“Ich möchte, dass meine Mutter stolz auf mich ist.” Ein Treffen mit Roberto Fonseca

Ibrahim Ferrer, my old man, wherever you might be, may my music always be with you...look at how your 'chamaquito' has grown...(Roberto Fonseca)

„Roberto, rauchst du Cigarren?“

„Nein.“

Ich kucke enttäuscht, habe ich doch extra aus meinem Fundus zwei cubanische Fonseca Cigarren eingesteckt, die mit dem feinen Seidenpapier als Umhüllung.

„Aber jeder Cubaner raucht Cigarren, trinkt Mojito und macht Musik!“

Roberto Fonseca lacht. „No cigars. No mojito. Just music. – Rauchst du denn Cigarren?”

„Ja“, sage ich, „Havannas sind eine meiner Leidenschaften.“ Roberto springt auf, geht zum Schreibtisch und kramt in seinem Gepäck, und dann kommt er doch tatsächlich mit zwei Chicos zurück und gibt sie mir lachend. Ok, ich revidiere meine Vorurteile. Nicht alle Cubaner rauchen Cigarren, aber alle schleppen welche mit sich herum…

Ich treffe Roberto Fonseca in Köln, vor wenigen Tagen hat er in Paris und London gespielt und sitzt nun in seinem Hotelzimmer, um neugierige Fragen zu beantworten. Was liegt näher als mit einer Frage zur cubanischen Musik zu beginnen? Durch den weltweiten Erfolg des Buena Vista Social Clubs rund um Rubén González, Compay Segundo und Ibrahim Ferrer war auf einmal cubanischer Son in aller Ohren, aber, so frage ich Roberto, „war das zu dieser Zeit wirklich die Musik, die die Cubaner selber hörten?“ Er schüttelt den Kopf. „Nein, gar nicht. Der Son war altmodische Musik und in Cuba so gut wie vergessen. Wir hörten aktuellen Pop, HipHop, Jazz, Musik, wie wir sie über die amerikanischen Radiostationen empfangen konnten. Und daran orientierten wir uns.“ „Dann war diese Musik auch für euch auf der Insel so etwas wie eine Neuentdeckung?“ „Absolut, und ich erkannte sofort, dass diese Neuentdeckung sehr wichtig war, denn schließlich sind unsere Wurzeln im Son. Und das dürfen wir nicht wieder vergessen.“

Hier knüpfe ich eine weitere Frage an. „Cuba wurde und wird von vielen sehr unterschiedlichen Kulturen beeinflusst, Spanien, Afrika, Südamerika und natürlich auch dem nächsten Nachbarn, den USA. Wo liegen die Quellen deiner Musik?“ Roberto muss nicht lange überlegen. „Ich orientiere mich in alle Richtungen, habe immer Ohren und das Herz weit geöffnet. Auf meinem neuen Album hörst du zum Beispiel ein Stück, das von der bulgarischen Musik inspiriert ist. Die bulgarische Folklore spielt eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung als Mensch und als Musiker. Auch Frankreich ist ein Land, das meine Musik tief beeinflusst hat.“

„Drehen wir die Zeit etwas zurück, Roberto – du bist 1975 in Havanna geboren, wie war deine Kindheit?“ „Wir waren arm, aber meine ganze Familie ist sehr musikalisch, und so kam ich schnell in Kontakt mit Menschen, die selber Musik machten, und das gefiel mir. Meine Eltern und vor allem mein Bruder unterstützten mich in dem Wunsch, selber Musik zu machen, und so wurde schon meine Kindheit durch die Musik bestimmt. Ich begann mit dem Schlagzeug, meinem ersten Instrument, als ich etwa 4 Jahre alt war.“ „Und wann hast du zum ersten Mal den Wunsch verspürt, ein professioneller Musiker zu werden?“ „Das war etliche Jahre später, ich erinnere mich daran sehr genau, es war in dem Moment, als ich entdeckte, dass ich dabei war, einen eigenen Stil zu entwickeln, also nicht wie jemand anders zu klingen sondern wie ich, Roberto Fonseca.“

„Welche Musik hatte es dir besonders angetan? In welche Richtung wolltest du dich bewegen?“ „Jazz war meine besondere Leidenschaft, ich wollte ein „richtiger“ Jazzpianist werden, ich kannte, um nur einige zu nennen,  die Musik von Oscar Peterson, McCoy Tyner, Abdullah Ibrahim oder Ahmad Jamal – den ich vor ein paar Tagen treffen durfte – und natürlich von Rubén González und entwickelte daraus langsam meinen ganz eigenen Stil, und dann kam ich in Kontakt mit dem Buena Vista Social Club und dem Son Montuno, und das hat vieles verändert…“

Ich frage: „Der Buena Vista Social Club, das ist eigentlich eine Märchengeschichte; einige vergessene Musiker wurden mehr zufällig weltberühmte Stars am Ende ihres Lebens. Du hast mit Ibrahim Ferrer mehr als 400 Konzerte gegeben, den habe ich übrigens keine 200 Meter von hier um 1998 in der Musikhochschule zu ersten Mal gesehen. Was war Ibrahim für ein Mensch?“ Roberto lächelt. „Ibrahim war der sanfteste und bescheidenste Mensch, den ich jemals kennen gelernt habe. Auch als er der Weltstar geworden war hat er sich in Nichts verändert, er genoss die späte Anerkennung, die seinem Gesang zuteil wurde, aber er hat anderen niemals das Gefühl gegeben, dass er nun ein Star war. Ibrahim war einzigartig, und ich bin sehr sehr glücklich, ihn gekannt zu haben, und ich durfte ja auch sein letztes Album „Mi Sueno“ arrangieren und koproduzieren…“

Es ist schon toll, wann immer ich mit einem Cubaner zusammen sitze ist das auf angenehmste Weise entspannt. Nur dass Roberto Fonseca wohl der erste Cubaner ist, mit dem ich ohne Cigarre zusammen sitze, und siehe: das geht auch. Ich frage ihn nach Rubén González, dessen Platz im Buena Vista Social Club Roberto ja eingenommen hatte. „Rubén war einmalig, niemand konnte spielen wie er, und es war für mich sowohl eine große Ehre als auch eine gewaltige Herausforderung, an seiner Stelle zu spielen.“ Bilder der Erinnerung kommen mir, und ich erzähle Roberto, dass ich Rubén bei seinem ersten Konzert in Deutschland sah, wie er im weißen Anzug über die Bühne tanzte, und vor der Bühne tanzten fast alle Frauen aus dem Publikum mit, ein unvergessliches Bild. Roberto lacht. „Ja, genau das war Rubén González, und ich bin sehr sehr glücklich, dass er in seinem hohen Alter noch die Anerkennung erlebt hat, die ihm zuteil wurde. Rubén González war einzigartig!“

Zwischen Roberto und dem Buena Vista Social Club gibt es zahlreiche weitere Verbindungen, und ich spreche sie an. „Ja, Omara Portuondo, sie singt auf meinem vorigen Album Zamazu, und im Juli werde ich mit ihr in Wien ein Konzert  geben, oder besser: sie mit mir.“ Er lacht sein herzliches cubanisches Lachen. „Und dann Cachaito – ich bin sehr stolz, dass er auf Zamazu mitgespielt hat, auch er ein unglaublicher Virtuose auf seinem Instrument. Die Aufnahmen für Zamazu dürften wohl zu seinen letzten gehören, nicht lange danach ist er gestorben…“

„Meinst du“, frage ich, dass nach dem Ende des ursprünglichen Buena Vista Social Clubs die traditionelle cubanische Musik wieder in Vergessenheit gerät?“ Roberto schüttelt den Kopf. „Nein, ganz sicher nicht. Die cubanischen Musiker wissen heute, dass im Son unsere wesentlichen Wurzeln stecken, und diese Tradition wird weiter gepflegt. Diese Art von Musik wird es weiter geben, denn sie ist für die cubanischen Musiker und ihre Weiterentwicklung sehr wichtig und hat weltweit ein breites Publikum.“

„Roberto, jetzt haben wir viel über die Stars der vorigen Generation gesprochen, und nun bist du selber ein Weltstar oder zumindest auf dem kürzesten Weg dorthin – was bedeutet das für dich?“ Er schaut nachdenklich. „Das Wort Star bedeutet mir nichts. Bei Ibrahim habe ich gesehen, dass es vor allem auf die eigene Persönlichkeit ankommt und nicht auf irgendeinen Status. Ich sage dir was: wenn ich an mir und meiner Musik arbeite und versuche, das was ich mache, gut und immer noch besser zu machen, dann denke ich vor allem daran: ich möchte, dass meine Mutter stolz auf mich ist. Sie ist der heiligste und perfekteste Mensch auf der Welt für mich…“

Ich bin sehr beeindruckt von diesen Worten. Da hat jemand nicht vergessen, wem er so wesentlich zu verdanken hat, dass er ein glänzender Musiker geworden ist, denn wie Roberto mir sagt, hat seine Mutter immer wieder mit sanftem Druck darauf geachtet, dass er seine musikalische Ausbildung ernst nahm, auch wenn er manchmal keine rechte Lust zum Üben hatte.

„Dein neues Album heißt Akokan, was bedeutet dieses Wort?“ „Akokan“, sagt Roberto, ist ein Wort aus der afrikanischen Yoruba Sprache und heißt Herz. Dieses Album entspringt mit jedem Ton meinem tiefsten Herzen. Ich habe vorab viel mehr Titel komponiert, als dann zuletzt auf das Album passten, und es war sehr schwer, daraus eine Auswahl zu treffen, da jede der Kompositionen für mich eine Bedeutung besitzt. Akokan enthält mehr Piano, mehr Roberto Fonseca als Zamazu. Und es besitzt weitgehend die Atmosphäre einer Livesession. Ich nahm für den Titel ein Wort der Yoruba, denn die Religion der Yoruba ist der Ursprung meiner Religion, der Santería. Und aus dieser schöpfe ich meine Kraft und Inspiration.“

Zwei Stichwörter, die ich aufgreife: „Du hast Akokan in den legendären Egrem Studios in Havanna aufgenommen – hast du da vielleicht die „alten Geister“ gespürt, die die Geschichte dieses Ortes geprägt haben?“ Roberto nickt heftig. „Das kannst du wohl sagen! Das ist wahrlich ein mythischer Ort. Hier sind ja nicht nur die Buena Vista Social Club Platten und die Soloprojekte der Musiker dieser Gruppe entstanden, hier haben alle Großen aufgenommen, Benny Moré ebenso wie Nat King Cole. Es ist ein wirklich altes Studio, aber es hat eine unvergleichliche Akustik, unbeschreiblich. Musik wie meine muss in diesem Studio aufgenommen werden, nirgendwo klingt sie so wie dort.“

Das erinnert mich daran, was alle Jazzmusiker über die beiden Studios von Rudy van Gelder sagen, womit ich beim Stichwort Jazz bin. „Frank Zappa hat einmal gesagt, Jazz ist nicht tot, aber er riecht komisch – wie ist dein Verhältnis zum Jazz?“ „Nun“, sagt Roberto, „wie ich anfangs sagte, ursprünglich wollte ich ein purer Jazzmusiker werden, wie Oscar Peterson oder McCoy Tyner, aber durch die Begegnung mit den traditionellen Musikern wie Rubén oder Ibrahim änderte sich meine musikalische Ausrichtung, so dass ich kein ‘reiner’ Jazzer mehr bin. Aber ich liebe am Jazz die Improvisation, sie besitzt einen hohen Stellenwert in meiner Musik und ist etwas, an dem mein Herz hängt.“

„Roberto, eine letzte Frage – es deutet sich an, dass es in Cuba in den kommenden Jahren große gesellschaftliche Veränderungen anstehen – was bedeutet das für dich als Cubaner?“ „Nun ja, ich interessiere mich nicht sonderlich für Politik. Aber es sieht aus als bewege sich in den USA einiges in Richtung Öffnung gegenüber Cuba, und das finde ich gut. Mich persönlich interessiert am meisten, dass  es zukünftig noch bessere Kontakte zwischen cubanischen und nichtcubanischen Musikern geben könnte. Denn das führt für alle Kulturen zu neuen Einflüssen und musikalischen Annäherungen.“

Wir verabschieden uns herzlich, und ich sage Roberto, dass ich ihn spätestens bei den Jazztagen in Leverkusen wieder sehen und hören werde. Er lacht, holt aus seiner Tasche noch eine Chico und sagt: „Beim nächsten Mal habe ich für dich größere Cigarren!“

Auf dem Heimweg stehe ich im Stau, 11 km, rund um Köln tobt der Wahnsinn. Ich höre Robertos Musik, rauche eine von seinen Chicos, denke über unser Gespräch nach und fühle, wie toll es doch ist, dass es solche Menschen und solche Musik gibt. Roberto Fonseca, deine Mutter kann wirklich stolz auf dich sein.

Archi W. Bechlenberg

http://www.robertofonseca.com/

Roberto Fonseca mit Ibrahim Ferrer

Video über Roberto Fonseca (mit deutschen Untertiteln)

Roberto Fonseca in Havanna 1998 (mit 23 Jahren)

Über Roberto Fonseca

Im Alter von 15 Jahren war Roberto Fonseca bereits die Sensation beim internationalen “Jazz Plaza”-Festival in Havanna (Kuba). Nach seinem Abschluss des Kompositionsstudiums am Institutu Superior de Arte (ISA) nahm der 1975 geborene Pianist dann sein erstes Album auf, das auf dem Cubadisco Festival von 1999 auch prompt als „Bestes Jazzalbum“ ausgezeichnet wurde. Mit dem Millennium machte Roberto einen weiteren großen Schritt: Er wurde Rubén González’ Vertreter und Nachfolger im Orchester von Ibrahim Ferrer. Nach mehr als 400 Konzerten mit Ferrer arbeitete Roberto Fonseca – das „vielversprechendste und wichtigste Talent der kubanischen Musik“—auch als Arrangeur und Ko-Produzent für Ferrers letztes Album, „Mi Sueno“, das 2007 für einen Grammy nominiert war. Auch mit Omara Portuondo, Cachaito, Angá Diaz, Carlinhos Brown, Bebo und Chucho Valdéz, Herbie Hancock, Michael Brecker, Wayne Shorter u.v.a. war Roberto Fonseca schon zu hören.

Mit seinem ersten ENJA-Album „Zamazu“ (2007) erreichte Roberto Fonseca die internationalen Bühnen, wo er als einer der eindrucksvollsten, charismatischsten Musiker der letzten Jahre gefeiert wird. Alle, die ihn mit Ibrahim Ferrer im Konzert erlebt haben, waren bereits von Robertos einzigartiger Klavierkunst beeindruckt – einer Kombination aus präziser Rhythmik und intensiver Emotion. Das Album „Zamazu“ hat diesen Eindruck gefestigt, die Presse jubelte noch lauter. „Es handelt sich schlicht um ein Meisterwerk“, schrieb die Jazzthetik, „eine Platte, die ohne Übertreibung als eine der schönsten bezeichnet werden kann, die die kubanische Musik bis heute hervorgebracht hat.“ Die Süddeutsche Zeitung erkannte „die Handschrift eines kommenden Weltstars“, das Diners Club Magazin witterte bereits „eine neue Legende der kubanischen Musik“, „ein Talent der Extraklasse“.

Sein neues Album „Akokan“ (Yoruba für „Herz“) entstand im legendären Egrem-Studio in Havanna (Kuba). Begleitet von jenen Musikern, die seit mehr als 12 Jahren mit ihm arbeiten, gelingt es Roberto Fonseca hier, die Kraft und Magie einer Live-Performance in ein Studioalbum zu packen. Zu seiner Albumreise durch verschiedene Länder und Kulturen hat er auch zwei ganz besondere Musiker eingeladen, die er seit langem bewundert: Mayra Andrade, die kapverdische Sängerin, die auf „Siete Potencias“ den kreolischen Text sang und schrieb, und den blinden Amerikaner Raúl Midón, der „Everyone Deserves A Second Chance“ geschrieben hat – Roberto hat es arrangiert, Raúl singt und spielt Gitarre. Doch der eigentliche Hauptdarsteller auf dem Album ist das Klavier: Roberto Fonseca ist tief in sein Instrument getaucht und erfreut uns mit seiner besonderen, von Lebenserfahrungen gesättigten Spielweise. „Akokan“ eröffnet uns einen Blick ins Innere seines Herzens – eingefangen in einigen unglaublichen Soli und einer prickelnden Atmosphäre.

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Wiglaf Droste über “Die Asche meiner Mutter”
Harry Rowohlt spricht Nachdem Harry Rowohlt Frank McCourts anrührendes Buch „Die Asche meiner Mutter“, übersetzt hatte, spottete er bisweilen, er habe es dreimal übersetzen ...
Weiterlesen...
Der Cruiser mit der Trompete
Vor zwei Jahren entzündete der Mannheimer Trompeter und Tausendsassa Thomas Siffling mit seinem erfolgreichen Album "Kitchen Music" ein gelungenes musikalisches Feuerwerk, verpackt ...
Weiterlesen...
Die Asche meiner Mutter
Soeben erschienen ist die Hörspielfassung von Frank McCourts Meisterwerk DIE ASCHE MEINER MUTTER - mit einem wie immer grandiosen Harry Rowohlt als Sprecher. ...
Weiterlesen...
© Uwe Arens
Die Jazzpolizei wirft Till Brönner ja gerne vor, er mache gar keinen Jazz. Seine Musik sei zu glatt und ohne Aggressivität. Brönner ficht ...
Weiterlesen...
TILL BRÖNNER – CHRISTMAS ALBUM
Weihnachtsplatten von Stars sind für mich die Beulenpest unter den Musiken. Sogar Chet Baker, immer auf der Suche nach einer Faust voll Dollar ...
Weiterlesen...
Wiglaf Droste über “Die Asche meiner Mutter”
Der Cruiser mit der Trompete
Die Asche meiner Mutter
Melanchophon: Mark Wynand “Eye to Eye”
TILL BRÖNNER – CHRISTMAS ALBUM
 
 
Alles aus der Rubrik CD
Alles aus der Rubrik Cuba
Alles aus der Rubrik Interview
Alles aus der Rubrik Jazz
Alles aus der Rubrik Piano