Amsterdam entdecken

Neue Entdeckungstouren im Herzen der Stadt

Sehenswürdigkeiten auf Schritt und Tritt: Amsterdam hat viel zu bieten. Für Unternehmungslustige hat das Amsterdamer Tourismusbüro (ATCB) drei neue Entdeckungstouren zusammengestellt. Diese präsentieren den Besuchern das Zentrum, das Jordaan-Viertel und das jüdische Amsterdam. Sie sind zwischen zwei und dreieinhalb Stunden unterwegs und lernen die Stadt von ganz unterschiedlichen Seiten kennen.

Im Zentrum führt der Weg über berühmte Plätze, vorbei an der Nieuwe Kerk (Neue Kirche), in der Kronprinz Willem Alexander und Maxima getraut wurden, zum Königlichen Palais und zu den vielen Theatern rund um den Leidseplein. Das Reichsmuseum, die Magere Brug und das schöne Tuschinski Theater dürfen bei dieser Tour natürlich nicht fehlen. In kurzer Zeit erhält man so ein schönes Bild vom Herzen der Stadt.

Kleine Gassen, Restaurants, süße Lädchen und Cafés – im Jordaan lässt es sich leben. Schnell mischt man sich unter die Studenten und Künstler und genießt den Tag in diesem lebendigen Viertel. Die Entdeckungstour stellt unter anderem das Anne-Frank-Haus, samstags den gut besuchten Bauernmarkt und die Westerkerk vor. Ihre frisch restaurierten Türme sind ein Symbol des Stadtteils, auch wenn sie selbst nicht direkt im Jordaan stehen.

Die dritte Route präsentiert die Geschichte des jüdischen Viertels. Vom 17 Jahrhundert bis 1940 war es das wichtigste jüdische Zentrum in Europa. Der Rundgang startet und endet am Jüdischen Museum, eines der schönsten Museen auf diesem Gebiet. Unterwegs sehen die Gäste u.a. eine Diamantenschleiferei, das Rembrandthaus, den Waterloopleinmarkt und die portugiesische Synagoge, derzeit die größte Synagoge der Welt.
Weitere Informationen: www.amsterdamtourist.nl

‚Braune’ Kneipen in Amsterdam

Was muss auf dem Programm stehen, wenn man eine Stadt kennen lernen möchte? Natürlich historische Gebäude, Kunstschätze in den Museen, durch die Einkaufsstraßen spazieren und eine Theatervorstellung besuchen. Wer Amsterdam entdecken möchte, muss auch noch ein paar ‘braune’ Kneipen (Bruine Café’s) besuchen, denn in diesen Kneipen, mit ihrer charakteristischen dunklen Einrichtung, findet man die typische Amsterdamer “Gezelligheid”. Hier trinken die Amsterdamer am Feierabend ihr Bier. Sie spielen mit Freunden Karten und geben, zusammen mit starken Geschichten, Lebensweisheiten von sich. (Eine Randbemerkung: diese “Gezelligheid” ist so typisch für die Niederlande und Amsterdam, dass man das Wort kaum übersetzen kann. Im Deutschen ähnelt ihm “Gemütlichkeit” oder “Geselligkeit” noch am meisten.) Wenn Amsterdamer in ihrer Stammkneipe sind, haben sie meistens Lust zu plaudern, und in einer ‘braunen’ Kneipe kommt man denn auch einfach mit Ihnen ins Gespräch. Sogar wenn man kein Wort Niederländisch versteht, denn Amsterdamer sprechen gerne in Ihrer Sprache mit Ihnen (und meistens können sie es ganz gut…).

Über die Stadt verteilt findet man ‘braune’ Kneipen in allen Sorten und Größen. Von Trinkhallen, in denen jährlich über eine Million Gläser Bier an durstige Kunden verkauft werden, bis zu kleinen Kneipen, die nur aufgrund einer Hand voll Nachbarn bestehen, die dort ‘Klaverjassen’ spielen (die niederländische Variante von Skat). Die ‘braunen’ Kneipen haben jedoch eine Reihe von gemeinschaftlichen Kennzeichen: Wände und Decken sind vom Alter und Tabakrauch verfärbt, ein paar historische Prunkstücke werden gehegt und es gibt keine Musik. Die einzigen Geräusche, die man hier hört, sind das Gemurmel der Kunden und das Klirren der Gläser beim Abwasch.

Alt, älter, am ältesten…
Amsterdam hat auf dem Gebiet der Kneipen eine lange und reiche Tradition. Witzemacher sagen, dass die erste Kneipe schon im 13. Jahrhundert von zwei Männern eröffnet wurde, die laut der Legende um 1200 herum in einem kleinen Boot am sumpfigen IJ-Ufer angespült wurden. Auf jeden Fall steht fest, dass es schon im 17. Jahrhundert in Amsterdam zahllose Trinkhallen gab, die jedoch den Kneipen, wie wir sie heute kennen, nicht sehr ähnlich waren. Für ein Gläschen ging man damals in die Schankstuben annex Probierstuben, wo man umsonst die diversen alkoholischen Getränke probieren durfte, bevor man eine oder mehrere Flaschen kaufte. Zweifellos musste der Wirt regelmäßig das Glas seiner Kunden nachfüllen, bevor sie sich zwischen den zahllosen Sorten geistreicher Flüssigkeiten entscheiden konnten…

In Amsterdam gibt es noch immer Probierstuben, der Eigentümer verlangt jetzt jedoch eine Vergütung für das ‘Testen’ seiner Spezialitäten aus dem Fass. Welche ‘braune’ Kneipe die älteste von Amsterdam ist, lässt sich nur schwer sagen. Mindestens vier Kneipen behaupten diesen Ehrentitel tragen zu dürfen, aber eindeutige historische Beweise, um ihre Behauptung zu erhärten, wurden nie gefunden. Gründungsdaten müssen denn auch mit sehr viel Vorsicht behandelt werden.

Die Hitliste der alten Kneipen in Amsterdam

1) Café Chris, Bloemstraat 42
Seit 1624 eine Schankstube, in der laut Überlieferung die Bauarbeiter des in der Nähe gelegenen Westerturms ihren Lohn ausgezahlt bekamen. Die Westerkirche wurde zwischen 1620 und 1631 gebaut, der 85 Meter hohe Turm wurde jedoch erst 1638 fertig gestellt. Eine der Kuriositäten der Einrichtung: die Zugkette vom WC befindet sich außerhalb der Toilette.

2) Café Karpershoek, Martelaarsgracht 2
Eine Kneipe anno 1629. Wurde früher von Seeleuten besucht, die im Hafen anlegten. Noch immer liegt in dieser Kneipe Sand auf dem Fußboden, so wie dies im 17. Jahrhundert üblich war.

3) Café De Druif, Rapenburg 83
Das Café De Druif (“die Traube”) soll schon 1631 seine Türen geöffnet haben. Nicht weit entfernt wohnte der berühmte Seeheld Piet Hein. Laut Überlieferung trank er hier regelmäßig ein Gläschen. Dies tat er dann aber als Geist, denn Piet Hein starb 1629.

4) Café Papeneiland, Prinsengracht 2
Dieses Haus mit den zwei herrlichen Treppengiebeln, auf der Ecke Brouwersgracht, am Rande des Jordaan, stammt aus dem Jahre 1642. Es wird behauptet, dass ein Sargmacher annex Begräbnisunternehmer hier schon um 1600 als Nebenverdienst Alkohol verkaufte. Das muss dann in einem Vorläufer dieses Gebäudes dem Café Papeneiland (“PapstInsel”) gewesen sein, denn mit dem Bau des Jordaan wurde erst 1612 begonnen.

5) De Drie Fleschjes, Gravenstraat 18
Anno 1650. Seit 1816 ist das Lokal De Drie Fleschjes (“die Drei Flaschen”) die Probierstube von Hendrik Bootz. Die Gravenstraat wurde nach den Grafen von Henegouwen benannt, die hier im 14. Jahrhundert regelmäßig in einer Herberge übernachteten.

6) Café Hoppe, Spui 18-20
Anno 1670. Berühmt für die “stehenden Empfänge”, die hier bei gutem Wetter auf dem Bürgersteig stattfinden. Touristen, die nicht wissen was los ist, denken oft, dass es ein Menschenauflauf ist oder dass die Menge hier wegen eines Unfalls stehen bleibt.

7) Café Kalkhoven, Prinsengracht 283
Diese Kneipe, direkt gegenüber vom Westerturm, datiert aus dem Jahre 1670. Es gibt jedoch ein Gerücht, dass die Kneipe sogar schon um 1630 bestand. In diesem Fall stände Kalkhoven der vierte Platz auf dieser Liste historischer Kneipen zu.

8) Café In de Wildeman, Nieuwezijds Kolk 5
Diese Likörbrennerei von Levert & Co. wurde hier 1690 gegründet. Seit einiger Zeit ist es eine gemütliche Kneipe und Probierstube, in der man aus ungefähr 150 Sorten Bier wählen kann.

9) Café ‘t Smalle, Egelantiersgracht 12
1786 eröffnete der berühmte Pieter Hoppe an dieser Stelle seine Likörbrennerei und Probierstube. Das Gebäude wurde in den 70er-Jahren dieses Jahrhunderts innen und außen in alter Pracht renoviert und somit erhielt der Jordaan (und Amsterdam) eine weitere herrliche Kneipe.

10) ‘t Doktertje, Rozenboomsteeg 4
Der Name des Lokals ‘t Doktertje (“der kleine Arzt”) aus dem Jahre 1798 bezieht sich auf eine Zeit, in der alkoholische Getränke noch einen medizinischen Nimbus hatten. Eine gute Entschuldigung, um das Glas noch einmal füllen zu lassen. Café ‘t Doktertje ist mit einer Fläche von kaum 18 Quadratmetern vielleicht das kleinste Café von Amsterdam; die Einrichtung wurde im Laufe der Zeit mit einer Sammlung von Gegenständen verziert, an der man sich so schnell nicht satt sehen kann. Die Schenke liegt ganz in der Nähe des mittelalterlichen Beginenhofes (Begijnhof); die Chronisten erzählen nicht, ob früher die frommen Beginen auch zu den festen Kunden gehörten.

Trinkerjargon
Kneipentouren kennen in Amsterdam eine Jahrhunderte alte Tradition und es ist denn auch nicht verwunderlich, dass man davon im Sprachgebrauch der Amsterdamer heute noch immer etwas wieder finden kann. Genauso wie die Sprache der Eskimos etwa zehn unterschiedliche Wörter für Schnee kennt, verfügen die Amsterdamer über ein großes Vokabular, um ein Glas Jenever oder ein Bier zu bestellen. Am häufigsten wird der Ausdruck ‘Borrel’ für Jenever benutzt, aber daneben gibt es auch Bezeichnungen wie ‘Hassebassie’, ‘Keiltje’, ‘Neutje’, ‘Pikketanussie’, ‘Recht op en neer’ und ‘Slokkie’. Der etwas internationaler orientierte Amsterdamer spricht in diesem Zusammenhang auch schon mal von einem ‘Uppercut’. Ausdrücke wie ‘Kamelenrug’ und ‘Over ‘t IJ-kijkertje’ bezeichnen ein Glas Jenever, das so voll ist, dass man erst vorsichtig abtrinken muss. Amsterdamer bestellen ihren Jenever oft zusammen mit einem Glas Bier. Der Wirt stellt in diesem Fall einen ‘Kopstoot’ oder ein ‘Stelletje’ auf die Theke. Für Bier in einem kleinen Glas sind Wörter wie ‘Colaatje Pils’, ‘Kabouterpils’ und ‘Lampie Licht’ im Umlauf, während Gerstenbier im großen Format ein ‘Bakkie’ oder eine ‘Vaas’ genannt werden. Noch eine Eigentümlichkeit der niederländischen Kneipe: Bier wird mit einer Schaumkrone gezapft, die laut der geltenden niederländischen Auffassungen ungefähr zwei Finger hoch sein muss. Es wird dabei laut Kennern versucht, dass der Schaum etwas erhaben auf dem Glas steht.

Amsterdam und das Wasser

Amsterdam und Wasser, zwei Begriffe die untrennbar miteinander verbunden sind, und dies seit Jahrhunderten. Dem Wasser verdankt Amsterdam auch seine große Blüte im 17. Jahrhundert, als Amsterdam durch den Handel über den Seeweg die wohlhabendste Stadt Europas wurde. Die Grachten aus diesem Goldenen Jahrhundert machten Amsterdam erst richtig berühmt. Als Zeugnis sind hier noch immer die reich verzierten Kaufmannshäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu sehen. Die schönsten Fassaden und alle Brücken sind abends beleuchtet. Das ganze Jahr über bieten die Grachten einen lebendigen Anblick, dank der zahllosen Boote, die den ganzen Tag über und bis in die späten Nachtstunden hinein an- und ablegen. Einen besonderen Platz auf dem Amsterdamer Programm nehmen die Veranstaltungen ein, die in und auf dem Wasser stattfinden. So leben die Amsterdamer das ganze Jahr mit ihren bevorzugten Element: dem Wasser.

Eine wasserreiche Geschichte
An der Stelle, an der der Fluss die Amstel in die ehemalige Zuiderzee (nun das “IJ”) mündet, haben sich ungefähr im Jahr 1200 die ersten Bewohner niedergelassen. Sie fanden ein fischreiches Gebiet vor und außerdem war die strategische Lage im Hinblick auf Handel und Verkehr von Vorteil. Aber das Wasser sorgte nicht nur für Wohlstand; es war andererseits auch der größte Feind der ersten Amsterdamer. Die Zuiderzee wurde bei Sturm zu einem wilden Meer und manchmal konnten die Deiche, die die Bewohner angelegt hatten, den sich aufstauenden Wassermassen nicht standhalten. Oft wurden ihre Häuser mit dem gesamten Hausrat vom Meer verschlungen.

Heute hat Amsterdam glücklicherweise nicht mehr eine so dramatische Beziehung zum Wasser. Die Amsterdamer haben mittlerweile gelernt, wie sie mit dem Wasser umgehen müssen, aber das innige Band der Stadt mit dem Wasser gibt es noch immer. Das wird jeder Besucher bald feststellen können. Bei einem Spaziergang durch die Amsterdamer Innenstadt lässt sich das Wasser auch wirklich nicht übersehen. Man braucht nur ein bisschen herumzuspazieren und ehe man es sich versieht ist man über eine der zahlreichen historischen Brücken auf die andere Seite der zahlreichen Grachten gekommen. Kein Wunder, wenn man in einer Stadt mit tausend Brücken und 160 Grachten ist. Die Amsterdamer wohnen nicht nur am, sondern auch auf dem Wasser. Hunderte, manchmal bunt bemalte Hausboote beweisen, dass hier kein einziger Quadratmeter ungenützt bleibt. Andere Beweise, welche Rolle das Wasser in Amsterdam spielt, sind beispielsweise der Blumenmarkt auf dem Singel, der vom Wasser aus geführt wird, das Nederlands Scheepvaart Museum, das ganz von Wasser umgeben ist, und die zahlreichen historischen Schiffe im nautischen Viertel. Als Besucher kann man auch Zeuge besonderer Veranstaltungen auf dem Wasser sein, angefangen von Grachtenkonzerten bis zu Drachenbootrennen und Ruderwettkämpfen. Manchmal hat man etwas weniger Glück, denn auch ein waschechter holländischer Regenguss kann das erste Wasser sein, das man in Amsterdam zu Gesicht bekommt…

Reger Verkehr auf den Amsterdamer Grachten
Amsterdam ist die wasserreichste Stadt Europas. Ein ganzes Netz von Grachten und kleinen Kanälen unterteilt die Innenstadt in ungefähr neunzig kleine Inseln, die durch charakteristische Brücken miteinander verbunden werden. Am berühmtesten ist der Grachtengürtel, in Form eines Halbmonds, der im 17. Jahrhundert rundum den mittelalterlichen Singel angelegt wurde. Amsterdam war damals die mächtigste Handelsstadt der Welt und die Grachten eigneten sich ausgezeichnet dazu, um die Handelsgüter, die hier aus aller Welt eintrafen, zu den Lagerhäusern zu transportieren. Außerdem boten sie den reichen Kaufleuten und Regenten genügend Platz, um ihren Reichtum in den schön verzierten Giebeln zum Ausdruck zu bringen. Der angesehenste Teil der Grachten wurde die “Gouden Bocht” (goldene Biegung) in der Herengracht. Die ältesten Grachten, wie der Singel und die Kloveniersburgwal, waren jedoch ursprünglich dazu bestimmt, die Stadt vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Die schnelle Zunahme der Bevölkerung sorgte dafür, dass diese Verteidigungslinie wiederholt verschoben werden musste. Die Stadtwälle verschwanden; aber die Grachten blieben, nicht nur weil sie für die Abfuhr des Wassers aus dem sumpfigen Boden dienten, sondern auch weil sie für die Schifffahrt so praktisch waren.

Obwohl die Amsterdamer Grachten ihre Funktion für den Frachttransport schon lange eingebüßt haben, werden sie noch immer intensiv befahren. Zum Beispiel von den siebzig Amsterdamer Rundfahrtbooten. Jährlich fahren sie 2,4 Millionen Fahrgäste durch die berühmten Grachten. Ein eifriger Amsterdamer hat einmal alle Grachten gezählt und kam bis auf 160. Sie haben eine Gesamtlänge von 75 Kilometern und nehmen eine Fläche von insgesamt 171 Hektar ein; zusammengenommen ist dies ein Rauminhalt von ungefähr zwei Millionen Kubikmeter Wasser.

Offene Abwasserleitungen
Jahrhundertelang hatten die Amsterdamer Grachten auch noch eine weniger hygienische Funktion: die stark befahrenen Wasserstraßen der Stadt dienten nämlich gleichzeitig als offene Abwasserkanäle. Wohnhäuser und Fabriken leiteten das Abwasser in die Grachten ab und auch Müll, Schlachtabfall und allen Unrat, der auf den Märkten liegen geblieben war, wurde in die Grachten geworfen. Der deutsche Pastor F.W. Dethmar, der 1838 Amsterdam besuchte, ging daher mit hocherhobener Nase durch die Stadt. In seinem Reisebericht schreibt er: “Der Fremde, der die in blaue Nebel gehüllte Stadt betrachtet, und im Herbst ihre unangenehmen Dünste einatmet, wird sie ohne zu zögern zum ungesündesten Ort der Welt erklären.” Heutzutage sind die Grachten ziemlich sauber, obwohl die grüne Färbung des Wassers – die durch Algen entsteht – vielleicht anderes vermuten lässt. Es heißt, dass die Grachten im Durchschnitt drei Meter tief sind, aber viele Amsterdamer sind davon überzeugt, dass sie weit weniger tief sind. Einem hartnäckigen Gerücht zufolge, kann man von dieser Angabe ruhig zwei Meter abziehen: einen Meter für den Schlick, der sich gebildet hat und einen Meter für alle kaputten Fahrräder, die im Laufe der Jahre in den Grachten gelandet sind… Aufmerksame Spaziergänger werden auf ihrem Rundgang entlang der Grachten häufig Baggerschiffe bei der Arbeit sehen, die dafür sorgen, dass die Wassertiefe auf akzeptablem Niveau bleibt.

Amsterdam reinigt die Grachten jede Nacht
Wer abends an den Grachten entlang geht und ein bisschen Glück hat, wird vielleicht Zeuge eines einmaligen Phänomens, das einen weniger bekannten Aspekt der Beziehung Amsterdams zum Wasser darstellt. Zwischen 19.00 und 20.30 Uhr werden seit Menschen Gedenken jeden Abend zahlreiche Schleusen in der Amsterdamer Innenstadt geschlossen, die für die Erneuerung des Grachtenwassers sorgen. Meist geschieht dies noch mit der Hand. Zum Beispiel bei den Schleusen an der Amstel, gegenüber dem Theater Carré, oder bei der Haarlemmersluis im Singel. Zwei Männer drehen mit großen Holzrädern (den “Schubpressen”) die verschiedenen Schleusen zu. Wenn diese Arbeit beendet ist, so ungefähr um 20.30 Uhr, dann wird an der Ostseite der Stadt, auf der Insel Zeeburg, ein riesiges Schöpfwerk in Betrieb gesetzt. In einer Nacht pumpt das Schöpfwerk ca. 600.000 Kubikmeter Wasser aus dem IJsselmeer in die Amsterdamer Grachten. Damit das Wasser schneller aus den Grachten strömt, bleiben an der Westseite der Stadt einige Schleusen offen. Durch diese Schleusen wird das Grachtenwasser in das IJ gestaut (jener Teil des Hafens zwischen IJsselmeer und Nordseekanal), und strömt danach durch den Nordseekanal in die Nordsee.

Auf diese Weise wird nach ungefähr drei Tagen die gesamte Wassermenge der Amsterdamer Grachten erneuert. Das ‘Entwässern’ der Grachten geschieht sieben Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr. Nur in den Wintermonaten, wenn die Grachten zugefroren sind, werden diese Arbeiten manchmal stillgelegt. Wenn es drei Tage lang ordentlich friert, dann ist das Eis auf den Grachten gerade fest genug, damit die vielen Liebhaber des Schlittschuhlaufes sich ihre Eisen unterschnallen können. Einige Grachten, wie die Keizersgracht, werden dann für den gesamten Schifffahrtsverkehr gesperrt. Diese Art des holländischen Wintersports bietet ein einmaliges Schauspiel.

Die städtischen Wasserwerke, die im Montelbaanstoren am Rande des IJ untergebracht sind, kontrollieren den Wasserstand der Grachten genau. Über den Nordseekanal ist Amsterdam mit dem Meer verbunden und bei starkem Sturm aus dem Westen geschieht es manchmal, dass das Wasser in den Grachten zu hoch steigt. Auch durch schwere Regengüsse in den Poldern im Süden von Amsterdam kann das Wasserniveau erheblich ansteigen. Angst vor Überströmungen braucht jedoch niemand zu haben, denn sobald der Wasserstand zu hoch ist, wird das riesige Schöpfwerk auf Zeeburg in Betrieb gesetzt. Der Vorgang der Wassererneuerung wird dann umgedreht, sodass das Wasser aus den Grachten in das IJsselmeer fließt.

Ohne Deiche und Dünen würde Amsterdam versinken
Wie die übrigen westlichen Niederlande, liegt auch Amsterdam zum größten Teil unter dem Meeresspiegel. Nur die Dünen und Deiche schützen die Stadt vor den schäumenden Wogen der Nordsee und der Zuiderzee. Kein Wunder, dass die Amsterdamer in früheren Jahrhunderten den Wasserstand bei Ebbe und Flut genau überwacht haben. Amsterdam war die erste Stadt der Welt, in der dies systematisch geschah. Die Messungen der Wasserstände wurden anhand eines festen Eichpunktes verrichtet, dem so genannten NAP, Normaal Amsterdams Peil. Dieser wurde im 17. Jahrhundert aus dem durchschnittlichen Stand des Amsterdamer IJ errechnet. Diese Messstelle hat sich für Höhenmessungen in fast allen westeuropäischen Ländern zum Maßstab schlechthin entwickelt.
Wie hoch dieser NAP ist, sieht man in der Passage zwischen dem Amsterdamer Stadhuis und dem Muziektheater auf dem Waterlooplein. Wer dort hinein schaut, sieht zuerst drei mit Wasser gefüllte Säulen, die aus dem Boden ragen. Zwei dieser Säulen zeigen den aktuellen Wasserpegel der Küstenstädtchen Vlissingen und IJmuiden an. Bei Flut reicht das Wasser in den gläsernen Rohren bis weit übers Knie. Feste Deiche und eine breite Dünenlinie an der Küste schützen uns jedoch vor dem Wasser, denn sonst müsste man hier Gummistiefel tragen! Noch interessanter ist jedoch die dritte Glassäule; in dieser steigt das Wasser sprudelnd bis auf vier Meter über unseren Köpfen. So hoch (450 Zentimeter über dem NAP) stieg das Wasser während der Hochwasserkatastrophe in Zeeland, im Jahr 1953. Den Stand des einzigen wirklichen Amsterdamer Pegels sieht man, wenn man die Treppe bei den Wassersäulen hinuntergeht. Ein Bronzeknopf zeigt dort genau die Höhe des Amsterdamer Pegels an. Von Helsinki bis Rom werden alle Höhenmessungen im Straßenbau, beim Bauen von Häusern und Brücken und natürlich beim Messen des Wasserstandes im Vergleich zu diesem Bronzeknopf vorgenommen.

Amsterdam: eine Stadt, die auf Pfählen gebaut ist
Wer in Amsterdam ein Haus baut, weiß, dass er mit dem Wasser rechnen muss, trotz der festen Deiche, die der Stadt vor dem Meer ausreichenden Schutz bieten. Durch das viele Wasser ist hier ein weicher Torfboden entstanden, auf dem man nicht auf ‘normale’ Weise ein Haus bauen kann. Nach einigen Großbränden, die ganze Stadtteile von Amsterdam in Schutt und Asche legten, wurde im Jahre 1669 das Bauen von Holzhäusern endgültig verboten. Der Bau der viel schwereren Ziegelhäuser erforderte jedoch besondere Vorkehrungen. Damit die Häuser und Gebäude aufrecht stehen blieben, mussten sie ein Fundament aus Holzpfählen, die mindestens 11 Meter lang sein müssen, erhalten. Diese wurden in den Boden gerammt, bis die Pfähle auf eine feste Sandschicht stießen. Dieses Einrammen oder Pfählen war eine schwere Aufgabe, die mit Menschenkraft ausgeführt werden musste. Große Gebäude, wie der Palast auf dem Dam brauchten ein solides Fundament. Für dieses kolossale Bauwerk mussten 13.659 Pfähle in den Boden gerammt werden. Seit über dreihundert Jahren sorgen die gleichen Holzpfähle dafür, dass der Palast nicht im Erdboden versinkt. Auch heute noch werden alle Gebäude in Amsterdam auf diese Weise gebaut. Dafür verwendet man keine Holzpfähle mehr, denn nach 1945 wurde das Holz durch Beton ersetzt. Auch werden die Pfähle jetzt viel tiefer in den Boden gerammt: bis auf die zweite Sandschicht, die ungefähr 20 Meter unter der Bodenoberfläche liegt. Hohe, schwere Bürogebäude und Appartementhäuser stehen sogar auf Pfählen, die 60 Meter lang sind und bis auf die dritte Sandschicht eingerammt werden.

Tausende Amsterdamer wohnen auf dem Wasser
Seit es Amsterdam gibt, haben Schiffe das Stadtbild bestimmt. In den ersten Jahrhunderten waren es vor allem kleine Fischerboote und Binnenschiffe, später kamen noch die großen Kaufmannsschiffe und Kriegsschiffe hinzu und heutzutage bestimmen auch die Wohnschiffe das Amsterdamer Stadtbild. Ca. 2.400 liegen heute in den Amsterdamer Grachten. Das Wohnen auf dem Wasser hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz, aber das ist nicht der wichtigste Grund für diese Besonderheit. In den Jahren nach 1950 wurde diese Art zu wohnen vor allem deswegen beliebt, weil es kaum andere billige Wohnmöglichkeiten in der Stadt gab. In dieser Zeit verkauften viele Besitzer ihre Schiffe, weil sie auf größere Schiffe umsteigen wollten oder weil sie nicht mehr von der Schifffahrt leben konnten. Amsterdamer, die damals eine Wohnung suchten, konnten diese ‘abgedankten’ Schiffe für geringe Summen kaufen und durch kleine Umbauten an diesen Booten erhielten sie doch eine billige Wohnung.

Die Wohnschiffe in den Amsterdamer Gewässern fallen vor allem durch ihr unterschiedliches Äußeres auf. Man sieht Rheinkähne, die in ihrem Charakter nicht verändert sind, neben bunt bemalten Schiffen. Manchmal verdient ein Wohnschiff kaum mehr diesen Namen; auf einem rechteckigen Plateau wurde zum Beispiel ein kompletter Bungalow aus Holz oder Stein gebaut. Die Wohnschiffe müssen natürlich bestimmten Gemeindevorschriften entsprechen, u.a. auf dem Gebiet der Feuersicherung. Übrigens bieten die Wohnschiffe nicht nur den Menschen eine Bleibe. Am Singel, gleich bei der runden Lutheranerkirche, liegt seit vielen Jahren das Katzenschiff vor Anker, in dem ein Team von einsatzfreudigen freiwilligen Helfern für ca. hundert herrenlose Katzen aus Amsterdam sorgt. Jeden Tag von 13.00 bis 15.00 können interessierte Besucher diese besondere Arche Noah besichtigen.

Weitere Informationen: www.niederlande.de

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