Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, liest schon rein gewohnheitsmäßig alles, was geschrieben steht im öffentlichen Raum, auch wenn er sich damit manche Last aufbürdet. Neben dem Kontoauszugsdrucker der Sparkasse hing ein Plakat, das ein “Sparadies” anpries. Sparadies? Ja, unübersehbar und gleich mehrfach verhieß man mir: das Sparadies.
Lüge, Betrug, Heuchelei und Nepp sind ja immer in ausreichender Menge und Vielfalt vorhanden und im Angebot. “Sparadies” jedoch hat die Ausstrahlung einer unerwünschten Zugabe: 25 Jahre Kundendasein bei der Sparkasse lehrten mich, dass ich bei diesem Anbieter jeden Service am Automaten selbst erledige und dafür dann Gebühren zahle. So sieht das Sparadies aus, das Sparadies auf Erden.
Kopfschüttelnd verließ ich das Geldinstitut und raufte mein Resthaar – das, wie ich feststellte, lang und wallend zu werden drohte, als sei ich ein Jugendlicher, oder, noch bedauernswerter, ein Operettenkünstler. Die Matte muss ab! Die kommt runter! Du gehst zum Putzer!, beschloss ich barsch und machte mich daran, einem Frisörladen aufzusuchen. Ich fand auch gleich einen; er hieß aber “Hair Force One”. Ungläubig las ich das, “Hair Force One” – und floh, Blitzeis im Genick. Ich bin schließlich kein amerikanischer Präsident und möchte auch keiner mehr werden.
Aber wohin mich begeben, wohin mich wenden? “Hairdamit” forderte der nächste Frisör im Stil eines Straßenräubers, Wegelagerers und Raubritters. Dem wollte ich nicht in die Hände fallen, aber auch keine Coiffeurstube namens “Kopfsache” betreten – dagegen war ja das legendäre Gard-Haarstudio aus den 70er Jahren mit Jacques Galèt eine humanistische Angelegenheit gewesen.
Ich taumelte weiter. “McCut” hieß der nächste Haar- und Halsabschneider, und es nahm kein Ende mehr. “Die Frisierbar” las ich und lächelte noch, “Cuthaarstrofal” ließ mich beinahe zusammenklappen, “Wächst schon wieder” warb relativ charmant mit dem eigenen Unvermögen. “Eckzackt” war von grausamer Zwanghaftigkeit, einem “Headhunter” wollte ich meinen Kopf nicht einmal äußerlich anvertrauen, und “Querschnitt” klang ganz übel, nach Lähmung, oder, böser, nach Querdenkerei. Die “Vier Haareszeiten” mied ich ebenso entschieden wie “Haireinspaziert”, “Millionhair”, “Die Kopfgeldjäger”, “Mata Haari” und den “Haar-M”. Gab es denn keine Frisörläden mehr?
Nein, gab es nicht. Sondern statt ihrer einen “Schnitt-Punkt”, einen “Haarlekin” – war das ein Spezialist für Clownsfrisuren?-, eine “Haarmonie” und, wahrscheinlich für die Sado/Maso-Fraktion, eine “Haarpune” und ein “Haarakiri”. Erfreulich vergeblich allerdings suchte ich einen schwarzen Friseur namens “Haarlem”. Und eine Billigfrisurenbude mit Namen “Haartz IV” zu eröffnen, wo ein Armutseinheitsschnitt mit der Rasiermaschine angeboten wurde, war bisher ebenfalls noch keinem Discounter eingefallen.
Ich atmete auf; zu früh allerdings. Denn um mich vollendet am Kopf innen zu vernichten, war das “cHAARisma” ausgeheckt worden: kleines c, großes H-A-A-R, und dann klein isma – cHAARisma. Ich war im siebten Kreis der Wortspielhölle. Wohin fliehen, wohin nur? Zu “KreHaartiv”? Ich brach in die Knie. Das ist das Ende, dachte ich, aber ich täuschte mich. Ein so leichter Tod war mir nicht vergönnt.
Inzwischen zwar gewappnet, amalgamiert, in Drachenblut gebadet und schier auf alles gefasst, was Friseure der Sprache an Gewalt zufügen können, hatte ich doch mit einem nicht gerechnet: “Kaiserschnitt”. Es tat so weh, ein Messer trennte mir den Bauch auf, ich schrie vor Schmerzen, verstarb, verließ die irdische Hölle – und erwachte wo? Genau: im Sparadies.
Wiglaf Droste


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