Zino Davidoff – Vom Flüchtlingskind zum König der Havanna

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Zino Davidoff ist keine dankbare Figur für eine Biografie – nicht viel ist über den Genfer Tabakwarenhändler mit ukrainischen Wurzeln bekannt. Geboren wurde er am 11. März 1906 in Nowhorod-Siwerskyj, Ukraine, gestorben ist er am 14. Januar 1994 in Genf. Mit seinen Eltern kam Zino 1911 in die Schweiz, die Familie flüchtete vor antisemitischen Progromen in Kiew, wo der Vater einen Tabakwarenladen führte. Schon in jungen Jahren reiste Zino Davidoff durch die Tabakländer Mittel- und Südamerikas und kam so auch nach Kuba, wo er die Cigarrenherstellung erlernte und sich ein umfangreiches Wissen über den Tabaks aus dieser Region erwarb. So war Davidoff auch der Erste, der in Europa auf die immense Bedeutung der richtigen Lagerung von hochwertigen Cigarren hinwies. Im zweiten Weltkrieg und den Jahren danach gewann Davidoff immer mehr Ansehen. 1970 verkaufte er seine Marke an die schweizer Oettinger Imex AG und war von da an die Gallionsfigur des Unternehmens und fungierte als ein charmanter, hochkultivierter Botschafter des genussvollen Lebens. (Auch der Rezensent wurde vor rund 20 Jahren durch die lebendigen Schilderungen Davidoffs über die Herstellungskunst der Cigarren auf dieses Genussmittel aufmerksam und wandelte sich daraufhin vom Nichtraucher zum Genussraucher.) Das Unternehmen selber wurde von Managern wie Dr. Ernst Schneider und Raimond Scheurer weitergeführt und steht bis heute für hochwertige Waren aus den unterschiedlichsten Bereichen, unter denen die Tabakartikel nur einen heute umsatzmäßig geringen Teil ausmachen.

Außer einigen selbstbiografischen Angaben, die Davidoff in seinem 1967 erschienenen Cigarrenbrevier machte, ist nicht wirklich viel Unmittebares aus seinem langen Leben bekannt, so dass ein Biograf überwiegend auf Sekundärquellen angewiesen ist. 2006 erschien eine von der Kritik nicht eben positiv aufgenommene Biografie, mit der die Zino Davidoff Literatur sich zu erschöpfen schien. Im schweizer Informationslücke-Verlag erschien nun vor nicht allzu langer Zeit eine weitere Biografie, die der Autor David Frey im Rahmen seiner Lizentiatsarbeit für das historische Seminar der Universität Basel (die Lizentiatsarbeit ist Teil der schriftlichen Abschlussprüfung an einer schweizer Universität und entspricht einer deutschen Magisterarbeit) schon im Jahre 2003 unter dem Titel Eine Zigarre muss man wie eine schöne Frau behandeln…Zino Davidoff – vom Flüchtlingskind zum König der Havanna verfasste, die somit schon vor der anderen Biografie entstand.

Auch wenn es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt ist das 180 Seiten starke Buch keineswegs eine trockene Lektüre. Freys Werk ist in zwei deutlich voneinander getrennte Abschnitte geteilt. Der erste befasst sich ausführlich mit der Geschichte der Biografieschreibung, über die sich ein normaler Biografienleser wohl kaum Gedanken gemacht hat, über die es sich aber lohnt, einmal kompetent informiert zu werden. Eine Biografie ist ein weitaus komplexeres literarisches Gebilde, als man gemeinhin denken mag, und so lernt der Leser durch den biografiebezogenen Teil von Freys Buch vieles, das beim Lesen und Werten anderer Biografien von großem Nutzen sein kann.

Teil 2 handelt dann in den folgenden Zweidritteln von Zino Davidoff und seiner bewegten Lebensgeschichte. Hier hat der Autor durch umfangreiche Quellensuche – bis hin zu behördlichen Dossiers über die Familie Davidoff (die aus welchen Gründen auch immer den staatlichen Stellen beobachtungswert erschien), die er im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern und dem Staatarchiv in Genf fand – ein möglichst anschauliches Bild von Davidoff erstellen können. Seine wichtigsten Quellen waren Dr. Schneider und Raimond Scheurer von Oettinger, die Davidoff lange Jahre persönlich kannten und darüber bereitwillig Auskunft gaben, ganz im Gegensatz zu Davidoffs Tochter, die Frey zwar Einblick in die gesammelten Dokumente ihres Vaters gewährte, sich über persönliches aber komplett ausschwieg. Soweit es also unter den gegebenen Umständen möglich war, hat Frey eine recht umfangreiche Darstellung von Zino Davidoff, seinem Leben und seinem Unternehmen erstellt, die dem interessierten Leser durchaus zu empfehlen ist.

Leider lassen sich auch einige kritische Anmerkungen zu dem Buch nicht vermeiden. Der Satz ist dilettantisch ausgeführt, sämtliche typografischen Regeln scheinen außer Kraft gesetzt. Die Interviews sind besonders schwierig zu lesen, da sie über Seiten hinweg ohne jeden Absatz auskommen müssen, zudem ist jedes Räuspern und Verbessern während des Erzählens transkribiert worden, was vielleicht wissenschaftlichen Kriterien genügt, für einen nichtwissenschaftlichen Leser aber überaus mühsam zu bewältigen ist. Manche Fakten und Schreibweisen sind falsch, so wird der weltberühmte Sauterneswein Château d’Yquem immer wieder “Ikem” geschrieben und in eine Cigarre kommt als Teil der Einlage nicht der Rolado, sondern der Volado, dies allerdings ein Fehler, der verzeihlich ist, hier kann es sich schlicht um einen Druckfehler oder um einen akustischen Übertragungsfehler handeln, schließlich ist der Autor Historiker und kein passionierter Cigarrenliebhaber.

Fazit: Sieht man einmal davon ab, dass das Buch nicht gerade eine Augenfreude darstellt, ist es eine qualifiziert und fundiert geschriebene Biografie, in der ganz offensichtlich viel Engagement und sehr viel Recherchearbeit steckt. Wer sich für das Leben und Wirken Zino Davidoffs interessiert ist mit Eine Zigarre muss man wie eine schöne Frau behandeln… gut bedient, unterhalten und informiert.

awb

David Frey
Eine Zigarre muss man wie eine schöne Frau behandeln …
Zino Davidoff – vom Flüchtlingskind zum König der Havanna
Biographische Skizzen
Informationslücke-Verlag, September 2008
Paperback, 180 S.
ISBN: 978-3-9523461-0-5
Preis: EUR 18.90/CHF 23,90

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