Kennen Sie Victor Noir? Allerheiligen auf Pariser Friedhöfen

Wohl kaum jemand würde sich heute noch an Victor Noir erinnern, auch wenn zu seiner Beerdigung im Jahre 1870 in Paris mehr als 100.000 Menschen zusammen kamen. Der junge Journalist war von Prinz Pierre Bonaparte, einem Großneffen Napoleons, erschossen worden. Ursache des Verbrechens war ein Streit zwischen Bonaparte und dem Verleger einer Zeitung, für die Noir arbeitete; diesen hatte Bonaparte zu einem Duell herausgefordert. Noir, der sekundierte, wurde aus bis heute ungeklärten Gründen von Bonaparte bei einem dem Duell vorhergehenden Treffen getötet, der Mörder wurde, vermutlich auf Grund seiner guten Beziehungen, vom Gericht freigesprochen. Noirs sinnloser Tod führte zu einer Welle von Demonstrationen unter den Republikanern gegen die “imperialistische Macht”. Der Bildhauer Jules Dalou schuf für das Grab eine liegende Skulptur, die bis heute Victor Noirs Grab auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise ziert. Und eben diese Skulptur ist dafür verantworlich, dass Victor Noirs Grab bis heute zu dem meistbesuchten Ruhestätten auf diesem Friedhof gehört, auf der so viele berühmte Menschen liegen.

Bemerkenswert an der lebensgroßen Bronzefigur ist nämlich die Tatsache, dass man deutlich in der Hose des Toten eine mächtige Erektion sehen kann. Und diese sticht noch besonders dadurch hervor, dass sie im Gegensatz zu der mit Grünspan überzogenen Figur ganz blank geputzt ist. Das Berühren dieser Stelle soll nämlich zu besonderer Fruchtbarkeit bei Frauen und sexueller Aktivität bei Männern führen. Und so kann man immer wieder Besucher des Grabes sehen, wie sie dezent über das Gemächt des Toten reiben.

Auch das Hinterlassen von Blumen im Zylinder Victor Noirs, der offen neben der Figur liegt, soll Glück bringen, in Form eines Ehemanns oder einer Schwangerschaft, und so sieht man immer wenigstens eine Rose darin.

2004 wollte die Friedhofsverwaltung dem – manchmal recht frivolen Treiben – rund um das Grab ein Ende setzen und errichtete ringsum einen Zaun. Laute Proteste einer Pariser Gruppe von Frauen, die sich unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Weiblichkeit” zusammengefunden hatten, sorgten aber dafür, dass die Absperrung bald wieder verschwand. Und so wird auch weiterhin Victor Noir, der nur 22 Jahre alt wurde, für eine der schönsten Legenden rund um den Friedhof Père Lachaise sorgen.

Allerheiligen in Paris – gerade dann besuchen viele Menschen die Friedhöfe und gehen zu Gräbern von Menschen, die ihnen etwas bedeuten. Nicht nur Einheimische, auch von weit her kommen Besucher, die einmal am Grab eines ihrer Idole stehen wollen. Bekannt ist auf dem Père Lachaise das Grab von Doors-Sänger Jim Morrison, der 1971 in der Seinestadt starb. Auch Oscar Wilde liegt hier, er starb 1900 in einem Pariser Hotel, seine letzten Worte sollen gewesen sein: “Entweder verschwindet die Tapete oder ich.” Sein Grabstein, eine Jugendstilskulptur, ist ebenfalls eine Pilgerstätte für Menschen aus aller Welt, die kleine Geschenke, Zettel mit Gedichten oder aber – nicht zu übersehen – unzählige Kussabdrücke hinterlassen.

Allerheiligen auf den Pariser Friedhöfen, das ist die Zeit der Astern und Chrysanthemen, die von Angehörigen, aber auch fremden Besuchern auf den Gräbern hinterlassen werden. Rings um die Friedhöfe herum kann man sie in jeder Farbe und Größe in zahlreichen Blumengeschäften kaufen, die in diesen Tagen gewiss das Geschäft des Jahres machen.

Spaziert man durch die vielen Wege und Gassen auf den Friedhöfen kann man schon am Blumenschmuck erkennen, wo jemand mit mehr oder weniger großer Prominenz zu finden ist. Edith Piafs Grab auf dem Père Lachaise ist vor allem von Rosen geschmückt, gleich nebenan liegt der Sänger Henri Salvador, der 2008 mit 91 Jahren starb. Ein Stück weiter findet man Yves Montand und Simone Signoret in einem gemeinsamen Grab, auch hier haben Liebhaber des französischen Kinos und Chansons Blumen, Bilder und kleine Geschenke hinterlassen. Und am Grab des Spiritisten Allan Kardec, das mit allerlei magischem Getier und düsteren Symbolen verziert ist, treffen sich bis heutezu seine Anhänger, von denen es gar nicht so wenige zu geben scheint, 140 Jahre nach seinem Tod.

Die Zahl der prominenten Toten auf dem Père Lachaise ist überwältigend, hier liegen Honoré de Balzac, Gilbert Bécaud, Sarah Bernhardt und George Bizet, Maria Callas, Colette, Max Ernst, Stephane Grappelli, Michel Petrucciani, Marcel Marceau, Marcel Proust, Gertrude Stein…Und auch die zahllosen Verehrer Chopins können hier das Grab des Komponisten besuchen, nur sein Herz wurde auf Chopins Wunsch nach Warschau gebracht und dort in der Heiligkreuzkirche beigesetzt. Eine recht gute Übersicht über prominente Tote auf dem Père Lachaise findet man im Wikipediaeintrag des Friedhofs.

Auch wenn dieser Friedhof der wohl berühmteste von Paris, wenn nicht der ganzen Welt ist, liegen auch auf anderen Cimetières der Stadt Menschen, die wohl jedem ein Begriff sind. Im Westen ist der Friedhof Montmartre zu finden, auf dem Heinrich Heine seine letzte Ruhe fand. Auch François Truffaut und Jean-Claude Brialy sowie Hector Berlioz liegen hier am Fuß des Butte Montmartre. Im Süden der Stadt ist der Friedhof Montparnasse gelegen, auf dem vor allem Menschen beerdigt wurden, die in St. Germain und Montparnasse, den Quartiers der Kunst und des Geistes, lebten und wirkten. Hier liegen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir in einem gemeinsamen Grab, hier findet man Künstler wie den Komponisten César Franck, den Schriftsteller Guy de Montpassant, Samuel Becket, Eugene Ionesco, Man Ray und den Maler Chaïm Soutine, und auch die Fotografin Gisèle Freund sowie die amerikanische Autorin Susan Sontag, obwohl diese in New York verstarb.

Betrachtet man die Grabmonumente genauer, kann man die Werke berühmter Künstler entdecken, so ist das versteckt liegende Grab von César Franck mit einer Skulptur von Auguste Rodin geschmückt. Auch Jean Arp, Constantin Brâncuşi und Niki de Saint Phalle haben Grabwerke geschaffen.

Eher bescheiden wirken manche Gräber, auch wenn große Personen oder Persönlichkeiten darin liegen. Andre Citroens Grab fällt kaum auf, auch der weltberühmte Fotograf Brassai, der das Pariser Leben, vor allem das in der Nacht, in den 1930er Jahren dokumentierte, ist nicht leicht zu finden, so unscheinbar ist der Grabstein. Andere hingegen wieder, die heute niemand mehr kennt, haben sich seinerzeit mit monumentalen Grabhäusern und Monumenten verewigen wollen, so die Familie Charles Pigeon, deren Grab ein überlebensgroßes Ehebett samt Personen ziert. Das Grab ist eine Kuriosität, die Menschen darin sind heute quasi vergessen, nur Experten oder Google wissen noch, dass Pigeon Händler für Fahrradlampen war. Alfred Dreyfus’ Grab hingegen muss man lange suchen, der französische Offizier und dessen ungerechtfertigte Verurteilung wegen Landesverrats haben einst Geschichte geschrieben.

Das vielleicht meistbesuchte Grab auf dem Montparnassefriedhof aber gehört einem Komponisten, Sänger, Schauspieler, Frauenheld, Trinker und Raucher: Serge Gainsbourg, der 1991 verstarb, zieht bis heute Fans und Verehrerinnen aus aller Welt an, was man dem Grab sofort ansieht. Wohl keine andere Ruhestätte in ganz Paris ist derart von Geschenken geschmückt wie das von Gainsbourg. Überall findet man Metrokärtchen mit Kussmündern, Zigarettenschachteln, Plüschtiere, Zettel mit Gedichten und Liebeschwüren, Schmuck, Haargummis, selbstgemalten Bildern sowie jeden anderen erdenklichen Kleinkram. Hier sieht man, dass nicht nur zu Allerheiligen Fans das Grab besuchen und mit einer kleinen Aufmerksamkeit ihre Bewunderung bekunden.

Natürlich liegen auf diesen berühmten Pariser Friedhöfen nicht nur Prominente, auch Normalsterbliche werden bis heutezu dort beerdigt, so sie einen Platz finden oder bereits eine Familienkonzession für ein Grab existiert. Denn Platz ist knapp, und die Gräber sind oft auf abenteuerliche Weise verschachtelt, um nur jeden Quadratmeter zu nutzen.

Geht man an den Tagen um Allerheiligen über die Cimetières kann man am Schmuck der Gräber sehen, welche der Toten noch Angehörige haben, die ihrer gedenken. Viele der Gräber aber bleiben auch ungepflegt und unbeachtet, hier sind die Menschen darin vergessen. Es sind nicht wenige.

Text und Fotos: awb 2009

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