Ein hoher Groovefaktor wurde bereits dem selbstbetitelten Vorgängeralbum von Oliver Strauch‘s Groovin‘ High bescheinigt. Mit „ Live with Randy Brecker” geht es nun auf gleichem Kurs, bei leicht veränderter Besetzung, in Form eines fulminanten Konzertmitschnitts noch einen großen Schritt weiter. Das treibende Dreigespann und den konstanten Kern hinter der Band bilden nach wie vor Schlagzeuger und Bandleader Oliver Strauch, der Trompeter und Flügelhornist Randy Brecker sowie der Baritonsaxophonist August-Wilhelm Scheer – nur noch fester verschweißt durch Jahre gemeinsamer Konzerterfahrungen.
Und das bedeutet für dieses Live-Album: noch mehr Groove, Swing, packend gespielte Melodien und vor allem die Intensität eines publikumsnahen Bühnenfeelings – ohne Netz und doppelten Boden. Diese Band funktioniert wie ein Uhrwerk, ohne eine Spur von Sand im Getriebe. Auch die „Neuen”, am Piano Pierre-Alain Goualch, am Bass Gautier Laurent und am Tenorsaxophon Johannes Müller, integrieren sich auf „Live with Randy Brecker” mühelos, im Sinne des Wortes „spielend” in das weiterentwickelte Sound- und Bandgefüge.
Inzwischen spricht Oliver Strauch längst von seiner „Dreamband”, ist überglücklich und höchst zufrieden mit den Leistungen seiner Mitmusiker, mit deren musikalischem Verständnis und der großartigen Zusammenarbeit. Gleichzeitig sagt er, sei ihm stets klar gewesen, dass es sich hier um „sechs Individualisten” handle, die „gemeinsam einen neuen Klang kreieren. Und der ist”, fügt er schmunzelnd hinzu, „vielleicht weniger puristisch. Aber offener, spontaner und risikoreicher!”
„Live with Randy Brecker” mitgeschnitten wurde die CD im „Alten Pfandhaus” in Köln. „Gebaut wie eine Arena, mit dem wunderbaren Kölner Publikum”, erläutert Strauch, „erschien mir diese Location von Anfang an als der richtige Ort für dieses Unterfangen.“ Und mit Bernhard Wittmann fand Strauch auch genau den richtigen Mann am Mischpult fürs Recording, Mastering und Mixing. „Bernhard Wittmann gelingt es”, schwärmt Strauch, „unseren Bühnensound ohne Klangbeeinträchtigung durch Kompressoren so akustisch wie möglich im Raum abzubilden.“ Bereits über das Vorgängeralbum „Oliver Strauch‘s Groovin‘ High” schrieb Martin Schuster in Concerto: „…Sehr dynamisch, sehr abwechslungsreich, meist in Hardbop-Reminiszenzen schwelgend, und mit größtenteils ansprechenden solistischen Leistungen – empfehlenswert!” Norbert Schiegel setzte in der Musikwoche noch einen drauf: „…die Formation verfolgt sehr erfolgreich einen Kurs, mit dem sie immer wieder neue Wege erkunden. Auf diesem Album tun sie das überzeugender denn je…“ Mit der CD „ Live with Randy Brecker” findet nun die Fortsetzung dieser spannenden Mischung statt, aus Postbop, Hard Bop, Swing, Groove-Jazz, Straight-Ahead-Spiel – in Verbindung mit meisterhaften Soli. „ Live with Randy Brecker” ist überhaupt das Medium für den Drummer Oliver Strauch, der seine zweite Rolle als Bandleader auch auf der Bühne auszufüllen weiß: „Du kannst jenseits von arrangierten, geprobten Teilen versuchen, die Musik jeden Abend anders zu spielen. Und ich fühle mich da als die treibende Kraft! Tony Williams sagte, er spiele nur dann provokativ, wenn in der Band nichts passiere. Das ist ein Statement auf hohem Level. Aber das richtige Maß an Zurückhaltung, und – nennen wir es ruhig so –, Arroganz, kann eine Band wirklich bewegen.” (Zitat aus einem Interview mit Carina Prange im Jazz Podium)
Die Stückeauswahl für Oliver Strauch‘s Groovin High – „ Live with Randy Brecker” : Eine fulminante Mischung aus Standards und Eigenkompositionen von Pianist Pierre-Alain Goualch und einem Stück von Drummer und Bandleader Oliver Strauch („Transition”). Höchst begeistert ist Strauch von August-Wilhelm Scheers gefühlvoller Interpretation von „You Don’t Know What Love Is” und dem Tourhit „Funky Beta One”, der mit „spektakulärem Gesang” des Pianisten und Komponisten des Stückes Pierre-Alain Goualch aufwartet. Weiterer Anspieltipp: „Bye Bye Blackbird” mit Randy Breckers gigantischem Trompetenton.
Oliver Strauch‘s Groovin High – Die „Alten”:
Oliver Strauch (dr):
Er ist seit 2009 Professor für Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik des Saarlandes. Ebenfalls 2009 hat Oliver Strauch in NYC mit Kenny Werner und Matt Penman produziert. Seine Veröffentlichung „JFK Show Live in Berlin” auf DVD mit Begleitbuch verbindet kongenial politische Rede (Kennedy), visuelle Darbietung und Musik und wurde mit dem SR-Medienkunstpreis 2007 ausgezeichnet. Strauch faszinierte Kennedys Rhetorik, Betonung und Sprachrhythmik, die er als musikalischen, künstlerischen Ausdruck begriff: „Die Art, wie dieser Mann formulierte, sein Timing, die Phrasierung noch winziger Details, das Timbre seiner brüchigen Stimme, die trotzdem an Aussage und Klarheit keinen Zweifel aufkommen ließ – all das hat mich in ‚direct line’ erwischt…”, so Strauch in seinen einleitenden Worten zu DVD und Buch.
Prof. August-Wilhelm Scheer (bs):
Der 67-jährige begann auf dem Saxophon mit 17 Jahren, entschied sich jedoch zunächst für eine ganz andere Karriere: Scheer ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes; Gründer, Chief Technology Advisor und Aufsichtsratsvorsitzender des Software- und Beratungshauses IDS Scheer AG; Präsident des Branchenverbandes BITKOM und vieles mehr. Seit einigen Jahren spielt er in verschiedenen Big Bands und Combos am Baritionsax. Er ist außerdem Sponsor der Jazzausbildung der Hochschule für Musik Saar. Die Verbindung Strauch-Scheer ist inzwischen ein Dutzend Jahre alt. Kennengelernt hatten sich die beiden in Scheers sogenanntem „Jazz-Club” in Saarbrücken – jene Räumlichkeiten der IDS Scheer AG in Saarbrücken, in denen regelmäßig Jazz präsentiert wird. „Über August-Wilhelm Scheer gelingt es uns,” betont Strauch, „an neue Spielorte zu kommen und so Zuhörer zu erspielen, die wir sonst nicht hätten”.
Randy Brecker (tp, flh):
Man braucht ihn kaum vorzustellen, aber hier zur Erinnerung ein paar Details. Brecker ist ein vielgefragter US-Trompeter, der in den Genres Jazz, Rock und R&B regelmäßig von sich reden macht. Er spielte u.a. mit Charles Mingus, Billy Cobham, Bruce Springsteen und Jaco Pastorius. Sein aktuelles Album „Randy in Brasil“ (2008) wurde bei der Verleihung der 51. Grammy Awards in der Kategorie “Bestes zeitgenössisches Jazzalbum“ ausgezeichnet. Randy Brecker durfte sich damit über seinen insgesamt fünften Grammy freuen.
Oliver Strauch‘s Groovin High – Die „Neuen”:
Pierre-Alain Goualch (p):
Ein hervorragender Pianist, dessen „Beitrag als Komponist von Anfang an wertvoll war”, so Strauch. Eine Aufzählung seiner wichtigsten Einflüsse beginnt Goualch mit Miles Davis, John Coltrane, Wayne Shorter, Thelonious Monk, Keith Jarrett, Herbie Hancock. Musikalisch verortet er sich in den Segmenten Jazz, Soul und Electro.
Gautier Laurent (b):
Der aus Strassburg stammende Kontrabassist Laurent ist, kommentiert Strauch „mein Wunschbassist”, der 2005 nicht zur Verfügung gestanden hatte, aufgrund anderer musikalischer Verpflichtungen. Nach einem klassischen Kursus am Konservatorium von Nancy, den er im Jahr 1994 abschloss, widmet Laurent sich nun ausschließlich dem Jazz und unterrichtet derzeit in der Jazz-Abteilung am Konservatorium in Metz.
Johannes Müller (ts):
Er gilt als Saarbrückener „Young Lion”, war Mitglied des Bujazzo und präsentiert sich in der Region Saar/Lothringen/Luxemburg als neue, wichtige Stimme am Saxophon. Geboren 1981 in Saarlouis, begann er im Alter von elf Jahren bei Ewald Dürrfeld mit dem Erlernen des Saxophons. Bis zu seinem Abschluss 2006 studierte Johannes Müller Jazz- und Popularmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim mit Hauptfach Saxophon bei Prof. Jürgen Seefelder.
Oliver Strauch’s Groovin’ High: Live with Randy Brecker
Nach unserem Erstling im Jahr 2006 und den vielen Konzerten mit “Groovin‘ High” war es mir wichtig, die Band musikalisch umzustrukturieren. Was als Working Band 2005 begann, hatte sich – auch durch die Vertiefung der Zusammenarbeit mit Randy Brecker – bestens entwickelt. Die Lücke, die Rainer Böhm durch seine Übersiedlung in die USA 2007 hinterließ, wurde von dem fulminanten “Sub” Pierre-Alain Goualch hervorragend geschlossen. Auch sein Beitrag als Komponist war von Anfang an wertvoll. Zudem stand mein Wunschbassist Gautier Laurent aus Strasbourg 2005 beim ersten Meeting der “Rehearsal-Band” noch nicht zu Verfügung, hatte nun aber Luft und große Lust. Auch der Saarbrücker “Young Lion” Johannes Müller, der durch die Talentschmiede Peter Herbolzheimers ging, präsentierte sich in der Region Saar/ Lothringen/Luxembourg als eine neue, wichtige Stimme am Saxophon. Zudem kannten wir uns alle von einigen Projekten: u.a. meiner Regio Jazz Group mit Pascal Schumacher und Ernie Hammes. Wir konnten wirklich sagen: eine Dreamband! Auch August-Wilhelm Scheer investierte immer mehr Zeit und Arbeit in das Projekt. Unsere ersten Konzerte mit anschließender Tour (Tschechien, Luxembourg, Deutschland) und einem bestens aufgelegten Randy Brecker waren so ermutigend, das es nach einem Folgealbum geradezu schrie!
In unserer ersten Produktion dominiert noch der Sound von L 14/16 und das war damals gut und richtig. Nun hatten wir die Chance mit sechs Individualisten einen neuen Klang zu kreieren, meiner Ansicht nach weniger puristisch, dafür aber offener, spontaner und risikoreicher. Das neue Album “Live with Randy Brecker“ klingt für mich frisch und nach viel Spielfreude und Spaß. Die Idee, einen richtig guten Set auf CD zu bannen und den Zuhörer in den Konzertsaal hinein zu projizieren, war das selbstgesteckte Ziel der Band. Kein leichtes Unterfangen, denn das Risiko einer Liveaufnahme ist groß. Fehler, die gespielt sind, lassen sich nicht reparieren, Übersprechung der Musiker auf allen Mikrofonen lassen dem Aufnahmetechniker später keine Chance später noch etwas zu reparieren. Bernhard Wittmann arbeitete so, wie ich es mir vorstellte: Den Klang ohne Kompressor, so akustisch wie möglich im Raum abzubilden. Den Moment des Risikos ohne Netz und doppelten Boden einfangen.
Aber entspricht nicht genau dieser Moment, diese Inspiration (die sich hoffentlich dann einstellt), und natürlich der Kontakt zum Publikum dem Wesen dieser Kunstform, die im Studio auch immer wieder an Über-Korrektheit und späteren Misch und Cut-Prozessen scheitert? Welcher Ort war also geeignet, um das Knistern und Prickeln wirklich “rüberzubringen”? Das “Alte Pfandhaus” in seiner Arenaform, diesem Touch der 50er Jahre und dem wunderbaren Kölner Publikum erschien mir von Anfang an als der richtige Ort für dieses Unterfangen. Die Band war am Ende der Tour zusammengewachsen, und Randy spielte phänomenal. Unsere Eröffnung mit “Joshua” und “Eigthy One” ist ganz “in the Tradition” und August-Wilhelms gefühlvolle Interpretation von “You Don’t Know What Love Is” bindet elegant an das Set mit eigenem Material an. “September Boy” und “Transition” klingen transparent, offen und leben von einer gewissen mystischen Atmosphäre, die sich aufbaut und in “Holy Forest” entlädt. Unser “Hit” der Tour war zweifellos “Funky Beta One”. Pierre-Alains Gesang ist wie sein Pianospiel spektakulär – er reizt immer wieder auch seine physischen Grenzen aus. Randy setzt “Bye Bye Blackbird” und sich ein Denkmal und mit viel Augenzwinkern spielt er im Schluss die Melodie von “Stella By Starlight” an. Am Tourbeginn in München, kurz vor unserm Gig bekam er aus NYC die Nachricht, dass seine Tochter endlich das Licht der Welt erblickt hat: Stella!
Links
www.jazznarts.com
www.oliverstrauch.de
Alle Fotos von Jean M. Laffitau, Saarbrücken.






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