Auszüge aus einem Interview mit Prof. Michael Siegel, M.D., M.P.H.

Prof. Siegel betreibt seit Jahren einen Blog, in dem er Lügen und Manipulationen der Tabakkontrolle, der er sich selbst zugehörig fühlt(e), entlarvt. Außerdem hat er das „Center of Public Accountability in Tobacco Control“ gegründet.

Prof. Siegel sieht sich in einer Mittelposition: Er unterstützt zwar die grundsätzlichen Ziele der Tabakkontrolle, findet aber, dass diese mittlerweile zu weit geht. Er fühlt sich wie bei einem Marathon: Er hört nach der Ziellinie auf zu laufen, weil er das Ziel erreicht sieht, alle seine Kollegen rennen weiter. (Im dazugehörigen Beitrag in seinem Blog rückt er die Tabakkontrolle in die Nähe der McCarthy-Verfolgungen.)

FORCES: „Kann es sein, dass Sie von Anfang an die Ziele der Tabakkontrolle missverstanden haben? War das Ziel der Tabakkontrolle, Rauchen auf eine „vernünftige“ und nicht näher definierte Rate zu verringern oder war das Ziel, das Rauchen vollständig zu eliminieren, mit allen erforderlichen Mitteln? Wenn man Papiere, vor allem aus der Vergangenheit, liest, ist die Rede von einem ‚totalen Krieg‘ gegen das Rauchen. In einem ‚totalen Krieg‘ bringt man einander um, um den Krieg zu gewinnen. War das Ziel der Tabakkontrolle, Rauchen zu eliminieren oder es nur zu kontrollieren?“

Siegel: „Diese Frage ist eine sehr kluge und wichtige. Und ich weiß nicht, wie ich sie beantworten kann. Mir ist unklar, ob das schon immer das Ziel war und ich nur nicht gesehen habe, dass das Ziel war oder ob es der Fall ist, dass sich die Dinge verändert haben und im Laufe der Zeit die Bewegung ihre Ziele verändert hat. […]

Das Problem ist, dass die Bewegung sich an einem gewissen Punkt von einer Public-Health-Perspektive hin zu einem Kreuzzug bewegt hat. […] Wir haben nicht mehr versucht, den Rauch loszuwerden, sondern den Raucher loszuwerden. […] Wenn eine herausragende Position in einer Bewegung hat, wenn man sich als Teil einer Bewegung versteht, wenn man Dinge mit Leidenschaft tut, neigt man irgendwann dazu, Scheuklappen zu tragen. […] Keine Frage, dass meine klaren Aussagen hierzu einen Tribut verlangen, sowohl einen beruflichen wie einen persönlichen. Der berufliche: Ich wurde aus der Anti-Rauch-Bewegung vertrieben. Ich würde sagen: exkommuniziert. Ich merke, das ist eine religiöse Bewegung. Wenn man nicht alles glaubt, wenn man nicht 100 Prozent des etablierten Dogmas der religiösen Bewegung glaubt, wird man nicht als Teil dieser Bewegung betrachtet.[…] Man hat mich aus Verteilern herausgeschmissen, so dass ich nicht mehr mit Kollegen kommunizieren kann. Es ist schwierig für mich, auf Konferenzen meinen Standpunkt zu präsentieren, weil man ihn nicht hören will. Viele Vertreter haben sehr diffamierende Dinge über mich gesagt, z.B. dass ich Geld von der Tabakindustrie genommen hätte. […] Das zerstört auch meine Karriere, z.B. jede Hoffnung, eine Führungsfigur der Tabakkontrollbewegung zu sein. Es hat sogar einen finanziellen Aspekt: Jede Hoffnung, weiterhin Forschungsgelder von Tabakkontroll-Organisationen zu erhalten, ist davon stark betroffen.“

FORCES: „[…] Sie erhalten kein Geld mehr, weil Sie dem Credo nicht folgen.“

Siegel: „Keine Frage. Absolut keine Frage. Ich habe einen gewissen Pool an Forschungsgeldern geopfert.[…]“

Darauf angesprochen, geht er auch die Pharma-Finanzierung der Tabakkontrolle ein: „Die Weltkonferenz Tabak oder Gesundheit wird gesponsert von niemandem anders als zwei führenden Pharmaunternehmen: GlaxoSmithKline und Pfizer. Wie kann dann eine objektive wissenschaftliche Diskussion über Rauchentwöhnung und die Rolle, die Medikamente dabei spielen können, erwarten, wenn die Sponsoren der Konferenz nicht einfach nur zwei Pharmaunternehmen sind, sondern genau jene, die diese Medikamente produzieren. […] Eines der Dinge, die mich am meisten stören, ist die Heuchelei innerhalb der Tabakkontroll-Bewegung. […]“

Zu den Vorwürfen gegenüber der Tabakindustrie:

„Ich war nie der Meinung, dass die Tabakindustrie eine Public-Health-Verantwortung hat, was mich von vielen bei der Tabakkontrolle unterscheidet. […] Deren Verpflichtung ist, Geld zu machen. […] Was die Herstellung des Produktes angeht: Die Gesellschaft hat ihnen grünes Licht gegeben, das weiter zu tun. […] Jetzt sind es die Anti-Rauch-Gruppen, die öffentlich irreführende Statements von sich geben. Die Anti-Rauch-Gruppen scheinen damit auch kein Problem zu haben. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen: Wenn die Tabakunternehmen etwas Irreführendes sagen, ist das schlimm. Es wird Klage eingereicht, man bringt sie vor Gericht und will sie bestrafen. Aber wenn eine Anti-Rauch-Gruppe etwas Unkorrektes sagt, heißt es einfach: Die tun das für einen guten Zweck, also sei es entschuldbar.“

FORCES: „Das Ziel rechtfertigt also die Mittel.“

Siegel: „Genauso ist es. […] Ich stimme zu, dass das Ziel sehr wichtig ist. Aber der Unterschied ist: In der Bewegung gibt es das Haltung, dass das Ziel die Mittel rechtfertigt. Und ich glaube nicht, dass das wahr ist. […] Wenn ich die Macht hätte, würde ich gerne eine Tabakkontrollbewegung sehen, die zu den Wurzeln von Public Health zurückkehrt. Es wäre Bewegung, die erstens sehr hohe ethische Standards hat, die zweitens ehrlich ist und die Wahrheit über Wissenschaft erzählt und das korrekt der Öffentlichkeit kommuziert, drittens die Rechte der Menschen bejaht, insbesondere das Recht auf Beschäftigung, und nicht Diskriminierung gegen irgendwelche Gruppen unterstützt, viertens alle Menschen respektiert und Raucher nicht als Feinde sieht, sondern als Teile der Bevölkerung und der Öffentlichkeit. Ich betone: Das ist Public Health. Wir dienen dem Volk. Solange Raucher zum Volk gehören, sind sie Teil des Publikums. Wir sind letztlich öffentlich Bedienstete, also dienen wir auch den Rauchern und nicht nur den Nichtrauchern. Ich hätte gerne eine Bewegung, die Ethik, Ehrlichkeit, wissenschaftliche Integrität, und Toleranz gegenüber allen Menschen respektiert. […]“

Anschließend äußert Siegel interessante Kritik an der FDA-Regulierung in den USA, ganz sicher ein Thema für sich. Siegel vertritt die Auffassung, dass diese staatliche Regulierung genau der falsche Weg ist, um z.B. sicherere Tabakwaren zu produzieren. Es müsste Marktanreize geben. Das Interview endet mit Ausführungen, die zeigen, dass er einer der ganz wenigen „Realos“ unter den zahlreichen „Fundis“ der Tabakkontrolle ist (was auch immer man über seine extrem vereinfachte Sicht von Lungenkrebs und Kausalitäten denken mag):„Die Ideologie der Tabakkontrolle ist zum Hindernis auf dem Weg zu ihrem Ziel geworden. Wir haben das Ziel aus den Augen verloren, oder haben verschiedene Ziele. Mein Ziel ist, die Todes- und Krankheitsfälle vom Rauchen zu reduzieren. Für einige andere ist das aber mehr zur Ideologie geworden. Es geht nicht mehr darum, dass Menschen sterben, sondern dass Menschen rauchen, dass jemand auch nur daran denkt, das weiße Stäbchen zu ergreifen und den Rauch zu inhalieren. […] Es gibt einen Alles-oder-Nichts-Ansatz in der Tabakkontrolle. […] Wenn man jeden Raucher dazu bekäme, die Menge, die er raucht zu halbieren, würden sich auch die Lungenkrebsraten halbieren, das würde Millionen Leben retten. Diese Vorstellung aber ist für viele Anti-Rauch-Gruppen geschmacklos, denn sie wollen ja nicht anerkennen, dass es akzeptabel wäre, wenn jemand eineZigarette raucht.“

Quelle: FORCES International Round Table (Audiomitschnitt)
http://www.forces.org/Multimedia_Portal/index.php?selection=207, März 2008

(Exzerpt und Übersetzung: Netzwerk Rauchen http://netzwerk-rauchen.de, März 2008)

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