle, die versuchen mit unlauteren Mitteln einen schnellen Euro zu verdienen. Sicherheit bietet das Öl aus den Argand´Or Kooperativen der UCFA, übrigens zu erkennen an dem Handgepresst-Zeichen mit den offenen Händen. Die Frauenkooperativen selbst haben aus existentiell wichtigen Gründen ein gesteigertes Interesse daran, nur gutes Öl zu vermarkten. Außerdem wird dieses Öl streng kontrolliert und in Deutschland entsprechend unserer Normen gefiltert, geprüft, analysiert und abgefüllt.
Potentiale, Realitäten und Träume
2 Millionen Berber leben derzeit in der Argan Region. Und diese Menschen nutzen das Öl für sich und zunehmend für den Export. Wie schon erwähnt, erstreckt sich die Fläche der Arganölhaine auf 830.000 Hektar, was in etwa 20 Millionen Bäumen entspricht. Bei einer normalen Ernte liefern 6–8 Bäume 30 –40 kg Früchte. Die wiederum ergeben 1 Liter ungefiltertes, handgepresstes Öl. Um das herzustellen arbeitet eine kleine Frauengruppe 24 Stunden. Theoretisch wäre die Produktion von 3.000 Tonnen Öl pro Jahr möglich, realistische Produktionsmengen sind derzeit aber nur 500 Tonnen. Die Berber träumen von der Regeneration des Arganwaldes, sie selbst tragen heute viel dazu bei. In Zusammenarbeit mit der Forstbehörde, auch das musste man erst lernen, denn Behörden arbeiteten in der Vergangenheit durchaus gerne gegen die Urbevölkerung, werden, wie schon erwähnt, großzügige Wiederaufforstungsprogramme gestartet. 10.000 Bäume sind in diesem Jahr geplant. Auch Argand’Or hat in Zusammenarbeit mit der GTZ in diesem Jahr ein umfangreiches Aufforstungsprogramm im Rahmen eines Projektes gestartet. Um einen Arganbaum zu pflanzen, gräbt man zunächst ein 50 cm tiefes Loch und lässt dieses einige Monate austrocknen. Dann gibt man den Setzling mit reichlich Wasser hinein. Der junge Baum braucht gut zwei Jahre Betreuung. Hier zeigt sich auch wieder der Vorteil der Frauen-Kooperative. Die Berberinnen gehen wirklich fürsorglicher mit der Pflanze um.

Diese Story stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins PORT CULINAIRE, einem regelmäßig erscheinender Sammelband rund um das Thema Kulinarik, den der bekannte Buchautor und Fotograf Thomas Ruhl in der eigenen Edition Port Culinaire herausbringt. Inzwischen sind 8 Bände (von Zero bis Seven) erschienen.
Hier finden Sie eine Themenübersicht der bisher erschienenen Ausgaben.

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