Am Anfang war die Wurst, dann kam ein Jahr später Weihnachten. Und nun legen Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach und Vincent Klink das dritte gemeinsame Buch vor, handschmeichelnd im Format, fein in Leinen gebunden, gedruckt auf schön festes Papier. WEIN heißt es, und um eben diesen drehen sich Texte, Bilder und Rezepte der drei Autoren, die sich – glaubt man der Mär im Vorwort – vom Verleger zu dem Buch verleiten lassen mussten. Was barer Unfug ist, so schön und liebevoll, wie dieses Buch gefüllt und gestaltet wurde. Da waren welche mit Freude bei der Sache, kein Wunder bei diesem Thema. Denn Wein ist nun mal (er sollte es jedenfalls sein) ein Getränk, das nicht nur prächtig zum Trinken, sondern auch zum Fabulieren animiert. Was die Autoren – jeder auf seine Weise – ausgiebig tun.
Das Buch nimmt man bei der ersten Begegnung liebevoll in die Hand und schlägt es an beliebiger Stelle auf – egal wo, man findet gleich eine Stelle, in der man sich festlesen kann. Sei das die Schilderung Wiglaf Drostes von seiner Begegnung mit Wein an einem Bahnhofskiosk in Frankfurt, sei das Vincent Klinks Begegnung mit einer schönen Winzerin im Wonnegau, sei es das Bild des ersten kleines Deliriums, in dem Nikolaus Heidelbach die Begegnung eines Trinkers mit einem – ja, was mag das sein? Es hat auf jeden Fall sehr große Augen und ziemlich sicher auch ein sehr großes Maul – nachvollziehbar darstellt.
Wussten Sie, dass Nicolas Sarkozy, immerhin der amtierende französische Präsident, keinen Wein trinkt? Wiglaf Droste klärt darüber auf und erklärt uns zugleich die Welt der Kleinen und Mächtigen: “Sarkozy ist eine einzige ehrgeizgetriebene Disziplinleistung auf Beinen – auf kurzen Beinen, muss man im Sinne der Wahrheitsfindung hinzufügen. Denn in der Gruppe der Männer unter einem Meter siebzig Körpergröße gibt es die Untergruppe der bösartigen Chefzwerge, die einen Zukurzgekommenenkomplex entwickelt haben, den sie durch immerwährendes Heißlufthantieren, Aufplustern und Auf-die-Zehenspitzen-Stellen abarbeiten müssen – bis sie, und zwar um jeden Preis, von allen wahrgenommen werden und eine Position erreicht haben, die es ihnen ermöglicht, beim Von-unten-nach-oben-Kucken zu den Größeren hinauf dennoch auf diese herunter-, ja herabzusehen. Solche Männer – als treffendes zweites Beispiel neben Nicolas Sarkozy mag hier Wolf Biermann gelten – sind nimmersatte Aufmerksamkeitserpresser oder weit Gefährlicheres.”
Nikolaus Heidelbachs Bilder, liebevoll erdacht und zu Papier gebracht, begleiten Drostes und Klinks Bilder und geben dem Auge, was des Auges ist. Da sehen wir “Neun Vorschläge zur Rettung der Korkeiche”, da sehen wir einen Korkenzieher (siehe Foto), der sich sowohl in klerikalen wie in antiklerikalen Kreisen gut verkaufen lassen dürfte, da begleiten wir Trinker von einem Delirium ins nächste und werfen einen intimen Blick in die Szenerie einer “Drei Korken Ehe”. Und wie es ausschaut, wenn ein Wein einen schleimigen Abgang besitzt – Heidelbach lässt uns daran teilhaben.
Vincent Klink trägt zu WEIN weit mehr als Rezepte bei, schließlich ist dieses Universalgenie nicht nur ein großer Koch, sondern auch ein ebensolcher Schreiber vor dem Herrn (von seinen musikalischen Leistungen ganz zu schweigen, auf dem Bild sieht man ihn mit seinem Bass-Flügelhorn). So begleitet der Leser ihn dann auf eine Exkursion ins Rhein-Hessische, wo es, wusste man’s?, den teuersten trockenen Riesling sowie rostige, sieche Motorradveteranen gibt, an denen des Meisters Herz kleben bleibt. Wir erfahren, dass es eine Weinsuppe war, über die Vincent sich mit seinem Vater für lange Zeit zerstritt, und er lässt uns an seinen erotischen Eskapaden teilnehmen (“Ich bin an der Abrisskante des Irrsinns. Köchin und Koch jetzt ganz in Weiß. Im Dampf des Küchencockpits machen sich flüchtende Gewürze breit, und ich habe sicher auch schon die Emissionen eines Pumakäfigs.”), bei denen, natürlich, der Wein, in diesem Falle ein Banyuls, eine wichtige Rolle spielt.
Rezepte. Bressehuhn Coulée de Serrant. Scaloppine al Marsala. Burgunder Rindfleisch. Um nur einige aus dem Buch zu nennen, zu deren Bestandteilen der eine und andere Wein gehört. Aus Klinks Küche und somit lecker und nahrhaft. “Entweder man ist schlank, oder man sieht gut aus.” So des Meisters Apodiktum, dem ich mich von Herzen anschließe.
WEIN ist ein Buch für Genießer, für Sinnesfreunde, für Gehirn- und Gaumengourmets und nichts für Mucker und Temperenzler, denen selbst der Rausch der Nüchternheit unbekannt ist. Dafür stehen die drei Autoren, die jeglicher Fastentümelei unverdächtig sind. Am Anfang war die Wurst, dann kam Weihnachten, jetzt der Wein - da stellt sich unwillkürlich die Frage, womit wird uns das Trio Gastronale wohl danach erfreuen? Wasser? Wirsing? Wandkalender? Warten wir wohlig-weinselig.
awb







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