Bill Carrothers – Home Row

Am 31. Oktober wird das dritte Pirouet-Album des amerikanischen Pianisten Bill Carrothers veröffentlicht, das mit einer Besetzung vom Feinsten aufwartet: neben Bill Carrothers (p) spielen Gary Peacock (b) und Bill Stewart (dr) – in einer Aufnahme von 1992: Ein Trio-Spiel auf ganz hohem Level kann man hier nacherleben: komplexe, kommunikations-intensive Musik voller Überraschungs- momente. Und nicht zuletzt ist es Musik, die den Sinn fürs Besondere auch durch eine packende Sinnlichkeit unterfüttert – umso mehr, als diese Aufnahmen eine ganz spezielle Energie haben. Es ist, als sei hier einer der Momente festgehalten, in denen jener Bill Carrothers, den man heute kennt – der Querdenker, der bekannte Jazzstücke immer einen Dreh anders spielt als die meisten -, gerade seinen eigenen Weg gefunden hatte.

Den 44-jährigen Bill Carrothers kann man getrost auch als schrägen Vogel der Jazzszene bezeichnen – siehe seine Kurzbiografie und weiter unten das CD-Info.

BIOGRAFIE

Der 1964 geborene und in Minnesota aufgewachsene Bill Carrothers lebt mit seiner Familie in einem hundertjährigen Haus im ländlichen Michigan. Vielleicht liegt es an seinen vielerlei Talenten, dass der als skurriler Eigenbrötler geltende Pianist trotz seiner langen Karriere und seiner vielen Alben als Leader und Sideman (unter anderem mit Bill Stewart und Dave Douglas) immer noch als Geheimtipp gehandelt wird. Über mangelnde Anerkennung kann er sich jedenfalls nicht beklagen. So gab es bereits renommierte Auszeichnungen wie dem Deutschen Schallplattenpreis (Vierteljahresliste) und den französischen “Diapason d’Or”. Ebenfalls sicher ist sich Bill Carrothers der Bewunderung seiner Kollegen wie Lee Konitz, Buddy De Franco und Bennie Wallace, mit denen er zusammengearbeitet hat. Gleichwohl kann er von seiner Musik allein nicht gut genug leben und verdient sich zuweilen auch als Koch sowie Computerprogrammierer.

Eine Art Tausendsassa also, ein eigenwilliger Kopf. Auf seiner sehenswerten Homepage http://www.carrothers.com/ präsentiert sich der Künstler, “als eine Mischung aus Träumer, Desperado und Monty-Python-Humorist”, so der Journalist Tom Gsteiger. Sein erstes Pirouet-Album “I love Paris” von 2005 wurde als “sublim subversives Trio Album” gefeiert, dem “das Kunststück gelingt, zugleich altmodisch und sehr modern zu tönen” (Der Bund, 2005). Und die Neue Züricher Zeitung (2005) lobte den Jazzpianisten als einen “der seit Jahren mit Aufnahmen in ungewöhnlicher Besetzung auf sich aufmerksam macht”, und der stets “Erstklassiges” liefert. Rolf Thomas sah in “I love Paris” ein “kleines Juwel” und schrieb: “Spielen kann diese Stücke (fast) jeder, um sie aber mit leben und Bedeutung zu erfüllen, braucht es vielleicht eine bewegte Karriere wie die von Bill Carrothers.” (Jazzthetik, 2005) Sein zweites Pirouet-Album “Keep Your Sunny Side Up” (2007) wurde von der Kritik erneut gefeiert und vom Magazin Rondo zur Jazz-CD des Monats gekürt, Werner Stiefele lobte: “Dem Trio gelang ein Meisterwerk, das angenehm ins Ohr geht und dabei enorme Tiefe besitzt.”

Der Eigen-Sinn bricht sich Bahn

Pirouet hebt einen Schatz: Trio-Aufnahmen von Pianist Bill Carrothers mit Gary Peacock und Bill Stewart – mit beseelter Kraft und blitzender Lakonie.

Durch einen Hinweis von Carrothers’ Pianistenkollege Marc Copland hat Pirouet hier einen lange Zeit vergessenen Schatz gehoben. Die vorliegenden Aufnahmen entstanden bereits 1992, doch sie wurden bisher nicht veröffentlicht. Und das, obwohl hier eine hervorragende Besetzung zu hören ist: Der Pianist Bill Carrothers spielt hier mit einem der gefragtesten Bassisten der letzten Jahrzehnte und einem Schlagzeuger von besonders aufregendem Profil zusammen – Gary Peacock und Bill Stewart. Marc Copland hatte diese Einspielungen gehört und kam mit Pirouet-Programmchef Jason Seizer durch Zufall darauf zu sprechen. Der ließ sie sich von Carrothers (der wie Copland seit Jahren dem Label Pirouet eng verbunden ist) schicken und war nach dem Anhören überzeugt davon, dass diese Einspielungen an die Öffentlichkeit gehören. Ein Trio-Spiel auf ganz hohem Level kann man hier nacherleben: komplexe, kommunikations-intensive Musik voller Überraschungsmomente. Und nicht zuletzt ist es Musik, die den Sinn fürs Besondere auch durch eine packende Sinnlichkeit unterfüttert – umso mehr, als diese Aufnahmen eine ganz spezielle Energie haben. Es ist, als sei hier einer der Momente festgehalten , in denen jener Bill Carrothers, den man heute kennt – der Querdenker, der bekannte Jazzstücke immer einen Dreh anders spielt als die meisten -, gerade seinen eigenen Weg gefunden hatte. Der hintersinnige, eigene ,Approach’ war schon da, aber in einem Energiezustand, dem man anzumerken meint, dass sich dieses Eigene soeben Bahn gebrochen hatte. Eine besondere Kraft und Innenspannung haben die Aufnahmen.

Der 1964 geborene Bill Carrothers ist Meister einer seltenen Kombination: Er spielt Musik von hohem intellektuellen Reiz, die aber auch eine ganz direkte Emotionalität hat. Diese beiden – oft für gegensätzlich gehaltenen – Qualitäten kultiviert Carrothers offenbar in jeder Trio-Zusammensetzung. Subtile Musterbeispiele dafür, dass er das kann, sind bereits die anderen beiden Pirouet-CDs (“I love Paris” von 2005 und “Keep your sunny side up” von 2007). Sie präsentieren Bill Carrothers einmal mit den beiden Belgiern Nicolas Thys und Dré Pallemaerts und einmal mit den amerikanischen Kollegen Ben Street und Ari Hoenig. Hier also eine reizvolle Vorläufer-Besetzung, die sozusagen Ursprung der später fortgeführten Ästhetik ist: mit Gary Peacock (Jahrgang 1935), dem großartigen Dialogpartner vieler Weltklasse-Pianisten von Bill Evans und Paul Bley bis zu Keith Jarrett und nicht zuletzt Marc Copland; und Bill Stewart (Jahrgang 1966), der zur Zeit dieser Aufnahmen bereits sein Niveau an Partnern wie Saxophonist Joe Lovano und Bassist Dave Holland geschult hatte – und der sich bereits hier als Schlagzeuger mit dem Handwerkszeug für komplex aufgefächerte und dennoch kraftvolle rhythmische Präsenz erwies. Mit diesen beiden Partnern kann man Bill Carrothers hier in neun Stücken hören, die zum einen neu aufgegriffene Klassiker unterschiedlichen Zuschnitts sind und zum anderen Eigenkompositionen von Carrothers. Unmittelbarer als mit Ornette Colemans Komposition “When will the blues leave” könnte ein Einstieg in eine CD kaum sein. Bluesig und geerdet legt dieses Trio los, und nach ganz wenigen Takten ist man auch schon mittendrin in einem Zusammenspiel von enormer Dichte und improvisatorischer Vehemenz. Dieses Stück gibt die Richtung vor. Das Spiel des Trios wirkt auf dieser CD durchgängig ungemein kompakt und stringent – auch dann, wenn es sich um lyrische Stücke handelt und eine Interpretation sich über zwölf Minuten Zeit nimmt, wie bei der von Toots Thielemans entliehenen Komposition “Jesus’ last ballad”: Eine Aura von zwingender Folgerichtigkeit entwickelt das Spiel hier, eine ästhetisch geschlossene Einheit auch bei langen solistischen Ausflügen. Diese Feststellung lässt sich auf alle Stücke dieser CD übertragen, erst recht, wenn man die vorliegende Abfolge von Stücken als Gesamtheit nimmt: Sie ist ein großer Spannungsbogen, der sich auf über eine Stunde erstreckt. In einigen Fremdkompositionen lässt sich bereits deutlich der augenzwinkernde Stil erkennen, für den Carrothers heute bekannt ist.

Cole Porters Song “My heart belongs to daddy” beginnt hier zwar mit drängenden Bässen, die denn auch die Intensität der späteren Improvisationen prägen, doch die Themen-Exposition blitzt nur so vor lakonischer Beiläufigkeit. Und in Kurt Weills “Lost in the stars” schmuggelt Carrothers gleich am Anfang die melodische Phrase zur Zeile “Oh, show me the way to the next whiskey bar” aus dem “Alabama song” hinein – um dann aber das Spielerische schnell in sperrig-einsamen Klängen aufgehen zu lassen, die die Verlorenheit spürbar machen, von der der Text handelt. Ein Licht auf eine oft unerkannte Seite von Carrothers werfen die vier Eigenkompositionen auf der CD: Dieser große Interpret ist auch ein beachtlicher Komponist von Jazz-Stücken. Einer, der einnehmende Stimmungen schaffen kann und den Sinn für Kantilenen hat. Die “Ballad of Billy Milwaukee” könnte in ihrer Harmonik fast eine Antwort auf “Lost in the stars” sein. “A squirrel’s tale” (Erzählung eines Eichhörnchens) fängt mit einem bohrend-sprunghaften Thema fast wie eine Ornette-Coleman-Hommage an und wandelt sich dann in viele Richtungen: lyrisch-versonnen, leise vorantastend-suchend, in sich ruhend, plötzlich wieder neue Sprünge vollführend; also wirklich ein Stück, das eine Geschichte erzählt.

Ein Meisterstück eines kontemplativen Klaviertrio-Jazz ist Carrothers’ Komposition “Hope Song”. Hier entfaltet Carrothers über sparsamen Motiven eine berückend feine Balladensprache, die von impressionistischen Klangwelten ganz selbstverständlich in eine bluesig-gospelige Sphäre hinübergleitet. Schnell wird spürbar, dass dies das Herz-Stück dieser CD ist: eines mit besonderer Ausdruckskraft, für die das Wort “beseelt” nicht vermessen erscheint. Carrothers’ großer Sinn fürs Lyrische, für die besonderen Nuancen langsamer Stücke teilt sich bereits in dieser Aufnahme eindringlich mit – ähnlich wie 2007 in dem Stück “Church of the open air” in der Pirouet-CD “Keep your sunny side up”. Bill Carrothers: ein Musiker mit Überraschungs-Potenzial und Kontinuität. Einer, bei dem es stets etwas zu entdecken gibt – warum nicht in einem neu gehobenen Schatz von 1992?

Diskografie (Auswahl)

2008 Bill Carrothers: Home Row (Bill Carrothrs p, Garry Peacock b, Bill Stewart dr) · Pirouet Records PIT3035
2007 Bill Carrothers: Keep Your Sunny Side up (Bill Carrothes p, Ben Street b, Ari Hoenig dr) · Pirouet Records PIT3021
2005 Bill Carrothers: I Love Paris (Bill Carrothers p, Nicolas Thys b, Dré Pallemaerts dr) · Pirouet Records PIT3012

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