CHÉRI Eine Komödie der Eitelkeiten

Die elegante Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer) sucht Abwechslung am mondänen Strand von Biarritz. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Die elegante Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer) sucht Abwechslung am mondänen Strand von Biarritz. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Millionen weiblicher Kinofans weinten, als die zarte, tugendhafte Schönheit Michelle Pfeiffer in Stephen Frears’ “Gefährliche Liebschaften” (“Dangerous Liaisons”, 1988) dem Intrigenspiel des Vicomte de Valmont und seiner Freundin, der Marquise Isabelle de Merteuil, zum Opfer fiel. 20 Jahre später haben Frears, Drehbuchautor Christopher Hampton und Hollywood-Ikone Michelle Pfeiffer noch einmal zusammengefunden, um in einer opulenten englisch-französisch-deutschen Koproduktion ein glamouröses Sittenbild der Belle Époque zu erschaffen. Die französische Starautorin Colette (geboren 1873) lieferte mit ihren 1920 und 1926 erschienenen Romanen “Chéri” und “Chéris Ende” die Vorlagen für den Film, in denen sie Erfahrungen ihres eigenen skandalumwitterten Lebens verarbeitete.

Dem Team um den europäischen Meisterregisseur Frears ist es gelungen, britisches Understatement mit französischer Leichtigkeit zu mischen, um die Welt der Kurtisanen, die dank ihrer Schönheit und Erotik in unbeschreiblichem Luxus lebten, neu erstehen zu lassen. Anders als in “Gefährliche Liebschaften” spielt Michelle Pfeiffer jetzt die Rolle der erfahrenen Verführerin, die zur leidenschaftlichen Liebhaberin eines jüngeren Mannes wird.

Im “goldenen Ghetto” der Kurtisanen – das Stephen Frears augenzwinkernd mit Hollywood vergleicht – herrschen zwar Dekadenz und abgeklärter Zynismus und dort liefert man sich bissige Wortgefechte, aber das kann nicht verhindern, dass große Gefühle zwischen zwei Menschen entstehen, die der Liebe eigentlich längst abgeschworen haben. CHÉRI ist eine Komödie der Eitelkeiten, der Eleganz und der Gefühle. Und so sprühen zwischen Michelle Pfeiffer als Léa de Lonval und Rupert Friend (“Stolz & Vorurteil”, 2005) als Chéri die Funken der Sehnsucht, der körperli-chen Leidenschaft und der emotionalen Verletzlichkeit.

Die mehrfache Oscar-Preisträgerin Kathy Bates (“Mit aller Macht”, 1998; “About Schmidt”, 2002; “Zeiten des Aufruhrs”, 2008) glänzt in der Rolle der intriganten, geldgierigen Mutter Chéris; Meisterregisseur Frears (“High Fidelity”, 2000; “Die Queen”, 2006) fungiert selbst als ironischer Erzähler im Off der englischsprachigen Originalfassung. Als ausführende Produzentin mit von der Partie war die amerikanische Schauspielerin Jessica Lange; koproduziert hat als deutscher Partner die MMC Independent in Hürth. Gefördert wurde der Film in Deutschland von der Filmstiftung NRW und vom Deutschen Filmförderfonds (DFFF).

Christopher Hamptons kongeniale Adaption der Colette-Romane “Chéri” und “Chéris Ende”, Darius Khondjis einfühlsame Kameraarbeit, Consolata Boyles elegante Kos-tüme, Alan MacDonalds großartige Sets und Alexandre Desplats nostalgisch-romantisch-melancholischer Score beschwören den Geist einer Epoche, die durch den Ersten Weltkrieg gewaltsam beendet wurde.

Mit der großartigen Michelle Pfeiffer (“Die fabelhaften Baker Boys”, 1989; “Zeit der Unschuld”, 1993; “Hairspray”, 2007) in der Hauptrolle der erfahrenen, weltläufigen Léa de Lonval avancierte die berührende, zeitlose Liebesgeschichte zum Publikumsliebling der diesjährigen Berlinale.

Paris 1906: Um die Jahrhundertwende gilt die französische Metropole als die mondänste Stadt Europas und als Inbegriff des kulturellen und intellektuellen Fortschritts. In Paris leben weltberühmte Künstler und Schriftsteller; und die Reichen und Mächtigen haben den Ort zum Domizil ihrer Wahl erkoren. Paris ist zu dieser Zeit auch berühmt für seine Kurtisanen – schöne, geistvolle Frauen, Expertinnen auf dem Gebiet der Liebe, um deren Gunst Kronprinzen, Erzherzöge und Industriekapitäne aus ganz Europa wetteifern: eine Gunst, die freilich ihren Preis hat.

Eine der begehrtesten Kurtisanen ist Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer). In ihren Vierzigern ist sie immer noch eine schöne und beeindruckende Frau. Sie lebt in einem eleganten Haus im Art-nouveau-Stil, wo sie ihren Reichtum und ihre wohlverdiente Unabhängigkeit genießt.

Eines Tages trifft Léa ihre alte Freundin und frühere Kollegin Madame Peloux (Kathy Bates) zum Lunch. Früher eine gefeierte Schönheit, ist sich Madame Peloux schmerzlich darüber bewusst, dass die Zeit ihren Tribut gefordert hat und sie dadurch zu einer verbitterten, gehässigen Matrone geworden ist. Léa mag sie nicht besonders, aber Frauen ihrer Profession haben nur wenige Vertraute.

Madame Peloux hat einen Sohn, Fred (Rupert Friend), von allen nur “Chéri” genannt, ein brillanter, verwöhnter junger Mann von 19 Jahren, der einen laxen, hedonistischen Lebensstil pflegt. Madame Peloux möchte, dass er erwachsen wird, und hält Léa für die geeignete Lehrmeisterin, ihn in die Kunst der Liebe und des Lebens einzuführen und so auf eine glänzende Zukunft vorzubereiten. Chéri bewundert Léa ebenso sehr, wie er seine Mutter verachtet und flirtet gewohnheitsmäßig mit ihr. Aber beider Gefühle gehen tiefer: Als er Léa nach dem Lunch bei einem Gespräch im Wintergarten leidenschaftlich auf den Mund küsst, ist sie für einen Moment überwältigt und verliert die Kontrolle.

Die Vereinbarung jedoch steht: Léa wird sich um Chéri kümmern, bis er erwachsen und heiratsfähig geworden ist. So beginnt die Erziehung des unbekümmerten, ungeformten Teenagers durch die weltläufige ältere Frau, und beide sind sicher, dass sie über genügend Strategien verfügen, um ihre Gefühle zu beherrschen.

Aus ein paar Wochen, die Madame Peloux für die Initiation ihres Sohnes vorgesehen hatte, werden sechs Jahre: Friedlich leben die beiden in Léas Haus zusammen, machen sich liebevoll übereinander lustig, streiten ein bisschen und genießen immer noch ihre ausgedehnten, leidenschaftlichen Liebesnächte. Als Chéri eines Tages zum Mittagessen mit seiner Mutter, ihrer Bekannten Marie-Laure (Iben Hjejle), einer anderen Kurtisane, und deren Tochter Edmée (Felicity Jones) zitiert wird, wundert er sich, dass Léa nur zum anschließenden Tee geladen ist.

Sowie Léa nach dem Essen eintrifft, berichtet ihr Madame Peloux, dass sie eine Hochzeit für Chéri arrangiert hat. Léa reagiert äußerlich gelassen, aber die Nachricht trifft sie tief. Sie begreift, dass Edmée die glückliche Braut sein soll und dass Madame Peloux und Marie-Laure bereits handelseinig geworden sind, denn Letztere kann es kaum erwarten, ihre Tochter loszuwerden, um ungestört ihrem Beruf nachzugehen. Die Hochzeit soll schon in einigen Wochen stattfinden.

Noch am selben Abend stellt Léa Chéri zur Rede, denn sie vermutet, dass er bereits seit Monaten von dem Plan wusste und zu feige war, um mit ihr darüber zu sprechen. Ihre äußere Gefasstheit verbirgt ihren Zorn und ihre tiefe Verletzung. Chéri ist seinerseits verletzt und macht sich Sorgen um Léas Zukunft: Was wird sie jetzt tun? Er möchte gern der letzte junge Mann in ihrem Leben gewesen sein, vermutet aber, dass sie ihre Vorlieben kaum ändern wird.
Beide ahnen, dass die Heirat Chéris das Ende ihrer Beziehung bedeutet. Zwar möchte Chéri weiterhin eine Rolle in Léas Leben spielen, aber sie weiß, dass die gemeinsame Zeit vorbei ist; als Chéris heimliche Geliebte will sie nicht enden. Diese Erkenntnis trifft sie bis ins Mark, und auch Chéri ist erschüttert.

Während seiner Hochzeitsreise nach Italien lässt Chéri seinem Zorn und seiner Enttäuschung freien Lauf und begegnet der jungen Braut mit emotionaler Kälte. Währenddessen muss Léa in Paris die spitzen Bemerkungen von Madame Peloux ertragen, die sich an den verletzten Gefühlen ihrer ehemaligen Konkurrentin weidet. Léa beschließt, nach Biarritz zu reisen, und lässt Madame Peloux in dem Glauben, sie habe einen neuen Begleiter. Tatsächlich trifft sie in dem mondänen Badeort auf einen jungen Mann, der ihre Zuwendung dankbar genießt.

Als Edmée und Chéri schließlich zurückkehren, ist klar, dass die Hochzeitsreise sie kein Stück näher zusammengebracht hat. Und auch, dass Chéri sich immer noch nach Léa sehnt. Schon bald hat Edmée genug; sie wirft ihrem Mann seine Gleichgültigkeit und Grausamkeit vor und zieht sich zurück. Chéri kann die Spannung nicht länger aushalten. In der Nacht verlässt er das Haus und zieht in ein Hotel. Seine Tage verbringt er damit, vor Léas Villa auf deren Rückkehr zu warten oder sich Erleichterung in der Opiumhöhle von La Copine (Anita Pallenberg), einer früheren Kurtisane, zu verschaffen.

Drei Wochen später trifft Léa in Paris ein, und Chéri kehrt heim, froh darüber, dass sein Warten nun ein Ende hat. Madame Peloux stattet Léa einen Besuch ab, wohl wissend, dass sie Léa durch die bloße Erwähnung ihres Sohnes ins Herz treffen kann, was sie sich natürlich nicht nehmen lässt.

Spätabends stürzt Chéri in Léas Schlafzimmer, um mit ihr seine Rückkehr zu feiern. Überwältigt vor Glück über ihr Wiedersehen verbringen die beiden eine rauschende Liebesnacht. Am nächsten Morgen beginnt Léa mit Reiseplanungen – weit weg in den Süden soll es gehen, wo die beiden unbeachtet von der sozialen Kontrolle miteinander leben können. Aber Chéri ist merkwürdig still. So weit wollte er nicht gehen, hatte er doch eher daran gedacht, in Paris zu bleiben und Léa von Zeit zu Zeit zur Ablenkung von seinem Eheleben aufzusuchen. Für Edmée ist er immerhin ein Mann, während er für Léa immer ein Kind bleiben wird.

Das kann Léa nicht ertragen. Nach einem tränenreichen Abschied bringt sie ihrer großen Liebe ein letztes Opfer.

Die intrigante Madame Peloux (Kathy Bates) bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Die intrigante Madame Peloux (Kathy Bates) bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

PRODUKTIONSNOTIZEN

Während er an der Entwicklung eines Drehbuchs über das Leben der berühmten französischen Schriftstellerin Colette (1873-1954) arbeitete, begann Christopher Hampton, der für “Gefährliche Liebschaften” (“Dangerous Liaisons”, 1988) mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, auch mit der Adaption ihrer berühmten Romane “Chéri” und “Chéris Ende”. Die Bücher wurden 1920 bzw. 1926 zum ersten Mal veröffentlicht und erzählen die Geschichte von Léa de Lonval, einer gefeierten Kurtisane ihrer Zeit, und Chéri, dem Sohn einer früheren Kollegin und Rivalin.

“Colette war schon immer eine meiner Lieblingsautorinnen, und ich begann mich für ihre Lebensgeschichte zu interessieren, als ich hörte, dass sie auf der Flucht vor einem tyrannischen älteren Ehemann als Striptease-Tänzerin zu arbeiten begann”, erzählt Hampton. “Colette wird geliebt und bewundert, weil sie sehr persönlich und einfühlsam über Frauen schreibt. Bei manchen Literaturadaptionen brauche ich nicht viel zu recherchieren, aber Colette ist so faszinierend, dass ich alle ihre Romane mit Spannung gelesen habe.”

Es war die Liebesgeschichte zwischen Léa und Chéri, die eine besondere Anziehung auf Hampton ausübte. “Das sind zwei Menschen, die nicht einmal wissen, dass sie ineinander verliebt sind”, beschreibt er die Protagonisten des Films. “Léa denkt, sie erzieht den Jungen ein bisschen, um ihn zum Mann zu machen, und Chéri genießt die gemeinsame Zeit mit dieser schönen Frau, die sich um ihn kümmern wird, bis er zu neuen Ufern aufbricht. Sie wissen von vornherein, dass ihre Beziehung nicht von langer Dauer sein kann. Aber als es so weit ist, begreifen sie, wie schmerzhaft die Trennung ist. In einem heroischen Akt gibt Léa Chéri frei und lässt ihn gehen, auch wenn sie darunter leidet. Auch er wird sich nie wirklich damit abfinden können.”

Das Milieu des frühen 20. Jahrhunderts hatte es dem Drehbuchautor ebenfalls angetan. “Diese Halbwelt ist faszinierend; ihre Glanzzeit war um die Jahrhundertwende, und 1906, zu der Zeit, in der der Film spielt, war sie schon fast im Untergang begriffen”, erklärt Hampton. “Die Kurtisanen, die enorme Reichtümer angesammelt hatten, lebten in einer sozialen Nische. Sie mussten zusammenhalten, weil die Gesellschaft sie ablehnte, aber sie hatten interessante Biografien und waren kultiviert. Heute gibt es kein vergleichbares Milieu mehr. Da diese Frauen sehr emanzipiert waren, wirken sie auch heute noch modern.”

Zwar ermöglichte die direkte Übersetzung aus dem französischen Original Hampton eine gewisse Freiheit bei der Auswahl der Dialogpassagen aus den Romanen, eine Herausforderung bestand jedoch in der Tatsache, dass es sich nicht um eine konventionelle Literaturform handelt. “Colette war Impressionistin; es gibt kleine Nebendialoge oder -gedanken in der Erzählung”, erklärt er; “mitunter beschreibt sie eine einzige Szene auf 20 Seiten und dann drei Monate in einem Absatz. Meine erste Drehbuchfassung war länger als ein Roman, also musste ich radikal kürzen.”

Nach einigen vergeblichen Nachforschungen stellte Hampton fest, dass der britische Theaterintendant Bill Kenwright (“Jesus Christ Superstar”) die Rechte optioniert hatte. Das erkannte er zu einem Zeitpunkt, als Kenwright seinerseits gerade mit Hampton Kontakt aufnehmen wollte, um seinen lang gehegten Plan der Leinwandadaption in Angriff zu nehmen.

“Christopher Hampton war meine erste Wahl als Drehbuchautor”, erzählt Kenwright. “Seine erste Fassung war großartig, aber sie auf die Leinwand zu bringen, war ein langer Weg: weil es ein Kostümfilm ist, und weil es eine so einfache, fokussierte und gleichzeitig tragische Geschichte ist, und am allermeisten wahrscheinlich, weil das heutige Publikum über die Welt der Kurtisanen nicht viel weiß.”

Erst mit Stephen Frears’ Beteiligung konnte das Projekt schließlich Ende 2007 gestartet werden. Der Regisseur stand gerade hoch im Kurs: Nicht nur, weil Helen Mirren für seinen Film “Die Queen” (“The Queen”, 2006) einen Oscar gewonnen hatte, sondern auch, weil der Film ein internationaler Erfolg für Miramax war. Nachdem Kenwright ihn angesprochen hatte, schloss sich Frears dem Projekt an, 24 Stunden nach seiner Lektüre des Drehbuchs.

Frears fand das Projekt interessant – einerseits wegen Hamptons bewegendem Drehbuch, andererseits, weil es ihm die Chance bot, eine neue Epoche zu erkunden. “Christophers Script ist großartig, Colette ist eine brilliante Autorin, und die Geschichte kam mir sehr aktuell vor”, sagt der Regisseur. “Sie ist so wunderschön, so altmodisch, frivol und gleichzeitig melancholisch und tragisch, und dabei auch noch intelligent. Als Impressionistin hat Colette eine Reihe von Eindrücken beschrieben, aber daraus eine zusammenhängende Erzählung zu machen, das ist schon eine Herausforderung. Das ist mein bisher extremster Film und eine sehr authentische Beschreibung von Leuten, die wie in einer Blase leben. Oder wie Léa an einer Stelle des Films zu Madame Peloux sagt: Sie mussten einander wohl oder übel vertrauen, weil Außenstehende ihre Welt gar nicht verstanden. Und natürlich wussten sie ganz genau, was im Alter mit ihnen passieren würde.”

Hampton erinnert sich: “Ich arbeite sehr gern mit Stephen. Ich begriff schnell, dass es ungewöhnlich für einen Regisseur ist, den Drehbuchautor am Set zu haben – als langweiligen Pedanten, der alles hinterfragt, was vor sich geht. Aber Stephen ist anders. Bei der Zusammenarbeit zeigen sich seine Großzügigkeit und sein fundiertes Wissen. Er hat ein feines Gespür dafür, ob eine Szene nicht funktioniert, weil sie zu lang ist oder etwas anderes nicht stimmt. Manchmal hat das mit Worten zu tun oder mit Präzision, manchmal auch mit der Stimmung. Ich habe gelernt, seinem Instinkt zu vertrauen.”

Auch die Produzenten schwärmten von Stephen Frears’ Arbeit. “Ich bin ein großer Fan von Stephen – zwei meiner Lieblingsfilme sind “Grifters” (“The Grifters”, 1990) und “Hi-Lo Country – Im Land der letzten Cowboys” (“The Hi-Lo Country”, 1998) – und es war aufregend, mit ihm zu arbeiten. Ich hatte Glück, dass er mitmachen woll-te. Er versteht etwas von Schauspielerführung, weiß genau, was er will und wie der Film aussehen soll. Er arbeitet äußerst sorgfältig und konzentriert, ein Meister seines Fachs!”

Mit Frears am Ruder bekam Kenwright die nötige Unterstützung seiner beiden wichtigsten Partner, Pathé und Miramax. Aber der Schlüssel für den Erfolg des Films war die Besetzung der beiden Hauptrollen: der Kurtisane Léa de Lonval und ihres jungen Liebhabers Chéri.

DIE BESETZUNG

MICHELLE PFEIFFER ist Léa de Lonval

Entscheidend für das Gelingen des Films war die Besetzung der Léa de Lonval. Die Filmemacher suchten eine Schauspielerin, die in ihren Endvierzigern noch natürlich schön, sinnlich und charismatisch wirkte. Nur eine kam dafür überhaupt in Frage: Michelle Pfeiffer, die sowohl mit Frears als auch mit Hampton bereits gearbeitet und mit ihrer unter die Haut gehenden Darstellung in “Gefährliche Liebschaften” (“Dange-rous Liaisons”, 1988) ihre erste Oscar-Nominierung erhalten hatte. Erst kürzlich ist sie nach längerer Pause auf die Leinwand zurückgekehrt: Ihre Verkörperung einer karrierebesessenen Mutter und Fernsehproduzentin im Musical “Hairspray” (2007) ist äußerst eindrucksvoll.

Aber nicht nur ihre bezaubernde Leinwandpräsenz und ihre große, wie Frears es nennt, “beinahe tragische Schönheit” machten Pfeiffer zur Idealbesetzung für die Rolle. Mit ihrer Darstellung trifft sie genau den Ton der Romanvorlage. Bill Kenwright sieht es so: “Michelle riskierte etwas. Man hätte diese Rolle auch ganz anders spielen können, doch ihre Subtilität und Verwundbarkeit sind erstaunlich.”

Man musste Michelle Pfeiffer nicht lange überzeugen, damit sie die Rolle annahm. “Ich würde mit Stephen Frears praktisch jedes Projekt machen, und als ich Hamptons Script und die Romane las, war ich glücklich, dass ich da mitspielen durfte.”

“Léa ist mit ihrem Leben sehr zufrieden”, erklärt Pfeiffer, “die erfolgreichsten Kurtisanen wie Léa waren reiche und unabhängige Geschäftsfrauen, und sie verkehrten mit Aristokraten. Dann taucht dieser Junge Chéri auf, und nichts ist mehr wie vorher: Sie überlässt sich zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Gefühlen. Ich glaube, sie bedauert ein bisschen, sich nie verliebt zu haben, hat das aber als einen Teil ihrer Professionalität akzeptiert. Vielleicht hat sie das Gefühl, dass dies ihre letzte Chance ist. Wir sehen sie in ihrer Auseinandersetzung mit dem Älterwerden – schließlich ist sie über 40 -, und am Ende der Beziehung kann sie selbst nicht mehr leugnen, dass sie gealtert ist, und sie wird sich damit arrangieren.”

Mit Christopher Hampton zu arbeiten, war für Pfeiffer sehr vielversprechend. “Christopher schreibt toll, aber sein Stil stellt große Anforderungen, besonders an Amerikaner. Wir sprechen flach und monoton, und Christophers Dialoge sind dicht und wortreich und haben einen ganz besonderen Rhythmus. Ich habe festgestellt, dass ich den Rhythmus und Tonfall am besten erfasste, wenn ich mir den Text in Jamben strukturierte. Es war auch sehr beruhigend für mich, dass Christopher die ganze Zeit am Set war. Colettes Texte lassen verschiedene Interpretationen zu, mit Christopher konnte man die Motivationen und Gedanken der Figuren diskutieren.”

Frears’ Arbeitsweise ist anspruchsvoll. “Wir haben nicht vorher geprobt”, lacht Pfeiffer, “nur am Drehtag selbst, das war hart, aber so arbeitet Stephen. Es wurde richtig schwierig, wenn sie das Drehbuch in letzter Minute änderten, weil ich lange Zeit damit verbracht hatte, die Dialoge und deren Rhythmus zu lernen. Gegen Ende der Dreharbeiten habe ich angefangen, ihnen höfliche kleine Nachrichten zu schreiben, so etwa: ‚Ich weiß ja, dass ihr dauernd umschreiben müsst, aber könntet ihr das bitte ein bisschen früher ankündigen?’ Aber natürlich ist es toll, mit Stephen zu arbeiten. Er läuft auf dem Set herum wie ein Miesepeter, aber er ist witzig und klug und sehr, sehr liebenswert.”

RUPERT FRIEND ist Chéri

Die Besetzung des Chéri war ebenfalls nicht einfach. Die Produzenten suchten nach einem Schauspieler, der aussah wie 19 – so alt ist Chéri am Anfang des Films – und die Rolle des verwöhnten, egoistischen jungen Mannes so spielen konnte, dass die Zuschauer ihn sympathisch finden würden.

Frears lud einige amerikanische Schauspieler zu Proben ein, aber schließlich überzeugte der Brite Rupert Friend als viriler, eitler und zugleich sensibler, verletzlicher heranreifender Mann, der langsam begreift, wie viel ihm seine ältere Geliebte eigentlich bedeutet. Er ist im Begriff, ein weiterer Aspirant auf internationalen Ruhm zu werden, wie schon eine ganze Reihe von Darstellern, die mit Stephen Frears gearbeitet haben, etwa Chiwetel Ejiofor (“Kleine schmutzige Tricks”, 2002), Michael Sheen (“Doppelspitze”, 2003), Jack Black (“High Fidelity”, 2000) oder Daniel Day-Lewis (“Mein wunderbarer Waschsalon”, 1985).

“Zu Anfang der Geschichte ist Chéri 19, sorglos, verwöhnt und gedankenlos, aber auch unreif; seine Mutter weiß, dass er einiges lernen muss, um in der Gesellschaft zu reüssieren: Haltung, Konversation und gutes Benehmen. Léa hat genug Erfahrung, um ihn diese Dinge zu lehren, ohne sich von seiner Egomanie abschrecken zu lassen. Als Léa sechs Jahre später von der arrangierten Heirat mit Edmée erfährt, verändert sich die Beziehung”, erklärt Rupert Friend. “Sie fühlt sich betrogen, und Chéri kann sich nicht entscheiden zwischen dem Zusammensein mit Léa und einer konventionellen Ehe, die ihm gesellschaftliche Anerkennung verschaffen würde.”

Es war nicht einfach für Friend, Zugang zu seiner Rolle zu finden: “Chéri hat etwas Ausweichendes”, erklärt er “und er ist ungeheuer apathisch und passiv. Das machte es schwierig. Man versucht herauszufinden, was eine Figur antreibt, und man findet nichts. Umso schöner ist es dann, wenn man plötzlich doch eine Idee bekommt.”

Friend las Colettes Romane, um sich inspirieren zu lassen. “Colette ist eine großartige Schriftstellerin, weil sie es schafft, in einem einzigen Satz eine ganze Szene zu vermitteln, die einem genau jenes Detail liefert, das man braucht, um sich eine Figur zu erschließen.”

Zur Zusammenarbeit mit seinen berühmten Kolleginnen sagt Friend: “Ehrlich gesagt, hatte ich ziemliche Angst davor, mit Michelle Pfeiffer und Kathy Bates zu spielen, aber auf dem Set waren sie für mich eben meine Filmmutter Madame Peloux und meine Geliebte Léa, sonst wäre ich ja vor lauter Angst morgens nicht aus dem Bett gekommen! Wenn man mit Schauspielerinnen dieses Kalibers arbeitet, muss man selbst einfach auch besser sein. Die beiden waren sehr kollegial und großzügig zu mir.”

Friend ließ sich seine Scheu während des Drehens aber offenbar nicht anmerken. “Rupert ist zwar jung, aber ziemlich gewitzt”, sagt Pfeiffer, “er hat sich während des gesamten Drehs wie ein Gentleman benommen, besonders während der etwas gewagteren Szenen. Und falls er nervös war, dann hat er es jedenfalls nicht gezeigt.”

Mit Stephen Frears zu arbeiten, war auch für Friend eine besondere Freude: “Stephen passt perfekt zu Colette, weil beide unglaublich witzig sind und einen ausgeprägten Sinn für trockenen Humor haben. In Colettes Welt gehen die Leute sar-kastisch miteinander um, obwohl sie sich mögen; Launenhaftigkeit und verbale Scharmützel sind an der Tagesordnung, alles kann sich von heute auf morgen än-dern. Genau so ist auch Stephen.”

KATHY BATES ist Madame Peloux

Für die Rolle von Chéris Mutter wurde Kathy Bates angefragt. Die Oscar-Preisträgerin war begeistert von dem Angebot, die charismatische Madame Peloux zu spielen, verbittert in ihren mittleren Jahren, durch ihre ungezügelte Bösartigkeit aber immer noch eine komische Figur.

“Sowie Kathys Name gefallen war, wusste ich, dass sie genug Humor hatte, um die Rolle zu meistern. Beim Filmemachen geht es darum, eine Gruppe von Leuten zu-sammenzubringen, die miteinander harmonieren. Man versucht zu erreichen, dass alle Beteiligten denselben Film machen. Ich wusste einfach, dass Kathy passen würde”, freut sich Stephen Frears noch heute.

“Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als der Stern der Luxushuren bereits zu sinken begann”, erklärt Bates, “Madame Peloux arbeitet nicht mehr wie viele ihrer Kolleginen und achtet jetzt sehr aufs Geld. Sie weiß, dass sie keine andere Möglichkeit hat, ihren Lebensstil aufrechtzuerhalten, als mit ihrem Vermögen geschickt umzugehen. Sie ist dadurch zu einer gewieften Manipulatorin geworden, sie manipuliert alles und jeden zu ihrem eigenen Vorteil. Sie benutzt Léa, ihre harte Konkurrentin von früher, und ihren eigenen Sohn, um das zu bekommen, was sie will, nämlich mehr Geld.”

Michelle Pfeiffer erklärt die Beziehung zwischen Léa und Madame Peloux: “Das ist eine reine Zweckbeziehung, die mit Zuneigung nicht das Geringste zu tun hat. Wenn diese Frauen auch einflussreich waren, so waren sie doch gesellschaftlich isoliert. Es besteht eine Art Komplizenschaft zwischen Léa und Madame Peloux, weil sie die gleiche Sprache sprechen und verstehen. Es ist wie in jedem anderen Beruf auch: Nur die Kollegen wissen wirklich, wovon man redet. Aber zwischen ihnen gibt es auch Rivalität, in der Vergangenheit ging es dabei möglicherweise um Männer, jetzt geht es um Chéri. Madame Peloux mag die ganze Sache eingefädelt haben – sie wollte, dass jemand anderes die Verantwortung für ihren unkontrollierbaren Sohn und dessen kostspielige Eskapaden übernimmt -, aber ich glaube, unterschwellig rivalisieren die beiden Frauen um ihn.”

“Madame Peloux war keine gute Mutter”, fährt Pfeiffer fort, “im Allgemeinen waren diese Damen nicht begeistert davon, Kinder zu kriegen, weil das auf ihr Alter schließen ließ. Mitunter lebten sie ein Jahr oder zwei mit einem Prinzen oder einem Erzherzog und ließen ihre Kinder in der Obhut von Freundinnen oder Angestellten zurück. Vermutlich hatte Chéri eine sehr einsame Kindheit ohne starke Bindungen. Er hat sich herumgetrieben, weil er keine richtigen Wurzeln hat und nicht weiß, wer sein Vater ist. Ich habe den Eindruck, er ist ein bisschen verwildert, ohne Verpflichtungen irgendwem gegenüber. Mit seiner Freiheit kann er nichts anfangen. Madame Peloux macht sich Sorgen um ihn, weil er sich in seinem Alter bereits den Süchten ergeben hat, außerdem kostet er sie eine Stange Geld. Sie hat ihn an Léa ‚ausgeliehen’, damit die ihn ein bisschen auf Kurs bringt und für seinen Unterhalt aufkommt. Sie soll ihn aus Schwierigkeiten raushalten, damit er respektabel und heiratsfähig wird. Natürlich interessiert Madame Peloux vor allem die Mitgift der Braut. Sie erwähnt Léa gegenüber zwar ihren Wunsch nach Enkelkindern, aber eigentlich geht es ihr ums Geld, damit sie es sich mit ihrem Vermögen bequem machen kann. Natürlich will sie auch, dass er durch Heirat all das erreicht, was ihr in ihrer Stellung als Kurtisane versagt blieb: Respekt und Liebe.”

Anders als Léa, die voller Zuversicht in die Zukunft blickt und den Einfluss der beginnenden Moderne auf das kulturelle und soziale Leben in Frankreich mit Spannung erwartet, ist Madame Peloux in ihrer Rückwärtsgewandtheit verhaftet. Sie hat noch nicht verkraftet, dass ihre Schönheit dahin ist, und versucht, dies zu kompensieren, indem sie sich mit Kitsch und Pomp umgibt, um ihren Reichtum zu demonstrieren. “Ihr Haus ist ein Museum voller Geschenke, die sie einst erhalten hat, Trophäen ihres Liebeslebens”, kommentiert Kathy Bates.

Auch Bates freute sich über die Chance, mit Stephen Frears zu arbeiten. “Ich war im siebten Himmel, als ich hörte, dass Stephen Regie führen würde”, sagt sie, “und ich hatte nicht einmal Zeit für Proben. Am Morgen meiner Ankunft wurden die Kostüme anprobiert, und am nächsten Tag begannen die Dreharbeiten! Ich bin ins kalte Wasser gesprungen. Eigentlich ziehe ich es vor zu proben und mich vorzubereiten, aber dieses Mal hatte ich keine Zeit, ein Gefühl für die historische Periode zu entwickeln und konnte mich kaum in den Kleidern bewegen. Ich musste mich also darauf verlassen, dass Stephen mir sagt, ob ich den richtigen Ton treffe. Aber er war immer da, neben der Kamera, und er agierte wie ein Dirigent. Er ist ein bescheidener, reizender, witziger, selbstkritischer, ein einzigartiger Mann. Er hat Klasse, Intellekt, Witz, diesen verdrehten trockenen britischen Humor; und es war in jedem Moment ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten. Ich werde mich noch lange daran erinnern.”
Die Besetzung wurde vervollständigt durch Felicity Jones als Edmée, Chéris junge Frau, die pragmatisch entscheidet, dass ihre Ehe ein Erfolg werden soll und in Chéri jemanden gefunden hat, der ihren sozialen Hintergrund versteht. Außerdem Iben Hjejle als Edmées kaltherzige Mutter, ebenfalls eine frühere Kollegin von Madame Peloux, und Anita Pallenberg als ehemalige Kurtisane und Betreiberin einer Opiumhöhle.

Die Dreharbeiten für den Film begannen im April 2008 in Paris, wo unter anderem in der Villa des Architekten Hector Guimar gedreht wurde, der die Pariser Metroeingänge entworfen hat; gedreht wurde außerdem in Biarritz. Die Innenaufnahmen entstanden in den MMC Studios in Köln.
DIE REKONSTRUKTION DES FRÜHEN 20. JAHRHUNDERTS

Bekannt als großzügiger Regisseur in der Zusammenarbeit mit den kreativen Köpfen seines Stabes, verlässt sich Stephen Frears weitgehend auf Kameramann, Szenen- und Kostümbildner, um den Look des Films zu kreiieren. Aber natürlich ist sein Einfluss entscheidend.

Die Kamera

CHÉRI ist Frears’ erste Zusammenarbeit mit dem vielfach ausgezeichneten Kameramann Darius Khondji. “Stephen hat ein ausgeprägtes visuelles Gespür”, berichtet Khondji. “Er weiß, was richtig oder falsch für die Stimmung ist, aber anders als einige andere Regisseure spricht er nicht über Perspektiven und Kamerapositionen. Bei Stephen geht es mehr um die Gesamtstimmung des Films.”

“Wir haben über die Zeit, die Stimmung, die Atmosphäre und den Look gesprochen”, fährt er fort. “Wir sprachen über die Arbeiten von Max Ophüls, Jean Renoir und über Bertoluccis “Der große Irrtum” (“Il conformista”, 1970), obwohl der natürlich in einer anderen Zeit spielt, und über die Gemälde der Impressionisten. Colette ist schließlich eine impressionistische Autorin. Aber ich versuche nie, bestimmte Gemälde zu imitieren, sondern subtil an sie zu erinnern; meine Arbeit soll die Stimmung von Kunstwerken einfangen.”

Die historische Einordnung des Films – 1906, kurz vor dem Einbruch der Moderne in Europa – war entscheidend für Khondjis Annäherung. “Madame Peloux steckt noch in der Vergangenheit, während Léa zukunftsorientiert ist, und dieser Unterschied zwi-schen den Figuren bestimmte die Lichtsetzung. In Léas Haus herrscht strahlendes Licht, die Kamera bewegt sich leicht und frei. Madame Pelouxs Haus dagegen ist dunkel und bedrückend, vollgestopft mit teuren, aber geschmacklosen Artefakten; und so ist auch die Kamera statisch und schwer.”
Der Film brachte für Khondji unerwartete Überraschungen mit sich: “Ich wusste nicht, dass ich so gern in Paris drehen würde”, erklärt er. “Vielleicht war es das historische Set, vielleicht war es Stephens Zugang, aber ich fand die Arbeit an CHÉRI spannender als die an anderen Filmen.”

Das Szenenbild

Alan MacDonald, der mit Frears bereits bei “Die Queen” (“The Queen”, 2006) zu-sammengearbeitet hatte, kam als Szenenbildner mit an Bord. Er stürzte sich in historische Recherchen, die ihn zur gegensätzlichen Ausstattung von Léas und Madame Pelouxs Umgebung inspirierte.

“Mir wurde klar, dass wir es hier mit einer Zeit der Innovation zu tun hatten”, erklärt MacDonald. “Wir halten unser Zeitalter für innovativ, aber vor 100 Jahren veränderte sich die Gesellschaft gewaltig: mit den wachsenden Möglichkeiten des Bahnreisens, der Elektrizität, der Fotografie, den ersten Automobilen und dem Telefon, um nur einige der neuen Erfindungen zu nennen. Madame Peloux jedoch bleibt der Vergangenheit treu. Sie hat sich einmal für etwas entschieden, und dabei bleibt sie. Léa ist flexibler, sie begreift, dass sich die Gesellschaft wandeln wird.”

MacDonald benutzte Fotografien, um Léas Haus zu charakterisieren, und impressionistische, postimpressionistische und symbolistische Gemälde für Madame Peloux. So entstanden zwei kontrastreiche Looks: Madame Pelouxs Haus ist vollgestopft mit opulentem, schillerndem Kitsch und Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts, während Léas luftiges, elegantes Heim ihren exquisiten Geschmack für moderne Kunst und zeitgemäßes Design widerspiegelt.

Das Interieur von Madame Pelouxs Haus – gedreht wurde in einem 20 Kilometer außerhalb von Paris gelegenen Château – strotzt vor Objekten aus Pariser Antiquitätenhandlungen und Requisitenlagern, etwa ausgestopften Vögeln und Tierköpfen, Seidendraperien, Tierhäuten, vergoldeten Leuchtern und Vasen, auffälligen Schmuckuhren und Zeitmessern, Marmortischchen, bestickten Teppichen und Decken und schweren Kristallkaraffen. Alles riecht nach zu viel Geld und zu wenig Geschmack. “Es gibt auch ein Porträt von Madame Peloux in jüngeren Jahren”, erzählt MacDonald. “Es zeigt, dass sie früher eine große Schönheit war, aber jetzt ist es ein Heiligenbild auf dem Altar ihrer Jugend, das die Zuschauer daran erinnert, welche Macht sich mit ihrer Schönheit verband.”

Léas Heim ist völlig anders. MacDonald und sein Team hatten Glück, dass sie in einer Villa drehen konnten, die der französische Architekt Hector Guimard – der Designer der inzwischen längst zu Kultsymbolen avancierten Pariser Jugendstil-Metro-Eingänge – entworfen und bewohnt hatte.

“Léa ist mit der Zeit gegangen”, erklärt MacDonald, “sie hat die Moderne und den Jugendstil akzeptiert. Während Madame Pelouxs Haus von außen riesig und von innen eng wirkt, ist Léas Heim durchlässig, mit großzügigen, offenen Räumen. Das Haus von Guimard war eines der ersten mit Zentralheizung, also waren keine Kamine nötig, was dem Architekten erlaubte, die Räume zu öffnen und wahre Fluchten zu erschaffen, in denen zweiflügelige Türen von einem Zimmer ins andere führen.”

Die Einrichtung der Räume zeigt Léas Sympathie für die Moderne. Statt Bilder an die Wände zu hängen, arbeitete MacDonald mit Tapeten nach zeitgenössischen Mustern in beruhigenden Pastellfarben wie Flieder, Grau und Blau sowie mit unauffälligem Wandschmuck. Das Mobiliar hat einfache Formen und elegante Linien – ähnlich wie Léas Kleidung, die ohne Korsett und Turnüre auskommt. Als Kontrast zu den toten, ausgestopften Tieren bei Madame Peloux stattete MacDonald Léas Haus mit Blumen und Pflanzen aus.

Léas Schlafzimmer, eines der wichtigsten Sets, und ihr von MacDonald entworfenes opulentes Jugendstil-Bett wurde in den Kölner MMC Studios nachgebaut. Andere Drehorte waren das Hôtel du Palais in Biarritz, wohin Léa flüchtet, und das Hôtel Regina in Paris, die Kirche Saint Etienne du Mont, wo Chéri und Edmée heiraten, und das legendäre Restaurant “Maxim’s”, das im Film “Dragon Bleu” heißt. Dort schlägt sich Chéri mit seinem besten Freund, dem Vicomte Desmond, seine Junggesellenabende um die Ohren.

Die Kostüme

Auch die Kostümdesignerin Consolata Boyle nahm den grundsätzlichen Gegensatz zwischen den beiden weiblichen Protagonisten des Films als Ausgangspunkt für ihre Entwürfe. “Léas Stil zeichnet sich durch Einfachheit aus”, erläutert sie, “und die kühle Weite in ihren Räumen unterstreicht dies. Sie hat einen exquisiten Geschmack und braucht sich nicht mit Artefakten zu umgeben. Gerade weil sie sehr wohlhabend ist, muss sie das nicht zur Schau stellen, während Madame Pelouxs Prunkstücke ihren Besitz und damit ihren Erfolg demonstrieren sollen.”

Boyle ließ sich für ihre Entwürfe von impressionistischen Gemälden inspirieren. Madame Pelouxs Roben sind schwer, dunkel und reich verziert, und sie trägt große, extrem auffällige Hüte. Léas Stil ist schlichter und kühler und betont ihre klare, schöne Silhouette. Boyle arbeitete eng mit dem Friseur und Maskenbildner Daniel Phillips zusammen, der sich in seinen Recherchen auf die Hutmode jener Jahre konzentrierte. Die weichen, üppigen Frisuren der Zeit wurden für Madame Peloux noch ein wenig übertrieben, während er Léas Haare elegant bändigte – frei nach Gemälden von Gustav Klimt.

Für die Kostüme des irisierenden Chéri konzentrierte sich Boyle nicht nur darauf, seine körperlichen Vorzüge zu unterstreichen, sondern verwies auch auf zeitgenössi-sches Theater, Ballett und andere Künste, in deren Welt ihn Léa einführt. “Die jungen Männer seines Schlages in Paris vor 100 Jahren waren besessen von Kleidung, Aussehen und Qualität, und sie waren anspruchsvoll. Im Grunde ist Chéri ein Dandy.”

Die Musik

Schließlich trägt die Musik von Alexandre Desplat, der mit “Die Queen” (“The Queen”, 2006) schon einen Oscar für die Beste Filmmusik gewonnen hat, zur Vervollkommung der Atmosphäre bei. Er beschäftigte sich mit der französischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts – Camille Saint Saëns, Claude Debussy und Maurice Ravel waren gerade in Mode – und mit den orientalischen und mystizistischen Einflüssen, die die zeitgenössische Kultur bestimmten. So schuf er einen Score, der die Raffinesse der französischen Komponisten mit der Exotik chinesischer Geigen kombiniert.

“Frears sagt, dass er von Musik oder Design nichts versteht”, erklärt Komponist Alexandre Desplat, “aber er hat unrecht! Stephen weiß intuitiv, was der Film erreichen soll und welche Mittel er dafür einsetzen muss. Was die Musik betrifft, bittet er mich zwar nicht, diesen Akkord oder jenen Ton zu verändern, aber er sagt, ich solle es frivoler oder wilder oder auch witziger machen. Und dabei ist er sehr engagiert.”

“Ein guter Score erzeugt Gefühle, die auf der Leinwand nicht offensichtlich sind”, erklärt Desplat. “Chéri ist ein melancholischer, feinfühliger und verschlossener Mensch, der nicht viel vom Leben versteht, außer von der Sexualität. Er orientiert sich vage an der Mode und ist insgesamt passiv. So musste die Musik die Sinnlichkeit des Films betonen. Schließlich erzählt er von einem 19-jährigen Jungen, der wenig weiß, aber über erstaunliche sexuelle Attraktivität verfügt, und einer Frau in ihren Vierzigern, die eine Expertin der körperlichen Liebe ist. Und es ist ein intimer Film, deshalb darf das Orchester nicht zu aufdringlich sein. Ich arbeitete mit einem kleineren Ensemble von 50 bis 70 Musikern. Die Hälfte des Scores besteht nur aus Streichern. So kam auch noch ein Streichertrio mit einer Bratsche als Leitinstrument zum Einsatz, das in einer höheren Tonlage spielt, was dem Ganzen einen dunkleren Klang verleiht.”

Desplat ließ sich aber nicht nur vom Drehbuch inspirieren. Er war beeindruckt vom Zusammenspiel des Liebespaars. “Michelle Pfeiffer und Rupert Friend fanden zu einem überraschenden Einklang”, berichtet er, “ich hätte den Score ohne die Subtilität und Emotionalität ihres Spiels nicht schreiben können.”

Der Soundtrack

Der mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Alexandre Desplat eingespielte Score entstand in den weltberühmten Abbey Road Studios in London und ist eine opulente, verspielte und verschmitzte, aber in Teilen auch zarte und wehmütige Hommage an die Belle Époque.

Léa (Michelle Pfeiffer) und Chéri (Rupert Friend) sind sich näher gekommen und genießen ihre Zweisamkeit in luxuriösem Ambiente. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Léa (Michelle Pfeiffer) und Chéri (Rupert Friend) sind sich näher gekommen und genießen ihre Zweisamkeit in luxuriösem Ambiente. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

DIE KURTISANEN – EINE KURZE EINFÜHRUNG

Abgeleitet vom französischen Wort court (“Hof”) bezeichnet das Wort “Kurtisane” die Geliebte eines Höflings. Der Status der Kurtisanen war halb offiziell: Da noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert Ehen innerhalb des Hochadels oftmals kaum nach Neigung, sondern nach wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten arrangiert wurden, unterhielten viele Männer, mehr oder weniger offen, Beziehungen zu Geliebten, die teils großen Einfluss auf deren Entscheidungen hatten. Um ihren nicht durch die Institution der Ehe legitimierten Status zu kompensieren, wurden sie großzügig belohnt und gelegentlich doch noch, etwa von Witwern, geheiratet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehörte es in Paris zum guten Ton, sich eine Kurtisane zu halten. Mit Schönheit, Charme, Witz, Intelligenz und auch politischem Verständnis waren sie begehrte Begleiterinnen und Ratgeberinnen mächtiger Männer in Politik, Wirtschaft und den Künsten; die offizielle gesellschaftliche Anerkennung blieb ihnen jedoch verwehrt; ihre Kreise galten als demi-monde (Halbwelt). In Colettes Roman “Chéri” verkehrt Léa regelmäßig mit einem Boxer, einer früheren Tänzerin, ein paar greisen, senilen Adligen und mehreren ehemaligen Kurtisanen.

Die Kurtisanen waren dennoch Trendsetterinnen, ihr ostentativ verschwenderischer Lebenswandel demonstrierte den Reichtum ihrer Liebhaber; die begehrtesten unter ihnen konnten sich ihre Gönner unter den europäischen Aristokraten und Finanzmagnaten aussuchen. Ihre Verführungs- und Liebeskünste ließen sich die berühmtesten Kurtisanen teuer bezahlen, und durch geschickte Investitionen schafften sie es, die angehäuften Reichtümer zu vermehren, sodass sie ihren aufwendigen Lebensstil auch dann noch fortsetzen konnten, wenn sie nicht mehr schön und jung genug waren, um reiche Liebhaber anzuziehen.

In Colettes Romanen besitzt Madame Peloux eine Brikettfabrik, während Léa in Petroleum investiert hat. So stichelt sie, von Madame Peloux scheinheilig und sensationslüstern nach einer angeblichen “Geldverlegenheit” gefragt: “Meine liebe Lolotte, mach dir keine Sorgen. Beruhige unsere Freunde. Und wünsche ihnen, dass sie nur die Hälfte von dem eingestrichen haben, was ich von Dezember bis Februar mit Petroleum verdient habe.”

Zu den berühmtesten Kurtisanen des 19. Jahrhunderts gehörte Apollonie Sabatier (1822-1889), die Geliebte des belgischen Aristokraten und Industriellen Alfred Mosselman, der mit Kanal- und Straßenbau reich geworden war. Sie unterhielt einen Salon, in dem unter anderen Gustave Flaubert, Victor Hugo und Charles Baudelaire, den sie zu seinem Werk “Die Blumen des Bösen” inspiriert haben soll, verkehrten. Der Verleger Edmond de Goncourt nannte sie “die Präsidentin”, was auf ihren Einfluss schließen lässt. Der Bildhauer Auguste Clésinger verewigte sie 1847 in seiner Skulptur “Femme piquée par un serpent” (Frau, von einer Schlange gebissen), die heute im Musée d’Orsay zu besichtigen ist.

Bekannt und begehrt wegen ihrer Schönheit und Eleganz, ihrem Taktgefühl und Stil war Marie Duplessis (1824-1847), die zunächst die Geliebte eines reichen Kaufmanns war und innerhalb von kurzer Zeit in Paris Mode machte. Noch kurz vor ihrem frühen Tod durch Tuberkulose heiratete sie einen englischen Grafen. Sie inspirierte Alexandre Dumas zu seinem Roman und Drama “Die Kameliendame” und Giuseppe Verdi zu seiner Oper “La Traviata”.

Esther Lachmann (1819-1884), genannt “La Païva”, war mit mehreren europäischen Adligen und Bankiers zusammen und galt als die finanziell erfolgreichste und anspruchsvollste Kurtisane. Mit 52 Jahren heiratete sie ihren langjährigen, elf Jahre jüngeren Geliebten, den preußischen Adligen Guido Henckel von Donnersmarck, der ihr Diamanten und ein Schloss in Frankreich schenkte und außerdem genug Geld, um ein Stadtpalais auf den Champs-Élysées zu bauen.

Die Engländerin Cora Pearl (1835-1886) hatte sich in London als Schauspielerin versucht, bevor sie, finanziert durch einen französischen Herzog, nach Paris ging, wo eine ganze Reihe von Adligen, unter ihnen der Duc de Morny, Halbbruder des amtierenden Kaisers Napoléon III., ihre Liebhaber wurden. Pearl war eine notorische Spielerin, was ihren Liebhabern schließlich zu teuer wurde. Als außerdem einer von ihnen sich in ihrem Haus aus Eifersucht zu erschießen versuchte, wurde sie fallengelassen, musste schließlich ihre beträchtlichen Besitztümer nach und nach verkaufen und starb verarmt.

Im deutschsprachigen Raum, wo man eher von Mätressen spricht, sind im 19. Jahrhundert vor allem Katharina Schratt und Lola Montez als Geliebte von Monarchen bekannt geworden: Die 1853 in Baden bei Wien geborene Katharina Schratt hatte bereits eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin zunächst in Berlin und dann in Wien vorzuweisen, als sie 1885 den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. traf. Sie wurde, mit ausdrücklicher Billigung seiner Gattin Elisabeth (Sisi), die ihrerseits die Freundschaft zu Schratt pflegte, dessen Geliebte und Ratgeberin, blieb jedoch bis 1900 am Burgtheater engagiert. Schratt war ebenfalls Spielerin, für ihre Schulden kam Franz Joseph auf, er schenkte ihr außerdem wertvollen Schmuck und Immobilien. Die Beziehung dauerte bis zum Tod des Kaisers 1916. Katharina Schratt starb 1940.

Lola Montez kam 1821 in Irland zur Welt; sie hatte sich ihren spanisch klingenden Namen auf einer Spanienreise zugelegt und benutzte ihn, um als Tänzerin zu reüssieren, was ihr gelang. Sie zog durch ganz Europa und wurde von Männern umschwärmt, teils von den gleichen, die ihren französischen Kolleginnen zu Füßen lagen. So gehörte etwa Alexandre Dumas zu den Verehrern der Montez. 1844 bis 1846 war sie Teil der Pariser demi-monde, wenig später ging sie nach München, wo sie, 25-jährig, die Geliebte des 60-jährigen Königs Ludwig I. wurde. Sie erhielt großzügige finanzielle Zuwendungen, eine Wohnung und einen Adelstitel, führte aber weiter ein lockeres Leben, bis sie im Verlauf der Unruhen von 1848 aus München fliehen musste. In ihren letzten Jahren schrieb sie Schönheitsratgeber und lebte in New York, wo sie 1860 an einer Lungenentzündung starb. Ihre Geschichte lieferte den Stoff für musikalische Adaptionen und wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 1955 von Max Ophüls mit Martine Carol in der Hauprolle.

COLETTE – SCHRIFTSTELLERIN, PROVOKATEURIN, FEMME FATALE
Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde am 28. Januar 1873 in Saint-Sauveur-en-Puisaye im französischen Burgund geboren. Ihr Vater Jules Colette, ein wegen einer Kriegsverletzung ausgemusterter Offizier, war Steuereinnehmer mit literarischen Interessen, die er an seine Tochter weitergab. Ihre Mutter Sido war eine natur- und freiheitsliebende Frau, die ihre vier Kinder in Abgeschiedenheit von äußeren Einflüssen aufzog. Colette, die als Schriftstellerin den Namen ihres Vaters verwendete, empfand ihre Kindheit als außerordentlich glücklich, aber, so schränkte sie ein, “das war eine Kindheit, die mich schlecht aufs Leben vorbereitete, denn wir lebten abgeschnitten von der Außenwelt, die, wie meine Mutter fand, ausnahmslos aus Idioten bestand.”

1889 lernte Colette bei einer Parisreise den 30-jährigen Henry Gauthier-Villars, einen mäßig bekannten Schriftsteller und Salonlöwen kennen, den sie 1893 heiratete. Unter seinem Pseudonym “Willy” verfasste sie von 1896 an die zunächst vier Bände umfassende Roman-Serie “Claudine”. Die mit autobiografischen Elementen versetzte Geschichte einer jungen Frau erschien zwischen 1900 und 1903. Bald danach ließ sie sich scheiden. Gauthier-Villars, der sie zum Schreiben ermuntert hatte und davon auch finanziell profitierte, gelang es, sich im Verlauf des Scheidungsverfahrens die Rechte an den Romanen zu sichern.

Colette nahm Schauspielunterricht und trat ab 1906 auf Varietébühnen in Paris und der Provinz auf. Hier lernte sie die zehn Jahre ältere, sehr wohlhabende Mathilde de Morny, “Missy” genannt, kennen, mit der sie mehrere Jahre zusammenlebte. Bei einer Aufführung des von Missy geschriebenen Stücks “Rêve d’Egypte” im Moulin-Rouge 1907 küssten sich die beiden auf offener Bühne, was einen Skandal nach sich zog. Das Stück wurde verboten. Colette jedoch nützte die öffentliche Aufmerksamkeit: Ihr 1907 veröffentlichter Roman “La retraite sentimentale”, in dem sie Claudines Geschichte weiterspann, wurde zum Verkaufsschlager.

1909 begann Colette mit der Arbeit an einem weiteren Roman: “La vagabonde”, in dem sie die Geschichte einer armen Varietékünstlerin erzählt, die von Dorf zu Dorf zieht. “La vagabonde” erschien zuerst als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift und kam 1910 in die engere Wahl für den französischen Literaturpreis Prix Goncourt. Colette hatte ihren literarischen Durchbruch geschafft. Außerdem erhielt sie von der Pariser Tageszeitung “Le Matin” ein Angebot, als Kolumnistin im Feuilleton zu arbeiten. 1912 heiratete sie den Chefredakteur der Zeitung, Baron Henry de Jouvenel, mit dem sie bereits zusammenlebte. 1913 – Colette war 40 Jahre alt – wurde ihre gemeinsame Tochter Bel-Gazou geboren, die sie, die Kinder nicht liebte, mit einer Gouvernante auf ein Landgut der Familie Jouvenel schickte. Den Ersten Weltkrieg erlebte Colette zunächst als Krankenschwester, dann ging sie als Reporterin für “Le Matin” in das mit Frankreich verbündete Italien. 1919 wurde sie Leiterin des literarischen Feuilletons.

1920 verfasste Colette ihren berühmtesten Roman “Chéri”, der ihr endlich die lang ersehnte Anerkennung der Literaturkritik und ihrer Kollegen verschaffte: “Was für ein wunderbares Thema haben Sie sich ausgesucht! Welche Intelligenz und Meisterschaft, welche Kenntnis der letzten Geheimnisse des Fleisches!”, schrieb ihr der spätere Nobelpreisträger André Gide.

Die Liebesgeschichte zwischen einer älteren Frau und einem sehr jungen Mann hatte sie allerdings bereits geschrieben, bevor sie mit 47 Jahren selbst ein Verhältnis mit dem 30 Jahre jüngeren Sohn ihres Mannes aus erster Ehe begann, das mehrere Jahre dauerte. Die Beziehung endete erst, als sie 1925 den Perlenhändler Maurice Goudeket kennenlernte, den sie 1935 heiratete. Zwar half sie dem aus einer jüdischen Familie stammenden Goudeket beim Untertauchen vor der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung, sympathisierte jedoch mit dieser, was nach dem Zweiten Weltkrieg verschwiegen wurde. Colette publizierte weiterhin, veröffentlichte 1944 “Gigi”, einen Roman über die Heirat eines jungen Mädchens mit einem reichen, älteren Mann, und wurde 1945 als erste Frau in die Académie Goncourt aufgenommen. Als sie 1954 mit 81 Jahren starb, erhielt sie ein Staatsbegräbnis.

1926 veröffentlichte Colette “Chéris Ende” (“La fin de Chéri”), in dem sie noch einmal eine letzte Begegnung zwischen Léa und ihrem jungen Geliebten beschreibt; sie findet sechs Jahre nach der Trennung statt, nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Chéri Soldat war. Die Erinnerung an sie lässt ihm keine Ruhe, und er sucht sie noch einmal auf, Léa ist jetzt 60 Jahre alt: “Eine Frau saß mit dem Rücken zu ihm an einem Sekretär und schrieb. Chéri sah einen breiten Rücken, die dicke, gegerbte Nackenfalte unter dem dichten und kräftigen grauen Haar, das genauso geschnitten war wie das seiner Mutter. [...] Chéri sah die Muskelanspannung, die zwischen den Schößen der langen Weste die Fülle des ausladenden Leibes einzudämmen versuchte. ‚Wie oft hat sie wohl ihr langes Korsett angezogen, ausgezogen und mutig wieder angezogen, bevor sie es endgültig weggelegt hat … An wie vielen Vormittagen hat sie den Farbton ihres Reispuders variiert, ihre Wange mit einem neuen Rouge eingerieben, ihren Hals mit Cold Cream und einem in ein Taschentuch gewickelten Stück Eis massiert, bevor sie sich mit diesem Lackleder abfand, das auf ihren Wangen glänzt??” Während er bei ihr ist, verharrt Chéri in ungläubiger Apathie; immer noch hofft er, dass er seine Geliebte Léa in der alten, dicken Frau, die er vor sich sieht, wiedererkennt. Nach dem Besuch verfällt er in Depressionen und erschießt sich schließlich, den Kosenamen Léas auf den Lippen.

Genauso schonungslos offen wie Colette über die fröhliche, freie Sexualität schreibt, die Chéri und Léa genießen, oder über die verkrampften Begegnungen im Ehebett, die er später mit Edmée hat, beobachtet sie das Altern der Frauen, die von Berufs wegen zu einer möglichst lang anhaltenden Jugendlichkeit gezwungen sind. So verwundert es nicht, dass sich Colette neben ihren vielen anderen Beschäftigungen zu Beginn der 1930er-Jahre auch als Betreiberin eines Schönheitssalons versuchte, in dem sie ihre eigenen Produkte verkaufte. Der Versuch schlug jedoch fehl, ihre Kosmetik hielt nicht, was sie versprach.

Trotz der wohlhabenden Männer, die sie zum Teil förderten und finanzierten, war Colette in ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen modern: Als späte Mutter, Liebhaberin junger Männer und Geliebte von Frauen, als akribische Protokollantin des weiblichen Alterungsprozesses war sie ihrer Zeit weit voraus.

Chéri (Rupert Friend) begehrt Léa (Michelle Pfeiffer) voller Leidenschaft. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

Chéri (Rupert Friend) begehrt Léa (Michelle Pfeiffer) voller Leidenschaft. © 2009 PROKINO Filmverleih GmbH

CHÉRI
Eine Komödie der Eitelkeiten

nach den Romanen “Chéri” und “Chéris Ende” von COLETTE
Ein Film vonSTEPHEN FREARS
Mit
MICHELLE PFEIFFER – RUPERT FRIEND – KATHY BATES u. v. m.
Kinostart: 27. August 2009
Großbritannien/Deutschland/Frankreich 2009 / 93 Minuten / Format 1:2.35 Cinemascope / SRD

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