Richard Schumacher – Waterlilys

Photo by: Stefan Malzkorn

Photo by: Stefan Malzkorn

Richard Schumacher wird 1955 in Boston geboren. Sein Vater ist aufstrebender Tropenmediziner, der just dem Ruf nach Harvard folgt. Auf der Überfahrt wird Schumachers Mutter furchtbar unwohl, der Bordarzt diagnostiziert sofort eine Seekrankheit – der wahre Grund ist allerdings Richard. Schon bald geht es zurück ins heimische Hamburg. Der Vater ist in seiner Eigenschaft als Direktor des Tropeninstituts immer wieder unterwegs und bringt seinem Sohn in Form von Zeichnungen, Dias und Geschichten den Duft der weiten Welt nach Hause. Und in Form von Musik. Eine Schallplatte mit afrikanischen Gesängen – in den 60ern etwas völlig Neues – ist bis heute tief als prägende Erfahrung abgespeichert.

In der Schulzeit beginnt Schumachers Liaison mit der Gitarre – und schlagartig tritt alles andere in den Hintergrund: Schumacher spielt in verschiedensten Formationen, seine Band Seymour Jane hat Fernsehauftritte mit damaligen Heroen wie “Embryo” oder “Atlantis”. Im legendären Hamburger Club “Onkel Pö” spielt er Sessions mit Udo Lindenberg und anderen Szenegängern der Zeit, sieht dort spätere Größen wie Pat Metheny und Al Jarreau, bevor sie Europa erobern. Und wieder ruft die weite Welt. Der Entschluss in ihm reift, er will mehr wissen, mehr erfahren, mehr lernen. Auch wenn das in der Familie vorerst auf Skepsis stößt.

Man könnte es eine Fügung des Schicksals nennen: Schumachers Mutter trifft das große Idol ihres Sohnes. “Obermutter” Frank Zappa. Zufällig, beim Eisessen, in der Lobby eines Bremer Hotels. Spontan setzt sie sich zu ihm und berichtet von Richards Plänen, in Berklee/USA Gitarre und Komposition zu studieren. Zappas schlichte wie eindeutige Reaktion: “Let him go!”

Schumacher studiert zeitgleich mit mittlerweile zu internationalen Größen gereiften Musikern wie Mike Stern, Steve Vai oder Diana Krall. Seine Vorstellung von Musik nimmt konkrete Formen an, es entstehen Ideen und Kontakte. Zum Beispiel zu seinen späteren Mitmusikern Kai Eckhardt und Terri Lyne Carrington. Gemeinsam mit ihnen entsteht die Idee des Vibe Tribe. Und unter diesem Namen entstehen in wechselnden, immer illustren Besetzungen die Alben “Cool Shoes” (1995), “Foreign Affairs” (1998) und “Views” (2008).

Seit 2008 veröffentlicht Richard Schumacher auf seinem eigenen Label straightvibe records. Parallel zu den Planungen des neuen Vibe Tribe-Albums arbeitet er an den Reihen “Music for Painters” und “Music for Poets” sowie gemeinsam mit Jost Nickel (Drums), Arnd Geise (Bass) und Patches Stewart (Trumpet) an Aufnahmen des “Richard Schumacher Trio”, die noch in diesem Jahr erscheinen sollen.

Intro

Ausgefeilte Arrangements, bisweilen orchestrale Klänge, Jazz-Fusion in Perfektion, dafür steht Richard Schumacher mit seinem Projekt Vibe Tribe. Auf drei Alben hat der Hamburger Gitarrist und Produzent mittlerweile Künstler wie Bill Evans, Terri Lyne Carrington, Dave Weckl, Jack Bruce und viele andere um sich versammelt und die geballte Kraft seiner Protagonisten mit großer Hingabe in musikalische Kleinode verwandelt. Nun liegt Schumachers erstes Solo-Album vor, und es klingt, als habe er kurz innegehalten, tief Luft geholt – und für diese sieben Stücke bewusst Abstand genommen von der Opulenz seines prominenten Projektes.

“Schon während der letzten Vibe Tribe-Alben sind immer wieder einige akustische Nummern entstanden, die anders waren als das, was ich bisher gemacht hatte, die mir aber sehr gefallen haben. Irgendwann ist daraus die Idee und der Wunsch erwachsen, ein intimes Gitarren-Album aufzunehmen. Und nun war die Zeit einfach da.”

Zwar stehen auch auf “Waterlilys” mit William Kennedy (Yellowjackets), Munyungo Jackson (Stevie Wonder, Herbie Hancock) und Marcio Doctor (Brecker Brothers, NDR Bigband) sehr namhafte Musiker an Schumachers Seite, mit seinem Freund Reinhard Karwatky (Maria João) ebenfalls ein renommierter Produzent. Doch damit ist der kleine Kreis der Mitwirkenden auch bereits geschlossen. Eine neue Erfahrung für Schumacher. “Gleich während der ersten Aufnahmen war ich verblüfft, wie schnell und unkompliziert eine solche Produktion laufen kann. Etwa drei Monate haben Reinhard und ich an ‘Waterlilys’ gearbeitet – das letzte Vibe Tribe-Album brauchte fast fünf Jahre.”

Vom Aufwand nicht mehr als eine kleine Fingerübung am Rande, künstlerisch für Schumacher aber absolut gleichwertig: “Beides übt einen großen Reiz aus – bei Vibe Tribe bin ich ebenfalls Gitarrist, vor allem aber Produzent und Komponist, kümmere mich um Management und Logistik; auf ‘Waterlilys’ stehen nun die Gitarren im Vordergrund, und damit auch der Gitarrist Richard Schumacher. Ganz einfach und völlig entspannt.”

Waterlilys

Die wirklich fesselnden Geschichten ereignen sich häufig im Verborgenen, tief unter der auf den ersten Blick zu erkennenden Oberfläche. Nur schemenhaft zu erahnen und vielleicht gerade deshalb so berührend, weil jeder Betrachter kraft seiner Vorstellung etwas ganz Eigenes darin entdecken kann. Und so beginnt das freie Spiel der Assoziationen auf “Waterlilys” bereits mit dem Titel, dem offensichtlich falschen Plural und dem nun darin enthaltenen Namen Lily. “Wenn ich Musik spiele, möchte ich etwas erzählen, und hier ist die Gitarre mein Weg, mich zu artikulieren. Ich versuche mit Respekt, Kraft und Seele die richtige Note zur richtigen Zeit zu treffen, ob beim Komponieren oder beim Improvisieren. Das Schöne ist, dass Klänge nichts vorschreiben und immer ein Deutungsspielraum bleibt.”

Manchmal ist es das bewusste Setzen eines einzelnen Tons, das Spiel mit Pausen und Stille (“Evening Glow”, “When it was now”), das den Charakter der Stücke ausmacht, an anderer Stelle lässt Schumacher die Gitarre einfach fliegen (“Honey Delta Blues”), Munyungo Jacksons hypnotische Marimba-Figur wiederum verleiht “Daylight Passage” die flirrende Atmosphäre der afrikanischen Savanne. Um reine Virtuosität und artistische Leistungen an der Gitarre geht es dabei zu keinem Zeitpunkt.

Das Album durchzieht ein starkes Reisemoment: Die einzelnen Songs klingen nach verschiedenen Stationen eines langen Weges, geographisch, musikalisch wie auch persönlich. “Spannend wird es dann, wenn sich die Facetten dieser Lebensreise in Inspiration und gespielte Noten verwandeln. Gute Musik ist für mich letztlich immer das Resultat einer inneren Notwendigkeit, des Dranges, das Erlebte nach außen zu tragen.”

Die stimmungshaften Bilder auf “Waterlilys” leben von dem großen Reichtum an Klangfarben, den Schumacher durch verschiedene Tunings auf diversen akustischen und elektrischen Gitarren erzeugt, sogar eine Waldzither kommt zum Einsatz. Trotzdem bleiben die Aufnahmen sehr sparsam und transparent instrumentiert. Stilistisch sind Schumachers Wurzeln in Jazz und Fusion unüberhörbar, doch genauso mischen sich erdiger Blues, klassische, spanische, afrikanische oder auch karibische Elemente und verbinden sich trotz der Vielfalt zu einem harmonischen Ganzen in einer akustisch schlüssigen Folge. Doch vor allem ist auf “Waterlilys” immer angenehm viel Luft und Raum für die Gitarre, sodass ein einzelner Ton atmen, einen ganzen Raum füllen kann und so nah erklingt, dass man die Schwingung der Saite auf der Haut zu spüren meint.

 
 
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