Der Stierkampf, die corrida de Toros ist seit eh und je eine umstrittene Sportart, erst recht, seitdem das Bewusstsein über die Behandlung von Tieren in der weiten Öffentlichkeit gestiegen ist – was freilich bisher nicht wesentlich dazu geführt hat, dass vor allem die Lebensbedingungen von Fleischlieferanten wie Rindern, Schweinen oder Geflügel verbessert wurden. Auch mit einem billigen Schnitzel auf dem Teller lässt sich vortrefflich über das grausame Ritual des Stieretötens in einer Arena schimpfen.
Die bekanntesten Stierkämpfe finden in Spanien statt, und Verfechter des Sports verweisen darauf, dass er zur nationalen Identität des Landes gehöre. Ob das wirklich ein Argument ist sei dahingestellt, immerhin ist der Stierkampf nach einer Umfrage aus dem Jahr 2006 72 % aller Spanier egal, woraus man schließen kann, dass er ihnen zur nationalen Identität nicht unverzichtbar scheint.
Andere Argumente für den Stierkampf sind hingegen nicht so einfach von der Hand zu weisen. Immerhin führen die Stiere vor dem Kampf ein artgerechtes Leben im Freiland und leiden erst bei ihrem letzten großen Auftritt im Kampf, während die überwiegende Zahl unserer Nutztiere das Freiland gar nicht erst zu sehen bekommt und unter oft unwürdigsten Umständen aufgezogen wird. Ebenso richtig ist es, dass es ohne den Stierkampf die Rasse der Kampfstiere gar nicht mehr geben würde.
Dass ein Stierkampf auch anders als blutig und tödlich verlaufen und enden kann beweist eine in Frankreich populäre Variante, der Course Camarguaise. Sie ist ein spielerischer Kampf und ein Kräftemessen zwischen Mensch und Tier und bis heute ein grosses Freizeiterlebnis in Südfrankreich. Die ganze Familie geht in die Arenen von Arles, Nîmes oder Beziers, um dort einen Nachmittag lang das Verfolgungsspiel zwischen einer Reihe von Männern sowie den Stieren zu bewundern.
Die Course Camarguaise ist leicht erklärt: der Stier trägt an seinen beiden – keineswegs ungefährlichen Hörnern – eine Reihe von bunten Bändern, und diese gilt es nun für die Kämpfer zu erobern. Von denen gibt es zwei Varianten: die Tourneure, deren Aufgabe es ist, den Stier zu locken, zu verwirren und abzulenken, und die Raseteure, die mittels eines Kammes, den sie in einer Hand halten, versuchen, dem Stier nach und nach die Kokarden zu rauben. Was der Stier natürlich nicht zulassen möchte und dementsprechend reagiert. Er geht dazu auf die Störenfriede los, was durchaus für die Kämpfer riskant ist, falls sie sich nicht rechtzeitig hinter die Bande, die die Arena umgibt, in Sicherheit bringen – was auch nicht unbedingt die Rettung bedeutet, denn manche Stiere verstehen es, geschickt über die Bande zu springen und dahinter die Plagegeister weiter zu verfolgen.
Eine Runde geht über 15 Minuten, und ist der Stier auch anfangs noch voller Kampfesfreude und Spritzigkeit merkt man doch nach einiger Zeit, dass ihm das Spiel etwas langweilig wird und auch anstrengend, so dass die Kämpfer immer gewagtere Provokationen unternehmen müssen, um einen Stier noch einmal dazu zu bringen, sich eine Kokarde rauben zu lassen. Der eine und andere Stier stellt sich nach etwa 10 Minuten regelrecht demonstrativ vor die Türe, durch die er in die Arena gelassen wurde. Dann muss er von den Kämpfern erst wieder etwas motiviert werden…
Bei einer Course Camarguaise steht im Gegensatz zur blutigen Variante des Stierkampfs die Tiere im Vordergrund, was man schon daran erkennen kann, dass ihre Namen auf den Plakaten prangen und nicht die der menschlichen Akteure.
Hat sich der Stier wacker geschlagen, wird er wie ein Held gefeiert und für den nächsten Einsatz hoch gehandelt, denn die Stiere werden pro bestrittenem Kampf bezahlt, und je berühmter der Stier, desto höher sein Preis. Manche der Tiere haben in ihrem Leben bis zu hundert Auftritte und erwerben sich im Laufe der Jahre einen legendären Ruf, da sie mit jedem Kampf lernen und somit in der Lage sind, es den Gegnern von Mal zu Mal schwerer zu machen, ihm genügend Kokarden zu rauben. So kann sich ein Stier höchste Wertschätzung “erkämpfen”, und besonders berühmte Tiere erhalten nach ihrem friedlichen Leben und vielen Courses ein besonders schönes Grab. Ob das für die Tourneure und Raseteure ebenfalls gibt? Wir wissen es nicht.
Die Course Camarguaise ist meist eingerahmt in ein folkloristisches Spektakel mit Reitern, Musikern und Tänzerinnen, die vor der Veranstaltung und während der Pausen das Publikum unterhalten. Am Ende gibt es dann eine Siegerehrung, bei der sowohl der erfolgreichste Raseteur (der mit den meisten ergatterten Bändern) als auch der Stier ausgezeichnet werden, der sich die wenigsten Trophäen hat rauben lassen. Ein unterhaltsamer Nachmittag geht so zu Ende, niemand ist zu Schaden gekommen, die Stiere werden auf ihre Weideflächen in der Camargue zurückgebracht, und die Kämpfer landen in einer der zahlreichen Bodegas rund um die Arena von Beziers…
Text und Fotos (c) Archi W. Bechlenberg


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