AFFAIREN A LA CARTE: LIEBE UND ANDERE VERWICKLUNGEN IM FRANZÖSISCHEN FILM

Der 21. Juni, Fest der Musik und Frühlingsanfang in Paris, seidige Luft mit einer Prise Erotik, Sehnsucht und Sex. Eine gute Gelegenheit, die Freunde einzuladen für einen netten Abend. ML und Piotr (Karin Viard, Dany Boon) bereiten das festliche Dinner vor – einkaufen, Tisch decken, Blumendekoration, die Scheidungsanwältin und ihr Mann, der gerade seinen Job verloren hat, sind nervös. Alles soll perfekt sein. Nach und nach trudeln die Gäste ein, Küsschen hier, Küsschen da – Lucas (Christopher Thompson), Anwalt und zukünftiger Geschäftspartner von ML und seine gelangweilte Frau Sarah (Emmanuelle Seigner), die sich auf der Hinfahrt noch heftig zanken, MLs Schwester Juliette mit ihrem Freund Erwann (Marina Hands, Patrick Chesnais) im Schlepptau, Krebsarzt Alain (Patrick Bruel) und seine Gattin, die Gynäkologin Mélanie (Marina Foïs), die Flamencolehrerin Manuela (Blanca Li), die ML nach dem Tanzkurs auf die letzte Minute eingeladen hat und der etwas farblose Junggeselle Jean-Louis (Laurent Stocker), Architekt der blitzneuen Küche. Und da ist auch noch Papa Henri (Pierre Arditi), der ganz zufällig auftaucht und von der nicht gerade begeisterten ML in ein Zimmer abgeschoben wird, um Kontroversen mit ihrer Schwester zu vermeiden, die mit ihrem Vater seit Jahren kein Wort redet.

Im schicken Ambiente ist angerichtet. Nicht nur die von Piotr fabrizierten delikaten Spezialitäten locken, sondern auch das galante Geplänkel. Doch zwischen den opulenten Gängen schleicht sich Unbehagen und Unsicherheit ein, brutale Wahrheiten ersetzen charmantes Parlieren, und wenn Sarah in Piotr einen alten Seelenfreund wieder findet und beim verstohlenen Kuss die Hormone Tango tanzen, steht der Abend kurzfristig auf der Kippe. Aber nicht nur deswegen. Während der gediegenen Konversation spielen sich alle Beteiligten etwas vor, kleine Lügen und große Geheimnisse halten die bourgeoise Gesellschaft am Laufen. Beim “vin rouge” löst sich die Zunge, kommt es beim verbalen Florett zu unvorhergesehenen Geständnissen, unterschwelligen Bösartigkeiten und zur Begleichung offener Rechnungen, aber alles mit geübter Grandezza, auch wenn die verbalen Pfeile gezielt ins Schwarze treffen. ML möchte vor ihrem zukünftigen Kanzleipartner Lucas brillieren und deklassiert Piotr, Mélanie denkt permanent an ihren gut gebauten Jockey-Liebhaber, ihr Mann will durch aufgesetzte Fröhlichkeit Tod und Krankheit in der Klinik entfliehen und Manuela plappert von Tapas und “Interkulturalität”. Wenn`s gar zu langweilig wird, wechselt man das Thema und diskutiert lapidar die Käse-Qualität. Erwann entflieht der bürgerlichen Show und lästert mit dem fast gleichaltrigen Vater seiner Freundin über die degenerierte Generation der 40Jährigen, die schrecklich gesund lebt, statt das Leben exzessiv zu genießen.

Nostalgie kommt auf beim heißen Sound der 60er Jahre, zum Entsetzen von Juliette legen die beiden Oldies einen rasanten Rock`n`Roll aufs Parkett, von dem die Jungen nur träumen können. “Forever young”. Der Abend endet in Harmonie und die Gäste beteuern ohne zu erröten, wie wunderbar alles war – das Essen, die Atmosphäre, die Diskussionen. Auf der Nachhausefahrt wird dagegen Tacheles geredet.

Ein Jahr später plant ML eine Neuauflage des Dinners mit Freunden. Viel hat sich geändert, ein Autounfall die Liebespläne von Mélanie zerstört, die an der Seite des sie anbetenden Alain im Rollstuhl sitzt, Piotr und Sarah, die ihren Mann verlassen hat, lieben sich leidenschaftlich und möchten für immer und ewig zusammen bleiben, Lucas will mit MLs professioneller Hilfe eine harte Scheidung von der Untreuen durchziehen, Juliette schließt Frieden mit ihrem Vater, Manuela hat den Krebs überwunden. Es könnte weitergehen wie immer. Aber dann stellt Melanie bei ML eine Schwangerschaft fest – mit 42 Jahren. Da werden die Karten noch einmal neu gemischt. Kein Herz-Ass für Piotr, der die Chance auf ein neues Leben mit Sarah vermasselt hat. Aber auch kein Grund für Trauer und Bedauern, alle feiern den Sommeranfang versöhnlich und ausgelassen, mit einem Schuss leichter Melancholie. Schließlich erhält jeder eine zweite Chance…

Wer mit wem? Für immer und ewig oder doch nur für eine heiße Nacht? Eine Frage, die Männlein und Weiblein seit Adam und Evas Sündenfall im Paradies umtreibt. Und natürlich auch die Helden und Heldinnen von Danièle Thompsons bitter-süßer Komödie AFFÄREN À LA CARTE, ein beschwingter Tanz auf dem Vulkan der Emotionen, leichtfüßig und ein bisschen melancholisch. Denn nicht immer werden alle Wünsche wahr. Liebeslust und Liebesleid, der Seitensprung als Salz in der Suppe des Lebens, der riskante “amour fou” ohne Netz und die kleinen und großen Schicksalsschläge ziehen sich als roter Faden durch französische Gesellschaftskomödien. Allen voran stehen da natürlich der unangefochtene Altmeister Claude Chabrol, der immer wieder gekonnt die Schwächen der Bourgeoisie und ihre heimlichen Abgründe offenbart. Eine Virtuosin auf diesem Gebiet ist auch Agnès Jaoui, in deren Filmen sich Intellektuelle mit ihren Gefühls-Kümmernissen durch Tag und Nacht palavern und die in “Schau mich an” überflüssige Schönheitsideale unter die Lupe nimmt oder in “Lust auf Anderes” einen augenzwinkernden Blick auf die Nouveaux Riches wirft. Natürlich auch Cédric Klapisch, der mit seiner verführerischen Ode an die Seinemetropole “So ist Paris”, einige Menschen auf ihren sentimentalen (Irr)Wegen begleitet und dabei dem pulsierenden Herzschlag der Metropole mit zärtlich-poetischen “petites histoires” von Chaos, Schmerz und Glück folgt, oder die raffinierte Liebesgeschichte von Emmanuel Mouret der bittet “Un baiser s`il vous plait” und dabei über die Folgen eines harmlosen Kusses und die Unmöglichkeit platonischer Freundschaft philosophiert oder Luc Bondys “Ne fait pas ça”, eine spritzige Komödie über die Krise zweier Paare und ihres mit allen Mitteln geführten Geschlechterkampfs. Betörende Raffinesse und oft hilflose Beziehungsstrategen machen den Charme der französischen Gesellschaftskomödie aus, wie auch in AFFÄREN À LA CARTE.

Während in Deutschland der Begriff Bourgeoisie Assoziationen an spießiges Bürgertum und Erinnerungen an Sonntagsbraten, Häkeldeckchen und Teakholzwände weckt, ist für französische Filmemacher schon seit Buñuel die Bourgeoisie mehr als nur ein Objekt der Begierde, bietet das bürgerlich-intellektuelle Milieu eine perfekte Projektionsfläche für eine Gesellschaft, in der man danach strebt, anderen zu gefallen und die eigene Identität verleugnet. Intelligente Komödien mit Wortwitz und Protagonisten, die sich in einem bunten Panoptikum bewegen und ganz unvermittelt mal den Ausbruch und Aufbruch wagen, die in Gefühl, Freundschaft, Familie oder Arbeit um Positionen kämpfen, sympathische Jedermanns, die lügen, lachen und weinen, lieben (wenn auch nicht immer den eigenen Partner oder die eigene Partnerin) und eigentlich nur eines möchten: Glücklichsein.

Danièle Thompsons Komödien sind leicht wie ein Flügelschlag, sie gibt ihren Figuren immer eine zweite Chance, auch wenn die vorher in die Bredouille geraten wie Cécile de France in “Ein perfekter Platz”, Charlotte Gainsbourg in “La Buche” oder Juliette Binoche “Jet lag – oder wo die Liebe hinfliegt”. Danièle Thompson ist verliebt in die Liebe, die Menschen und das Leben, wie ihre Filme, die immer Platz für ein Stückchen Hoffnung, Trost und Optimismus lassen. So feiert AFFÄREN À LA CARTE mit feiner Ironie, kraftvollem Humor, subtilem Witz und einem großartigen Ensemble das Menschliche und Allzumenschliche.

Denn AFFÄREN À LA CARTE glänzt durch eine prominente Besetzung, das Who`s Who des modernen und erfolgreichen französischen Kinos gibt sich hier ein Stelldichein: Patrick Bruel (“Geheime Staatsaffären”), Emmanuelle Seigner (“Schmetterling und Taucherglocke”), Patrick Chesnais (“Schmetterling und Taucherglocke”), Pierre Arditi (“Herzen”), Laurent Stocker (“Zusammen ist man weniger allein”), Karin Viard (“So ist Paris”) brillieren in einem herzhaften wie auch filigranen Schlagabtausch. Aber allen voran beweist ein vielseitiges Multitalent erneut sein fantastisches komödiantisches Talent – der wunderbar wandlungsfähige Stand-up-Comedien Dany Boon, der nach dem überwältigenden Erfolg von “Willkommen bei den Sch’tis” auch in AFFÄREN À LA CARTE mit einer outstanding Performance mehr als überzeugt.

FÜNF FRAUEN, DIE DAS SPIEL BEHERRSCHEN
MÈLANIE (Marina Foïs): Sie ist an einem Punkt ihres Lebens angelangt,  wo sie alles hinschmeißen möchte. Ihr als Krebsarzt sehr engagierter Mann, der meistens mit düsterer Mine herumläuft und nur in Gesellschaft den Charme anknipst, geht ihr auf die Nerven, wie auch die Zwillinge in der Pubertät. Und es gibt einen neuen Mann, der lang vergessene Gefühle weckt. Wie viele Frauen in ihrem Alter glaubt Mélanie, dass sie das Recht hat, das Alte hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Es ist schon bigott, wie die Gynäkologin und praktizierende Katholikin den lieben Gott bittet, ihren Mann betrügen zu dürfen. Sie fällt eine Entscheidung, aber das Schicksal will es anders.

SARAH (Emmanuelle Seigner): Sie wirkt zu Beginn als die am wenigsten selbständige des Quintetts. Für ihren Mann ist sie im Verlauf der Jahre nur noch schmückendes Objekt, eine Jagdtrophäe, die man(n) bei Gelegenheit vorzeigt. Zwei kleine Kinder halten sie auf Trab, es gab nie die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Nach sechzehn Jahren Ehe steht sie am Scheideweg und durch ein Treffen mit amourösen Folgen schafft sie es, sich zu trennen und ihrem Puppendasein zu entrinnen, befreit sich von konventionellen Zwängen. Sie nutzt die ungewohnte Freiheit und wirft sich ins kalte Wasser, startet eine Karriere als Buchautorin. Am Ende ist Sarah eine sanfte Siegerin.

ML (Karin Viard): Eine gleichzeitig gefürchtete und furchtsame Figur, eine ehrgeizige Karrieristin, die sich mit allem übernimmt. Sie betrügt ihren Mann, obgleich sie ihn noch liebt. Je mehr Entscheidungen sie treffen soll, um so willensschwacher wird sie. ML gehört zu den modernen Frauen, die beruflich super-aktiv ihren Weg nach oben durchziehen und sich nicht aufhalten lassen und dabei riskieren, irgendwann – von der Arbeit aufgefressen – vor den Scherben ihres Privatlebens zu stehen, zu spät die Reißleine zu ziehen.

JULIETTE (Marina Hands): Die jüngere Schwester von ML, die eigentlich keine Lust zeigt, das langjährige Verhältnis mit ihrem Freund zu legalisieren, ist die geborene Provokateurin, die sich konsequente Emanzipation auf die Fahnen geschrieben hat. Mit ihrem älteren Mann versteht sie sich bestens, auch weil er sie nicht einschränkt, sondern Verständnis für ihren Lebensstil zeigt. Die geborene Rebellin lässt kein Fettnäpfchen aus und schert sich nicht darum, wenn andere sie für eine Querulantin halten, die immer ein wenig neben der Spur ist und ihren Kopf durchsetzen will, egal was kommt.

MANUELA (Blanca Li): Die Flamencolehrerin ist eine Kämpferin, die gerade gegen ihre Krebserkrankung ankämpft und nur dank ihrer großen Kraft und Stärke überlebt. Ihre Sehnsüchte und Träume werden von der harten Wirklichkeit verdrängt. Aber auch sie kann am Ende Hoffnung schöpfen. Danièle Thompson sah ihr Foto auf dem Cover des Figaroscope und war von ihrer spanischen wilden Schönheit beeindruckt – die ideale Manuela eben.

FÜNF MÄNNER, DIE RITTER DER TAFELRUNDE

PIOTR (Dany Boon): Der Mann polnischer Abstammung verschwindet fast in Gegenwart seiner dominanten und redegewandten Gattin. Erst vor kurzem in die Arbeitslosigkeit katapultiert, mimt er den Hausmann und brilliert durch Kochkünste, im tiefsten Herzen dürstet er jedoch nach Anerkennung. Die routinierte Ehe verläuft nach Plan, bis er zufällig eine Jugendfreundin wieder trifft, da funkt es zwischen ihnen, die heiße Affäre gibt ihm Bestätigung, stillt seinen Nachholbedarf an Zärtlichkeit und Zuneigung. Seine Hoffnung auf einen Neuanfang mit der neuen Liebe zerplatzt, beim Liebespoker schütteln andere das Ass aus dem Ärmel.

ALAIN (Patrick Bruel): Ein Krebsarzt, wie ihn sich der Patient wünscht, er hört geduldig zu, gibt Mut und spendet Trost. Dabei braucht er selbst Trost. Der ruhige Mann, der das Leben liebt, ist ständig mit Tod konfrontiert, muss Menschen die schlechte Botschaft überbringen. Das zehrt an der Substanz! In Gesellschaft sprüht er nur so vor Witz und Ausgelassenheit und gilt als wunderbarer Entertainer, aber seine Seele trauert. Ein Konfliktvermeider und in sich Zerrissener, der über die Untreue seiner Frau hinwegsieht und schweigt, er akzeptiert sie aus tiefer Liebe, so wie sie ist. Nur bei einem Punkt, kennt er kein Pardon – beim Rauchen.

LUCAS (Christopher Thompson): Auf den ersten Blick ist dieser Jurist ein Unsympath und Karrierist, für den nur die eigenen Interessen und der eigene Vorteil zählen. Seine Frau betrachtet er als schmückenden Besitz, nicht als Partnerin. Im Laufe seines beruflichen Aufstiegs hat er sich eine emotionale Hornhaut zugelegt, lässt niemanden an sich heran, er hält sich für überlegen und versteckt sich hinter einer Mauer aus Zynismus und Arroganz. Am Ende bröckelt dieser Schutzmechanismus und Lucas zeigt Mitgefühl, Rücksicht und Verständnis, einen Hauch von menschlicher Regung. Zu spät, um die eigene Ehe zu retten.

ERWANN (Patrick Chesnais): Der Typ alter Seebär mit Herz gehört zu einer Generation, die dem Hedonismus frönte und 1968 von der großen Freiheit träumte, nur der auf kleine Freiheiten erpichten Generation der jetzt 40Jährigen steht er skeptisch gegenüber. Ein Freibeuter der Lust, er hat sein Leben gelebt, Frauen geliebt, Wein getrunken, nicht Wasser. Genug war nie genug. Aber dennoch kein Abgeklärter, der nur in nostalgischer Erinnerung schwelgt, sondern einer, der es noch einmal wissen will, noch einmal das ganz große Gefühl mit einer jüngeren und selbstbewussten Partnerin anpackt.

JEAN-LOUIS (Laurent Stocker): Er ist der unscheinbarste der Tafelrunde, nicht von Schönheit, Charme oder Erfolg geküsst, sondern ein eher durchschnittlicher Typ, der sich darüber den Kopf zerbricht, warum eine Frau ihn trotz vier toller Orgasmen verlässt. In seiner Konzentration auf das eigene Ego und seine eigenen kleinen Kümmernisse merkt er gar nicht, wie andere Ladies ihm nicht unwillig begegnen oder dass man ihn verkuppeln will. Erst als er seinen Liebeskummer verdaut hat, öffnet er sich für die Umwelt und stützt sich mit neuer Kraft hinein, in das, was man Leben nennt.

Affairen à la carte
(Originaltitel: Le code a changé)

mit KARIN VIARD – DANY BOON – EMMANUELLE SEIGNER -
CHRISTOPHER THOMPSON – MARINA FOÏS – PATRICK BRUEL -
MARINA HANDS – BLANCA LI – LAURENT STOCKER -
PATRICK CHESNAIS – PIERRE ARDITI u.v.m

Kinostart: 16. Juli 2009
100 Minuten / Frankreich 2009

Sarahs Mann und MLs neuer Chef Lucas (Christopher Thompson), ML (Karin Viard) und der Arzt Alain (Patrick Bruel) © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Sarahs Mann und MLs neuer Chef Lucas (Christopher Thompson), ML (Karin Viard) und der Arzt Alain (Patrick Bruel) © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Da bahnt sich etwas an: Melanie (Bianca Li) und Jean-Louis (Laurent Stocker) © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Da bahnt sich etwas an: Melanie (Bianca Li) und Jean-Louis (Laurent Stocker) © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

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