Fahrradinsel Fünen

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Svendborg, 25. September 2009 (vdk) Die Überfahrt verläuft ruhig. Seevögel kreischen, bedächtig schlagen Wellen an die Bordwand, die salzige Luft schmeckt nach Ferien. Der Kapitän schmirgelt an seinem hölzernen Steuerrad herum und deutet zwischendurch auf die Inseln, die wir steuerbords erkennen. Zunächst Ærø im Südosten, dann nähern wir uns Lyø und im Nordwesten Helnæs. Bald darauf legen wir an. Fünen, die Fahrradinsel ist erreicht.

Doch immer der Reihe nach. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Bei unseren nördlichen Nachbarn, in Dänemark. Fünf Tage mit viel Bewegung an frischer Luft und ausreichend Zeit für Entdeckungen liegen vor mir. Bereits auf der ersten Etappe von Flensburg zur südjütischen Insel Alsen begleitet mich ein stetiger Rückenwind aus Westsüdwest und treibt mein Rad die Hügel hinauf. Vom Dybbøl-Hügel geht der Blick weit hinaus auf die Flensburger Förde: Die Segelboote kreuzen dort wie Stoffservietten auf dem tiefblauen Meer. Und die Sonne lacht dazu aus heiterstem Himmel. Am Abend erreiche ich Sønderborg, werfe einen ersten Blick auf die trutzige Festung am Hafen und grüße die stolze Marienkirche.

Vandrerhjem: Überall präsent

Bald darauf stehe ich vor der Jugendherberge, die in Dänemark „Danhostel – Danmarks Vandrerhjem“ heißt. In über 100 Orten sind sie präsent, jede Herberge hat ihren eigenen persönlichen Charme, ohne dass Grundprinzipien und –einrich-tungen vernachlässigt werden. Sie sind aufgrund ihrer Ausstattungsmerkmale klassifiziert mit ein bis fünf Sternen und für Gruppen ebenso geöffnet wie für Einzelwanderer und Familien. Interessant im Zeitalter von „All-inclusive“ ist das Baukastensystem der Leistungen: Jeder Gast zahlt nur das, was er tatsächlich nutzt und haben möchte. Das günstigste Angebot: Ein Bett im Mehrbettzimmer für etwa 150 dänische Kronen. Auf Wunsch Frühstück, Bettwäsche und Einzelzimmer gegen Aufpreis. Gratis, aber nicht umsonst, ist der freundliche Service.

Am nächsten Morgen stärkt ein herrliches Frühstücksbuffet. Rasch ist das Rad beladen und schon geht es weiter. Der bestens markierte Fernradwanderweg 8 führt an Sønderborgs Segelhafen vorbei, dann durch Buchenwälder immer direkt an der Küste entlang. Herrliche Ausblicke auf das Meer verwöhnen mich, dann biegt der Weg ab ins hügelige Inselinnere und führt auf schmalen, kaum befahrenen Straßen weiter nach Nordosten. Ich sause durch kleine Ortschaften mit reetgedeckten Häusern und geweißten Kirchen. Nach zwei Stunden bin ich in Fynshav. Von hier geht es mit der Fähre über den Kleinen Belt. Ich habe genug Zeit, um Tickets zu kaufen und eine genüssliche Pause zu veranstalten. Warten auf Fünen, die Insel von Hans-Christian Andersen. Die Insel mit 1.100 Kilometern Küstenlinie und beinahe 100 vorgelagerten Inseln.

Fünen: Welliges Land, urige Ortschaften

Auf Fünen sind es noch 15 Kilometer bis Faaborg. Der Weg führt über welliges Land mit leuchtenden Rapsfeldern und durch zauberhafte Ortschaften, wie Horne. Dann, nach einer letzten Kuppe, taucht Faaborg auf. Urig wirkt die kleine Altstadt mit ihren schmalen Gassen, den netten Kneipen und Cafés. Das Vandrerhjem liegt ganz in der Nähe, neben dem Museum. Die Zimmer sind klein, es herrscht eine sympathisch persönliche Atmosphäre.

Am frühen Morgen umgibt eine herrliche Ruhe die Herberge. Die Sonne scheint, und so kann auf der Terrasse Platz genommen werden. Dampfend heißer Kaffee vertreibt die letzte Müdigkeit der Nacht, und es kommt dieses unvergleichliche Feriengefühl einer entspannten Gelassenheit auf. Die britische Familie am Nachbartisch will mit der Fähre einen Tagesausflug nach Lyø machen. Ich zögere, ob ich nicht auch noch bleiben soll, entscheide mich schließlich doch fürs weiterradeln. Tagesziel ist Svendborg, das „Kopenhagen Fünens“, wie mein Reiseführer meint. 38 heute nahezu windstille Kilometer liegen vor mir. Wieder führt die Strecke nah am Meer entlang. Nach zweieinhalb Stunden erreiche ich die gepflegte, sehenswerte Hafenstadt.

Tåsinge: Kapitänshäuser und ein Schloss mit Löchern

Zu der kleinen Insel Tåsinge zwischen Fünen und Langeland geht es über die Svendborg-Brücke. Für weniger Schwindelfreie ein prickelndes Erlebnis. Aber was für ein Ausblick: Nach Westen weit hinaus auf den Sund, Richtung Osten ein Panoramablick auf Svendborg —  so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Der kleine Inselort Troense hat ein Schifffahrtsmuseum und etliche reetgedeckte Kapitänshäuser, viele sind – besonders in der Grønnegade – hunderte Jahre alt. Am kleinen Hafen kann man herrlich Pause machen und das Inselglück genießen. Gegenüber, auf der anderen Meeresseite, grüßt schon die nächste Insel: Thurø. Und gut einen Kilometer südlich von Troense liegt Valdemars slot. Der dänische König Christian ließ es im 17. Jahrhundert für seinen Sohn Valdemar bauen. Mit den Torbogendurchfahrten, dem sonnenbeschienenen ockerfa rbenen Teepavillon und der wohltuenden Ruhe malt der späte Nachmittag dort sein pittoreskes Bild.

Am Abend, zurück in der Herberge, bekomme ich noch Gesellschaft ins Mehrbettzimmer: Ein älterer Däne ist zum Krocketturnier vom Limfjord nach Svendborg gekommen. „Man muss im Alter was unternehmen,“ erzählt er mir auf Englisch. Früher sei er zur See gefahren, erfahre ich am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück. Auf allen sieben Weltmeeren ist er zu Hause gewesen. Und den Kaiser-Wilhelm-Kanal hat er auch passiert.

Langeland: Lang wie ein knallgelber Maiskolben

„Seemannsgarn“, denke ich und nehme, wieder im Sattel sitzend, Kurs auf Langeland. Die Insel trägt ihren Namen zu Recht: Sie ist 58 Kilometer lang und manchmal nur vier Kilometer breit. Über die große Langelandsund-Brücke gelangt man sogleich nach Rudkøbing, dem größten Ort auf Langeland. Bereits gut sieben Kilometer weiter östlich verkehrt von Spodsbjerg die Fähre nach Tårs auf Lolland. Aber die Sonne strahlt zu kräftig, und die Insel ist zu reizvoll, als dass man hier einfach so durchbrausen könnte. So radele ich nach Norden bis Tranekær und bestaune dort das „Rote Schloss“ und seinen Land Art-Park.

Unterwegs stoße ich auf eine Besonderheit: Ein Tabakmuseum. Als in den Weltkriegen der Tabak in Dänemark knapp wurde, hat man hier tatsächlich Tabak angebaut. Und das nicht ohne Erfolg. Heute zeugt ein interessantes kleines Museum von den Aktivitäten der damaligen Zeit. Ein freundlicher dänischer Großvater berichtet stolz von seinem Erfolg als Tabakzüchter, und natürlich kaufe ich ein paar Samen, um es ihm zu Hause nachzutun. Für einen Nichtraucher ein fragwürdiges Vorhaben, doch er versichert, dass es kein besseres Unkrautvernichtungsmittel gäbe, als Tabakblätter. Das überzeugt, Kronen und Samen wechseln ihre Besitzer. Wenig später geht es an den Strand: Stengade Skov. Was für ein Paradies. Ich stehe unter einer mächtigen Buche und blicke über feinsten Sand auf das herrlich blaue Meer.

Rudkøbing, bunte Stadt am Meer

Am Abend mache ich mich auf zu einem Fotospaziergang durch Rudkøbing. Bedeutender Sohn der Stadt ist Hans Christian Ørstedt, Physiker und „Entdecker“ des Erdmagnetismus, den er mit Hilfe eines selbstentwickelten Messinstrumentes nachweisen konnte. Stolz sind die Einwohner auf ihn und haben am Gåstorvet (Gänsemarkt) ein Denkmal aufgestellt. In der Smedegade und der Ruestræde beeindrucken die niedrigen Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert mit ihrer Vielfarbigkeit. Kaum ein Farbton, den es nicht gibt. Besonders beliebte Anstriche sind kaminrot und ockergelb, aber es gibt auch lila und rosa und natürlich weiß und grün. Rudkøbing, du bunte Stadt am Meer.

Mit diesen farbenfrohen Bildern geht es am nächsten Tag mit Fähre und Bahn zurück nach Tyskland. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und die Vorfreude auf das nächste Jahr. Dann führt die Tour weiter von Lolland nach Falster, zu den Kreidefelsen auf Møn und hinauf nach Seeland bis Kopenhagen. Noch zwei, drei Tritte in die Pedalen, und ich bin wieder Zuhause. Und der Himmel ist immer noch wolkenlos.

Text: Torsten Wenk


Information:
Fünen: www.visitfyn.com
Südjütland: www.sydjylland.com
Danhostel: www.danhostel.dk
Fähren: www.nordic-ferry.com
www.smaa-faergerne.dk

 
 
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