„Genie ist, sich ein Leben lang auf das Eine zu konzentrieren.“
(Friedrich Gulda)
Der österreichische Pianist Friedrich Gulda war ein Streiter, ein enfant terrible, ein Exzentriker – vor allem aber eines: ein begnadeter Musiker, in dessen musikalischem Herzen viel Raum war für die Musik der ganzen Welt. Nicht nur der außerordentlich hohe Rang als Interpret der Wiener Klassik ist mit dem Namen Gulda verbunden; auch als Jazzmusiker machte der Wiener Furore und trat mit eigenen Kompositionen hervor. Der Ausnahmepianist setzte mit seinen genialen Beethoven- und Mozart-Interpretationen Maßstäbe. Ganz der Klassik verpflichtet: brillant, technisch perfekt, klar und stets bestrebt, die strukturellen Zusammenhänge durchsichtig zu machen, erlangte Gulda höchste Ehren. Mit Beethoven verbanden ihn der grundsätzlich zum Widerspruch bereite Geist und die geringe Neigung, Grenzen zu akzeptieren. Für seine künstlerische Auffassung und Darbietung der Werke eines „der größten Revolutionäre der Musikgeschichte“ (Gulda) wurden ihm hohe Auszeichnungen zuteil. 1968 erhielt er nach der Einspielung sämtlicher Beethoven-Sonaten den Deutschen Schallplattenpreis; im Jahr darauf sah die Wiener Musikakademie ihn für den Beethoven-Ring vor. Im Alter von 16 Jahren gewann Gulda seinen ersten Wettbewerb und legte 1950 in der New Yorker Carnegie Hall ein furioses Debüt hin – da hatte seine Liaison mit dem Jazz längst begonnen. Den Einschränkungen, die ihm die konservative Klassik-Szene aufzuerlegen versuchte, wusste er sich ungeniert zu widersetzen.
Friedrich Gulda konnte es sich leisten. Trotz aller Verstörungen und Provokationen, die sein Gebaren im Musikbetrieb hervorrief, brachte man seinem genialen Klavierspiel höchste Anerkennung entgegen und sah in ihm einen der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts.
Gulda wurde am 16. Mai 1930 als Sohn eines musikalisch ambitionierten Lehrer-Ehepaares in Wien geboren. Er besuchte zunächst das Grossmann-Konservatorium und nahm dann bei Felix Pazofsky Privatunterricht. Mit neun Jahren schrieb er seine ersten Klavierkompositionen und zeigte sich der Welt bald als kompromissloser Verfolger seines ureigenen Weges. In der 6. Klasse brach Gulda die Schule ab, um sich ganz der Musik zu widmen und belegte an der Wiener Musikakademie Klavier bei Bruno Seidlhofer und zusätzlich Komposition. Durch die Schule des „strengen Satzes“ lernte er die unterschiedlichen historischen Ansichten über die Architektur der Musik zu vertiefen. Während des Studiums gewann das junge Talent den 1. Preis beim internationalen Genfer Musikwettbewerb. Es öffneten sich dem 16-Jährigen viele Türen und die internationalen Konzertpodien schienen nur auf ihn gewartet zu haben. In Genf machte Gulda auch mit dem Jazz Bekanntschaft – eine Musik, die ihm zunächst befremdlich erschien, die ihn bald jedoch zu fesseln begann. Musiker wie Count Basie, Duke Ellington, Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Dexter Gordon drangen in seinen musikalischen Kosmos ein und blieben.
Bereits in seinen frühen Aufnahmen von 1947 bis 1949 präsentierte sich Gulda als erstaunlich reifer und überaus talentierter Interpret der Werke Mozarts, Debussys, Chopins, Bachs und Prokofjews. Er schien bereits angekommen zu sein:
„Das Gefühl des klassischen Pianisten war völlig dominierend und es hat mir auch Spaß gemacht. Es machte mir Spaß, erfolgreich zu sein mit dieser Musik, die ich liebte und ungeheuer verehrte, und alle zu entzücken, zu bezaubern.“ Bald jedoch waren ihm die starren Strukturen des klassischen Musikbetriebs zu eng. Das Konzertwesen schien ihm „hohl, unglaubwürdig, verlogen“ und er nahm sich die Freiheit, seinen eigenen Visionen einer Musikerexistenz zu folgen. „Meine musikalische Erziehung beruht auf den großen Klassikern, Mozart, Beethoven, Schubert. Ich war Musterschüler… blah, blah, blah. Mitten in diese Zeit offizieller Anerkennung einer bis dahin mustergültigen Laufbahn, summa cum laude, fiel meine Begegnung mit der mir damals ganz fremden Jazzmusik. Das wirkte wie eine Befreiung.“
In Duke Ellington sah Gulda den größten Komponisten des 20. Jahrhunderts und den Jazz befand er für die wichtigste kreative Errungenschaft dieser Zeit. Er begann seinen musikalischen Aktionsradius zu erweitern, lernte Saxophon und Schlagzeug und eiferte Miles Davis nach. „Ich bin in den Jazzclub gegangen und habe dort mein musikalisches Glück gefunden.“, erläuterte Gulda in einem Interview, das er 1989 der „Zeit“ gab. „Dort gab es noch eine halbwegs intakte Gesellschaft mit einer gewissen kumpelhaften Verbundenheit, Kameradschaft, Wärme, Liebe, lauter Dinge, die ich in der kalten akademischen Welt vermisste. Das war meine Rettung.“ 1956 wagte der weltberühmte Interpret der Wiener Klassik sich auf die Bretter des legendären New Yorker Jazz-Clubs „Birdland“: „Das war wirklich eine Mutprobe. Die habe ich bestanden und darauf bin ich auch ziemlich stolz.“
Er vertiefte sich weiter in das neu entdeckte Genre und lebte eine Doppelexistenz: „… an acht Abenden 32 Beethovensonaten (…) und in der gleichen Woche sechsmal Saxophon“.
Gulda gründete 1960 das Eurojazz-Orchester, mischte unbekümmert Jazz mit Mozart, initiierte Weltmusik-Festivals in Ossiach, in Viktring und Salzburg und organisierte die Tage freier Musik auf Schloss Moosbach im Lungau.
Friedrich Gulda war einer der am meisten gefeierten Pianisten der Welt und verweigerte gleichzeitig alle Ehren, die ihm in Form von Ehrenmitgliedschaften, Orden und Auszeichnungen zugedacht wurden. Er hatte wenig Skrupel, Veranstalter mit der strikten Weigerung zu konfrontieren, sich auf ein verbindliches Konzertprogramm einzulassen. „Ich bin doch kein Narr und lass mich da irgendwo reinpressen. Außerdem geh ich ja auf das Publikum ein. Was ich spiele, hängt von meiner Interessenlage und eben stark davon ab, wie das Publikum reagiert. EMusikpuristen bezeichnete er als „vernagelte Klassik-Trottel“ und der Journaille, die seinen gegen das Establishment gerichteten Aktionen und seinen erweiterten Musikbegriff meist mit Spott und Hähme überzog, narrte er mit offenkundigem Vergnügen, als er anlässlich einer bevorstehenden Operation verlangte, dass „Nachrufe zu meinem Ableben zu unterbleiben“ hätten, er wünsche nicht, dass ihm der „Schmutz“, mit dem die Presse ihn beworfen habe „auch noch ins Grab nachgeschmissen“ werde. Nachdem er am 28. März 1999 sein Ableben durch Schlaganfall vermeldet hatte, feierte er wenige Tage später in Salzburg seine „Auferstehungsparty“ mit der Go-Go-Truppe „Paradise Girls“ und vielen Musikern.
Als ihn die Wiener Musikakademie 1969 mit der Verleihung des Beethoven-Rings ehrte, nutzte Gulda die Gala-Veranstaltung, um in einer flammenden Rede seinem Rebellen-Herzen Luft zu machen: „Ich halte ein so durch und durch konservatives Institut wie die Wiener Staatsakademie nicht für berechtigt, eine Auszeichnung zu vergeben, die den Namen trägt,“ provozierte Gulda die Repräsentanten der Akademie. Und an die Studenten gewandt fügte er hinzu „Erzieht Euch die Staatsakademie zu wahren Nachfolgern des musikalischen Rebellen und Neuerers Beethoven? Sicher nicht, sie leitet Euch im Gegenteil zu zahmem Nachbeten an, Ihr werdet zu fügsamen Musikbeamten erzogen. Ich habe den Eindruck, dass man mich durch die Verleihung des Beethoven-Ringes dazu verhalten will, mich mit den erwähnten Missständen, welche meiner Ansicht nach allesamt einen Verrat an der revolutionären Botschaft Beethovens darstellen, solidarisch zu erklären und diese zu sanktionieren. Nun bin ich zwar auch nur ein Mensch und gewissen Verführungen und Bestechungen zugänglich (wie wir alle) – doch nicht, wenn es sich um so ernste Dinge wie die musikalische Erziehung handelt.“ Sprach’s – und gab den Preis zurück.
(Text: Booklet zu Friedrich Gulda FABFOUR 4 CD Kassette)
In dieser Kassette findet man Aufnahmen Guldas, die bis ins Jahr 1947 zurück reichen, da war der Künstler gerade einmal 17 Jahre alt. Um so faszinierender, mit welcher Reife er bereits als Jugendlicher verstand, Komponisten wie Debussy und Prokofiev zu interpretieren. Auch die Mozart’schen und Beethoven’schen Klavierkonzerte in Einspielungen von 1951, 1955 und 1957 zeigen eine interpretatorische Reife, die nur einem wahrhaft genialen Musiker möglich ist zu beweisen. Die Tonqualität aller Aufnahmen trotz ihres Alters ist ausgezeichnet, auch wenn es sich um Monomitschnitte handelt.
Friedrich Gulda 4 CD Wallet
CD 1
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
1. Das Wohltemperierte Klavier Teil 1: Präludium & Fuge G-Dur BWV 860 /
The Well-Tempered Clavier Part 1: Prelude & Fugue in G major BWV 860Â 3:20
2. Partita I B-Dur BWV 825: Menuett I & II / Partita I in B-flat major
BWV 825: Minuet I & IIÂ 3:38
3. Toccata c-Moll BWV 911: Fuge c-Moll / Toccata in C minor BWV 911:
Fugue in C minor 7:29
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Klaviersonate D-Dur KV 576 / Piano Sonata in D major KV 576
4. I. Allegro 4:57
5. II. Adagio 4:53
6. III. Allegretto 3:57
Frédéric Chopin (1810-1849)
7. Berceuse: Des-Dur op. 57 / in D-flat major op. 57Â 4:22
8. Etude: As-Dur op. 25, 1 / in A-flat major op. 25,1Â 2:10
9. Ballade: As-Dur op. 47,3 / in A-flat major op. 47,3Â 6:40
Claude Debussy (1862-1918)
10. L’isle joyeuse 5:16
11. Images I: Reflets dans l’eau 5:04
Sergej Prokofjew (1891-1953)
Klaviersonate Nr. 7 B-Dur op. 83 / Piano Sonata No. 7 in B-flat major op. 83
12. I. Allegro inquieto 8:05
13. II. Andante caloroso 6:18
14. III. Precipitato 3:04
Total Time: 69:19
Friedrich Gulda (Klavier / piano), aufg. / recorded in: 1947 (1-3, 10, 12-14), 1948 (4-9)
CD 2
Klavierkonzert Nr. 25 C-Dur KV 503 / Piano Concerto No. 25 in C major KV 503
1. I. Allegro maestoso 14:18
2. II. Andante 7:59
3. III. Finale: Allegretto 8:56
Klavierkonzert Nr. 26 D-Dur KV 537 / Piano Concerto No. 26 in D major KV 537
4. I. Allegro 13:49
5. II. Larghetto 5:41
6. III. Allegretto 9:54
Total Time:Â 60:40
Friedrich Gulda (Klavier / piano), New Symphony Orchestra, Anthony Collins (Dirigent / conductor), aufg. / recorded in: 1955
CD 3
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15 / Piano Concerto No. 1 in C major op. 15
1. I. Allegro con brio 18:52
2. II. Largo 12:32
3. III. Rondo: Allegro scherzando 8:56
Friedrich Gulda (Klavier / piano), Wiener Philharmoniker, Karl Böhm (Dirigent / conductor), aufg. / recorded in: 1951
Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 / Piano Concerto No. 3 in C minor op. 37
4. I. Allegro con brio 16:22
5. II. Largo 8:32
6. III. Rondo: Allegro 9:02
Total Time: 74:18
Friedrich Gulda (Klavier / piano), Kölner Rundfunk Sinfonieorchester, Mario Rossi (Dirigent / conductor), aufg. / recorded in: 1957
CD 4
Klaviersonate Nr. 8 c-Moll op. 13 “Pathétique” / Piano Sonata No. 8 in C minor op. 13 “Pathétique”
1. I. Grave. Allegro di molto e con brio 8:03
2. II. Adagio cantabile 5:03
3. III. Rondo: Allegro 4:09
Klaviersonate Nr. 9 E-Dur op. 14, 1 / Piano Sonata No. 9 in E major op. 14, 1
4. I. Allegro 6:33
5. II. Allegretto 3:16
6. III. Rondo: Allegro comodo 3:01
Klaviersonate Nr. 10 G-Dur op. 14, 2 / Piano Sonata No. 10 in G major op. 14, 2
7. I. Allegro 7:16
8. II. Andante 5:02
9. III. Scherzo: Allegro assai 2:57
Total Time:Â 45:25
Friedrich Gulda (Klavier / piano), aufg. / recorded in: 1957


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