Die Idee ist wahrlich brilliant: warum nicht einmal Philosophen und ihr Weltbild auf einem ganz unausgetretenen Weg nahe bringen? Das scheinen sich die Autoren Klaus Ebenhöh und Wolfgang Popp gedacht zu haben, und herausgekommen ist dabei ein höchst unterhaltsames und zudem lehrreiches Buch: Der Philosoph im Topf.
Was mag Pythagoras gespeist haben? Der war nicht nur ein großer Mathematiker, dessen Lehrsatz a2 + b2 = c2 jedem geläufig sein dürfte, er war zugleich der Führer der nach ihm benannten Pythagoreer, die wie in einer Kommune zusammen lebten, alles teilten und sich vegetarisch ernährten. So kommt es, dass bis ins 19. Jahrhundert die rein pflanzliche Ernährung, die uns heute als “vegetarisch” bekannt ist, “pythagoräische Diät” genannt wurde. Die Ernährung spielte im Weltbild des Pythagoras eine wichtige Rolle, so postulierte er, dass eine leichte Kost die spirituelle Wahrnehmung schärfe, während Fleischgenuss die Seele schwer mache. Auch verwarf er alle Speisen, die Gase entwickeln und Unruhe im Leib stiften, so zum Beispiel Bohnen, die für ihn und seine Anhänger eine Verbindung zur Unterwelt darstellten.
Schon am Beispiel des Pythagoras, mit dem das Buch beginnt, erkennt man beim Lesen, dass der gedankliche Ansatz, eine Verbindung zwischen Philosophen, ihren Gedanken und ihrer Ernährung aufzuzeigen, keineswegs an den Haaren herbei gezogen ist. Und so liest man zunehmend fasziniert, informiert und oft amüsiert, was die beiden Autoren über weitere Geistesgrößen wie Diogenes, Michel Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Georg Christoph Lichtenberg, Jean Anthèlme Brillat-Savarin, Carl Friedrich von Rumohr, Arthur Schopenhauer, Ludwig Feuerbach, Sören Kierkegaard, Friedrich Nietzsche, Filippo Tommaso Marinetti, Ludwig Wittgenstein und Jean Paul Sartre zusammengetragen haben.
Einen besonderen Gag haben Ebenhöh und Popp damit geliefert, dass sie zu jedem Philosophen eine Menübeschreibung samt der zugehörenden Rezepte zusammen stellen – das liest sich bei Kant zum Beispiel so:
“Eine Mahlzeit im Zeichen Kants sollte zu Mittag stattfinden. Im Hintergrund spielt keine Musik, denn alle Aufmerksamkeit gehört dem Tischgespräch, das von einer sehr illustren und humorvollen Tischrunde bestritten wird. Den Nachmittag soll man sich freihalten, denn vor drei Stunden sollte sich keiner vom Tisch erheben. Potentielle Gäste sind Weitgereiste, Geisterseher und Privatgelehrte ohne wissenschaftliche Titel. Getrunken wird Wasser oder ein leichter Rotwein, meist ein Medoc.” Es folgen Rezepte für Kalbssuppe, Gebratenen Kabeljau und Vanillepudding.
Selten hat der Rezensent ein derart amüsantes Buch gelesen, bei dessen Lektüre er zugleich noch eine Menge lernen und erfahren konnte. Sartres Ernährung? Unmengen Kaffee, dazu zum Wachwerden ein, zwei, drei Amphetamintabletten, denen über den Tag bis zu drei Röhrchen folgten, und natürlich zwei Päckchen schwarze Zigaretten plus zahlreiche Pfeifen, ein Liter Alkohol, 15 Gramm Aspirin und mehrere Gramm Barbiturate. Was daraus folgte? “Die völlige Aufgabe meines Körpers. Ich verfasste mich über die Bewegung meiner Feder, über meine Imagination und meine Ideen, die sich entwickelten.” Der Mann wurde immerhin 75 Jahre alt und hinterließ ein kaum zu überblickendes und bis heute gültiges Werk. Natürlich aß er auch, er verabscheute alles Rohe und Ungekochte, liebte hingegen fette Würste, Sauerkraut, Cassoulet, Schweinebraten sowie Kuchen und Münsterkäse. Einen größeren Gegensatz zu Pythagoras kann man sich nicht vorstellen. Mit einem Cassouletrezept schließt das Buch.
Wer für geistigen Genuss ebenso etwas übrig hat wie für leiblichen und sich zudem von einem Buch aufs Köstlichste unterhalten lassen möchte, der greife zu Der Philosph im Topf. Ein wunderbares Buch, das man gerne mehr als nur einmal zur Hand nimmt (nicht nur wegen der Rezepte). Und das vielleicht sogar manche Anregung zu einem geist- und genussvollen Abend liefert, den man für sich und Freunde ausrichtet. Vielleicht einmal im Sinne von Nietzsche oder Schopenhauer…
awb
Klaus Ebenhöh
Wolfgang Popp
Der Philosoph im Topf
Denkende Esser – Essende Denker
256 Seiten
Format 125×205 Hardcover
EUR 19,90 / sFr 35,90
ISBN: 9783701730995
Residenz Verlag


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