Rupa & The April Fishes – eXtraOrdinary rendition

“Wenn Rupa ein Film wäre, dann wäre sie eine Mischung aus Die wunderbare Welt der Amélie, Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Latcho Drom und Do The Right Thing. Sie wäre – und tatsächlich ist sie es – ein augenblicklicher Kultklassiker…“ (SF Weekly)

Auf der Suche nach mediterranem Sonnenklangbad? Nach balkanischem Feuer und Gypsy Swing? Oder lieber nonchalanter Chanson und melancholischer Valse Musette? Hindi-Lyrics, Latin-Moods und Weird Folk? Das Flair des kleinen Zirkus, des Moulin Rouge und der großen weiten Welt? Oder am besten alles gleichzeitig? Dann gibt es nur einen Platz auf der Welt und der heißt: San Franciscos Bay Area. Dort hat eine Combo um eine betörende, polyglotte US-Inderin, die über Erfahrungen im französischen savoir vivre genauso wie als praktizierende Ärztin verfügt, mit all diesen Qualitäten das Publikum im Sturm erobert. Klingt verrückt genug? Meet RUPA & THE APRIL FISHES!

Ihre Vita ist ein Abenteuerroman. RUPA MARYA führt ihre Wurzeln in den Punjab zurück, geboren wurde sie jedoch in der Bay Area, wohin ihre Eltern in den 1970ern gezogen waren. Sie verbrachte nur ihre ersten vier Jahre in Kalifornien, dann ging es retour nach Nordindien zu Oma und Opa, wo sie ihre ersten Schuljahre absolvierte. Mittlerweile hatten die Eltern ihre Liebe zu Südfrankreich entdeckt. Rupa trat erneut die Reise um die Erde an und traf mit zehn Jahren in Aix-en-Provence ein. War sie in Indien für eine Amerikanerin gehalten worden, so stufte man sie dort als Araberin oder Roma-Mädchen ein. Und so hatte sie schon als Kind eine ordentliche Dosis Identitätsfindung zu leisten.

Ein Hin- und Herpendeln gab’s auch bei der Berufswahl. Während sich Rupa schon mit acht der Musik zugeneigt zeigte, war sie genauso Feuer und Flamme für die Wissenschaften. „Chirurgin und Ballerina“, war denn auch die Antwort die sie auf die Frage nach ihrem Berufswunsch gab. Nun, die Medizin gewann erst mal die Oberhand: Rupa schrieb sich an der University of California in San Francisco ein, tingelte mit ihren Freunden aber gleichzeitig durch die Clubs und Cafés der Stadt. Die zwei Stränge sind seitdem immer parallel gelaufen: In ihrer Praxis fühlt sie sich genauso wohl wie auf der Bühne. Und dort bezieht sie Anregungen sogar von ihrem Klientel: „Eine Menge meiner Musik leitet sich aus den verletzlichen Begegnungen mit Leuten ab. Sich um Patienten zu kümmern ist die Quelle der Inspiration für so viele Dinge, speziell für Musik.“

Und die hat sie im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert: Anfangs schien es, als würde Rupa Marya auf die Schiene der Singer-Songwriter in englischer Zunge einschwenken. Doch um ihrem multikulturellen Curriculum gerecht zu werden, ent- wickelte sie einen Stil, den sie selbst als „mosaikhaft“ bezeichnet. Die französische Sprachmelodie war es vor allem, die es ihr erlaubte, freiere, metaphernreiche Assoziationen für ihre Lyrics zu finden, Worte wie Pinselstriche einzusetzen. „Dadurch habe ich eine viel direkte Verbindung zur emotionalen Intensität gefunden“, so ihre Bilanz. „So konnte ich meine Erfahrungen umsetzen, zeigen, was es hieß, von meiner Familie quer über den Planeten gezogen zu werden und an all diesen verschiedenen Orten so unglaubliche Geschichten zu erleben! Ich gebe so den wundervollen Facetten meines Erbes eine Stimme.“

Zunächst spielte Rupa Solo-Shows, doch dann traf sie eines Tages den Cellisten ED BASKERVILLE. Als Zweier zogen sie übers Straßenpflaster und durch Galerien, um die Wirkung der Songs vor Publikum zu erschnuppern. Das Duo wuchs alsbald zu einer richtigen Combo – und die nannte sich nach der französischen Sitte, sich am 1. April gegenseitig Fische auf den Rücken zu kleben – das launige gallische Pendant zu unseren Aprilscherzen. Diese Fische führen sich vermutlich auf eine kuriose Tatsache zurück: Als der französische König Charles IX. 1564 beschloss, vom heidnischen auf den römischen Kalender zu wechseln, hielten einige Leute noch an der alten Rechnung fest, die zum Beginn des April Neujahr feierte. Symbol dieses neuen Jahres war eben der Fisch. „Wir fühlten uns wie diese Fische“, erläutert Rupa, „wir wollen uns nicht einer Realität anpassen, die von oben aufoktroyiert wird!“

Schauen wir uns den kleinen Schwarm mal näher an: Der Violoncello-Virtuose ED BASKERVILLE kommt von der klassischen Kammermusik her. Beethoven, Brahms, Schubert und Schostakowitsch hießen seine frühen Leidenschaften und er besitzt einen Abschluss im Cello-Fach. Als Produzent von Nu Jazz und TripHop hat sich MARCUS COHEN einen Namen gemacht, sein wahres Herzblut ist jedoch seine Trompete. Technisch hat er dem Jazz viel zu verdanken. Cohen stammt aus Illinois und wuchs u.a. in Philadelphia auf, wo er an der Musik-schule sein Instrument entdeckte. Als zweite Fische-Frau agiert ISABEL DOUGLAS: Die Akkordeonistin kann ein stilistisch breites Spektrum aus ihren Tasten zaubern, von Tango und Musette über Balkanisches und Klezmer bis hin zum frühen Jazz. Drummer AARON KIERBEL geht mit einer blühenden Fantasie an sein Schlagwerk: Er hat schon alte Schreibmaschinen und Eierlöffel in sein Drum-Set integriert. Kierbel gilt als der kreative Nerd innerhalb des Bandgefüges. Als Fundamentgeber hat SAFA SHOKRAI berühmte Lehrer aufzuweisen: Niemand geringerer als Ray Brown und Marcu Shelby vermittelten ihm, wie er den Bass zu spielen habe. Shokrai hat seine eigenen Bandprojekte, agiert aber auch immer wieder in Show-Projekten und als Filmmusiker.

Der Ruf Rupas und ihrer unbeugsamen Wassergeschöpfe zog rasch weite Kreise. Aus der Straßenszenerie ging es in die großen Konzertsäle, ausverkauft waren San Franciscos populärste Venues im Nu. Kein Wunder: Eine Show der April Fishes umfasst zusätzlich zu der verrückten Musik auch Stelzenläufer, Aktionsmalerei und Performance-Künstler, die einen glauben lassen, man sei in einer Art modernem Moulin Rouge. Doch im Zentrum steht natürlich Rupas musikalische Vision: Die von einer barrierelosen Klangwelt ohne willkürliche Grenzziehungen zwischen Völkern und Stilen.

In ihrem Musiktheater greift Rupa die erotische Rhythmik der Milonga auf, lässt mexikanische Trompeten schweifen, ein außer Rand und Band geratenes Akkordeon zwischen Musette und Ostflair flirren und flitzen. Das Schlagzeug changiert und jongliert zwischen peitschendem Hi-Hat und fein gekitzeltem Fell, das Cello bockt störrisch auf und ergeht sich dann wieder in leidenschaftlichem Schmelz. Rupa tanzt den langsamen Walzer mit Bandoneón, erzählt von einer Straßencafé-Szene in Paris, vom schmerzhaften Prozess des Songschreibens, wie Liebe seekrank machen kann und idiotische Regierungen ihrer Bevölkerung Angst einjagen. Sie erzählt von den Leiden des Billigflug-Reisens, vom Verlust eines Malers, den sie liebte und – ergreifend zu Tabla-Begleitung und auf Hindi – vom Tod ihres Vaters. Und zum Finale stimmt sie gar eine Art Shanty an, der aus dem Stand zum Kanon des American Folk gehören sollte.

Vergleiche von Pink Martini über Keren Ann bis Lhasa stehen im Raum, doch letztendlich entzieht sich Rupa Marya ihnen allen. Selten hat jemand so treffend die Freuden und Leiden des Vagabundentum im 21. Jahrhundert in Töne gekleidet.

Anspieltipps:

- „Poder“ (3): Das von Texmex-Atmosphäre geschwängerte Stück mit lockerem Schlagzeugbesen und Trompete ist inspiriert von einer Fotografie: Lars Howlett lichtete eine Möwe ab, die über die Barrieren in der See an der US-mexikanischen Grenze hinwegfliegt, die aufgestellt wurden, um Querungen zu verhindern. „Poder“ spricht über unnatürliche Grenzpfosten zwischen den Menschen.

- „C’est Pas D’L’Amour“ (4): Eine Liebesgeschichte, die daneben ging, erzählt mit stolperndem Akkordeon, beschwipster Trompete, larmoyanter Hauchstimme und kräftiger Unterstützung durch die männlichen Aprilfisch-Stimmen.

- „Une Americaine À Paris (5): Oberflächlich gehört könnte das ein unbeschwerter, beschwingter Chanson sein. Doch Rupa erzählt hier, wie sich politische Paranoia in einem Pariser Café manifestiert und sie diese versucht der Lächerlichkeit preiszugeben. Von ihrem algerischen Sitznachbarn wird sie gefragt, ob sie als Amerikanerin nicht Angst habe, in einer Stadt mit so vielen Arabern zu leben. Ihre Antwort: „Ich bin nicht Amerikanerin, du nicht Araber, wir sind nicht in Paris, sondern im Leben!“

- „La Pêcheuse“(6): Ein kleines feines Dramolett, das mit Surfgitarre, Cello-Staccato und Sirenenstimme ein moderner Hemingway sein könnte: Die Songwriterin spürt etwas an der Angel rucken und muss den Mut fassen, nach der neuen Inspiration zu greifen. Doch die entfleucht letztendlich wieder, wie der fette Fisch – „die junge Frau und das Meer…“

Rupa & The April Fishes
eXtraOrdinary rendition

EXIL 91233-2 / LC 08972/
DISTRIBUTION: INDIGO

1. San Francisco ( ) 0’52”
2. Maintenant ( ) 4’07”
3. Poder ( ) 3’38”
4. C’est Pas D’L’Amour ( ) 4’50”
5. Une Americaine Á Paris ( ) 4’08”
6. La Pêcheuse ( ) 5’36”
7. Mal De Mer ( ) 4’39”
8. “Les Abeilles ( ) 5’30”
9. Plus Que Moi ( ) 3’57”
10. Not So Easy ( ) 1’47”
11. La Peinture ( ) 4’36”
12. Yaad ( ) 4’54”
13. Wishful Thinking 3’53”

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